Fahrradausflug nach Mordor. Eine Tortour in 3 Akten – 2. Akt: Quäl dich, du Sau!

Den 1. Akt der Tortour gibt es hier.

###

Endlich bricht unser motziges Velo-Quartett auf. Die Frau vorneweg, dann Tochter und Sohn, am Ende ich als Nachhut. Ich ziehe meinen Helm möglichst tief ins Gesicht, damit mich niemand auf dem Hollandrad erkennt. Ein Vorhaben, das spektakulär misslingt. Zuerst winkt mir die türkische Kioskbesitzerin von nebenan, dann die Frau vom Retro-Möbelgeschäft und am Ende der Straße grüßen die Meiers, die eine Etage über uns wohnen. Wozu zieht man eigentlich in die anonyme Großstadt, wenn man keinen Schritt tun kann, ohne von aufdringlichen distanzgeminderten Nachbarn drangsaliert zu werden?

Quäl dich, du Frosch!

Quäl dich, du Frosch!

Nach knapp zehn Minuten Fahrt fängt die Tochter an, sich zu beklagen. Sie habe Kopfweh, weil der doofe Helm auf ihre Stirn drücke. Da wir nicht in den 50ern leben, in denen autoritäre Erziehungsmodelle gesellschaftsfähig sind, ist es mir nicht gestattet, sie anzubellen, sie solle sich gefälligst nicht so anstellen und einfach weiterfahren.

Stattdessen biete ich ihr voller väterlichen Güte an, dass wir unsere Helme tauschen könnten. „Meinetwegen“, murrt die Tochter, als täte sie mir einen Gefallen. Wahrscheinlich ist das gerade das Höchstmaß an Dankbarkeit, das sie gegenüber meiner Opferbereitschaft aufbringen kann.

Nach einigen Minuten stelle ich fest, dass der Helm tatsächlich unangenehm drückt. Da das Rädchen zur Anpassung der Helmgröße defekt ist, ist es nicht möglich, mir mehr Tragekomfort am Kopf zu verschaffen. Außerdem entleert kurze Zeit später ein Vogel, der anscheinend an einer mittelschweren Diarrhoe leidet, seinen Darm auf dem Helm. Das hat man also davon, wenn man hilfsbereit ist. Das Karma scheißt einem einfach auf den Kopf.

Als würden mir meine zunehmenden Kopfschmerzen nicht genug zu schaffen machen, ist mir außerdem kalt. Aufgrund der angekündigten 23-26 Grad hatte ich mich dagegen entschieden, einen dünnen Pulli überzuziehen und meine verweichlichte Familie verhöhnt, die sich in Jacken und Kapuzenpullis hüllte. Nun muss ich heroisch der Kälte die Stirn bieten. Eine der wenigen Gelegenheiten in der Moderne Heldenmythen zu begründen. Davon wird die Familie noch in vielen Jahren reden, wie ich anno 2017 in der eisigen Julikälte nur mit T-Shirt bekleidet Rad gefahren bin. Meine zentimeterdicke Gänsehaut und bläulichen Lippen verhindern möglicherweise, dass die anderen die Größe dieses epochalen Moments angemessen begreifen.

In der ersten Dreiviertelstunde fährt das Familien-Peloton durch diverse Stadtteile, bevor wir die Idylle des Berliner Stadtverkehrs verlassen und in einen Weg einbiegen, der uns durch den Grunewald führt. Man könnte fast die Schönheit der Natur genießen, gäbe es nicht immer wieder langgezogene Anstiege, die uns untrainierten Hobbyfahrer an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit bringen. Vor allem wenn man wie der Sohn permanent im höchsten Gang fährt. Es ist ihm zu lästig, immer wieder hin- und herzuschalten. (Das Träge habe ich anscheinend weitervererbt.)

###

An einem besonders steilen Anstieg tritt die Tochter in die Totalopposition. Sie bleibt mitten auf dem Radweg stehen und verkündet mit der Entschiedenheit, wie sie nur pubertierende Teenager an den Tag legen können, dass sie nicht mehr weiterfährt. Nie mehr. Radfahren sei nicht nur total doof, sondern auch voll anstrengend. Ihr Gesicht ist tatsächlich knallrot, aber ich kann nicht ganz einschätzen, ob dies von der körperlichen Anstrengung kommt oder weil sie sich so über das Radfahren ereifert.

Ich versuche zunächst, sie sachlich vom Weiterfahren zu überzeugen. Wir hätten ungefähr die Hälfte der Strecke zurückgelegt und sie könne nicht einfach stehenbleiben, schließlich müsse sie irgendwann nach Hause fahren. Ihr körperlicher und geistiger Zustand der Erschöpfung und des Trotzes machen sie für rationale Argumente nicht gerade empfänglich. Sie erklärt, dass sei ihr egal, dann würde sie halt im Wald leben.

Kurz überlege ich, sie darauf hinzuweisen, dass es hier keinen Netflix-Empfang gibt, dafür aber viele Insekten. Entscheide mich stattdessen für eine motivierende Provokation und herrsche sie an „Quäl dich, du Sau!“, wie seinerzeit Udo Bölts bei der Tour de France 1997, als Jan Ullrich auf der 18. Etappe als Gesamtführender in den Vogesen schwächelte. (Ich erinnere mich daran noch sehr gut, weil ich mich damals intensiv auf mein Vordiplom vorbereitete, indem ich täglich stundenlang die TV-Übertragungen der Frankreich-Rundfahrt glotzte.) Die Tochter ist allerdings sporthistorisch wenig bewandert und schaut mich nur fassungslos an.

Daher wechsle ich nun zu einer manipulativen Strategie. Ich stelle der Tochter ein Eis in Aussicht, wenn wir den See erreicht haben. Das Eis nutze ihr hier am Berg auch nichts, erwidert sie motzig. Damit hat sie natürlich recht und es zeigt erfreulicherweise, dass sie doch noch zum rationalen Denken fähig ist. Andererseits mache ich mir Sorgen, dass die körperliche Anstrengung doch größere Schäden angerichtet hat. Ein Eis hat die Tochter noch nie ausgeschlagen!

Nach zähen Verhandlungen, die uns die Bewunderung türkischer Basarhändler einbrächten, einigen wir uns darauf, bei der nächsten Bank eine Rast einzulegen und etwas von unserem Proviant zu essen. Kurz danach kommt es allerdings fast zum Eklat, als die Tochter an einem Bushäuschen anhält. Ich erkläre, dies sei keine Bank, die Tochter besteht jedoch darauf, dort könne man sitzen, also sei es eine Bank. Ich weise darauf hin, es handele sich um voneinander abgetrennte Sitze, was nicht einer Bank, die per Definition über eine durchgezogene Sitzfläche verfügen muss, entspräche. Die Tochter gibt mir mit wütendem Blick zu verstehen, dass sie mich für einen Korinthen kackenden Despoten hält. Dabei murmelt sie ein paar derbe Flüche und Beschimpfungen vor sich hin, die zwar nicht bildungsbürgerlichen Benimmstandards entsprechen, aber eine lukrative Gangsta-Rapperinnen-Karriere versprechen.

800 Meter weiter finden wir tatsächlich eine Bank. Auf dieser hat sich aber bereits ein betagtes Ehepaar breitgemacht. Es scheint mir sozial wenig akzeptiert, zwei gebrechliche Senioren zu verscheuchen, damit sich die Tochter, die in der Blüte ihrer Jugend steht, hinsetzen kann. Wir müssen also weiterfahren.

###

Schließlich kommen wir an einem Parkplatz vorbei, der unseren geringen Ansprüchen genügt, um eine Pause einzulegen. Mit großem Hunger, als hätten wir auf den Rädern gerade die Pyrenäen überquert, verleiben wir uns jeder eine Schinkenstulle ein.

Währenddessen schaut die Frau auf ihrem Handy nach, wo wir uns gerade befinden. „Mensch, nur noch 25 Minuten und schon sind wir da“, zeigt sie sich aufrichtig erfreut. Die Kinder teilen ihre Freude nicht, sondern ihnen entgleiten die Gesichtszüge. Weitere 25 Minuten auf dem Rad kommen ihnen länger vor als mir meine mindestens noch 25 Erwerbsjahre bis zur Verrentung. Tochter und Sohn schütteln in einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Entsetzen und Wut synchron die Köpfe. Die Stimmung auf der Bounty kurz vor der Meuterei kann nicht schlechter gewesen sein.

###

Da der Schlachtensee nicht zu uns kommt, sondern wir zu ihm fahren müssen, steigen wir nach ein paar Minuten wieder auf die Räder. Um etwas für die Moral der Velo-Truppe zu tun, singe ich fröhlich „Eine Radtour die ist lustig, eine Radtour die ist schön.“

Die Tochter verzieht das Gesicht und gibt mir zu verstehen, ich solle unverzüglich damit aufhören, das sei oberpeinlich. „Hier kennt uns doch keiner“, entgegne ich. „Ich kenne dich und das reicht“, erwidert die Tochter. Außerdem sei mein Gesang akustische Umweltverschmutzung, die den Tatbestand der Menschen-, Tier- und Naturquälerei erfülle. Ich antworte ihr mit einem vollbrünstigen „Ja, mir san mit‘m Radl da.“ Die Tochter nimmt Reißaus und rast in einem Tempo, das man das letzte Mal 2004 von Lance Armstrong am Plateau de Beille gesehen hat, den Berg hinauf und hängt uns alle ab.

###

Unterdessen konsultiert die Frau in immer kürzeren Abständen ihr Handy, um die optimale Route zum Schlachtensee ausfindig zu machen. Weil ihr dies nicht recht gelingen will, verschlechtert sich ihre bis dahin geradezu euphorische Laune rapide.

Dazu müssen Sie wissen, dass ich schon einen ausgesprochen schlechten Orientierungssinn habe und unfähig bin, Karten zu lesen. Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. In meinem Psychologie-Nebenfachstudium nahm ich einmal an einem Experiment zu geschlechterspezifischen Unterschieden bei der räumlichen Wahrnehmung teil. Am Ende der Sitzung erklärten mir die Versuchsleiter, meine Werte lägen weit außerhalb der Normalverteilung. Statistisch gesehen habe ich den Orientierungssinn einer 90-jährige dementen Seniorin, die sich gerade hundertmal im Kreis gedreht hat.

Meine Frau steht mir in der Unfähigkeit mit Navis und Straßenkarten umzugehen aber in nichts nach. Ich wage sogar zu behaupten, sie hat den Orientierungssinn einer 95-jährigen dementen Seniorin, die sich gerade zweihundertmal im Kreis gedreht hat. Es scheint mir jetzt allerdings nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, um dies zu thematisieren. (Unter uns gesagt, gibt es dafür nie einen geeigneten Moment. Möglicherweise gibt es deswegen nach Veröffentlichung dieses Beitrags auch einige Diskussionen bei uns Zuhause.) Während die Frau hektisch auf ihrem Handy hin- und herzoomt, flucht sie wie John McEnroe zu seinen besten Zeiten, wodurch sie massiv gegen das für alle Familienmitglieder geltende Fäkalwörter-Tabu verstößt. Auch hier ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um dies zu diskutieren.

Nach einigem falschen Abbiegen, wodurch sich unsere Fahrzeit seit der Rast zum großen Unmut der Kinder auf eine dreiviertel Stunde ausdehnt, erreichen wir endlich den Schlachtensee. Während wir am Ufer entlangfahren, kommt mir die Szenerie merkwürdig bekannt vor. Als seien wir vor langer Zeit schon einmal hier gewesen. Vor mehr als zehn Jahren, als die Tochter noch klein und der Sohn noch nicht geboren war. Die Frau bestätigt meine Erinnerung. Damals seien wir aber aus einer anderen Richtung gekommen, weil wir kurz vorher eine falsche Abzweigung genommen hätten. Das klingt auf jeden Fall nach uns.

Fortsetzung folgt.

###

Alle Folgen der Tortour:

Fahrradausflug nach Mordor. Eine Tortour in 3 Akten – 1. Akt: Der Singularis Familiaris

Fahrradausflug nach Mordor. Eine Tortour in 3 Akten – 2. Akt: Quäl dich, du Sau!

Fahrradausflug nach Mordor. Eine Tortour in 3 Akten – 3. Akt: Mit Picknix und Erholnix am Schlachtensee

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.