Gespräche mit dem Tod (6): Sport ist Mord

Sonntagmorgens, 8 Uhr, im November. Jogge verschlafen die Spree entlang. Mein verzweifelter und sysiphosischer Versuch, meine durch kohlehydrathaltige Teigwaren und zuckriges Hefegebäck weniger adonishaft als barock geformten Hüften durch regelmäßiges Laufen zu stählen. Trabe daher mit trüben Gedanken über alternative Freizeitbeschäftigungen, die mein Bedürfnis nach hedonistischer Lustmaximierung viel besser befriedigen könnten, über den Kiesweg.

Plötzlich holt mich eine stark keuchende Gestalt ein. Sie trägt ein weites Kapuzenoberteil aus dunkelbraunem grob gewebtem Leinenstoff (wahrscheinlich nicht atmungsaktiv), das einen süsslich-modrigen Geruch verbreitet. Die Beine stecken in einer labberigen kurzen Hose aus dem gleichen müffelnden Material und an den Füßen trägt sie ein Paar Laufschuhe, die schon zu Zeiten Emil Zatopeks nicht mehr dem aktuellen orthopädisch-sportwissenschaftlichen Stand entsprachen.

Die Gestalt krächzt mir ein freundliches „Guten Morgen!“ entgegen. Da erkenne ich, dass es mein Freund, der Tod, ist. Ich mag ihn wirklich gern, aber ihn beim Sport zu treffen, beunruhigt mich doch ein wenig.

Der Tod.

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Bretagne 2015 – 12. Tag: Von Küstenläufen, Strandküchen und Sandflöhen

Trete morgens früh auf die Terrasse und lasse den Blick über den Garten hinaus aufs Meer schweifen. Die Luft ist klar, der Himmel wolkenlos, die Sonne scheint. Ein Tag, wie geschaffen, um ganz Besonderes zu leisten. Um Helden zu zeugen, um Kontinente zu entdecken, um Medizin gegen unheilbare Krankheiten zu entwickeln oder um eine Rhinozerosherde die atlantische Küste entlang zu treiben.

Esquibien. Ein Tag für ganz besondere Großtaten.

Esquibien. Ein Tag für ganz besondere Großtaten.

Da unsere Familienplanungen bereits abgeschlossen sind, die Erde weitestgehend kartographiert ist und wir über keine nennenswerten medizinisch-naturwissenschaftlichen Kenntnisse verfügen, entscheiden sich der Bonner Freund und ich für die letzte Option: Wir wollen einen letzten 10-Kilometer-Urlaubslauf einlegen, romantisch und größtenteils ebenerdig verlaufend die Küste entlang in westliche Richtung und dann über die Dörfer zurück nach Esquibien. Weiterlesen

Bretagne 2015 – 10. Tag: Von Jedi-Nilpferden, Rippen und Postkartenschreiben

Wache aus dem Tiefschlaf auf, weil mich jemand an der Schulter rüttelt. Es ist der Sohn. Er trägt Sportklamotten und will mit mir joggen. Anscheinend habe ich ihm das gestern versprochen. Behauptet er zumindest. Kann mich nicht daran erinnern oder habe es verdrängt. Ganz tief ins Unterbewusstsein. Komme aber nicht mehr aus der Nummer raus, denn der Sohn insistiert, dass wir zusammen laufen.

Esquibien. Ein Tag, wie zum Laufen gemacht. Oder zum Schlafen.

Esquibien. Ein Tag, wie zum Laufen gemacht. Oder zum Schlafen.

Ziehe mich also schnell an und langsam traben wir, Vater und Sohn, gemeinsam los. Eigentlich macht es mich auch ein wenig stolz, dass der Sohn meinem Hobby nacheifert und möchte, dass ich ihn in die Geheimnisse des Laufens einweihe. Gewissermaßen wie ein Jedi, der seine Weisheiten an seinen jungen Padawan weitergibt.

Gut, so wie wir nebeneinander herlaufen, ist vielleicht das Bild eines jungen überschwänglichen Zickleins und eines gemütlichen Nilpferd-Bullen etwas zutreffender. Das Jedi-Nilpferd und das Padawan-Zicklein. Könnte eine super Story werden. Auch für Hollywood. Weiterlesen

Bretagne 2015 – 8. Tag: Von Zauseln, Spaziergängen und Wunsch-Feen

Wache morgens kurz nach 7 Uhr auf und danke Wettergott und Wetter-App auf den Knien: Es regnet und stürmt. Das heißt, der vom Bonner Freund gestern Abend angeregte 16/17-Kilometer-Lauf nach Pont Croix muss leider entfallen. Wie bedauerlich!

Esquibien bei Regen. Mal wieder.

Esquibien bei Regen. Mal wieder.

Öffne drei Stunden später erneut die Augen. Nach Adam Riese, der immer herhalten muss, wenn einfachste Rechenoperationen korrekt ausgeführt wurden, ist es jetzt 10 Uhr. Im Haus schlafen alle anderen noch. Kontrolliere kurz, ob die Kinder noch atmen. Glücklicherweise sind sie wohlauf und schlummern tatsächlich noch friedlich.

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Gehe ins Bad und mustere mich im Spiegel. Ein ungekämmter, sonnengebräunter Zausel mit struppigem Bart schaut mich an. Etwas verwahrlost, jedoch nicht vollkommen unsympathisch. Zumindest in meinen Augen.

Unter normalen Umständen wäre es angebracht, mal wieder den Kamm zu bemühen und das Gesichtshaar ein wenig zu trimmen. Aber es ist Urlaub und im Urlaub gebe ich mich gerne als leicht zerzauster, entrückter Intellektueller. Visuell gelingt mir das schon ganz gut. Und so lange ich den Mund halte.

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Bretagne 2015 – 6. Tag: Von Regen-Lauf-Romantik, Dudelsäcken und Süßigkeiten

Werde morgens vom Regen, der gegen das Fenster peitscht, geweckt. Kontrolliere sicherheitshalber die Wetter-App. 100 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Es scheint tatsächlich zu regnen.

Esquibien. Regenwahrscheinlichkeit 100 Prozent.

Esquibien. Regenwahrscheinlichkeit 100 Prozent.

Eigentlich wollten der Bonner Freund und ich heute laufen. Der wankt um 8 Uhr jedoch nur kurz ins Schlafzimmer und wir grunzen uns zu, dass das Joggen heute ins sprichwörtliche Wasser fällt. Lieber faul im warmen Bett, als sportlich im kalten Nass. Ist eine alte bretonische Weisheit. Die ich gerade erfunden habe.

Drehe mich um und versuche, wieder zu schlafen. Aber eine Stunde später kommt der Bonner Freund schon wieder ins Schlafzimmer. In Sportklamotten. In seinen Augen lodert jetzt das Feuer der Laufleidenschaft. Es habe aufgehört zu regnen und nun gebe es keine Entschuldigung mehr, nicht laufen zu gehen, erklärt er euphorisch.

Möchte hm da nicht uneingeschränkt zustimmen. Denn mir fallen so einige Entschuldigungen ein: Das Bett ist warm, das Müde groß, das Wach klein, die Laufstrecke lang, die Berge anstrengend, der Boden feucht, der Wind windig und so weiter und so fort.

Zu der frühen Uhrzeit und dem fortgeschrittenen Urlaub stellt das Artikulieren klarer Aussagen für mich jedoch eine große Herausforderung dar. Außerdem trippelt der Bonner Freund erwartungsvoll vor mir rum. Deute also ein Nicken an, rolle mich aus dem Bett, schlüpfe irgendwie in Laufkleidung und schon laufen wir gemeinsam die hügelige Straße Richtung Audierne entlang.
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Bretagne 2015 – 3. Tag: Von Nebel, Strand-Erholung und Sonnenbränden

Der Start in den Tag ist eher ernüchternd. Nicht nur, dass ein frühmorgendlicher 10-Kilometer-Lauf zum Bäcker ansteht, sondern auch das Wetter lässt weiterhin schwer zu wünschen übrig. Die gestern von der Wetter-App euphorisch angekündigte Sonne mit lediglich leichter Bewölkung ist noch nicht in Esquibien angekommen. Eventuell handelt es sich um eine Touristen-App, die falsche Wettervorhersagen vorspielt, um tumbe Deutsche bei Laune zu halten.

Esquibien. Das Wetter ist kaputt. Oder die Wetter-App.

Esquibien. Das Wetter ist kaputt. Oder die Wetter-App.

Wie dem auch sei, es ist auch heute sehr diesig (Kategorie ‚Erbsensuppe‘). Befürchte gleich wird hier das Set für eine Verfilmung des Edgar-Wallace-Klassikers ‚Im Nebel siehst du keinen Feind‘ aufgebaut. Das Wetter wäre auf jeden Fall perfekt dafür.

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Bretagne 2015 – 2. Tag: Von Regen-Läufen, Spinnennetzen und bretonischem Senkblei

Das Unglück nahm bereits gestern Abend seinen Lauf. Als der Bonner Freund fragte, ob wir morgen – als heute – joggen gehen wollen. Nach der gestrigen Velo-Höchstleistung, wollte ich „Nein“ sagen. Aus meinem Mund kam aber ein „Ja“. Das machen Männer so. Man will ja keine Schwäche zeigen, sondern täuscht Leistungsfähigkeit, Tatendrang und Willensstärke vor. Wie so ein Vollidiot!

Stehen also früh morgens auf der Terrasse und dehnen uns. Das Wetter ist traumhaft schön. Für Südostasien in der Regenzeit. Sonst eher nicht. Es nieselt ziemlich stark und ist sehr neblig. Schaue dem Bonner Freund in die Augen. Er zuckt nicht, ich auch nicht. Das heißt, keiner macht einen Rückzieher und wir laufen tatsächlich. Verdammt!

Esquibien. Wolkenlos bei 29 Grad.

Esquibien. Wolkenlos bei 29 Grad.

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Die fetten Jahre sind vorbei. Vielleicht.

Es ist der erste Samstag des neuen Jahres. Stehe morgens nach dem Aufstehen im Bad und schaue in den Spiegel. Ein pausbäckiger Enddreißiger grinst mich freundlich an. Allerdings entgleitet ihm das Lächeln und wird durch einen Ausdruck des Entsetzens ersetzt, als er an sich runterschaut und ein unübersehbares Feiertagsbäuchlein entdeckt – und die Verniedlichungsform dient hier eher der Wahrung der eigenen Selbstachtung als der adäquaten Beschreibung der körperlichen Konstitution.

Auch durch Baucheinziehen und ausdauerndes Luftanhalten, das eines professionellen Apnoe-Tauchers würdig wäre, weigert sich der Bauch zu verschwinden. Er will einfach nicht weggehen, sondern bleibt da. Wie phlegmatische Verwandte, die sich selbst zum Kaffeetrinken eingeladen haben.

Dicker Buddha. Unerklärlich ausgelassen.

Dicker Buddha. Unerklärlich ausgelassen.

Anscheinend hat die stark kohlehydrat- und fetthaltige und sich nicht am Hunger- sondern Lustgefühl orientierende Ernährung im Dezember und insbesondere über die Feiertage zur Bildung von ein paar Fettpölsterchen geführt. Die obligatorischen neujährlichen guten Vorsätze lassen sich somit nicht länger aufschieben. Da laut Volksmund Leid durch teilen halbiert werden kann, möchte ich die Familie in Sippenhaft nehmen.

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Bretagne 2014 – 12. Tag: Street-Art

Heute, letzte morgendliche Laufrunde. Das Wetter meint es gnädig und malt pitoreske Wolkenbilder an den Himmel.

Ein Morgen. Wie gemalt.

Ein Morgen. Wie gemalt.

Und der Bonner Freund ist wieder mit von der Partie. Die offene Blutblase am kleinen Zeh, sie ist wieder verheilt. Bin vollkommen beseelt, nicht länger als einsamer Eremit joggen zu müssen.

Erzähle dem Bonner Freund von all meinen Lauferlebnissen ohne ihn, von meinen Gedanken, meinen Begegnungen. Beglücke ihn außerdem mit allen meinen humoristischen Bonmots, die ich mir beim Solo-Laufen ausgedacht habe. Nach 500 Metern hat er eine Blutblase am Ohr und macht den Eindruck, dass er den schnellen Heilungsprozess seines Fußes zutiefst bedauert. Weiterlesen

Bretagne 2014 – 4. Tag: Der Sandsuppenkasper

Wache morgens auf und stelle fest, dass ich nicht mehr weiß, welcher Wochentag heute ist. Damit hat sich endgültig die Urlaubsentschleunigung durchgesetzt. Dies macht sich dadurch bemerkbar, dass alltägliche Sachen für nicht mehr so wichtig erachtet werden (z.B. Rasieren und Kämmen). Darüber hinaus werden Tätigkeiten generell sehr viel langsamer durchgeführt als zuhause.

Ein wenig wie in den Action-Szenen der Matrix-Filme, wenn Keanu Reeves den Kugeln ausweicht. Nur dass ich mich nicht mit der gleichen Eleganz wie Neo in den Filmen bewege. Eigentlich eher wie so ein Pandabär, der den größten Teil des Tages mit Schlafen und dem Verzehren von Bambus verbringt. Wobei meine Urlaubsnahrungsmittel eigentlich hauptsächlich aus Weißbrot, Grillgut und Bier bestehen.
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