Gastgebloggt: Verliebt in den Tod

Wiederkehrende Leser kennen die „Gespräche mit dem Tod“, die hier regelmäßig auf dem Blog erscheinen. Allerdings war mir nicht bewusst, dass meine Unterhaltungen mit dem Sensenmann beobachtet werden. Dies weiß ich inzwischen dank Jessi vom Blog „Terrorpüppi“. Diese schreibt normalerweise auf ihrem sehr lesenswerten Blog über das Leben mit Kind, Doktorarbeit und Job und wie sie das alles unter einen Hut bringt oder manchmal auch nicht. Nebenbei ist sie aber anscheinend auch die Biografin von Alekto, eine der drei Furien aus der griechischen und römischen Mythologie. In dieser Funktion hat sie den folgenden Gastbeitrag verfasst. Das klingt jetzt vielleicht etwas verschroben, aber ich durfte Jessi schon persönlich kennenlernen und sie ist vollkommen normal. Oder genauso verrückt wie ich. Das müssen andere beurteilen.

Viel Spaß beim Lesen!

###

Es ist Sonntag und scheiße früh. Auch noch November. Unglaublich, was diesem alten Zausel schon wieder einfällt. Jetzt geht der Lump vom Familienbetrieb auch noch joggen. Und mit ihm mein angebeteter Tod, der anscheinend den nur wenig mit Adonis oder Herkules vergleichbaren Zauselbart als Freund betrachtet. Wäre ich nur eine überaus wütende, aber nicht auch äußerst verliebte Furie, hätte ich zumindest diesen stets nach Käsekuchen gierenden Kerl längst zur Strecke gebracht.

Ach Tod. Wenn du mich doch nur endlich bemerken würdest. Seit der Schlacht bei den Thermopylen folge ich dir nun schon. Fast 2500 Jahre begleite ich dich auf Schritt und Tritt und doch hast du mich nie eines Blickes gewürdigt. Nur für dich habe ich meine Schwestern Megaira und Tisiphone verlassen, um dir unaufhörlich nachjagen zu können. Einst war die Rache mein Geschäft, doch längst bin ich, Alekto, nur noch ein Schatten meiner Selbst. Ja, es gab einmal Zeiten, da hatte die Welt noch Angst vor mir. Da fürchtete ein jeder meine fürchterliche Rache. Niemand war vor mir sicher. Kein Versteck war verborgen genug.

Der Tod.

Der Tod.

Ja selbst der Tod fürchtete mich. Zumindest dachte ich das. Doch dieses jämmerliche Bündel in Leinengestalt konnte mich nicht einmal sehen! Jede verdammte Krankheit konnte er erblicken, doch ausgerechnet mich, die ihm so viele Menschen wie Lämmer zur Opferbank führte, vermag er nicht zu sehen.

Damals, als ich das erste Mal auf ihn traf, trieb ich ein paar erbärmliche Fußsoldaten vor mir her. Eine junge Vestalin hatte mich in einer überraschend liebreizenden Beschwörung um Hilfe gebeten. Schänden wollten diese Kerle sie, aber nicht mit mir! Furios – man beachte bitte das Wortspiel – furios scheuchte ich sie also über das Schlachtfeld und schleuderte allerlei Ängste auf sie, um sie schließlich von einer Katapultschleuder zermalmen zu lassen, da stand er plötzlich vor mir. Der Tod. Und es war um mich geschehen.

Da mich der verflixte Kerl jedoch nicht sehen konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als ihm überallhin zu folgen und nach einer Möglichkeit zu suchen, für ihn sichtbar zu werden. Erst vergingen Jahre, dann Jahrhunderte und schließlich Jahrtausende. Eines Tages traf er dann auf diesen seltsamen Kauz vom Familienbetrieb. Als der Tod bei ihm klingelte, dachte ich noch, es handele sich schlicht um das nächste armselige Würstchen auf der Liste des Todes. Ich befürchtete sogar, es könne sich das Fiasko wiederholen, welches uns erst Wochen zuvor ereilte. Ein modriges, Fäulnisgase entfleuchendes Etwas fanden wir in einem Sessel sitzend vor. Die pestilenzialischen Überreste werden die Altberliner Wohnung olfaktorisch sicher noch sehr lange belasten.

Doch an diesem Februartag des Jahres 2015 kam alles völlig anders als erwartet. Der Tod kam nicht, um Tod zu bringen. Dabei verlief zunächst noch alles wie gewohnt. Das jämmerliche und in mir tiefe Zornesgelüste freisetzende Wesen winselte um sein Leben. Immer dieselbe Leier. Irrtum. Blabla. Und dann, gerade wollte ich ein tiefschwarzes Gefühl des Selbsthasses über diesen Menschen legen, passiert es. Falsches Datum.

Falsches Datum? Echt jetzt? Tod, ich mag dich lieben, aber für solch einfältige Fehler hätte ich dir am liebsten die Kutte pink eingefärbt. Aber damit nicht genug. Die klägliche Menschengestalt empfand dann auch noch Mitleid mit dem Tod und versuchte ihm gut zuzureden. Er gab sogar Jugendsprache von sich. Yolo.

Yolo. You only live once. Das war sogar 480 v.Chr. nicht mehr en vogue. Aber der Tod, der definitiv viel zu viel arbeitet und viel zu wenig lebt, scheint noch mehr aus der Mode zu sein. Seit diesem Tage jedenfalls sah der Tod in diesem Hänfling einen treuen und wertvollen Ratgeber und Vertrauten. Ich könnte kotzen wie ein Einhorn. Nur blöd, dass ich Einhörner schon vor einer Weile ausgerottet habe.

Wut und Zorn steigt erneut in mir empor, sobald ich an diese erste Begegnung zwischen dem Tod und diesen nichtsnutzigen Familienbetrieb zurückdenke. Seitdem hasse ich mich selbst Tag für Tag noch mehr für meine Unfähigkeit, mich für den Tod nicht sichtbar machen zu können. Dann würde er nicht von Pest und Cholera schwärmen, sondern von mir. Außerdem wäre ich eine so viel bessere Begleitung, Ratgeberin und Todeshelferin als dieser Sonderling vom Familienbetrieb. Stattdessen trabe ich nun die Spree entlang und das völlig unbemerkt vom Tod und dem Milchbartgesicht.

Wie verzweifelt die beiden wirken. Wenn sie doch nur wüssten, wie wenig erfolgsversprechend diese miserablen Versuche des leiblichen Stählens sind. So rein körperlich scheint mir Hopfen und Malz dermaßen verloren, dass ich mich beim Gedanken daran erwische, ihnen ganz zufällig ein Bein zu stellen. Das wäre allerdings unter meiner Würde, weshalb ich einfach ersatzweise einen maskulin anmutenden und mit jeder Faser seines Körpers durchtrainierten Läufer zur Spree umlenke. Mögen die beiden neidvoll auf ihn blicken und aufhören, sisyphosgleich ihre unsportlichen Körper den Fluss entlang zu schleppen.

Plötzlich erschrecke ich vor mir selbst. Schon wieder ertappe ich mich dabei, wie die Sprache des Familienbetriebs auf mich abfärbt. Es ist, als würden seine Gedanken in mich eindringen. Er gruselt mich. Das wird er mir noch büßen!

Leider laufen die beiden Gestalten noch immer weiter. Zu meinem Glück tun sie dies in Superzeitlupentempo, sodass ich zwischendurch immer wieder die Möglichkeit habe, meiner Rachsucht zu fröhnen. Es tut wahrlich gut, dass mir wenigstens dies noch geblieben ist. Schließlich bin ich seit der ersten Begegnung mit dem Tod nicht mehr dieselbe. Mein Liebeshunger treibt mich noch ins Grab, nur dass ich offenbar nicht sterben kann. Dazu müsste mich dieser vermaledeiter Tod ja sehen können!

Unglücklicherweise bringe ich es nicht übers Herz, den Käsekuchenmann um die Ecke zu bringen, weshalb ich ihm, wann immer es mir möglich ist, kleine Streiche spiele. Dieser Kerl mit der Statur eines Howard Wolowitz hat es schlicht nicht verdient, mit meinem geliebten Tod auf dem Tsunami der körperlichen und geistigen Vereinigung zu reiten. Das mag jetzt pathetisch klingen, aber Rachegöttinen dürfen das. Oder wollen Sie das Gegenteil behaupten?

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei dem Schabernack, den ich mit dem Familienbetrieb treibe. Es war nur noch ein Stück Käsekuchen da? Oh wie schade, dass dem Spargeltarzan genau dieses vor der Nase weggekauft wird. Am Flughafen gibt es nur Brötchen mit extra viel Butter, triefend fettige Pizza und klebrig-süßes Gebäck? Ups, da hat wohl jemand die gesunden Alternativen weggekauft. Die Preise waren beim letzten Mal auch noch viel niedriger? Möglich… nennt sich wohl Schicksal. Oder Zufall. Oder Furie. Muahahaha. Alekto kann es immer noch. Naja, zumindest ein wenig.

Während ich so mörderisch und racherfüllt vor mich hin lache, hätte ich die beiden Möchtegernsportler beinahe aus dem Blick verloren. Binnen weniger Schritte hole ich sie glücklicherweise wieder ein. Jetzt mal ehrlich. Das soll sich Sport schimpfen? Auf dem Rücken liegende Käfer scheinen mir schneller vom Fleck weg zu kommen. Ich verstehe die ganze Aufregung von dicken Bäuchen sowieso nicht. So dick ist das Menschenwesen eigentlich gar nicht. Wie so oft liegt hier doch bloß ein verschrobenes Selbstbild vor, welches ich natürlich ohne mi der Wimper zu zucken für mich auszunutzen weiß. Wenn der abnimmt, könnte er figürlich schließlich den Job vom Tod übernehmen…

Das wär’s natürlich. Vielleicht sollte ich die beiden beim Sport doch unterstützen. Womöglich hängt mein geliebter modriger Tod seinen Job an den Nagel, wenn er einen geeigneten Nachfolger findet. Vielleicht kann er mich ohne seine Kutte ja sehen?

Ohne Kutte. Mir kribbelt es im ganzen Körper. Wie es wohl ausschaut unter dieser Kutte. Wie gern würde ich ihm ganz sanft die Kutte vom Körper reißen… Oh je. Ich streife schon wieder mit den Gedanken ab. Was war jetzt die Idee? Genau. Das bleichgesichtige Käsekuchenmilchbartgesicht soll den Job des Todes übernehmen.

Was quatschen die beiden denn jetzt schon wieder? Käsekuchen? Nix da. Mit zu viel Käsekuchen schafft man es nicht, sich auf knochiges Niveau runter zu hungern. Vielleicht sollte ich mich doch mal wieder bei Megaira und Tisiphone melden. Meine Schwesterchen waren früher sehr kreativ und sind es womöglich immer noch. Zudem schätzen sie Herausforderungen. Den menschlichen Busenfreund meines modrigen Sensenmannes von Käsekuchen und allerlei anderen Ungesundem abzuhalten, würde definitiv einem Iron Man gleichen. Ja ich nehme die Challenge an. Möge die Rache mit mir sein! Und der Käsekuchen nicht mehr mit dem Familienbetrieb!

###

Alle Teile der Serie „Gespräche mit dem Tod“ gibt es hier.

###

Liebe Jessi, vielen Dank für diesen wunderbaren und kreativen Gastbeitrag.

Wenn Sie mehr von Jessi lesen wollen, werden Sie hier fündig.

Ein Kommentar zu “Gastgebloggt: Verliebt in den Tod

  1. Pingback: Ein Jahr in Bloggerhausen (Edition 2015) - Mama notes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.