Gespräche mit dem Tod (10): Die Hodenkrebsvorsorge

Es ist Freitagmorgen, 10 Uhr. Ich sitze in einem kleinen stickigen Wartezimmer beim Urologen und fühle mich unwohl. Gestern hatte ich im Internet einen Artikel über Hodenkrebs gelesen. Die häufigste bösartige Krebserkrankung bei Männern zwischen 20 und 45. Besonders aggressiv und schnell streuend. Deswegen solle man regelmäßig seine Hoden auf Anomalien abtasten.

Pflichtbewusst begab ich mich also ins Bad, um meinen Hoden einer gründlichen Inspektion zu unterziehen. Der linke fühlte sich an, wie in dem Artikel beschrieben. Vorschriftsmäßig wie ein hart gekochtes Ei ohne Schale. Lediglich ein wenig haariger. Also alles im grünen Bereich.

Im rechten Hoden entdeckte ich aber etwas, das da nicht hinzugehören schien. Eine Art Vergrößerung des Hoden. Zwar schmerzlos, aber trotzdem beunruhigend. Laut dem Artikel nämlich ein möglicher Hinweis auf Hodenkrebs.

Wie die meisten Männer tendieren ich eigentlich dazu, Arztbesuche zu vermeiden und körperliche Beschwerden auszusitzen. Bei einer merkwürdigen Geschwulst am Hoden erschien mir das aber wenig ratsam. Also rief ich mit schwitzigen Händen in einer urologischen Praxis an und bekam nach der Beschreibung meiner Symptome sehr schnell einen Termin zur Hodenkrebsvorsorge. Als Kassenpatient beunruhigte mich dies noch mehr.

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Nach einer sehr unruhigen Nacht in der ich mir sehr lebhaft meine Krebserkrankung inklusive Chemotherapie und Haarausfall vorstellte und wie sich die trauernde Familie um mein Bett versammelt, um Abschied zu nehmen, warte ich nun darauf, dass sich der Urologe meiner Hoden annimmt. Außer mir sitzen im Wartezimmer noch ein paar andere junge Männer, die konzentriert in ihre Smartphones starren. Die erste Regel des Urologen-Clubs: Man vermeidet Blickkontakt.

Mir gegenüber sitzt ein greiser Mann, aus dessen Hose ein Katheter ragt und der seinen halb gefüllten Urinbeutel an seine Gehhilfe gehängt hat. Auch keine schöne Preview auf das eigene Altern.

Während ich meinen trübseligen Gedanken nachhänge und überlege, welche Musik am besten auf meiner Beerdigung gespielt werden soll, geht die Tür des Wartezimmers auf. Herein tritt ein hagerer Mann in schwarzer Kutte, der einen leicht modrigen Geruch verströmt. Es ist mein Freund, der Tod. Er setzt sich auf den freien Stuhl neben mir und klopft mir zur Begrüßung auf die Schulter.

Der Tod.

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Gastgebloggt: Verliebt in den Tod

Wiederkehrende Leser kennen die „Gespräche mit dem Tod“, die hier regelmäßig auf dem Blog erscheinen. Allerdings war mir nicht bewusst, dass meine Unterhaltungen mit dem Sensenmann beobachtet werden. Dies weiß ich inzwischen dank Jessi vom Blog „Terrorpüppi“. Diese schreibt normalerweise auf ihrem sehr lesenswerten Blog über das Leben mit Kind, Doktorarbeit und Job und wie sie das alles unter einen Hut bringt oder manchmal auch nicht. Nebenbei ist sie aber anscheinend auch die Biografin von Alekto, eine der drei Furien aus der griechischen und römischen Mythologie. In dieser Funktion hat sie den folgenden Gastbeitrag verfasst. Das klingt jetzt vielleicht etwas verschroben, aber ich durfte Jessi schon persönlich kennenlernen und sie ist vollkommen normal. Oder genauso verrückt wie ich. Das müssen andere beurteilen.

Viel Spaß beim Lesen!

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Es ist Sonntag und scheiße früh. Auch noch November. Unglaublich, was diesem alten Zausel schon wieder einfällt. Jetzt geht der Lump vom Familienbetrieb auch noch joggen. Und mit ihm mein angebeteter Tod, der anscheinend den nur wenig mit Adonis oder Herkules vergleichbaren Zauselbart als Freund betrachtet. Wäre ich nur eine überaus wütende, aber nicht auch äußerst verliebte Furie, hätte ich zumindest diesen stets nach Käsekuchen gierenden Kerl längst zur Strecke gebracht.

Ach Tod. Wenn du mich doch nur endlich bemerken würdest. Seit der Schlacht bei den Thermopylen folge ich dir nun schon. Fast 2500 Jahre begleite ich dich auf Schritt und Tritt und doch hast du mich nie eines Blickes gewürdigt. Nur für dich habe ich meine Schwestern Megaira und Tisiphone verlassen, um dir unaufhörlich nachjagen zu können. Einst war die Rache mein Geschäft, doch längst bin ich, Alekto, nur noch ein Schatten meiner Selbst. Ja, es gab einmal Zeiten, da hatte die Welt noch Angst vor mir. Da fürchtete ein jeder meine fürchterliche Rache. Niemand war vor mir sicher. Kein Versteck war verborgen genug.

Der Tod.

Der Tod.

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Gespräche mit dem Tod (6): Sport ist Mord

Sonntagmorgens, 8 Uhr, im November. Jogge verschlafen die Spree entlang. Mein verzweifelter und sysiphosischer Versuch, meine durch kohlehydrathaltige Teigwaren und zuckriges Hefegebäck weniger adonishaft als barock geformten Hüften durch regelmäßiges Laufen zu stählen. Trabe daher mit trüben Gedanken über alternative Freizeitbeschäftigungen, die mein Bedürfnis nach hedonistischer Lustmaximierung viel besser befriedigen könnten, über den Kiesweg.

Plötzlich holt mich eine stark keuchende Gestalt ein. Sie trägt ein weites Kapuzenoberteil aus dunkelbraunem grob gewebtem Leinenstoff (wahrscheinlich nicht atmungsaktiv), das einen süsslich-modrigen Geruch verbreitet. Die Beine stecken in einer labberigen kurzen Hose aus dem gleichen müffelnden Material und an den Füßen trägt sie ein Paar Laufschuhe, die schon zu Zeiten Emil Zatopeks nicht mehr dem aktuellen orthopädisch-sportwissenschaftlichen Stand entsprachen.

Die Gestalt krächzt mir ein freundliches „Guten Morgen!“ entgegen. Da erkenne ich, dass es mein Freund, der Tod, ist. Ich mag ihn wirklich gern, aber ihn beim Sport zu treffen, beunruhigt mich doch ein wenig.

Der Tod.

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Gespräche mit dem Tod (5): Auf Freiersfüßen

Sitze in einem Straßencafé und genieße den sonnigen Herbsttag. Habe mich hierhin zurückgezogen, um mir eine neue Geschichte für den Blog auszudenken, denn der letzte Beitrag liegt schon einige Wochen zurück. Versuche meine Gedanken zu ordnen und stelle fest, gar nicht so viele Gedanken zu haben. Eigentlich nur einen. Ob der Käsekuchen in der Vitrine so gut schmeckt, wie er aussieht. Da dies nur in einem Feldversuch geklärt werden kann, bestelle ich mir ein Stück und dazu einen Kaffee.

Will mir gerade eine Gabel voll Kuchen in den Mund schieben, als eine dürre Gestalt in zerschlissener, müffelnder Kutte an meinen Tisch tritt. Es ist der Tod, der mich regelmäßig besucht, um ein Schwätzchen zu halten.

„Hallo, alter Freund!“, begrüßt er mich fröhlich. „Was dagegen, wenn ich mich zu dir setze?“

„Ganz und gar nicht“, sage ich und mache eine einladende Handbewegung auf den leeren Stuhl mir gegenüber.

„Ist der Kaffee hier gut?“, will der Tod wissen.

Ich nicke: „Aber auch ziemlich stark. Der erweckt sogar Tote wieder zum Leben.“

„Dann trinke ich lieber Tee“, erwidert der Tod und ordert einen.

Der Tod. Auf Besuch.

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Gespräche mit dem Tod (4): Wer zuletzt lacht

Es ist Samstagmorgen, 3 Uhr. Wache auf und habe einen Riesendurst. Hatten gestern Abend Besuch von Freunden und es wurde etwas später. Oder etwas früher, ganz wie man will. Mehr Alkohol getrunken, als es vernünftig ist, haben wir auch.

Entsprechen fühlt sich meine Zunge an, als sei sie in der Nacht zu einem Flokatiteppich mutiert. Und der Geschmack in meinem Mund deutet darauf hin, dass ein räudiges Frettchen auf diesen Teppich gepinkelt hat. Es bleibt mir also nichts anderes übrig als aufzustehen, um etwas zu trinken.

Betrete die Küche und zucke zusammen. An unserem Küchentisch sitzt eine hagere, fahle Gestalt, gekleidet in eine zerschlissene, leicht müffelnde Kutte. Neben ihr an der Wand lehnt eine große Sense. Die Gestalt lächelt mich freundlich an. Es ist der Tod, der mich ab und an besucht, um ein Schwätzchen zu halten.

Der Tod. Auf Besuch.

Der Tod. Auf Besuch.

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Gespräche mit dem Tod (3): Der Fernsehabend

Es ist Freitagabend. Bin alleine zuhause, da die Freundin mit den Kindern übers Wochenende zu einem Verwandtenbesuch weggefahren ist. Bereite mein Abendessen vor. Wie es sich für einen Strohwitwer gehört, gibt es Tiefkühl-Pizza. Und wie ein richtiger Strohwitwer gedenke ich, diese vor dem Fernseher zu essen.

Es klingelt. Öffne die Tür. Vor mir steht die mir schon vertraute dürre Gestalt in seiner modrigen Kutte und mit der großen Sense in der rechten Hand. Es ist der Tod, der gelegentlich bei mir vorbeischaut. Wie immer stutze ich zunächst kurz und überlege, ob es ein Freundschaftsbesuch ist oder ob vielleicht mein letztes Stündlein geschlagen hat. Es wäre mir doch sehr unangenehm, wenn ich in Abwesenheit der Freundin und der Kinder stürbe und sie nach drei Tagen meinen schon leicht müffelnden Leichnam fänden, an dem sich bereits die Maden gütlich tun.

Der Tod. Auf Besuch.

Der Tod. Auf Besuch.

Der Tod beruhigt mich. Jetzt, wo der Osterstress vorbei sei, wollte er sich einfach mal erkundigen, wie es mir ginge. „Und ich dachte, nachdem Sie das Saft-Fasten beendet haben, könnten wir ein wenig abhängen und ein paar Bier trinken.“ Mit der Linken hält er mir strahlend ein Six-Pack vor die Nase.

„Von mir aus gerne.“ Mit diesen Worten bitte ich den Tod herein. „Ich bin ohnehin gerade alleine. Haben Sie denn überhaupt so viel Zeit?“, erkundige ich mich.

„Ach, wissen Sie, seit Terry Pratchett Mitte März gestorben ist, können sich Gott und der Teufel nicht einigen, ob er in den Himmel oder in die Hölle gehört“, erklärt der Tod seufzend. „So lange die beiden sich streiten, macht es keinen Sinn, wenn ich Nachschub bringe, der dann doch nur vor verschlossenen Türen stehen muss.“

„Aber warum wollen Gott und der Teufel Terry Pratchett nicht bei sich aufnehmen?“, wundere ich mich.

„Ganz im Gegenteil“, ruft der Tod. „Sie streiten sich, wer ihn haben darf!“

„Das kann ich mir gut vorstellen“, nicke ich.

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