Eine Zugreise im Paralleluniversum. In Tweets gegossen.

Um es vorneweg klarzustellen: Ich fahre sehr gerne Zug. Es ist bequem, meistens schneller als mit dem Auto, die Kinder können sich bewegen und umweltfreundlich ist es auch. Aber manchmal ist es auch etwas anstrengend, wenn es zu heiß ist, die Mitreisenden nerven und die Pünktlichkeit des Zugs zu wünschen übrig lässt. Davon handelt der folgende Text. In einem Paralleluniversum hätte es aber eine ganz erholsame Reise sein können. Lesen Sie einfach selbst.

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Bringe heute die Kinder zu den Großeltern. Fahren zusammen mit dem Zug gut vier Stunden nach Frankfurt. Haben uns aber gut präpariert, so dass die Fahrt sehr harmonisch und vollkommen vorfallsfrei verläuft – auch wenn dies zu Irritationen bei manchen Mitreisenden führt.

 

Übergebe in Frankfurt die Kinder an den Großvater. Eine Stunde später geht es zurück nach Berlin. Stelle recht schnell fest, dass eine Zugreise alleine und ohne Kinder recht langweilig ist. Muss mir also mit irgendetwas die Zeit vertreiben.

 

Habe mir extra einen Platz im Ruhebereich reserviert, damit mich während der Fahrt nicht irgendein Psychopath stört, wenn er hirnloses Zeug in sein Handy brüllt. Eine Idee, die in der Theorie besticht, aber den Praxistest der Realität nicht besteht.

 

Da die Temperaturen draußen bei ungefähr 35 Grad Celsius liegen und einige Mitreisenden anscheinend die Konzepte des Duschens und der allgemeinen Körperhygiene ablehnen, stellt die Fahrt eine olfaktorische Grenzerfahrung dar. Es ist unwahrscheinlich, dass der Waggon als Luftkurort anerkannt wird. Raubkatzen wären wahrscheinlich beleidigt, wenn ich sagte, es stinkt wie im Pumakäfig.

 

Stelle fest, dass Reisen mit Kindern noch anstrengender ist, wenn es sich nicht um die eigenen Kinder handelt. Darf nämlich mit ein paar ganz besonders entzückenden Gören reisen, an denen sich selbst die Super-Nanny die Zähne ausgebissen hätte. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg zum SAT1-Casting zu „Die strengsten Eltern der Welt“. Warum führt man auch nie ein Betäubungsgewehr mit sich, wenn man es am dringendsten benötigt?

 

Versuche mich abzulenken, indem ich mit dem Smartphone ein wenig im Internet surfe. Erneut eine theoretisch geniale Idee, die aber auch von einer gewissen Lebensfremdheit zeugt. Wie jeder weiß, ist doch das Mobilnetz auf Bahnreisen in etwa so zuverlässig wie Renditeversprechen der Lehman Brothers.

 

Bahnreisen machen mich immer hungrig. Beschließe daher, das Bordbistro aufzusuchen. Da ich aber kürzlich keine Bank überfallen habe, verfüge ich nicht über die erforderlichen Barmittel, um mir dort etwas Essbares leisten zu können. Ohnehin ist die kulinarische Auswahl visuell in etwa so ansprechend wie eine offene Bauchwunde.

 

Trinke daher nur ein Mineralwasser und mache mich auf den Weg zurück zu meinem Platz. Lege dabei einen kurzen Zwischenstopp auf der Toilette ein und bin sehr froh, als Vertreter des männlichen Geschlechts im Stehen pinkeln zu können. Würde dafür dem Herrgott sogar auf den Knien danken, müsste ich dazu nicht den Boden berühen.

 

Zurück an meinem Platz versuche ich den Kontakt zu meinen soziopathischen Mitreisenden tunlichst zu vermeiden. Mit der sozialen Kompetenz eines Kaspar Hausers ausgestattet, vergrabe ich mich daher in mein Smartphone und tue so als surfte ich im Internet.

 

Plötzliche bleibt der Zug auf der Strecke stehen. Mitten in einem Tunnel. Aus der folgenden Durchsage wird nicht wirklich klar, ob dies an einer Weichenstörung oder einem liegengebliebenen Zug liegt oder ob der Zugführer etwas aus dem Bordbistro zu sich genommen hat und nun an einer Lebensmittelvergiftung leidet. Deutlich zu verstehen ist lediglich die Aussage, dass der unfreiwillige Stopp zu einer Verzögerung von ungefähr 40 Minuten führen wird. Entsprechend unruhig werden die Mitreisenden und es kommt zu tumultartigen Szenen. Der Luftqualität im Waggon tut dies nicht gerade gut.

 

Mit gut 50 Minuten Verspätung fährt der Zug schließlich im Berliner Hauptbahnhof ein. Bin erleichtert, dass meine Schicksals- und Zwangsgemeinschaft mit den Mitreisenden hier endet und verlasse den Bahnhof.

 

Zuhause angekommen erkläre ich der Freundin, die ob ihres erholsamen Tags im Schwimmbad sehr ausgeglichen wirkt, dass sie gefälligst nächstes Jahr die Kinder zu den Großeltern bringt. Sie nickt. Vielleicht in einem Paralleluniversum.

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