Griechenland 2016 – Tag 13: Von Hunderomanen, letzten Strandbesuchen und keinem Ouzo

Wache nach dem gestrigen anstrengenden Bootsausflug erst um 8.30 Uhr auf. Trotz der nachwirkenden Erschöpfung muss ich heute Laufen gehen. Auch am Ende des Urlaubs möchte man den Anschein preußischen Pflichtgefühls wahren.

Guten Morgen, Psakoudia.

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Treffe im Bad den inneren Schweinehund, der eine Marineuniform trägt und sagt, es wäre unter der Würde eines Kapitäns, zu joggen. Entgegne, ein Kapitän müsse mit gutem Vorbild vorangehen. Besonders in Sachen Körperertüchtigung. Der innere Schweinehund blickt mich zornig an und sagt das mache alles keinen Spaß mit mir und deswegen kündige er. Dann zieht er schnaubend ab und tritt im Rausgehen meine Laufschuhe durch die Ferienwohnung.

Kurze Zeit später stehe ich in Laufbekleidung an der Straße. Heute sind auch die Hunde wieder da. Sie wollen mir anscheinend ein letztes Geleit geben.

Als erstes muss ich mich aber ein wenig locker machen. Werfe in einer geschmeidigen Bewegung meine rechte Ferse nach hinten, umfasse blitzschnell mit der rechten Hand den Knöchel und ziehe den Fuß in Richtung Gesäß, um die Oberschenkelmuskulatur zu dehnen. Verliere dabei aber das Gleichgewicht und schwanke bedrohlich nach vorne. Rudere hektisch mit dem linken Arm, bis ich wieder in der Vertikalen stehe. So viel Anmut und Grazie sah man zuletzt, als Rudolf Nurejew am Bolschoi-Theater den Schwanensee tanzte. Die ersten Hunde holen sich Popcorn.

Kurz danach laufe ich aber los, die Hunde in ehrerbietendem Abstand neben mir. Während ich bei trotz der frühen Stunde doch schon beträchtlichen Temperaturen durch Psakoudia trabe, grübele ich vor mich hin, warum es eigentlich keine epochalen Hunderomane und –filme gibt. Es gibt die rivalisierenden Warrior Cats, Kriminalfälle lösende Schafe, kochende Ratten und allem möglichen anderem Getier wurden auch schon literarische und cineastische Denkmäler gesetzt. Nur die gemeinen Canidae sind bisher leer ausgegangen. (Die widerlich kitschige Liebesschnulze von ‚Susi & Strolch‘ wollen wir mal unberücksichtigt lassen.)

Dem ist unbedingt Abhilfe zu verschaffen. Der Plot könnte folgendermaßen aussehen. Ein gutaussehender deutscher Tourist mit scharfem Verstand und athletischer Figur macht Urlaub in Griechenland, wo er sich mit einem Rudel Straßenhunde anfreundet. Nach anfänglichen Konflikten gewinnt er ihren Respekt, als er bei einem langen Dauerlauf in der griechischen Gluthitze nicht aufhört zu rennen, bis ein Hund nach dem anderen dehydriert zusammenbricht. Danach akzeptieren sie den Protagonisten als ihren Anführer. Gemeinsam erleben sie viele aufregende Abenteuer (Stichworte: Hundefänger, betrügerische Metzgermafia und Fluffige-Brötchen-Knappheit). Arbeitstitel des Romans: Der Hundekönig von Psakoudia.

Ich denke, das hat eine Menge Potenzial. Sollte mir schon mal Gedanken für eine Rede bei der Pulitzer-Preisverleihung 2017 machen. Außerdem werde ich eine Mail an Peter Jackson zwecks Verfilmung des Materials schicken. (Muss er halt mal in Griechenland anstatt Neuseeland drehen.) Als männlichen Hauptdarsteller könnte ich mir gut Viggo Mortensen vorstellen, mit dem ich ohnehin häufig verwechselt werden. (Allerdings nur von Menschen, die Jack Black und Viggo Mortensen nicht unterscheiden können.)

Nach gut acht Kilometern ist mein letzter Lauf in Griechenland zu Ende und die Stunde des Abschieds von den mir mittlerweile ans Herz gewachsenen Straßenhunden ist gekommen. Hebe die rechte Hand zum Gruß, die Hunde bellen im Chor. Sie versprechen, mich mal in Deutschland zu besuchen.

Laufbegleitung bis zum letzten Meter.

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Wie immer gegen Ende eines Urlaubs ist das Frühstück ein eigenartiges Paradoxon, das Überfluss und Mangel in einem vereint. Es gibt heute früh sehr viel Feta und ich mache die Erfahrung, dass man ihn nicht unbedingt mit Kirschmarmelade essen sollte. Von der Schokocreme ist dagegen nur noch bedenklich wenig übrig, was zu erbitterten Verteilungskämpfen führt. Dafür müssen die Frau und ich bis zur Herzrasengrenze und darüber hinaus Kaffee trinken. Man möchte ja nichts von dem schwarzen Gold wegschmeißen.

Bevor wir zum Strand aufbrechen, nötigen wir die Kinder Postkarten an ihre Freunde und die Großeltern zu schreiben. Die Stimmung ist erstmal so mittel und die Kinder bewältigen diese Aufgabe nur murrend und unter Protest. Nach dem Urlaub werden sie sich wohl an den Kinderschutzbund wenden, um auf diese unbotmäßige Form der Kinderarbeit aufmerksam zu machen. Dabei sind die Urlaubsgrüße des Sohns ohnehin durch ökonomischen Minimalismus gekennzeichnet. („Lieber Freund, hier in Griechenland ist es schön. Bis bald, …“)

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Am Strand überrasche ich die Familie mit der Aussage, dass ich heute als Erstes ins Meer gehe und ein paar Runden schwimmen werde. Das gab es seit 1982 nicht mehr, als ich sieben Jahre alt war und mit meinen Eltern Urlaub in Dänemark machte. Entsprechend entgeistert schauen die Frau und die Kinder und mutmaßen, ich sei heute Nacht von Außerirdischen gegen einen täuschend echt wirkenden Androiden ausgetauscht worden. Die Kinder finden den Gedanken recht reizvoll, sofern der neue Roboterpapa ihnen erlaubt, nach dem Zähneputzen noch Schokolade zu essen. Ich selbst würde mir bei einer maschinellen Version meiner selbst einige Optimierungen ausbedingen. Zum Beispiel sich deutlich abzeichnende Bauchmuskeln, eine feste Brustmuskulatur und ausdefinierte Bi- und Trizeps. (Gerade Zähne wären auch nicht schlecht.)

Mit ihrem Sinn fürs Pragmatische fragt die Frau, wer denn die Bestellung bei unserem Kellner aufgäbe, wenn ich im Wasser wäre. Erwidere, dass könne sie doch machen. Die Frau lehnt dies ab, denn bei attraktiven jungen Männern wäre sie schon immer zu schüchtern gewesen, um sie anzusprechen. Ganz kurz kommt mir in den Sinn, dass sie damals im Studium kein Problem damit hatte, eine Unterhaltung mit mir anzufangen. Bevor ich diesen Gedanken vertiefe, winke ich lieber den Kellner zu uns und teile ihm unsere Getränkewünsche mit.

Anschließend begebe ich mich endlich zum Schwimmen ins Wasser. Allerdings hat die Frau verlangt, dass ich dazu ans andere Ende des Strandes gehe, da sie a) den Anblick meines schwimmerischen Dilettantismus nicht ertrage und b) zu viel Fremdscham empfände, wenn die andere Urlaubsgäste in unserem Strandabschnitt mich dabei sähen.

Mir ist das heute alles egal. Ist ja unser letzter Tag hier. Laufe also beherzt ins Meer, stürze mich todesmutig in die knöchelhohen Wellen und mache einige Schwimmzüge, die ich stilistisch gesehen ganz ordentlich finde. Derweil wird der Strandwächter allerdings ein wenig nervös, da er nicht einschätzen kann, ob ich einen Herzinfarkt erlitten habe und er mich vor dem Ertrinken retten muss.

Bay watch Psakoudia. Ohne David Hasselhoff.

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Nachdem ich eine Weile vor mich hingepaddelt bin, treffe ich im Wasser auf einen Fisch. Er schaut mich glupschäugig an. Beruhige ihn, ich käme in friedlicher Absicht, und erkläre ihm mit ausufernder Gestik, dies sei sein Schwimmbereich und das andere sei mein Schwimmbereich. Der Fisch schaut mich weiter glupschäugig an und blubbert Fragezeichen aus seinem Mund. Möglicherweise hat er meine Bewegungen nicht als Schwimmen interpretiert und ist nun ratlos, was ich ihm da mitteile. Dann zieht er von dannen. (Vielleicht täusche ich mich, aber ich glaube, er schüttelt dabei den Kopf.)

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Als ich zu unserer Strandbar zurückkehre, legt sich der DJ mächtig ins Zeug. Damit am letzten Tag nicht allzu viel Wehmut aufkommt, jagt er seine Beats und Bässe über den Strand. Sie wummern derart in der Magengegend, dass an Entspannung nicht zu denken ist. Wahrscheinlich wird die Musik sonst dazu genutzt, um Pitbulls heiß zu machen, bevor sie in die Kampfhunde-Arena geschickt werden.

Ziehe in Betracht, dass der DJ gar kein DJ ist, sondern der Beelzebub persönlich auf Urlaub, der sein musikalisches Fegefeuer über die Chalkidiki bringt. (Das macht nach den letzten zwei Wochen durchaus Sinn.)

Letzter Strandbesuch.

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Kurze Zeit später spricht mich ein fliegender Händler an, den ich in den letzten vierzehn Tagen noch nicht gesehen hatte. Er bietet an, mir gegen einen kleinen Obolus ein temporäres Tattoo auf den Körper zu malen. Leider reicht unser beider Englisch nicht aus, um ihm mitzuteilen, dass ich es vorzöge, mich nur in Badehose bekleidet in einem Brennnesselfeld zu wälzen, als mich von ihm bepinseln zu lassen. Belasse es daher bei einem knappen: „Thank you, but no.“

Nachdem sich der Händler verzogen hat, wollen die Kinder losziehen, um sich ein Eis zu holen. Sie fragen uns, ob sie uns auch welche mitbringen sollen. Erwidere, das sei nicht nötig, wir würden einfach bei ihnen probieren. Eine Antwort, die bei den Kindern die reinste Panik auslöst. Als sie zurückkommen, haben sie ihr Eis schon aufgegessen, wie sie uns mit großem Bedauern mitteilen. (Viel können wir ihnen anscheinend nicht mehr beibringen.)

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Der Strandtag neigt sich allmählich dem Ende entgegen, als der Frau auffällt, dass es noch kein gemeinsames Urlaubsbild von uns beiden gibt. Als erfahrene Instagrammerin und Snapchatterin wird die Tochter beauftragt, uns unter Einhaltung sehr genauer Anweisungen zu fotografieren. („Nur das Dekolleté, aber nicht den Bauch.“, „Achte darauf, dass der Haaransatz nicht so hoch aussieht.“, „Unter keinen Umständen von unten ablichten!“ …) Es stellt sich allerdings heraus, dass die fotografische Expertise der Tochter eher im Feld der Selfies und nicht in der Porträtfotografie angesiedelt ist. 30 Minuten später ist die Speicherkarte des Handys fast voll und die Tochter schaut, als würde sie nächstes Jahr lieber ins Ferienlager gehen, als noch einmal mit uns zu verreisen.

Der Versuch der Frau, das akzeptabelste Bild bei Instagram hochzuladen, scheitert allerdings. Erkläre, das wäre schon sehr bedauerlich, dass sie ein Foto mit ihrem Trophy Boy posten wolle und dann versage die Technik. Die Frau interpretiert meine Aussage anscheinend als Witz, denn sie lacht mal wieder sehr laut und geradezu vulgär. Man sollte sie mal daran erinnern, dass heutzutage die bürokratischen Hürden für eine Scheidung gar nicht mehr so hoch sind.

Der Chronist bei der Arbeit.

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Die Frau fuhrwerkt noch mit dem Handy rum, als eine Gruppe postadoleszenter Griechen die Liegestühle hinter uns belegt. Einer von ihnen trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „I want money not a job.“ Bei so einem Kleidungsstück, sollte das mit dem zweiten Teil seines Wunsches klappen. Der erste Teil könnte allerdings schwierig werden.

Kaum haben sie sich häuslich eingerichtet, fangen die Jungs an Karten zu spielen. Dabei unterscheiden sich ihre Vorstellungen von sozial akzeptierter Lautstärke bei Unterhaltungen stark von meiner. Sehr stark sogar.

Bin kurz versucht, ihnen mit meiner rechten Hand den Schweigefuchs zu zeigen, damit sie leiser reden. Traue mich aber nicht, da ich befürchte, es könne als obszöne Geste missverstanden werden und Verwerfungen in den deutsch-griechischen Beziehungen hervorrufen. Als Deutscher sollte man ja ohnehin die eigene Beliebtheit im Ausland nie überschätzen.

Wir verstehen es einfach als Signal, den heutigen Strandtag zu beenden.

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Zuhause ist erstmal Packen angesagt. Überlege beim Zusammenräumen meiner Klamotten, welcher Idiot eigentlich zwei lange Hosen, zwei langärmlige T-Shirts, einen Pullover und einen Kapuzenpulli mitgebracht hat. Wie so ein Kaspar Hauser, der jenseits der Zivilisation und ohne jegliche Kenntnisse der klimatischen Bedingungen am ägäischen Meer im Hochsommer aufgewachsen ist.

Dann stehen wir vor der großen Herausforderung, trotz der Mitbringsel das zulässige Höchstgewicht der Koffer einhalten können. Zur Not müssen wir halt morgen bei der Gepäckaufgabe die drei Gläser Honig sowie die Oliven aufessen.

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Zum feierlichen Abschluss unseres Urlaubs gehen wir noch einmal zu Kostas in die Taverne. (Die Urlaubskasse winkt im Hintergrund resigniert ab.) Unsere Speisenauswahl ist wieder so umfangreich, dass sie dem Kellner beim Notieren den Schweiß auf die Stirne treibt.

Mythos. Mehr als ein Mythos. (Achtung: Bild enthält Produktplatzierung. Leider unentgeltlich)

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Es schmeckt alles ganz hervorragend und wir bekommen auch wieder den Nachtisch aufs Haus. (Irgendetwas klebriges, mit sehr viel Honig, sehr viel Zucker, sehr viel Fett und sehr saftig. Und sehr lecker.) Allerdings wird uns beim Bezahlen erneut kein Ouzo angeboten. Eigentlich ist das gar nicht so schlimm, da wir ohnehin nicht gerne Ouzo trinken. Trotzdem wäre es schön, ab und an die Möglichkeit zu haben, sich zu vergewissern, dass man immer noch keinen Ouzo mag.

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Zuhause gibt es dann die letzte Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Partie des Urlaubs. Der Sohn gewinnt, reißt allerdings verführt die Arme in die Höhe. Die Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Verordnung von 1831 besagt nämlich, sollte ein Mitspieler während eines Urlaubs jede einzelne Partie gewonnen haben – das bin zufällig ich – muss dieser am letzten Abend zum Sieger erklärt werden.

Gute Nacht!

Gute Nacht, Psakoudia.

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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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