Gespräche mit dem Tod (8): Der Neujahrsbesuch

Es ist Neujahr, 2 Uhr morgens. Der Rest der Familie liegt bereits im Bett, ich sitze noch in der Küche und kämpfe mit meinem letzten Glas Sekt.

Plötzlich klopft es zaghaft an der Tür. Versuche, es zu ignorieren. Um die frühe Uhrzeit macht man in der Regel nur ungern die Türe auf. Insbesondere am Neujahrsmorgen. Es klopft erneut. Schon etwas lauter. Gehe in den Flur und luge durch den Türspion. Im Treppenhaus steht eine hagere Gestalt in dunkler Kutte. Es ist der Tod. Ich öffne ihm die Tür.

„Hallo, alter Freund“, rufe ich erfreut. „Lange nicht gesehen.“ Wir nehmen uns in den Arm und drücken uns fest und lang.

„Was treibt dich in die Gegend?“, will ich wissen. „Hoffentlich nichts Dienstliches.“ Obwohl wir uns jetzt schon so lange kennen und ich ihn wirklich gerne mag, bin ich doch immer ein wenig besorgt, wenn der Tod mich besucht, denn es könnte ja sein, dass er kommt, um mich zu holen.

Der Tod.

„Keine Bange“, erwidert der Tod. „Ich mache gerade meine gewerkschaftlich vorgeschriebene Pause. Die Wohnungsbrände sind jetzt alle durch und die frühzeitig explodierten Polen-Böller auch. Jetzt habe ich ein bisschen Leerlauf und dachte, ich schau‘ mal wieder vorbei.“

„Das ist schön“, antworte ich und bitte den Tod in die Küche.

Der Tod hebt an: „Und außerdem ist der 1. Januar und da geht man zu guten Freunden, denn …“

„… guten Freunden gibt man ein Küsschen“, vollende ich den Satz.

Der Tod schaut mich fragend an.

„Kuckst du kein Werbefernsehen?“, frage ich ihn.

„Netflix“, antwortet er.

„Verstehe.“

„Was ich eigentlich sagen wollte, bevor du mich unterbrochen hast“, erklärt der Tod in leicht tadelndem Ton, „Guten Freunden wünscht man alles Gute fürs neue Jahr. Also, in diesem Sinne: Alles Gute!“

„Vielen Dank. Dir auch alles Gute“, sage ich. Wir nehmen uns wieder in den Arm.

„Wie wär‘s mit einem Glas Sekt?“, frage ich.

„Da sage ich nicht nein“, antwortet der Tod. „Ich habe zwar Bereitschaft, aber ein Gläschen geht.“

„Es heißt ja nicht umsonst ‚Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps‘ und nicht ‚Dienst ist Dienst und Sekt ist Sekt‘, erkläre ich.

Der Tod nickt zustimmend: „Am besten hieße es: ‚Ab und an ein Gläschen Sekt, damit der Dienst viel besser schmeckt.‘“ Der Tod erfreut sich an seinem eigenen schlichten Reim und ich tue ihm den Gefallen und lache mit ihm.

Ich hole aus dem Kühlschrank eine noch verschlossene Flasche Sekt. Der Tod nimmt sie mir aus der Hand und mit einer geschickten Bewegung seiner Sense köpft er den Korken. Dann füllt er die Gläser, die ich ihm reiche, und wir stoßen an.

„Und was habt ihr so an Silvester gemacht?“, fragt der Tod.

„Wir haben mit unseren Freunden Raclette gegessen“, antworte ich. „Es sind noch ein paar Reste da. Wenn du magst …“

„Nein, danke.“ Der Tod hebt abwehrend die Hände. „Ich hatte vor meiner Schicht Fondue mit Hades und Pluto. Eigentlich eine ganz lustige Runde, aber an Silvester dürfen wir nichts trinken, weil wir da immer arbeiten müssen.“ Der Tod schaut betrübt auf sein Glas Sekt, bevor er es nach einer Weile mit einem großen Schluck austrinkt. „So ist das halt, wenn man keine Familie hat. Da wirst du immer an den Feiertagen zum Dienst eingeteilt.“

Der Tod füllt unsere Gläser neu und wir prosten uns wieder zu.

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„Wie war denn dein Jahr so?“, frage ich den Tod.

„Geht so“, antwortet der Tod. „Zu viel Arbeit.“

„Das habe ich gehört“, sage ich. „Carrie Fisher, George Michael, Fidel Castro, Leonard Cohen, Bud Spencer, Prince, Alan Rickman, David Bowie. Ich glaube alle Promis, die 2016 überlebt haben, haben heute Nacht um null Uhr drei Kreuze geschlagen.“

„Oh Mann, hör mir bloß mit den Promis auf“, stöhnt der Tod.

„Wieso?“, will ich wissen. „Was ist denn das Problem mit den Promis?“

„Ach, mit denen habe ich gar kein Problem“, erklärt der Tod. „Aber kaum holste einen von ihnen, wird ein Riesenaufriss gemacht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welchen Anfeindungen ich ausgesetzt bin.“

„Die sind halt beliebt und ihre Fans sind traurig, wenn sie sterben“, erkläre ich.

„Na und“, entrüstet sich der Tod. „Das ist noch lange kein Grund, zu sagen ‚Der Tod ist ein Arschloch.‘ oder ‚Verpiss dich, Sensenmann!‘. Einer hat bei Facebook sogar geschrieben: ‚Geh einfach sterben, Tod!‘ Ich habe doch auch Gefühle.“ Der Tod holt ein schwarzes Taschentuch hervor und schnäuzt sich geräuschvoll.

„Das ist wirklich zu hart“, pflichte ich dem Tod bei.

„Und wenn ich das schon höre: ‚Die Besten gehen zu früh!‘“ Der Tod verzieht seinen Mund verächtlich. „Bowie zum Beispiel war auch schon 69. Und der hat früher mehr Drogen konsumiert als das Medellín-Kartell produzieren konnte. Ein Wunder, dass der die 70er überhaupt überlebt hat.“

Der Tod trinkt sein Glas aus und fordert mich auf, es ihm gleich zu tun. Dann schenkt er uns nach. Er hat anscheinend seine eigene Definition von ‚ein Gläschen‘.

„Lass uns über etwas Schöneres reden“, sagt der Tod. „Wie war denn dein Jahr so?“

„Eigentlich ganz gut“, antworte ich. „Musste auch ein bisschen viel arbeiten, aber sonst kann ich mich nicht beklagen. Alle sind gesund und die Kinder entwickeln sich ganz prächtig.“

„Jaja.“ Der Tod rollt mit den Augen. „Gab’s denn nix Besonderes?“

„Doch. Ich habe ein Buch veröffentlicht“, erzähle ich.

„Ja?“, schaut mich der Tod interessiert an. „Komme ich auch darin vor?“

„Nein, nicht direkt“, druckse ich herum. „Der Tod passte thematisch nicht so richtig.“

„Wie, der Tod passte nicht so richtig?“, fragt der Tod schmallippig. „Der Tod passt ja wohl immer.“

„Nee“, erwidere ich. „Das sind so lustige Familiengeschichten. Wie meine Frau mit unserem ersten Kind schwanger war, wie es bei der Geburt war und die erste Zeit mit schlaflosen Nächten und so.“

„Da passt der Tod ja wohl ganz wunderbar“, entrüstet sich der Tod. „‚Wo das Leben beginnt, da warten schon der Tod!‘ Steht schon irgendwo in der Bibel. Oder im Koran. Oder doch in der Tora?“

„‚Wo das Leben beginnt, da warten schon der Tod!‘?“, wiederhole ich skeptisch. „Das soll in der Bibel, im Koran oder in der Tora stehen?“

„Was weiß ich“, knurrt der Tod. „Bin ich etwa irgend so ein verschissener vergleichender Religionswissenschaftler, der sich mit allen heiligen Schriften auskennt?“ Der Tod scheint wirklich verstimmt zu sein. Normalerweise verliert er nie die Beherrschung und benutzt auch nie Schimpfwörter aus dem Reich der Körperausscheidungen. Schlecht gelaunt schüttet er sich seinen restlichen Sekt in den Rachen.

Um ihn zu besänftigen, hole ich eine Schale mit Weihnachtsplätzchen. Nach und nach probiert er sich durch die verschiedenen Sorten und seine Laune hebt sich allmählich. Insbesondere als ich eine weitere Flasche Sekt öffne.

„Und, ist sonst noch was Interessantes bei dir passiert?“, will der Tod schließlich wissen.

„Nun, ich habe geheiratet“, erwidere ich und schiebe mir ein Zitronenherz in den Mund.

„Aha“, sagt der Tod. „Wann denn?“

„Ist schon etwas her“, antworte ich. „Im Mai.“

„Und habt ihr groß gefeiert?“, erkundigt sich der Tod.

„Geht so“, antworte ich zögernd.

„Wie viele Leute waren denn da?“, fragt der Tod weiter.

Mir gefällt nicht, in welche Richtung seine Fragerei läuft. „So knapp 100“, druckse ich herum.

„Aha“, sagt der Tod wieder und seine Lippen verziehen sich zu einem dünnen Strich. „Für 101 Personen war wohl kein Platz.“

„Wieso?“, tue ich ahnungslos.

„Ich hätte mich über eine Einladung gefreut“, erklärt der Tod. „Aber anscheinend wolltest du ja nur mit deinen 100 engsten Freunden feiern. Da hätte ich nur gestört.“ Schlechter schauspielernd als ein ‚Gute Zeiten, schlechte Zeiten‘-Darsteller wischt sich der Tod eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel.

„Nein, nein, das war nicht der Grund“, versuche ich ihn zu beschwichtigen. „Es ist nur so, dass auch ein paar ältere Verwandte eingeladen waren.“

„Ich habe viel mit älteren Menschen zu tun“, erklärt der Tod. „Und bisher habe ich mich mit allen gut verstanden. Da hat sich noch nie jemand beklagt.“

„Ja, weil die alle tot waren und nicht mehr reden konnten“, entfährt es mir.

Der Tod funkelt mich zornig an.

„So habe ich das nicht gemeint“, sage ich entschuldigend. „Aber Tante Uschi war auch da. Die ist schon 92 und wenn die dich auf der Feier gesehen hätte, hätte sie sich zu Tode erschreckt. Dann hättest du arbeiten müssen und nicht länger mit uns feiern können. Das wäre doch schade gewesen.“

„Verstehe“, antwortet der Tod. Er nimmt sein Sektglas und prostet mir versöhnlich zu.

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„Was machen wir denn jetzt mit dem angebrochenen Morgen?“, fragt der Tod.

„Wir könnten Blei gießen“, schlage ich vor.

„Ein bisschen langweilig, aber warum nicht“, sagt der Tod.

Ich hole ein Bleigießen-Set, das seit einigen Jahren in einer Schublade liegt, weil nie jemand mit mir an Silvester Bleigießen möchte. Dann zünde ich eine Kerze an und bereite einen Topf mit Wasser vor. Derweil macht der Tod eine weitere Flasche Sekt auf. Wie das mit seinem Bereitschaftsdienst vereinbar ist, möchte ich gar nicht wissen. Vielleicht wird dann heute einfach weniger gestorben. Wäre ja nicht das Schlechteste für den Jahresanfang.

Als alles fertig ist, nimmt der Tod das erste Bleifigürchen, einen Schornsteinfeger, und bringt es in einem quälend langen Prozess zum Schmelzen. Als das Blei endlich flüssig ist, schüttet er es in den Topf mit Wasser, wo es sich zischend in ein längliches Gebilde verwandelt. Der Tod hält es hinter die Kerze und wir versuchen den Schatten an der Wand zu deuten.

„Ich finde, es sieht aus wie ein Penis“, mutmaßt der Tod. „Das heißt bestimmt, dass ich nächstes Jahr viel Sex haben werde.“

„Quatsch, da ist doch in der Mitte eine dicke Auswölbung“, werfe ich ein. „Also, wenn dein Penis so aussieht, ist nächstes Jahr bei dir eher tote Hose.“

„Was ist die Figur denn für dich?“, fragt der Tod beleidigt.

„Könnte eine Armbanduhr sein“, schlage ich vor.

Der Tod nimmt das Heftchen, das dem Bleigießen-Set beiliegt und schlägt nach, was eine Armbanduhr bedeutet.

„Die Zeit ist endlich“, liest er vor. „Na, das passt doch ganz wunderbar auf meine Kundschaft. Also werde ich nächstes Jahr viel zu tun und Erfolg im Job haben.“

Nun bin ich an der Reihe. Nach längerer Diskussion einigen wir uns darauf, dass der von mir produzierte Bleiklumpen einen Schatten, der wie ein Walfisch aussieht, an die Wand wirft.

„Eine Diät steht an“, lese ich vor.

„Das passt doch“, freut sich der Tod und lacht schallend. Für jemanden, der immer ziemlich schnell eingeschnappt ist, teilt er ganz schön aus, finde ich.

Die nächsten anderthalb Stunden verbringen wir damit, die restlichen Figuren zu schmelzen. Der Tod produziert einen Duschkopf (Geldregen), eine Muschel (sexuelle Abenteuer) und ein Herz (Liebesglück), ich dagegen eine Eierschale (zerbrochene Liebe), eine Qualle (Geld zerrinnt) und eine Zahnbürste (Auf Körperhygiene achten!).

„Erfolg im Job, Geld, Sex und die große Liebe warten 2017 auf mich“, freut sich der Tod. „Bleigießen ist eine tolle Sache.“

„Geht so“, sage ich mürrisch und schaue missmutig auf meine Bleiklumpen.

„Kopf hoch!“, muntert mich der Tod auf. „Mach einfach das Beste draus. Was sind denn deine guten Vorsätze für 2017?“

„Ich mache nie Vorsätze“, erkläre ich bestimmt. „An denen scheitert man doch ohnehin spätestens in der zweiten Januarwoche.“

„Na, na!“, tadelt mich der Tod mit erhobenem Zeigefinger. „Höre lieber auf das Bleiorakel.“

Ich schaue ihn fragend an.

„Treibe etwas mehr Sport und achte auf dein Gewicht“, belehrt mich der Tod. „Wenn du schlank und fit bist, läuft es besser im Job und deine Frau verlässt dich nicht.“

„Du denkst also, wenn sich mein BMI oberhalb des Normalbereichs bewegt und ich nicht bis zum Burn-out arbeite, verlässt mich meine Frau?“, ereifere ich mich.

„Immer mit der Ruhe, mein heißblütiger Freund. Sonst bekommst du noch einen Herzinfarkt“, kichert der Tod. „Das sage ja nicht ich, sondern das Bleiorakel. Und das Bleiorakel irrt nicht.“ Bei den letzten Worten deutet er auf seine Bleiklumpen, die ihm Wohlstand, sexuelle Befriedigung und Romantik versprechen. Langsam bereue ich die Idee mit dem Bleigießen.

„Was sind denn deine guten Vorsätze?“, will ich wissen, um vom Thema abzulenken.

„Ich will weniger Süßigkeiten essen“, erklärt der Tod. „Zu viel Industriezucker ist das reinste Gift und bringt einen quasi um.“ Dabei greift er in die Keksdose und nimmt sich einen Dominostein. „Gleich morgen fange ich damit an. Oder übermorgen.“

Schmatzend schaut der Tod auf die Uhr. „Herrje, schon fünf Uhr durch“, ruft er. „Jetzt muss ich aber wirklich los. Ich muss Elton John noch einen Besuch abstatten.“

„Was???“ Ich reiße die Augen auf. „Geht das Promi-Sterben 2017 sofort wieder los?“

„I wo“, winkt der Tod ab. „Ich soll ihm nur einen schönen Gruß von Georg Michael bestellen. Er soll auf seiner Beerdigung auf keinen Fall ‚Candle in the wind‘ singen. Wenn Elton sich nicht daran hält, wird George ihn als Poltergeist verfolgen und täglich mit ‚Last Christmas‘ wecken.“

„Das kann ich nachvollziehen“, antworte ich. „Obwohl mir die angedrohte Strafe doch etwas drastisch erscheint.“

Der Tod erhebt sich, steckt sich noch ein Spritzgebäck in den Mund und geht zur Tür. Zum Abschied nehmen wir uns in den Arm.

„Dieses Jahr sehen wir uns aber häufiger, okay?“, sage ich zum Abschied.

„Versprochen“, erwidert der Tod. Dann geht er die Treppe runter. Dabei pfeift er ‚Circle of Life‘.

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Alle Teile der Serie „Gespräche mit dem Tod“ gibt es hier.

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