Bretagne 2014 – 7. Tag: Rasur-Diskurs

Sitze mal wieder auf dem Rad und rolle die Hügel runter gen Audierne, um Brot fürs Frühstück zu besorgen. Versuche, den beschwerlichen Rückweg zu verdrängen und singe urlaubsbeschwingt ein Lied.

 

Wahrscheinlich halten mich die Leute in der Gegend für verrückt. Oder für eine Art Kunstprojekt. Ähnlich wie Borat. Oder die Marx Brother. Egal!

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Stelle bei der Ankunft in Audierne fest, dass heute Markttag ist. Beschließe daher, der fröhlichen Verkäuferin aus der Stammbäckerei einen Tag Ruhepause zu gönnen und stattdessen die Frühstücksbackwaren an einem der Markstände zu erwerben.

Werde schließlich auch fündig. Die Marketenderin begrüßt mich freundlich, ohne zu ahnen, dass sie heute Teil meiner ‚French Challenge‘ ist.

Trotz meines flüssigen und in meinen Ohren akzentfreien „Bon jour, madame!“ scheint sie zu dem Schluss zu kommen, dass ich kein Muttersprachler, sondern des Französischen nur begrenzt mächtig bin. Sehr begrenzt.

Sie fängt an, sehr langsam mit mir zu sprechen, wie mit einem Kleinkind mit einer ausgeprägten Lernschwierigkeit. Das ist zwar sehr löblich, weil mir die von ihr verwendeten Wörter aber allesamt vollkommen unbekannt sind, weiß ich dennoch nicht, was sie genau von mir will. Da ich aber nicht das erste Mal in meinem Leben einkaufe, gehe ich davon aus, dass sie meine Bestellung entgegen nehmen möchte.

Erbitte höflich „Deux baguettes, s‘il vous plaît“. Unglücklicherweise gibt es aber verschiedene Sorten, die die Verkäuferin in ihrer Zeitlupensprache benennt. Für mich unterscheiden sich die Weißbrotstangen nur marginal beziehungsweise gar nicht. Deute daher auf die Baguettes, auf die sie am Anfang gezeigt hat und sage zögerlich: „Premiere baguettes!“. Die Frau schaut etwas verwundert, aber sehr empathisch und packt die richtigen Brote in eine Tüte.

Baguette. Steinhart.

Baguette. Steinhart.

Beschwingt von diesem ersten etwas holprigen aber erfolgreichen Resultat, ordere ich ein lecker aussehendes Brot, auf das ich mit dem Finger zeige („Et une!“), drei Croissants sowie ein köstliches Brioche-Brot („De beurre, non avec chocolate.“). Strahle die Verkäuferin stolz wie ein Schuljunge an, der die Tafel wischen durfte. Sie lächelt gütig.

Auf einem kleinen Taschencomputer rechnet sie die zu bezahlende Summe aus. Das Ergebnis schreibt sie in Schönschrift in ganz großen Zahlen auf einen weißen Zettel.

Danach hilft sie mir freundlicherweise, die Einkäufe in meinem Rucksack zu verstauen. Ich bedanke mich mit einem beherztem „Perfectement!“ Die Verkäuferin hat Tränen der Rührung in den Augen. Ich glaube, sie würde mir am liebsten zum Abschied über den Kopf streicheln. Eigentlich schade, dass sie es nicht tut.

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Mache mich auf den Heimweg und versuche die Angst vor den steilen Anstiegen durch ermutigendes Pfeifen zu vertreiben. Anscheinend funktioniert das Pfeifenprinzip aber nur beim Durchqueren von Wäldern. Die Furcht bleibt in meinen Beinen, mit denen ich die Berge hochstrampeln muss, hängen.

Und das Pfeifen klingt auch eher nach kochendem altersschwachem Wasserkessel. Am ersten Hügel geht mir ohnehin die Puste aus. Muss die Pfeifversuche einstellen.

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Nach dem Frühstück trete ich im Badezimmer mit dem Spiegelbild in einen im besten Habermasianischen Sinn herrschaftsfreien Diskurs über die Notwendigkeit einer Rasur. Das Spiegelbild merkt an, dass sich die körperlich-hygienische Nachlässigkeit, zu der es im Übrigen auch meinen seltenen Gebrauch eines Kamms zähle, allmählich zu einer geistigen Verlotterung ausweite.

Rasierset. Noch unbenutzt.

Rasierset. Noch unbenutzt.

Entgegne ihm, dass Rasieren doch lediglich eine kleinbürgerliche gesellschaftliche Konvention sei, ein Unterwerfen von abhängigen Lohnsklaven unter das Joch der kapitalistischen profitmaximierenden Leistungsgesellschaft, der ich mit meinen Bartstoppeln trotzig die Stirn zu bieten gedenke.

Das Spiegelbild schaut mich mit einer Mischung aus Skepsis gegenüber meiner intellektuell kruden Argumentation und Verachtung ob meiner ästhetisch-hygienischen Verwahrlosung an.

Erkläre ihm daraufhin nicht mehr ganz so Habermasianisch herrschaftsfrei, dass außerdem ich es sei, der den Rasierer führe und damit entscheide, wann dieser zum Einsatz komme. Damit sei die Diskussion beendet. Basta!

Das Spiegelbild ist beleidigt. Es streckt mir die Zunge raus. Ich ihm auch.

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Da das Wetter heute wieder freundlicher ist, brechen wir zum Strand auf. Dort starten wir erstmal ein kleines Strandfußballmatch. Aufgrund unserer technisch sehr limitierten Spielweise hoffe ich, dass die anderen Strandbesucher uns nicht als Deutsche identifizieren. Sonst könnte eventuell infrage gestellt werden, dass beim deutschen Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Strandball. Getreten und geschunden.

Strandball. Getreten und geschunden.

Um diesbezüglich gar keine Diskussionen aufkommen zu lassen, erkläre ich den Kindern, wir müssten auf Englisch kommunizieren, da unsere Spielweise am ehesten mit dem Spiel der englischen Nationalmannschaft vergleichbar sei. Die Kinder schauen mich mit großen Augen an.

Ich glaube, sie denken ebenfalls, dass ich verrückt bin. Gebe ihnen allerdings auch wenig Anlass, diese Annahme kritisch hinterfragen zu müssen.

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Versuche mich danach ein wenig auszuruhen. Sofern dies bei einem Strandbesuch mit fünf Kindern möglich ist.

 

Nutze den weiteren Strandmittag, um zu überlegen durch welche unternehmerischen Aktivitäten wir zu Geld kommen könnten, mit dem wir den Urlaub verlängern oder bestenfalls das Ferienhaus erwerben können, so dass es uns möglich ist, ganz in die Bretagne überzusiedeln. Vielleicht irgendetwas im Bereich Fremdenverkehr und Tourismus.

Beispielsweise könnten der Bonner Freund und ich Laufkurse anbieten, bei denen wir den Teilnehmern die Vorzüge der bretonischen Landschaft näher bringen. Bei unserer Orientierungslosigkeit bekämen die Läuferinnen und Läufer auf jeden Fall eine Menge geboten. Da die ‚French Challenge‘ alles in allem so gut läuft, könnte ich zusätzlich gegen ein kleines Entgelt deutschen Touristen bei kleineren Alltagsproblemen sprachlich und organisatorisch unter die Arme greifen.

Bevor ich im Geiste die Businesspläne für diese merkantilen Unternehmungen entwickeln und ausarbeiten kann, rauscht mich die Brandung des Meeres jedoch in den Schlaf. Ist wahrscheinlich auch besser.

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Gehen schließlich nach Hause und haben vor dem Abendessen die glorreiche Idee, der Sohn könne alleine duschen, damit wir noch etwas mehr Zeit zum Kochen haben. Ein Trugschluss von unglaublicher Naivität, wie sich kurz danach herausstellt.

Finde den Sohn nach fünfzehn Minuten in einem vollkommen überschwemmten Badezimmer wieder, wo er vor der Duschkabine steht und notdürftig versucht, mit seinem Handtuch den Wassermassen Herr zu werden. Bleibe aufgrund der fortgeschrittenen Urlaubsentspannung – und womöglich unterstützt durch zwei After-Strand-Biere – vollkommen ruhig.

Mache mich auf die Suche nach der Überschwemmungsursache: Es ist der heillos verstopfte Duschabfluss. Befreie ihn von Haaren, Sand, noch mehr Haaren, Gräsern, kleinen Muschelteilen und weiteren Haaren. Anscheinend haben sich der halbe bretonische Strand und mehrere Echthaartoupets in dem Abfluss häuslich eingerichtet.

Die Reinigung eines verstopften Abflusses direkt vor dem Abendessen, ist übrigens eine sehr gute Methode, um den Appetit zu zügeln und die tägliche Kalorienzufuhr mal unter 3.000 zu halten. Muss das aber dennoch nicht häufiger haben.

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Die abendliche Kniffelrunde beginnt mit großer Aufregung: Der Kniffelblock ist verschwunden (und hier ist jetzt die geeignete Stelle, wo sich die Leserinnen und Leser ein wenig dramatische Musik im Hintergrund vorstellen sollten)! Dass ein solches für die meisten Leserinnen und Leser triviales Ereignis bei uns in die Kategorie ‚Aufregung‘ fällt, zeigt, dass es uns ansonsten im Urlaub sehr gut geht.

Nachdem wir die ersten Panikattacken überwunden, den Bluthochdruck gesenkt und das Herzrasen gezügelt haben, werden als erstes die Kinder inquisitorisch befragt. Es wird mit Fernsehverbot, Süßigkeitenentzug und Hausarrest gedroht, sollte der Block nicht wieder auftauchen und eines der Kinder als Übeltäter identifiziert werden.

Nach längerem Suchen findet er sich in einem anderen Spielkarton wieder, wohin ihn ein übereifriges Kind weggeräumt hat. Die Eltern lassen Güte und Milde walten und es wird auf drakonische Sanktionen verzichtet.

Die Dynamik des Kniffelns an sich kann dann mit der vorherigen Dramatik nicht ganz mithalten. Es gibt keine besonderen Vorkommnisse zu berichten.

Gute Nacht!

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