Wochenschau | KW05-2026: Freed from desire

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


26. Januar 2025, Berlin

Krkkk, krkkk, krtsch, krtsch, ratsch, ratsch.

Kurz vor 6. Unschöne Geräusche dringen ins Schlafzimmer und reißen mich aus der REM-Phase. Unschöne Geräusche, die nichts Gutes verheißen.

Ein verschlafener Blick aus dem Fenster. Ich hatte recht: Schnee und Eis sind zurück.

Straße und Bürgersteig liegen unter einer Puderzuckerschicht, Menschen kratzen eingefrorene Windschutzscheiben frei, Fußgänger trippeln vorsichtigen Schrittes über den Gehweg, wie Pinguine nach einem aus dem Ruder gelaufenen Kneipenbesuch.

Ich möchte das alles nicht mehr. Zugegebenermaßen ist das für Ende Januar natürlich keine vollkommen ungewöhnliche Wetterlage. Schließlich sind wir mitten im Winter. Sogar nicht einmal in der Mitte. Er vier Wochen haben wir hinter uns gebracht, zwei Monate stehen uns noch bevor. Eine Erkenntnis, die weder die Gegenwart noch den Ausblick auf die Zukunft erträglicher macht.

Grün gerahmte Türen in einer Backsteinfassade mit großem Schriftzug „ZUNFTHALLE“. Auf den Türfeldern sind vier Motive zu den Jahreszeiten (Frühling, Sommer, Herbst, Winter); rechts steht ein leicht verschneiter Container.

27. Januar 2026, Berlin

Meine Frau ist auf Dienstreise. Vier Tage Frankfurt. Wie es der Zufall will, finde ich ausgerechnet heute Morgen eine Mail in meiner Inbox, die sich wie eine Kontaktanzeige liest.

Der Betreff ist ein wenig kryptisch: „Von Aperi“. Ein türkischer Frauenname, wie mich das Internet lehrt, er bedeutet so viel wie „Mondfee“. Klingt verheißungsvoll: „Nachricht von Mondfee“.

Die Nachricht beginnt mit einem knappen „Hallo“. Etwas unpersönlich. Eine Mondfee hätte meinen Namen schon herausfinden können.

Aperi erklärt, sie habe sich gedacht, mir einfach ganz spontan zu schreiben. Schwierig. Ich bin nicht besonders impulsiv. Weniger Bauch-, mehr Kopfmensch. Aber vielleicht ist ein bisschen Spontanität, die einen herausfordert, nicht das schlechteste.

Ein aktiver Mensch sei sie. Treibe regelmäßig Sport, liebe Natur, Spaziergänge und frische Luft. Etwas langweilig, trifft aber auch auf mich zu. Bis auf die Naturliebe. Ich bin nicht prinzipiell gegen Natur, aber sie soll mir nicht zu nahe kommen. Vor allem nicht in Form von Insekten.

Sie schätze gemütliche Abende und gute Gespräche. Solange sie beim Netflixen nicht reinquatscht: meinetwegen. Außerdem möge sie Kerzenlicht und Wärme, draußen wie im Herzen. Wärme draußen ist definitiv ein Pluspunkt, Wärme im Herzen klingt eher nach Poesiealbum für Anfänger.

Weiter beschreibt sich Aperi als „offen, ehrlich, herzlich“, außerdem glaube sie noch an echte Nähe zwischen zwei Menschen. Hoffentlich will sie mir mit ihrem Nähebedürfnis nicht meine Seite des Bettes streitig machen.

Sie suche keinen Zeitvertreib, sondern eine ernsthafte Beziehung. Für immer, wenn es sich richtig anfühlt. Für eine erste Mail ein bisschen sehr mit der Tür ins Haus, aber gut: man weiß, woran man ist.

Abschließend meint Aperi, wir hätten vielleicht mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denkt. Da sie kein Foto mitschickt, kann ich das nicht abschließend beurteilen.

Sie beendet die Mail mit „Herzliche Grüße“. Könnte auch die Schlussformel einer geschäftlichen Mail sein, an einen Kollegen, den du nur so mittelmäßig magst.

Trotzdem lösche ich die Mail vorerst nicht. Falls meine Frau beschließt, von ihrer Dienstreise nicht zurückzukehren, kann ich Aperi ja mal antworten.

28. Januar 2026, Berlin

Morgendliche Laufrunde. Der Kälte und der Glätte heroisch trotzend. Und dem gesunden Menschenverstand, der einem sagt, bei so einem Wetter besser zu Hause zu bleiben.

Am Volkspark Rehberge stehe ich vor der Wahl: den spiegelglatten Weg nehmen und mir den Steiß brechen, oder neben dem Weg laufen, wo man etwas mehr Halt hat, es aber so uneben ist, dass man sich jeden Moment einen Bänderriss einhandeln kann.

Ich entscheide mich für eine Mischung aus beidem: das Schlechteste aus beiden Welten. Trotzdem erreiche ich sturz- und bruchfrei den Kurt-Schumacher-Damm. Von dort geht es vorbei an der Julius-Leber-Kaserne und den Ausläufern des Flughafens Tegel, der kein Flughafen mehr ist, bis zum zentralen Festplatz, der weder besonders zentral noch festlich ist.

Ich kehre um und passiere auf dem Rückweg den Imbiss „Zum Würfel II“, der nicht würfel-, sondern quaderförmig ist. Die nächsten drei Kilometer beschäftigt mich die Frage, ob der Imbiss „Zum Würfel I“ womöglich eine Kugel ist. Oder eine Pyramide.

Bei Kilometer 12,5 erwischt es mich fast. An der Ecke Seestraße trete ich auf eine vereiste Pfütze, versteckt unter einer dünnen Schneedecke. Die Füße schliddern und rutschen, der Halt geht kurzzeitig flöten, die Arme wedeln und rudern. Irgendwie halte ich mein Gleichgewicht, was meinen Schutzengeln noch mehr wundert als mich selbst.

Meine Hoffnung, dass niemand meine unfreiwillige Tanzeinlage gesehen hat, stirbt nicht zuletzt, sondern sofort. An der roten Ampel stehen Dutzende Autofahrer, die allesamt Zeuge meines unwürdigen Schauspiels werden. Souverän nicke ich ihnen zu, als hätte ich das alles genau so geplant. Niemand nickt zurück.

29. Januar 2026, Berlin

Meine Frau und ich haben Jahrestag. Den 29. Was sehr schön ist. Am 29. Januar den 29. Jahrestag zu feiern.

Ansonsten ist 29 natürlich keine runde, keine schnapsige und auch keine anderweitig besondere Zahl. Kein Grund, die Konfettikanone hervorzuholen, ein teures Restaurant aufzusuchen und einen Stehgeiger zu engagieren, der für romantische Hintergrundmusik sorgt. Ginge ohnehin nicht, da meine Frau ja auf Dienstreise ist.

Welchen Jahrestag wir haben, muss ich mir immer auf Umwegen errechnen. Zuerst überlege ich, wann ich Abi gemacht habe – 1994 –, dann wann mein Zivildienst endete – März 1996 –, anschließend wann ich mein Studium in Marburg begann – April 1996 – und schließlich lege ich noch ein Jahr drauf – 1997.

Zur Berechnung unseres Hochzeitstags muss ich von unserem Jahrestag-Jubiläum 19 Jahre abziehen. So lange waren wir zusammen, bevor wir geheiratet haben. Warum wir nicht noch ein Jahr gewartet haben, ist mir schleierhaft. 20 wäre viel einfacher zu rechnen gewesen.

30. Januar 2026, Berlin

Sehe seit längerer Zeit mal wieder den Prediger. Während ich bei Penny im Eingangsbereich meine Einkäufe verräume, ist er an der Reihe mit Bezahlen und unterhält sich angeregt mit dem Kassierer.

Er freue sich, dass Freitag sei. Da habe man gleich nicht nur Feierabend, sondern Wochenende. Da könne man endlich mal Durchatmen.

Der Kassierer fragt ihn, ob er wirklich zwei Stoffbeutel kaufen will. Der Prediger nickt. „Ich benutze die so oft, dass ich die innerhalb kürzester Zeit durchwichse.“ (Ich hoffe inständig, er meint damit, dass er sie so häufig zum Einkaufen benutzt, dass sie innerhalb kürzester Zeit kaputt gehen.)

Der Prediger holt seinen Geldbeutel hervor. Der sei neu, aber ein Fehlkauf. Da passten nur Karten rein, jedoch keine Geldscheine. Nicht mal ein 10er.

„Ihr macht hier so einen tollen Job und kümmert euch um alles und da fabrizieren Menschen so einen Mist und haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen.“ Eine etwas melodramatische Aussage, aber der Prediger ist nun mal ein Mann mit starken Meinungen.

Er packt seine Sachen in die neu erworbenen Beutel und verabschiedet sich. Ich freue mich, dass es ihm anscheinend gut geht und er nicht pöbelnd durch den Kiez zieht. Vielleicht nimmt er zurzeit weniger Drogen. Oder bessere.

Möglicherweise war meine Einschätzung etwas vorschnell. Als ich den Penny verlasse, brüllt der Prediger gerade einen Pfandsammler an. „Schau gefälligst gerade aus und halt den Kopf nicht so schief.“

Wahrscheinlich ist er wegen seines schlecht konzipierten Geldbeutels immer noch erregt und muss ein wenig Dampf ablassen. Oder die schlechten Drogen kicken gerade rein.

31. Januar 2026, Berlin

Die Winterferien haben angefangen. Wenn deine Kinder nicht mehr zur Schule gehen, bekommst du das eher zufällig mit. Weil Kolleginnen und Kollegen sagen, sie seien nächste Woche nicht da. Wegen der Winterferien.

Mir ist das Konzept der Winterferien suspekt. Da fahren Menschen dorthin, wo es noch verschneiter, noch kälter, noch eisiger ist – wo noch mehr Winter herrscht. Warum? Ich fände es besser, wenn in den Winterferien der Winter Ferien machen würde. (So zehn bis elf Monate.)

01. Februar 2026, Berlin

„My love has got no money,
he’s got his strong beliefs, …”

1.30 Uhr, meine Frau und ich sitzen in der U6 und fahren gerade in die Station Alt-Tempelhof ein, vom Bahnsteig erklingen durchdringende Beats.

Wir sind auf dem Rückweg von einem Treffen mit Freunden. Treffen mit Freunden klingt nach ausgeprägtem Sozialleben. Gut, es war ein Treffen mit einem befreundeten Paar. Also ein Pärchenabend. Was nach ausgeprägter Spießigkeit klingt.

Eigentlich vermeide ich die Öffis so gut es geht. Wegen Verspätungen, Schmutz, Geräuschen, Menschen. Mein Geiz erlaubt mir aber nicht, dass wir ein Taxi nehmen, und deswegen hocken wir jetzt in der U-Bahn.

Die Tür geht auf, ein Mann tritt ein. Beziehungsweise kommt reingetanzt. Schätzungsweise um die 50, schulterlanges, strähniges Haar, übergroße Sonnenbrille, Kuhflecken-Hose. Er sieht aus wie jemand, der in den 90ern nach irgendeiner Love-Parade in Berlin hängengeblieben ist.

Im Schlepptau hat er eine monströs große Boom-Box, auf die er diverse Stofftiere drapiert hat. Mit überschaubarem Talent singt er in sein Mikrofon und trifft konsequent keinen Ton.

„Freed from desire, mind and sense purified,
freed from desire, mind and sense purified.”

Seine fehlende Musikalität macht er mit Leidenschaft und Energie wett. Und mit ansteckender Lebensfreue. Der ganze Waggon ist „on fire“. Die Stimmung vibriert, niemand ist genervt, alle sind gut drauf. Menschen filmen, tanzen, singen.

„Na-na-na-na-na, na-na, na-na-na, na-na-na
Na-na-na-na-na, na-na, na-na-na, na-na-na.“

Wir erreichen den Bahnhof Naturkundemuseum und müssen umsteigen. Schade.

Vielleicht sollte ich doch mehr Öffis fahren.


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Ein Kommentar zu “Wochenschau | KW05-2026: Freed from desire

  1. Wieder mal eine herrlich amüsante Wochenschau! Besonders die Szene in der U6 mit ‚Freed from desire‘ hat mir den Tag gerettet – solche Momente machen Berlin doch irgendwie aus. Und das mit dem ‚Pinguin-Gang‘ auf dem Eis kenne ich nur zu gut… Danke für die Lacher und alles Gute zum 29. Jahrestag

Erwähnungen

  • Lena

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