Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
29. Dezember 2025, Westerburg
Jogge morgens auf dem Radweg Richtung Wallmerod. Letzter Lauf des Jahres. Um kurz nach sieben, bei -4°, im Dunklen, bei Nebel. Fühle mich wie ein Supernatural-Komparse, der innerhalb der ersten fünf Minuten einer Episode von einem Dämon, einem Werwolf oder irgendeinem anderen gruseligen Getier gemeuchelt wird.
Warum ich mir das antue? Weil meine Lauf-App das will. Laut dieser fehlen mir noch sechs Kilometer, um dieses Jahr auf 3.000 Kilometer zu kommen.
Schon ziemlich zwanghaft, diese Zahl unbedingt erreichen zu wollen. Dafür kann man sich ja nichts kaufen. Gut, die Menschen bringen dir eine gewisse Bewunderung entgegen, wenn du so viel läufst. Und noch mehr Befremden, das sie aber zu verbergen versuchen. (Ihren Augen sieht man es meistens an: „Was für ein Freak.“)
Andererseits wäre es sehr gewollt gleichgültig, die wenigen letzten Kilometer nicht noch zu laufen. Unangenehm kokettierend: „Mir ist das egal. Ich laufe nur aus Freude an der Bewegung.“
Was fett gelogen wäre. Ich laufe aus Freude an Süßigkeiten. Da zählt jeder Kilometer. Besonders in der Weihnachtszeit.

Links und rechts von mir erstrecken sich Felder, dann kommt eine Einfamilienhaus-Siedlung, daneben ein einsames Fitnessgerüst und ein trauriger Spielplatz. Danach Industriegebäude und wieder Felder. Es riecht nach Gülle.
Passiere schließlich die 3.000-Kilometer-Marke. Beobachtet von einer Herde Schafe, die teilnahmslos Gras fressen, als wäre ich gerade nur an einem Zaun vorbeigelaufen. Vermutlich die angemessene Reaktion auf mein Jubiläum.
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Halb zwölf. Fahre mit der Tochter mit dem Bus zum ICE-Bahnhof nach Montabaur. Um Zeit totzuschlagen, laufen wir durch das dortige Factory-Outlet-Center. Das bietet alle Nachteile eines Einkaufszentrums – viele Menschen, Gedränge, die immer gleichen Läden internationaler Modemarken –, aber Open Air – und dir frieren dabei die Ohren ab.
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Später Nachmittag, Spaziergang durch Downtown Westerburg. Viel Leerstand, viele mit Packpapier abgeklebte Schaufenster, andere Geschäfte erscheinen so verwaist, dass sie sich wahrscheinlich auch nicht mehr lange halten.
Dafür punktet der Marktplatz mit einer Weihnachtsbeleuchtung, die es mit dem Kudamm aufnehmen kann. Girlanden aus Tannenzweigen mit Lichterketten, geschmückte Weihnachtsbäume, in einem Holzhäuschen ein Puppenspiel. Für 50 Cent singt ein Engelschor und das Christkind rezitiert: „Draußen vom Walde komm’ ich her.“ Da soll noch jemand sagen, Westerburg habe nichts zu bieten.
Das Puppenspiel gab es schon, als ich in die Grundschule gegangen bin. Damals noch mit Mainzelmännchen, die aussahen, als hätte sie jemand gebaut, der die Mainzelmännchen nur vom Hörensagen kennt.
Zu der Zeit war das Häuschen noch nicht durch eine Plexiglasscheibe gesichert. In einem Jahr setzten meine Eltern meinen Bruder und mich in die Szenerie und knipsten Fotos für die jährliche Weihnachtskarte. Wir sahen aus, als hätten uns die Mainzelmännchen entführt und würden mit dem Bild Lösegeld erpressen.
Das war 1984 und das letzte Mal, dass meine Eltern eine Foto-Weihnachtskarte verschickten. Vermutlich, weil sie wussten, dass dieses Motiv nicht zu toppen ist.

In der Sparkasse steht vor mir ein älterer Mann in Arbeitsklamotten. Könnte der Elektriker sein, der Mitte der 80er bei meinen Eltern die Leitungen verlegt hat.
Wenn ich ihn mit meinem Spiegelbild im Schaufenster vergleiche, könnte es aber auch sein, dass er nicht der Elektriker ist, sondern sein Sohn. Der mit mir zur Schule ging. Eine Stufe unter mir. Wie unhöflich von meinem Spiegelbild.
30. Dezember 2025, Westerburg/Friedrichshafen
Fahrt an den Bodensee zu N. und M., mit denen wir seit fast drei Jahrzehnten zusammen Silvester feiern, nur einmal unterbrochen von Corona. Von Montabaur geht es über Frankfurt Flughafen und Ulm nach Friedrichshafen.
Volle Züge, sperrige Gepäckstücke. Und der Typ, der Videos in Zimmerlautstärke auf seinem Handy anschaut, sitzt natürlich neben mir. Hätte er sich nicht Kopfhörer zu Weihnachten wünschen können?
31. Dezember 2025, Friedrichshafen
Kurz nach acht. Letzter Lauf des Jahres. Diesmal wirklich. Zusammen mit meiner Frau. Die braucht noch sieben Kilometer, um die 600 zu erreichen.
Sie hat mich gar nicht direkt darum gebeten, sie zu begleiten. Als guter Ehemann mache ich das trotzdem. Damit sie die Strecke nicht allein zurücklegen muss.
Und damit ich ihr sehr lange vorhalten kann, dass ich bei -3° und obwohl ich mein Jahrespensum bereits geschafft hatte, mit ihr gelaufen bin. Das ist ja wichtig für das Gleichgewicht der Kräfte in einer Ehe: dass man so etwas in der Hinterhand hat.

Silvesterabend. Raclette. Wie seit 30 Jahren. So ein Essensritual ist hilfreich. Da musst du nicht lange überlegen, was du zu essen machst. Und etwas mit Käse zu überbacken, ist immer eine gute Wahl, da gibt es keinen Grund, etwas zu ändern.
Kurz vor Mitternacht runter zum See. Das neue Jahr begrüßen und das Feuerwerk anschauen. Sich an den Raketen erfreuen, die geschlängelte Linien, bunte Muster und rote, grüne und lila Sterne in den Himmel zeichnen.
Dabei musst du nur verdrängen, dass du den ganzen Tag lang zustimmend nickend Social-Media-Posts gegen das Böllern geliket hast – wegen der Tiere, der Umwelt, der Verletzungen und weil das alles eine sinnlose Geldverschwendung ist. Man muss auch 2026 Widersprüchlichkeiten aushalten. Vor allem die eigenen.
01. Januar 2026, Friedrichshafen
9 Uhr. Erster Lauf im neuen Jahr. Die Uferpromenade entlang, mit Blick über den Bodensee Richtung Alpen. Damit es nicht zu idyllisch wird, beseitigen orange gekleidete Männer mit Laubbläsern die Reste der Silvesterböllerei.
An einigen der Bänke an der Promenade sind Schilder angebracht: „Schwätzle-Bänkle“. Hier kannst du dich hinsetzen, wenn du dich unterhalten möchtest. Mit Fremden. Klingt für mich wie eine Drohung.
Ich bezweifle, dass das in Berlin funktionieren würde. Da gibt es eher „Aufs-Maul?-Bänke“, auf denen du hockst, wenn du unter keinen Umständen mit irgendjemandem reden willst. Nicht einmal mit Menschen, die du kennst. Vor allem nicht mit denen.

Mittags die Erkenntnis, dass man in einem Alter ist, in dem man Sätze sagt wie: „Lasst uns einen Neujahrsspaziergang machen. Das wird uns allen gut tun.“
Später die Zeit zwischen den Mahlzeiten mit „Phantastische Tierwesen“ überbrücken. Perfekter Neujahrstag.


02. Januar 2026, Friedrichshafen/Berlin
Rückfahrt nach Berlin. Zuerst mit dem Regionalexpress von Friedrichshafen nach Ulm. Drinnen Menschen mit ästhetisch fragwürdigen, aber alltags- und wetterpraktischen Jacken, Hosen, Schuhen.
Draußen Ortschaften wie Meckenbeuren, Oberzell, Bad Schussenried, Aulendorf, Ammendorf, Biberach, Schemmerberg und Erbach. Wie eine Real-Life-Immersive-Schwäbsche-Eisebahne-Experience.
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Im ICE weiter nach Berlin. Schräg vor uns spielt ein junges Paar irgendein Brettspiel. Es gibt Unstimmigkeiten über korrekte Regelauslegung. Die Stimmung scheint mir etwas angespannt zu sein. Mal schauen, ob die Beziehung bis zur Endstation hält. (Tendenz: eher nicht.)
Ein circa zweijähriges Kind neben uns isst Rohkostsalat, rote Beete, Gurke und Naturjoghurt ohne alles. Mit großer Begeisterung. Bewundernswert. Und leicht verstörend.
Bis kurz vor Berlin Südkreuz ist der Zug überpünktlich. Dann irgendwas mit Signalstörung. Zack: 25 Minuten Verspätung.
03. Januar 2026, Berlin
Unschöne Überraschung am Morgen. Es hat geschneit. Wer auch immer für das Wetter zuständig ist, hat es wieder nicht auf die Reihe bekommen. Schnee im Dezember: top, Schnee im Januar: flop.
Im Dezember ist eine verschneite Landschaft romantisch und weihnachtlich, erzeugt Frieden, Ruhe und Besinnlichkeit. Schnee im Januar ist dagegen matschig, schmuddelig und rutschig und sorgt für Oberschenkelhalsbrüche.
Ich will keinen Schnee im Januar.
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Laufen im Schnee ist auch unerfreulich. In deiner Phantasie fühlst du dich wie Rocky, der männlich-kraftvoll durch die sibirische Schneelandschaft pflügt. In der Realität trippelst du über den seifigen Schneematsch, bei jedem Schritt mit dem Gedanken, du könntest stürzen und dir irgendwas brechen.
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Spiegel Online auf.
Die USA haben Venezuela angegriffen und Präsident Maduro verhaftet. Oder entführt. Anscheinend will 2026 gleich zu Beginn klarmachen, dass wir nicht mit einem allzu guten Jahr rechnen sollten.
Spiegel Online zu.
04. Januar 2026, Berlin
Sich nach dem Aufstehen mit dem Gedanken beschäftigen, dass morgen die Erwerbsarbeit wieder beginnt. Unschöne Aussichten.
Gerade hatte man sich doch so schön an diese merkwürdige Phase nach Weihnachten und vor Silvester gewöhnt. Zwischen den Jahren, wo Zeit und Raum keinerlei Bedeutung haben. Wochentage erst recht nicht. Wo du nicht weißt, ob Samstag oder Dienstag ist. Oder Donnerswochtag.
Morgen ist aber definitiv Montag. Wenn ich Glück habe, habe ich mein Computer-Passwort vergessen.
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Für eins ist der Schnee dann doch gut: für Schneemänner. Von denen stehen eine ganze Menge in der Gegend rum. Große, kleine, dicke, dünne, gerade, schiefe. Das ist toll. Wenn du Schneemänner anschaust, kannst du keine schlechte Laune haben. Nicht mal dann, wenn du morgen wieder arbeiten musst.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch “Wenn ich groß bin, werde ich Gott” ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind “Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter”, “Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit” sowie “Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith”*. (*Affiliate-Links)










Gesundes neues Jahr.
Danke, dir auch, lieber Mirko.