Griechenland 2016 – Tag 6: Von nächtlichen Geburtstagstischen, Notkäsekuchen und würdevollem Altern

Es ist kurz vor Mitternacht und der Rest der Familie hat mich in das Bad unseres Ferienhauses verbannt. Ich habe nämlich gleich Geburtstag. Und den nimmt der Rest der Familie im Gegensatz zur mir sehr ernst. Während ich in dem muffigen kleinen Bad warte, rumort es draußen geschäftig.

Mit zunehmendem Alter wird mir das Konzept des Geburtstagsfeierns immer suspekter. Warum lässt man jemanden hochleben, nur weil er auf die Welt gekommen ist? Eigentlich müsste doch die Mutter gefeiert werden, die das Kind nach neun beschwerlichen Monaten mit Übelkeit, Wassereinlagerungen und hormonellen bedingten Stimmungsschwankungen unter Schmerzen aus sich rauspresst. (Ich sollte Mutter vielleicht mal wieder anrufen.)

Frage durch die Tür, ob ich endlich das Bad verlassen darf. Ich darf nicht.

Betrachte mich etwas genauer im Spiegel, um festzustellen, ob man mir die bald 41 Jahre ansieht. Entdecke im Bart und an den Schläfen das ein oder andere graue Haar. Darüber hat Pur mal ein Lied gesungen. „Ein graues Haar, wieder geht ein Jahr.“ Schlimmer Reim, schlimmes Lied, schlimme Band. Alles schlimm.

Daher würde ich bei mir auch nicht von grauen Haaren sprechen, sondern von silbernen Strähnen, die mein ansonsten dunkles und vor allem, was ich betonen möchte, dichtes Haar durchweben. Das klingt nach gut aussehendem, distinguiertem Herrn mit intellektueller Ausstrahlung.

Berausche mich zunehmend an der Attraktivität meiner silbernen Strähnen, als die Kinder rufen, ich könne jetzt aus dem Bad kommen. Draußen werde ich mit einem fröhlichen „Happy Birthday“ begrüßt und alle fallen mir jubilierend um den Hals. Mache gute Miene zum bösen Spiel, denn das wird von Geburtstagskindern so erwartet.

Der Balkon und der Tisch sind mit Luftballons, Kerzen und M+Ms geschmückt. (385 Zahnärzten heben mahnend ihre Zeigefinger.) Die Frau und ich stoßen mit Dosenbier an. Wie Studenten. Oder wie eine Frauentausch-Familie auf RTL II.

Abendliche Geburtstagsromantik mit Dosenbier. Gleich mal bei RTLII-Frauentausch melden.

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Wache am nächsten Morgen ungefähr um halb acht auf. Im unteren Bereich des Ferienhauses wird schon wieder geschäftig geräumt Mir wird in – dafür, dass ich heute Geburtstag habe – unangemessen scharfem Ton befohlen, erst nach Aufforderung zu erscheinen.

Nach einer Weile wird mir schließlich gestattet, den Balkon zu betreten.

Der Tisch ist noch festlicher geschmückt als gestern Abend und reichlich gedeckt. Es gibt Kaffee, Cornflakes, fluffige Brötchen (sic!), Käse, Wurst, Obst, diverse Aufstriche und Kuchen. Natürlich Käsekuchen.

Geburtstagstisch mit M+Ms. Die Bundes-Zahnärztekammer freut sich.

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Wobei die Bezeichnung Käsekuchen vielleicht nicht voreilig gewählt werden sollte. Den haben wir gestern alle gemeinsam zubereitet. Da es im Ferienhaus keine Kuchenform gibt, mussten wir auf eine Fertigbackmischung mit Plastikspringform zurückgreifen.

Käsekuchen. Vorher.

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Der Karton enthielt insgesamt vier Beutel. In einem befand sich ein sägespanartiges Pulver, das mit Butter vermischt als Boden in die Plastikform gedrückt werden musste. Anschließend öffneten wir den zweiten Beutel, der eine weiße Substanz enthielt, die mit Milch anzurühren war und die Quarkmasse darstellen sollte. In Ermangelung eines elektrischen Quirls schlugen die Freundin und ich die Masse manuell mit einem Schneebesen bis wir fast eine Sehnenscheidenentzündung erlitten. Das Resultat erforderte sehr viel Phantasie, um es sich als Käsekuchenquark vorzustellen. Es schmeckte eher wie Marshmallow-Creme, die mit zu viel künstlichem Zitronenaroma angerührt wurde. Für den krönenden Abschluss gab es noch zwei Pakete mit einer gallertartigen roten Masse, die mit Hilfe verschiedener E-Zusatzstoffe suggerieren soll, dass es sich um Kirschsauce handelt.

Dieses Kunstwerk der chemischen Lebensmittelindustrie stand dann die ganze Nacht im Kühlschrank, um in einen festen Aggregatszustand überführt zu werden, und wartet jetzt darauf, verzehrt zu werden. Erstaunlicherweise ergibt die Kombination der drei Kuchenbestandteile, die sich gestern einzeln alle an der Grenze zur Ungenießbarkeit bewegten, heute ein einigermaßen akzeptables Geschmackserlebnis. Man darf es sich halt nur nicht als Käsekuchen vorstellen. (Ich möchte es lieber als „Notkäsekuchen“ bezeichnen.)

Käsekuchen. Nachher.

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Bevor wir das Frühstück fortsetzen können, gibt es erstmal Geschenke für mich. Und Geburtstagsgeschenke sind ja immer ein sehr guter Indikator für das Fremdbild, welches die Familie von einem hat.

Von der Frau bekomme ich Multivitamin-Brausetabletten, eine Tagescreme mit ‚Lift Effect‘ sowie ein Bartpflege-Öl, das laut Etikett auch gegen Juckreiz helfen soll. Anscheinend hält die Gattin mich für einen siechenden unter Vitaminmangel leidenden Mann mit faltiger Haut und verdorrtem Bart, dessen Gesichtsbehaarung in erster Linie dazu dient, Ekzeme zu verdecken.

Zur Bestätigung meiner Annahme, weist die Frau mich darauf hin, die Vitamintabletten seien hilfreich für die Skorbutprophylaxe. Frage Sie, wie sie darauf käme, ich könnte Skorbut haben. Sie erwidert, sie habe mal gelesen, Haarausfall sei ein deutliches Symptom diesbezüglich und da gäbe es bei mir gewisse Anzeichen. (Bei dem Wort Anzeichen macht sie mit dem Mittel- und Zeigefinger ihrer Hände Anführungszeichen in der Luft.) Dies sind Momente, in denen eine altersbedingte Schwerhörigkeit und Sehschwäche durchaus wünschenswert erscheinen.

Zumindest deutet der Buchgutschein, den sie mir auch noch überreicht, darauf hin, dass sie mich für geistig noch einigermaßen vital hält und in der Lage sieht, zu lesen. Vielleicht aber auch nicht, denn sie erklärt mir, dass man davon auch Hörbücher kaufen könne. (Wenn ich mich nicht täusche, redet sie heute Morgen auch etwas lauter und akzentuierter.)

Dann hält mir die Tochter ihr Geschenk vor die Nase. Es ist ein Buch. „Eine fast perfekte Familie“ von Meg Mitchell Moore. Im Klappentext heißt es: „Wenn eine Familie auf den Abgrund zusteuert und man trotzdem sofort bei ihr einziehen will.“ Nun ja, von der fast 13-jährigen Tochter verstehe ich das mal als Kompliment.

Das Geburtstagspräsent des Sohnes ist ebenfalls ein Buch. Von Chris Tall: „Selfie von Mutti! Wenn Eltern cool sein wollen …“ In seinem beiliegenden Brief beteuert der Sohn aber, ich sei nicht peinlich. Zumindest meistens nicht.

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Am Strand hat glücklicherweise wieder unser Stammkellner Dienst. Zur Feier des Tages bestellen wir uns heute frisch gepresste Orangensäfte. Die Frau murmelt dabei etwas von Skorbut, Haarausfall und Vitaminen. Der Kellner nickt verständnisvoll. Werde morgen ein ernstes Wort mit ihm reden. (Und ihn dabei fragen, mit was er eigentlich seinen dichten schwarzen Bart pflegt. Ich könnte ihm da ein spezielles Öl empfehlen.)

Ansonsten versuche ich es heute erstmal ruhig angehen zu lassen. Immerhin bin ich ja jetzt 41. Auch nicht wirklich ein Grund, um in euphorische Begeisterungsstürme auszubrechen. Wenn man Glück hat, ist jetzt Halbzeit. Ein Mann im besten Alter sozusagen. Was ja auch nur ein kläglicher Euphemismus dafür ist, dass sich von nun an die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit unaufhaltsam und immer schneller gen Süden neigt. (Das gleiche gilt für Muskulatur und Bindegewebe.) Bald werden mir junge Menschen über die Straße helfen wollen und bieten mir ihre Sitzplätze im Bus an. Und in nicht allzu ferner Zukunft werde ich zur Kernzielgruppe des Teils der Pharmaindustrie, die Pillen zur Behebung erektiler Dysfunktionen anbietet. Schönen Dank auch!

Während ich so vor mich hinsinniere, legt sich im Hintergrund der DJ wieder mächtig ins Zeug und beschallt den Strand mit seiner üblichen avantgardistischen Elektro-Musik. Es wäre mein größtes Geburtstagsglück, wenn ganz Chalkidiki just in diesem Moment von einem großflächigen Stromausfall heimgesucht würde und wenigstens einmal Ruhe am Strand herrschte. Das wäre schön.

Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Und das ist eigentlich auch ganz gut so, denn bei Wunschkonzerten erbitten sich die Menschen häufig ganz fürchterliche Lieder. Zum Beispiel avantgardistische Elektro-Musik.

Nach gut anderthalb Stunden kommt der Sohn zu mir an die Liege und sagt, weil ich heute Geburtstag hätte, dürfte ich mit ihm im Wasser mit seinem neuen Ball spielen. Antworte ihm, weil ich heute Geburtstag hätte, würde ich am liebsten faulenzen. Daraufhin mutmaßt der Sohn, dass ich jetzt wahrscheinlich so alt sei, dass ich mich nicht mehr so viel bewegen könnte. Die Frau lacht laut. (Eigentlich schon unangenehm laut. Auf eine geradezu ordinäre Art. Schlimm!)

Nun bin ich also gezwungen, doch ins Wasser zu gehen und durch Bällewerfen zu demonstrieren, dass mein BMI und mein Körperfettanteil vielleicht leicht verbesserungswürdig sind, ich aber immer noch über die ausdauernde Athletik, geschmeidigen Bewegungen und präzise Hand-Augen-Koordination eines durchtrainierten 20-jährigen verfüge. Eine halbe Stunde im Wasser und zahlreiche verworfene und nicht gefangenen Bälle beweisen mir (und den anderen Strandbesuchern) eindrucksvoll das Gegenteil.

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Als die Nachmittagssonne und die Strandmusik unsere Kleinhirne zermürbt haben, gehen wir erstmal nachhause. Dort trinken wir Kaffee und essen Kuchen. Denn der Geburtstagskuchen mag zwar keine Cynthia-Barcomi-Kreation sein, aber es ist immer noch Käsekuchen. Oder so etwas Ähnliches. Zumindest das Bild auf der Fertigbackmischung sah nach Käsekuchen aus.

Nachdem alle frisch geduscht sind, gestattet es uns die Urlaubskasse – wenn auch nur widerwillig und zähneknirschend –, dass wir in die Taverne gehen dürfen. Am Geburtstag möchte man schließlich nicht in der Küche stehen und kochen. Und noch weniger möchte man nach dem Essen in der Küche stehen und abwaschen. (Das möchte man eigentlich nie.)

Bei unserem Stamm-Kostas lassen wir es uns gut gehen. Wir bestellen Tsatsiki, gegrillten Feta, Auberginen-Salat, Hühnchen-Souvlaki, gefüllten Burger, Pommes, gegrillte Auberginen und griechischen Salat, dazu gibt es Mythos-Biere und zuckrigen Eistee. So ein Geburtstagsessen soll ja keine medizinische Maßnahme sein, um Cholesterin- und Blutfettwerte auf wünschenswerte Parameter zu senken, sondern es ist eine Ode an das Leben. Das verkürzt man durch das fettige Essen und den Alkohol allerdings erheblich.

Im Anschluss gönnen wir uns am Strand noch Cocktails, Cola und Wassermelonen-Saft. Die Urlaubskasse schüttelt missbilligend den Kopf.

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Beim obligatorischen Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spielen hat der Sohn als erster alle seine Männchen im Häuschen. Allerdings besagt die Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Ordnung von 1831, dass das Geburtstagskind – das bin zufällig ich – automatisch und zwingend zum Gewinner erklärt werden muss. Der Rest der Familie widerspricht mir aber und findet, ich hätte heute schon genug Geschenke bekommen.

Gute Nacht!

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2 commentaires sur “Griechenland 2016 – Tag 6: Von nächtlichen Geburtstagstischen, Notkäsekuchen und würdevollem Altern

  1. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute.
    41 ist übrigens nix. Da gehts erst richtig los. Ich spreche da aus Erfahrung. :-)
    Und graue Haare haben Männer grundsätzlich keine. Wenn überhaupt sind die höchstens hellschwarz.

    Aber was um alles in der Welt haben Kirschen auf einem Käsekuchen zu suchen? Welch ein Sakrileg.

    • Herzlichen Dank.

      Bei einem Notkäsekuchen sind anscheinend auch Kirschen erlaubt. Oder was auch immer das war.

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