Gespräche mit dem Tod (2): Die Männergrippe

Wache nachts schweißgebadet mit Kopf- und Gliederschmerzen auf. Schon seit ein paar Tagen schlage ich mich mit einer Grippe rum. Und damit ist bei Männern nicht zu spaßen. Die Freundin wird es Ihnen bestätigen.

Messe Fieber. 39,6°! Als ich das Thermometer mit schwacher Hand auf den Nachtisch zurücklege, zucke ich zusammen. Am Bettrand steht eine hagere Gestalt in modriger Kutte mit einer großen Sense in der Hand. Verdammt! Die ganze Woche über hatte ich der Freundin gesagt, dass mich die Grippe noch umbringen wird und sie hat immer nur abgewunken. Nun bin ich im Recht, kann es ihr aber wahrscheinlich nicht mehr sagen. Irgendwie unbefriedigend.

Der Tod. Freundlich.

Der Tod. Freundlich.

Bin allerdings etwas verwirrt. Hatte ich nicht kürzlich beobachtet, wie der Tod überfahren wurde? Richte daher vorsichtig das Wort an die Gestalt an der Bettkante: „Entschuldigung, sind Sie es wieder? Der Tod?“

Die Gestalt nickt.

„Ich dachte, Sie wären tot?“, stammele ich. „Vor zwei Wochen habe ich doch mit eigenen Augen gesehen, wie Sie voll von diesem Auto erwischt wurden.“

„Das stimmt. Aber ich bin der Tod. Ich kann nicht sterben.“

„Verstehe“, erwidere ich mit verständnislosem Gesichtsausdruck.

„Sie müssen sich das wie bei ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ vorstellen“, erläutert der Tod geduldig. „Egal, was passiert, am nächsten Morgen wache ich wieder auf.“

„Und Sie werden jeden Morgen von ‚I got you babe‘ von Sonny & Cher geweckt?“, erkundige ich mich besorgt.

„Gott bewahre!“ Der Tod schlägt seine dürren Hände zusammen. „Ich habe bei meinem iPod den Shuffle-Modus eingestellt. So wird jeden Morgen ein anderes Lied gespielt. Heute war es zum Beispiel ‚Stairway to heaven‘ von Led Zeppelin. Ein toller Song. Wenn der Tag so beginnt, geht mir die Arbeit viel leichter von der Hand.“ Der Tod fängt an, das Lied zu pfeifen.

„Für Ihre Kunden auf jeden Fall besser als ‚Highway to hell‘!“, werfe ich scherzhaft ein. Der Tod schaut mich fragend an. Er scheint für feinsinnigen Humor nicht besonders empfänglich zu sein.

Versuche die peinliche Stille aufzulösen. „Und Sie sind jetzt wegen mir hier? Ich hatte ja gehofft, es dauert noch ein wenig länger, bis wir uns wiedersehen. Dann hätte ich die Steuererklärung doch nicht mehr ausfüllen müssen.“

„Keine Sorge.“ Der Tod hebt beschwichtigend die Hand. „Ich hatte in der Gegend zu tun. Der alte Pasulke von schräg gegenüber. Sein Herz hat es nicht mehr mitgemacht. Jetzt habe ich kurz Zeit bis zu meinem nächsten Auftrag und dachte, weil wir das letzte Mal so nett geplaudert haben …“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. „Sie sind selbstverständlich ein gern gesehener Gast. Zumindest so lange Sie nur auf ein Schwätzchen vorbeikommen.“ Ich lade den Tod ein, auf dem Bett Platz zu nehmen.

„Ich war schon etwas in Sorge, weil ich schon seit einer Woche an einer Männergrippe leide“, erkläre ich dem Tod. „Deswegen dachte ich, Sie seien gekommen, um mich zu holen.“

Skeptisch zieht der Tod die linke Augenbraue hoch. „Von der Männergrippe stirbt man doch nicht“, rügt er mich. „Sie sollten da Ihrer Freundin vertrauen. Die weiß Bescheid.“

Missmutig schaue ich den Tod an. Etwas versöhnlicher beugt er sich nach vorne und legt seine rechte Hand auf meine Schulter. Ein kalter Schauer läuft durch meinen Körper. Aber wenigstens das Fieber scheint sich ein wenig abzusenken. Wer den Tod im Haus hat, braucht anscheinend keine Wadenwickel. Eigentlich ganz praktisch.

„Kommen Sie, ich mache Ihnen eine heiße Zitrone mit Ingwer“, bietet der Tod an. „Die hilft Wunder und weckt sogar Tote auf. Hahahahahaha!“ Der Tod lacht sehr laut, aber wenig ansteckend über seinen mäßig lustigen Witz.

„Machen Sie nicht so einen Lärm!“, weise ich ihn flüsternd zurecht. „Die Kinder schlafen doch.“ Erschrocken hält sich der Tod die Hände vor den Mund.

Ich begleite ihn in die Küche. „Zitronen und Ingwer sind in der Schale auf dem Fensterbrett und scharfe Messer finden Sie links in der oberen Schublade“, erkläre ich und setze mich an den Küchentisch.

„Ich brauche kein Messer“, sagt der Tod und deutet vielsagend auf seine Sense.

„Das ist aber nicht besonders hygienisch, wenn Sie mit der Sense Obst schneiden, die Sie vorher dazu verwendet haben, um den alten Pasulke ins Jenseits zu befördern“, wende ich ein.

Der Tod beruhigt mich: „Die Sense kommt beim Überbringen der Todesnachricht nicht zum Einsatz. Die ist lediglich Teil meiner Corporate Identity und erhöht meinen Wiedererkennungswert. Dann gibt es keine Missverständnisse. Alles reines Marketing!“

Kurze Zeit später stellt mir der Tod eine dampfende heiße Tasse hin. Der Inhalt schmeckt fürchterlich. Zu viel Zitrone und zu viel Ingwer. Ich schätze, dass es mit dem Geschmackssinn beim Tod nicht allzu weit her ist.

Erwartungsfroh schaut mich der Tod an: „Und? Schmeckt’s?“ „Köstlich“, stoße ich hervor und befürchte, die Zitronensäure löst gerade meine Speiseröhre auf. Der Tod lächelt zufrieden.

Da fällt sein Blick auf die Uhr: „Oh, ich muss los. Habe eine Verabredung mit Leonard Nimoy. Den möchte ich nicht warten lassen.“

Ich bringe den Tod zur Tür. „Beehren Sie mich bald wieder“, rufe ich ihm hinterher.

„Sehr gerne. Dann bringe ich Kuchen mit. Käsekuchen. Das ist immer eine todsicher Wahl!“ Wieder lacht der Tod sein unmitreißendes Lachen. Einen Karrierewechsel als Stand-up-Comedian würde ich ihm nicht gerade empfehlen. Aber wenigstens hat er ein gutes Herz.

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Alle Teile der Serie „Gespräche mit dem Tod“ gibt es hier.

Grüß Gott. Mein Name ist Tod. #1000Tode

Mein Beitrag zum ‚Tausend Tode schreiben“-Projekt von Christiane Frohmann (weitere Informationen siehe unten).

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Sitze am Schreibtisch und arbeite an der Steuererklärung, als es klingelt. Vor der Tür steht ein hagerer fahler Mann. Er trägt eine zerschlissene schwarze Kutte, die leicht modrig riecht. In seiner knöchernen rechten Hand hält er eine große Sense.

Bin irritiert: „Was wünschen Sie?“

„Grüß Gott. Mein Name ist Tod“, sagt der Fremde mit dünner Stimme. „Ich muss Sie bitten, mit mir zu kommen.“

Meine Irritation wächst: „Wie? Ich? Zum Sterben?“

Der Tod nickt.

Bin wenig begeistert: „Das passt mir gar nicht. Ich kann jetzt nicht weg. Ich muss nachher den Sohn vom Hort abholen. Und fürs Abendessen muss ich auch noch einkaufen. Die Freundin wird sich bedanken, wenn ich sie damit allein lasse.“

„Tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern“, erklärt der Tod.

Lasse nicht locker: „Vielleicht liegt ein Irrtum vor?“

„Nein, Ihr Name steht in meinem Buch!“, insistiert er.

Unter seiner Kutte zieht der Tod eine abgewetzte, in Leder gebundene Kladde hervor und blättert darin. Er stutzt und wird noch blasser. Sofern das überhaupt geht.

„Der Name stimmt. Aber das Datum ist falsch!“, stammelt er.

„Da bin ich ja beruhigt“, freue ich mich.

Der Tod beginnt zu weinen: „Warum muss immer mir so etwas passieren?“

Versuche ihn zu beruhigen: „Seien Sie nicht so hart zu sich selbst. Jeder macht Fehler.“

Sein Schluchzen wird stärker: „Wissen Sie, die viele Arbeit. Tagein, tagaus muss ich Leute holen. 365 Tage im Jahr. Ohne Urlaubsvertretung. Und wenn ich krank bin, springt auch keiner für mich ein.“

Der Tod sieht wirklich schlecht aus. Ganz kränklich, überarbeitet und abgehetzt.

Schaue ihn mitfühlend an: „Das muss hart sein. Sie sollten sich gewerkschaftlich organisieren.“

„Das geht nicht. Ich bin doch selbstständiger Einzelunternehmer“, jammert er.

Suche nach konstruktiven Vorschlägen: „Denken Sie an Ihre Gesundheit. Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und schaffen Sie sich Freiräume für Hobbys. So ein Burn-out kommt schneller als man denkt. Weniger Arbeit, mehr YOLO!“

Der Tod schaut mich fragend an.

„YOLO! Sie verstehen schon. You only live once!”, erkläre ich geduldig.

Der Tod nickt traurig: „Danke. Auch dafür, dass Sie mit mir reden. Passiert mir nicht oft.“

„Keine Ursache.“ Klopfe ihm ermunternd auf die Schulter. „Eine Frage hätte ich noch. Wegen des Datums, an dem Sie wiederkommen. Ich sitze nämlich gerade an der Steuererklärung und frage mich, ob sich das überhaupt noch lohnt.“

Der Tod schüttelt den Kopf: „Das darf ich nicht verraten.“

„Verstehe“, sage ich. „Na gut, bis dann. Hoffentlich erst so in dreißig, vierzig Jahren. Aber unterstehen Sie sich, vorher bei meinen Kindern vorbeizuschauen. Da verstehe ich keinen Spaß!“

Aber der Tod hört mich nicht mehr. Trübselig trottet er von dannen. Schaue ihm am Fenster hinterher.

An der Ecke passiert es. Ohne auf den Verkehr zu achten, überquert der Tod die Straße. Ein Auto erwischt ihn mit vollem Tempo.

Der Tod wird durch die Luft geschleudert und prallt hart auf dem Asphalt auf. Reglos bleibt er liegen. Der arme Kerl. Eigentlich war er ganz nett. Es war wohl einfach nicht sein Tag.

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Die Digital-Verlegerin Christiane Frohmann hat letztes Jahr mit ‚1.000 Tode schreiben‘ ein großartiges, ja fast aberwitziges E-Book-Projekt gestartet: 1.000 Autoren schreiben 1.000 kurze Texte über den Tod. Zusammen sollen die Texte ein Bild ergeben, wie der Tod heute in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Am 13. Februar erschien die dritte von vier Version des Buchs, in dem auch ich unter Nummer 271 einen Text beisteuern durfte.

Christiane Frohmann (Hg.): 1.000 Tode schreiben

Christiane Frohmann (Hg.): 1.000 Tode schreiben

Besonderer Dank für dieses einzigartige Projekt gilt – neben Christine Frohmann – Tina Giesler von type:area und Stefan Mesch‚1.000 Tode schreiben‘ ist als E-Book u.a. bei minimore erhältlich (bei Erscheinen der vierten Version erhält man diese kostenlos als Update). Der Kauf lohnt sich, denn es gibt nicht nur tolle, bewegende und ergreifende Texte zu lesen, sondern die Einnahmen gehen auch komplett an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin.

Für die vierte und finale Version (erscheint am 13. März) von ‚1.000 Tode schreiben‘ sucht Christiane Frohmann noch viele weitere Texte. Insbesondere Beiträge in anderen Sprachen sowie von Kindern, Jugendlichen sowie Menschen, die professionell mit dem Tod zu tun haben, sind sehr willkommen. Einsendeschluss ist der 1. März. Ein Exposé kann hier heruntergeladen werden (in unterschiedlichen Sprachen).