Griechenland 2016 – Tag 12: Von Bootstouren, griechischen Ex-Militärs und keiner Brooke Shields

8.15 Uhr. Die Frau weckt mich. Das Frühstück sei fertig, denn um halb Zehn müssten wir bei der Touristen-Info sein. Einen festen Termin im Urlaub zu haben, ist eigentlich sehr erholungsfeindlich. Quasi der Startschuss auf dem Weg in den Burn Out. Aber heute geht es nicht anders, denn die große Motorboot-Tour zur ‚Blauen Lagune‘ steht an. So wie wir es vor fünf Jahren schon gemacht hatten.

Guten Morgen, Psakoudia!

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Die älteren männlichen Leser werden bei ‚Blaue Lagune‘ möglicherweise aufhorchen. (Ich wähle hier sehr bewusst nur die männliche Form.) 1980 kam der gleichnamige Film in die Kinos, dessen Erfolg in erster Linie darauf basierte, dass Brooke Shields große Teile des Films leicht bis gar nicht bekleidet über eine einsame Insel läuft.

Nun ist es in der Tat eher unwahrscheinlich, dass man in der griechischen ‚Blauen Lagune‘ auf Brooke Shields trifft, aber alleine der Gedanke weckt verheißungsvolle Vorfreude auf den Trip.

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Nach dem Frühstück, dessen Geschwindigkeit auch so gar nicht zum Urlaub passen will, erscheinen wir pünktlich um 9.30 Uhr an der Touristen-Information. (Auch im Urlaub hat man als Deutscher gewisse Klischees zu erfüllen.) Außer uns warten noch ein paar andere Feriengäste auf den Transfer zu der Tour.

Unter ihnen sind drei rundliche Männer, die sich in breitem Ruhrpott-Dialekt unterhalten. Sie diskutieren den zu erwartenden Return on Investment, wenn man in Griechenland im großen Stil ins Olivenöl-Business einsteigt. Es besteht Einigkeit, dass dies eine totsicher Geldanlage sei. Ich denke, ich werde von ihnen noch hören. Falls ich mal ‚Goodby Deutschland! Die Auswanderer‘ auf Vox einschalte.

Da die Touristen-Information direkt neben der Bar liegt, wo wir immer unsere Strandtage verbringen, überlege ich kurz, unseren Kellner zu fragen, ob er uns nicht begleiten möchte. Die Getränke haben wir bereits dabei und da das Bötchen, mit dem wir fahren werden, nicht sonderlich groß ist, muss er keine weiten Wege zurücklegen, um uns unsere Bestellungen zu bringen. Somit ist der Arbeitsaufwand für ihn überschaubar.

Die Frau weist mich darauf hin, dass die Motorboote nur für vier Personen ausgelegt sind und es schwierig sei, einen zusätzlichen Privat-Butler mitzubringen. Auf meinen Vorschlag, eins der Kinder hier zu lassen, geht sie nicht ein.

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Nach einer guten halben Stunde Autofahrt, kommen wir in der Nähe von Vourvourou beim Bootsverleih an. Dort erklärt uns der Chef des Verleihs erstmal, dass es heute nicht möglich sei, mit dem Boot raus zur Blauen Lagune zu fahren. „Too much wind, too much danger.“ Wir könnten nur zu den Stränden der benachbarten Inseln fahren.

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Somit ist die Aussicht, heute auf Brooke Shields zu treffen, endgültig gestorben. Die Frau fragt mich, warum ich so traurig schauen würde. Weil wir übermorgen nachhause flögen, antworte ich.

Wolken über Psakoudia

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Danach winkt mich der Mann zu sich, um mir auf einer Landkarte zu zeigen, wo wir überall nicht entlang fahren dürfen. Aus mir nicht ersichtlichen und geradezu fahrlässigen Gründen hat er mich anscheinend als Kapitän ausgewählt. Warum nur? Weil ich einen Bart habe? Oder weil ich ein Mann bin? Aber inwiefern sollte mir mein Penis beim Führen des Bootes nützlich sein? Wird das nicht mehr mit den Händen gesteuert? Fragen über Fragen, auf die ich keine Antworten habe. (Dafür erscheinen vor meinem geistigen Auge unschöne Bilder von Schiffsschrauben und primären männlichen Geschlechtsorganen.)

Währenddessen macht der Mann ungefähr eine Trilliarden Kreuze auf der Karte, um die Stellen zu markieren, die wir unbedingt meiden sollen. Versuche derweil, die vor mir liegende Landschaft mit der gezeichneten Landkarte in Einklang zu bringen. Es gelingt mir nicht. Nicke dennoch zustimmend bei jedem weiteren Kreuz, das er einzeichnet. Vielleicht wäre es das Beste, wenn wir uns einfach nur in das Boot setzen, unseren Proviant essen und die Anlegerstelle gar nicht verlassen.

Als der Mann mit seinen Erklärungen fertig ist, gehe ich zum Rest der Familie zurück. Erkläre, ich sei der Kapitän und alle müssten auf mein Kommando hören. Tochter und Sohn rufen synchron: „Als ob!“ und zeigen mir einen Vogel. Ein unsäglicher Akt der Subordination. Anstatt die Kinder zu maßregeln, lacht die Frau nur laut. Dafür werde ich sie heute Abend zur Strafe Kartoffeln schälen lassen. (Mache mir eine mentale Notiz, dass wir auf dem Heimweg unbedingt Kartoffeln besorgen müssen.)

Da kommt ein anderer Mitarbeiter des Verleihs, um mich in die Funktionsweise des Bootes einzuweisen. Weder seine Grammatik noch sein Vokabular und schon gar nicht seine Aussprache können im klassischen Sinne als Oxford Englisch gelten. Und im unklassischen auch nicht. Dafür lassen sein Auftreten und der barsche Tonfall auf eine frühere Zugehörigkeit beim griechischen Militär schließen.

„This button is for putting engine in and out water“, bellt er und zeigt auf einen Knopf am Geschwindigkeitshebel. „Show me that you learned“, befiehlt er mir dann. Pflichtschuldig drücke ich den Knopf und der Außenbordmotor senkt und hebt sich.

Dann fährt er mit den Erklärungen fort. „Never start engine when not in water. NEVER!”, brüllt er im Tonfall wie ein West Point Ausbilder. „Is bad for enginge. NEVER! You understand? YES?“ Überlege, mir einen Spaß zu erlauben und „Nein“ zu sagen. Habe aber Angst, dass er mir die Instruktionen dann per Water Boarding eintrichtert. Ich nicke, muss aber trotzdem noch drei Mal sagen: „Never start engine when not in water.“

Danach dürfen wir in das Boot klettern. Ich gehe hinters Steuer („Only for driver. ONLY!“), die anderen müssen sich vorne hinsetzen. „Wife in the middle for better balance“, befiehlt er der Frau. Hat er sie gerade fett genannt? Eigentlich müsste ich ihm jetzt eine reinhauen, aber die Frau ist glücklicherweise so emanzipiert, dass ich sie beleidigen würde, wenn ich ihre Ehre mit Fausthieben wieder herstellen wollen würde. Das ist auch ganz gut so, denn eine körperliche Konfrontation mit einem griechischen ex-Militär steht nicht auf meiner Liste der Dinge, die ich bis 50 erledigen möchte.

Endlich schickt der Mann uns auf die Reise und ruft uns ein wenig ermutigendes „Good luck“ hinterher.

Boot. Klein.

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Nun schippern wir endlich los. Nach nur fünf Minuten ist es genau wie vor fünf Jahren. Ich habe Schwierigkeiten, das Boot gerade zu halten, bin demotiviert, frage mich, wie es dazu kommen konnte, dass ich so eine Nussschale Boot steuere bzw. versuche, so eine Nussschale zu steuern und mein Körper schüttet Adrenalin in niagarafallartigen Mengen aus.

Um erstmal möglichst schnell wieder vom Boot runter zu kommen, halte ich auf eine kleine Bucht zu, an deren Strand wir ankern. Dies hört sich nun professioneller an, als es in der Realität ist, in der die Frau bauchtief im Wasser steht und das Boot zieht, da wir den Außenbordmotor hochfahren mussten, damit er im Sandboden nicht beschädigt wird.

Während sich die Frau abmüht, sitze ich noch im Boot. (Als Kapitän darf ich es ja erst als Letzter verlassen). Um aber den Eindruck zu erwecken, ich unterstütze mein mir angetrautes Weib, stochere ich ein wenig unkoordiniert und ungelenk mit einem Paddel am Meeresboden rum.

Nachdem wir uns an dem kleinen Strand ausgebreitet haben, fällt es mir zunehmend schwer, meine schlechte Laune aufrechtzuerhalten. Das Wasser ist klar, der Himmel blau und die Ruhe himmlisch. Es gibt keinen DJ, keinen chilligen Launge-Elektro-Mist, keine plärrenden Kinder, keine nervenden Händler. Nichts. Man hört nur wie die Wellen ans Ufer schwappen. Schwapp, schwapp. Im Hintergrund zirpen die Zikaden in den Bäumen. Zirp, zirp. Die Wellen schwappen weiter ans Ufer. Schwapp, schwapp. In der Ferne ertönt leise ein Motorboot. Brumm, brumm. Unterdessen schwappen die Wellen immer noch ans Ufer. Schwapp, schwapp. Am anderen Ende des Strandes unterhält sich ein Paar. Murmel, murmel. Und die Wellen machen weiter schwapp, schwapp. Dann muss ich auf Toilette und gehe eine Runde schwimmen.

Wasser. Klar.

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Anschließend essen wir erstmal ein paar Sandwiches, denn Seeluft macht bekanntlich hungrig. Nicht-Seeluft macht uns zwar genauso hungrig, aber bei dieser ist es nicht sozial akzeptiert, sich die dreifache von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlene Kalorienmenge einzuverleiben.

Während ich kein Problem damit hätte, den ganzen Tag in der Bucht zu verbringen, möchten die Kinder weiter. Außerdem wollen sie auch mal das Boot steuern. Also setzen sich Tochter und Sohn abwechselnd zwischen meine Beine, halten das Steuerrad fest, ich zeige ihnen, wie sie es bewegen müssen und sie strahlen glücklich.

Denke etwas sentimental, dass dies mal ihre Erinnerung an den Griechenland-Urlaub sein wird. Wie sie mit ihrem Vater das Boot gelenkt haben und pfeilschnell über die Wellen jagten. Mit drei Stundenkilometern!

Sollten dies die Männer vom Motorboot-Verleih lesen, sei ihnen versichert, dass das nur ein kleiner Scherz zur Erheiterung der Leserinnen und Leser ist. Die Kinder sind selbstverständlich nicht einmal in die Nähe des Steuers gekommen und auch sonst habe ich mich strikt an alle so einfühlsam vorgetragenen Anweisungen gehalten. Insbesondere habe ich nie, NIE, den Motor gestartet, wenn er noch nicht im Wasser war.

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Nach einer knappen Stunde steuern wir die nächste verträumte Bucht an, um zu baden. Sie steht dem ersten Strand in Sachen Himmlischkeit in nichts nach. Es ist ruhig, das Wasser klar, die Sonne scheint und vor allem ist keine Menschenseele außer uns da. Denke vor mich hindösend, dass vielleicht doch noch die barbusige Brooke Shields um die Ecke kommt und alles gut wird. Die Frau schüttelt den Kopf.

Aussicht. Viel.

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Nachdem wir gut zweieinhalb Stunden entspannt haben, kommt eine Gruppe von drei Booten in die Bucht. Damit ist es mit der Menschenleere vorbei, was den Erholungsfaktor erheblich reduziert. Die Neuankömmlinge sind laut, werfen Kippen in die verdorrte Vegetation am Strand (Was ihnen eine vordere Platzierung beim nächsten Darwin-Award einbringen sollte.) und beschallen irgendwann den vormals idyllischen Strand mit launchiger Elektro-Mucke. Wahrscheinlich hat der DJ aus Psakoudia heute seinen freien Tag und verbringt in mit ein paar Kumpels in den Buchten von Vourvourou.

Himmel. Blau.

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Für uns ist es das Signal unsere Sachen zusammen zu packen und zurück zum Bootsanleger zu fahren. Die Frau holt den Anker ein und schiebt das Boot ins Wasser. (Sie wissen schon, der Kapitän – also ich – muss immer am Steuer sitzen.) Danach klettert sie ins Boot hinein und zwar mit der Anmut und Grazie eines – ich zitiere die Frau, was ich an dieser Stelle mehrfach betonen und unterstreichen möchte – eines Pottwals. Der Sohn bedauert, dass er das Ganze nicht für YouTube aufgenommen hat, das hätte bestimmt fünf Millionen Klicks bekommen. Es kann sein, dass der Sohn heute Abend keinen Nachtisch bekommt. Und wahrscheinlich überhaupt keinen mehr, bis er 18 ist.

Knapp 20 Minuten später erreichen wir den Anleger und mit der Präzision eines Schweizer Uhrmachers steuere ich das Boot an seinen vorgesehen Platz. Also, eines Schweizer Uhrmachers, der an Fehlsichtigkeit leidet, das Uhrenhandwerk gar nicht erlernt hat und auch nicht aus der Schweiz kommt. (Beim Autofahren wäre es Einparken in 37 Zügen gewesen.)

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Beim Abendessen gibt es Tortellini mit Tomaten-Sauce, weil das nach dem anstrengenden und hungrig machenden Ausflug (Stichwort: die Seeluft) am Schnellsten geht. Stelle dabei fest, dass man Feta auch sehr gut als Parmesan-Ersatz verwenden kann. Es wird Zeit, dass ich hier endlich als der Jamie Oliver Griechenlands entdeckt werde!

Unsere mediterrane Erziehung im Urlaub fortsetzend, dürfen die Kinder nach dem Essen alleine in die Spielhalle gehen. Dort holen wir sie ab, um in der Strandbar noch etwas zu trinken. Dort führt uns die Tochter in die Welt der Musical.ly-Moves ein. Momente, in denen die Frau und ich uns alt fühlen. Sehr alt!

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Zurück im Ferienhaus, spielen wir unsere obligatorische Runde Mensch-Ärgere-Dich-Nicht, obwohl alle hundemüde sind. (Da muss man halt auch mal hart zu sich selbst sein.) Die Tochter gewinnt das Spiel. Bis ich die Mensch-Ärgere-Dich-Verordnung von 1831 konsultiert habe, wo steht, sollte ein Kapitän mitspielen – das bin zufällig ich –, dieser automatisch als Sieger feststeht.

Gute Nacht!

Gute Nacht, Psakoudia.

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