Eine kleine Wochenschau | KW19-2022 (Teil 2)

Teil 1


12. Mai 2022, Berlin

Impressionen von meinem Morgenspaziergang um kurz vor acht:

In der Imbissbude drückt ein Zocker auf den Knöpfen der Spielautomaten rum und verliert sein erstes Geld des Tages. Vor dem Eingang stehen zwei Trinker und kippen den ersten Schnaps des Tages. Eine Krähe zieht aus einem Mülleimer einen halben Döner für ihre erste Mahlzeit des Tages.

Ein kleines Kind fährt mit seinem Laufrad gegen einen Poller und weint. Seine Mama tröstet es und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Ein älterer Herr schlurft in Richtung Supermarkt und macht alle 20 Meter Pause, um sich auszuruhen. Vielleicht sollte ich ihm meine Kopfhörer geben, damit er Roland Kaiser hören kann.

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Ich gehe zum Friseur beziehungsweise zur Friseurin. Als ich zum Haarewaschen am Waschbecken Platz nehme, tritt ein Mann an die Kasse. Er ist groß und schlank, seine Haare sind ziemlich dünn und schulterlang und er hat sich blonde Strähnchen und eine Minipli-Dauerwelle machen lassen, die Rudi Völler Tränen der Rührung in die Augen treiben würde. „Mal sehen, was der Spaß kostet“, sagt er und lacht dabei. „Bei der Frisur hoffentlich gar nichts“, denkt der überhebliche, zynische Arsch in mir und ich schäme mich ein bisschen dafür.

„156 Euro“, sagt die Friseurin, was der guten Laune des Mannes keinen Abbruch tut. Er bezahlt und beim Rausgehen begutachtet er sich noch einmal im Spiegel. Er scheint zufrieden zu sein mit dem, was er da sieht, und verlässt breit grinsend den Laden. Mein innerer Gutmensch schubst den überheblichen, zynischen Arsch zur Seite und freut sich, dass sich der Mann so freut.

13. Mai 2022, Berlin

Heute ist Tag des Apfelkuchens. Ich habe aber keinen Apfelkuchen, mit dem ich diesen Tag stilecht begehen könnte. Auch keinen anderen Kuchen, mit dem ich den Tag stillos begehen könnte. Das ist doch alles Mist.

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Bekomme auf Instagram eine Werbung eingespielt: 99 Ruhestand-Tipps für Anleger mit einem Portfolio ab 250.000 Euro. Ich befürchte, der Werbealgorithmus ist da etwas überoptimistisch, was unseren Kontostand angeht. So weit scheint die Künstliche Intelligenz noch nicht zu sein. Vielleicht kennt er aber auch schon die morgigen Lottozahlen und weiß, dass wir einen üppigen Gewinn einfahren werden. Dann möchte ich nichts gegen die Künstliche Intelligenz gesagt haben.

14. Mai 2022, Berlin

Wir haben heute Hochzeitstag. Den müssen wir getrennt feiern, denn meine Frau fährt mit dem Sohn auf ein Judo turnier nach Greifswald. Wahrscheinlich ist das ihr Geschenk an mich, dass ich da nicht hinfahren muss.

Es ist das erste Mal seit ungefähr vier Jahren, dass ich allein zuhause bin. Als die Kinder noch klein waren und meine Frau ab und an mit ihnen Oma und Opa besucht hat, habe ich mich immer über ein paar Tage „sturmfrei“ gefreut. Endlich mal ausschlafen, sich nicht um volle Windeln, Kita-Abholzeiten und Trotzanfälle kümmern müssen. Und in Ruhe aufs Klo gehen können. (Ein Luxus, den nur Eltern richtig zu schätzen wissen.)

Wenn ich dann aber nach der Arbeit nach Hause kam, war die Wohnung ohne die Kinder viel zu groß, zu leer und unnatürlich leise und ich sie vermisst. Ein klassischer Fall von Eltern-Stockholm-Syndrom.

15. Mai 2022, Berlin

Ich nutze mein sonntägliches Strohwitwertum und erledige die Steuererklärung fürs letzte Jahr. Ich erinnere mich noch gut an die Atmosphäre bei uns, wenn mein Vater früher die Steuererklärung machte. Mein Vater war und ist ein alles in allem recht ausgeglichener und ruhiger Mensch. Beim Steuererklärungausfüllen war er aber leicht gereizt und tendenziell übel gelaunt. Mein Bruder und ich wurden dann immer angehalten, uns möglichst leise zu verhalten, während mein Vater am Schreibtisch saß und grummelnd die Steuerbögen ausfüllte.

Heutzutage ist das mit der Steuererklärung gar nicht mehr so schlimm. Ich benutze dazu seit fast 20 Jahren das gleiche Programm, bei dem ich nach bestem Wissen – also wenig – und Gewissem – geringfügig mehr – die Felder ausfülle und dann wird unsere Steuererklärung ausgespuckt. Irgendwann kommt dann der Bescheid vom Finanzamt zurück und so lange dieser nicht mehr als 20 Prozent von dem Betrag abweicht, den das Programm berechnet hat, lasse ich es dabei bewenden.

Tatsächlich habe ich nur ein einziges Mal Einspruch gegen den Steuerbescheid eingelegt. Das war im ersten Jahr nach unserer Hochzeit. Wie von dem Programm vorgeschlagen, hatte ich die Einzelveranlagung mit Antrag auf hälftige Anrechnung von Sonderausgaben ausgewählt. Ich verstand zwar nicht genau, was das ist, aber es sollte uns 20 Euro mehr einbringen. Aufgrund einer falschen Kalkulation forderte das Finanzamt jedoch plötzlich eine Nachzahlung im niedrigen vierstelligen Bereich, wobei ich eigentlich mit einer Rückzahlung im mittleren dreistelligen Bereich gerechnet hatte.

Mit meinem ergoogelten Wissen über Besteuerungsmöglichkeiten bei Ehepaaren rief ich beim Finanzamt an und versuchte dort einer Frau zu erklären, dass ihr bei ihren Berechnungen ein Fehler unterlaufen sei. Dabei kam ich mir vor, als müsste ich Stephen Hawking darauf hinweisen, ihm seien bei seinen quantenphysikalischen Ausführungen zur Einsteinschen Relativitätstheorie ein paar kleinere Ungenauigkeiten unterlaufen. Die Finanzbeamtin war an meinen Erläuterungen aber nicht interessiert. Ich solle das einfach in einem Einspruch aufschreiben und dann würde das geprüft.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich recht und wir bekamen doch noch unsere Erstattung. Eine dreiviertel Stunde Internetrecherche, ein Telefonat und ein Brief hatten uns quasi 1.500 Euro eingebracht. Ein recht attraktiver Stundenlohn. Trotzdem habe ich nie wieder die Einzelveranlagung mit Antrag auf hälftige Anrechnung von Sonderausgaben gewählt.


Terminhinweis in eigener Sache

Ich habe die große Ehre und darf am 23. Mai bei der phantastischen Lesebühne Fuchs & Söhne lesen. Gemeinsam mit Kirsten FuchsTilman BirrSebastian Lehmann und Paul Bokowski und der Gast-Leserin  Jacinta Nandi von der Lesebühne Rakete2000. Im Grips-Theater. Um 19.30 Uhr. Falls Sie in Berlin leben, kommen Sie doch vorbei. Das wird bestimmt lustig. Zumindest während Kirsten, Tilman, Sebastian und Paul lesen.

Tickets gibt es hier.


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Eine kleine Wochenschau | KW19-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


09. Mai 2022, Berlin

An der Supermarktkasse steht hinter mir ein älterer Mann und begutachtet das Regal mit den Klatschmagazinen und Revolverblättchen. „Es gibt so viele intelligente Menschen und trotzdem so viele von diesen Zeitschriften“, murmelt er und schüttelt den Kopf.

Ich bin mir nicht sicher, ob er mit dem ersten Teil seiner Aussage richtig liegt, aber ich bin überzeugt, dass das Lesen von Klatschzeitschriften kein Ausdruck von Dummheit ist, sondern einen sogar klüger macht. Als Kind schaute ich mir immer bei meiner Oma Freizeit Revue, Das Goldene Blatt und Co. an und nur durch die Kreuzworträtsel in den Heften weiß ich, dass es einen Schweizer Kanton namens Uri gibt. (Was für mich damals immer aussah, als sei das eine Art Spitzname.)

Um ehrlich sein, las ich die Zeitschriften nicht zu Kreuzworträtsel-Fortbildungszwecken, sondern weil ich auf der Suche nach Babyfotos von Prinz William war, die ich dann ausschnitt und an meine Pinnwand heftete. Aber das ist eine andere Geschichte und die soll kein anderes Mal erzählt werden, sondern niemals, nie.)

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Eine kleine Wochenschau | KW18-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


02. Mai 2022, Berlin

Schon wieder Neuigkeiten von der Käsetheke im Bio-Supermarkt. Dort gibt es neu im Sortiment einen französischen Weichkäse namens „Monsieur Jean Bernard“. Die Franzosen haben einfach Stil. Während die deutschen Käsemacher ihren Sorten schlimme Namen wie wilder Bernd, leichte Hilde oder uriger Hannes geben und sie unangemessen kumpelig mit dem Vornamen anreden, werden die Käse in Frankreich formvollendet mit Herr angesprochen und wahrscheinlich auch gesiezt.

Ich finde das gut. Ein Prinzip, dass sich auch schön auf andere Alltagsgegenstände übertragen ließe, um ihnen mehr Wertschätzung entgegenzubringen.

„Danke, dass Sie so bequem sind, Herr Schuh.“
„Frau Schere, Sie sind unfassbar scharf.“
„Es ist mir eine Freude und Ehre zugleich, auf Ihnen verweilen zu dürfen, Graf von Stuhl.“
„Wie schön Sie doch blühen, Baronin von und zu Gerbera.“

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Eine kleine Wochenschau | KW18-2022 (Teil 2)

Teil 1


05. Mai 2022, Berlin

In meiner Inbox landet seit längerer Zeit mal wieder eine Mail, die eigentlich für einen Namensvetter von mir gedacht ist. Eine Bestellbestätigung für ein mobiles Einschießgerät für kurz- und Langwaffen. Wahrscheinlich braucht er das, weil er Jäger ist. Das weiß ich, weil ich regelmäßig den Newsletter des Bayerischen Jagdverbands bekomme, den der andere Christian Hanne abonniert hat.

Zumindest hoffe ich, dass er wirklich Jäger ist und mein bayerisches Alter Ego das nicht als Vorwand nutzt, um an Waffen zu kommen. Es wäre wirklich nicht schön für mich, wenn irgendwann in der Bild die Schlagzeile steht: „Christian Hanne, der irre Bayern-Ballermann“.

06. Mai 2022, Berlin/Köln

Gemeinsam mit Große-Köpfe-Alu fahre ich heute mit dem Zug nach Köln. Um den Geburtstag von Stadt-Land-Mama-Lisa zu feiern. Ihren 40. Das kann ich hier so ungentlemanlike schreiben, weil sie das selbst auf ihren diversen Social-Media-Kanälen verkündet hat.

Auf dem Bahnsteig warten gefühlt acht Schulklassen. Zum Glück steigt keine davon in unseren Waggon. Dafür sitzt vor uns ein Paar mit einem ungefähr acht Monate alten Baby. Es hat unglaublich viele Haare und ist unglaublich niedlich. Gegen Ende der vierstündigen Fahrt hat es allerdings nicht mehr so richtig viel Bock auf Zugreisen Es ist müde, will aber nicht schlafen – so wie meine Frau, wenn wir abends netflixen – und quengelt ein bisschen rum. (So wie meine Frau, wenn ich ihr vorschlage, wir sollten vielleicht besser ins Bett gehen.) Mir ist das aber egal. So lange nicht das eigene Kind weint, stresst einen das nicht sonderlich.

Insgesamt verläuft die Fahrt vollkommen reibungslos. Der Zug fährt vom vorgesehenen Gleis ab, alle Waggons sind da, es gibt keine umgekehrte Wagenreihenfolge, die Reservierungsanzeigen funktionieren und wir kommen pünktlich in Köln an. Das ist ja nicht so häufig, dass Bahnreisen so unproblematisch ist, da kann das ruhig mal erwähnt werden. (Falls mir die Deutsche Bahn dafür eine Bahncard 100 schenken möchte, freue ich mich über eine Mail unter natürlich-bin-ich-käuflich@familienbetrieb.info.)

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Die Geburtstagsfeier findet auf einem Boot am Rheinufer statt. Es ist das erste Mal seit Karneval 2020, dass ich unter so vielen Menschen bin. Zum Glück klappt das mit dem Feiern aber noch und ich habe nicht verlernt, mich zu unterhalten, Bier zu trinken, zu tanzen – zumindest im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten – und bei Liedern, deren Texte ich nicht kenne, mitzusingen. Um halb fünf bin ich zurück im Hotel, denn auch nach der mehr als zweijährigen Partyabstinenz fühle ich mich verpflichtet, bei einer Feier als Letzter das Licht auszumachen.

07. Mai 2022, Köln/Bonn

Als ich morgens aufwache, muss ich feststellen, dass mein Körper leider auch nicht verlernt hat, nach übermäßigem Alkoholkonsum, Kopfschmerzen aus der Hölle zu entwickeln. Ich dagegen habe verlernt, schon vor dem Schlafen eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Beziehungsweise überhaupt eine Kopfschmerztablette mitzunehmen.

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Ich habe noch ein wenig Zeit, bis mein Zug nach Bonn fährt. Ich setze mich auf die Treppe vorm Dom und beobachte das Treiben. Es kommen ein paar Touristen vorbei, ziemlich viele Fußballfans und unfassbar viele Junggesell*innen-Abschied-Gruppen. Wahrscheinlich hat Köln gar nicht eine Million Einwohner, sondern nur 50.000 und die restlichen 950.000 Menschen sind Junggesell*innen-Abschied-Gruppen.

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Nachmittags gehe ich mit meinem Freund Arne laufen. (Als ich heute früh um 9 Uhr aufgewacht bin, hätte ich das noch nicht für möglich gehalten.)

Wie wir es in unserer Herbert-Steffny-Laufbibel gelernt haben, versuchen wir uns an einem sehr, sehr langsamen Lauftempo. Dadurch soll der Körper lernen, bei langen Läufen von der Kohlehydrat- auf die Fettverbrennung umzustellen. (Was auch immer das heißt.) So richtig langsam fühlt sich unser Tempo für mich allerdings gar nicht an. Wahrscheinlich liegt das den zu vielen Kölsch gestern verbunden mit dem zu wenigen Schlaf. (Ein Ernährungs- und Lebensstil, den Herbert Steffy sicherlich nicht gutheißen würde.)

Mit unserem gemeinsamen Lauf haben Arne und ich offiziell unsere Marathonvorbereitung gestartet. Jetzt müssen wir unseren Frauen nur noch sagen, dass wir für die nächsten fünf Monate in eine Lauf-WG ziehen werden. Und uns bis Oktober nicht rasieren. Und uns gegenseitig ein Herbert-Steffny-Porträt auf den Rücken tätowieren.

08. Mai 2022, Bonn/Berlin

Heute ist Muttertag. Da bei uns selbstverständlich jeder Tag Muttertag ist, bekommt meine Frau heute keine Blumen, keine Grußkarte und keinen Kuchen. An den anderen Tagen eigentlich auch nicht. Von daher ist bei uns eigentlich an keinem Tag Muttertag. Wie es sich für eine gleichberechtigte Beziehung gehört, feiern wir Vatertag auch nicht.


Terminhinweis in eigener Sache

Ich habe die große Ehre und darf am 23. Mai bei der phantastischen Lesebühne Fuchs & Söhne lesen. Gemeinsam mit Kirsten Fuchs, Tilman Birr, Sebastian Lehmann und Paul Bokowski. Im Grips-Theater. Um 19.30 Uhr. Falls Sie in Berlin leben, kommen Sie doch vorbei. Das wird bestimmt lustig. Zumindest während Kirsten, Tilman, Sebastian und Paul lesen.

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Eine kleine Wochenschau | KW17-2022 (Teil 2)

Teil 1


29. April 2022, Berlin

An meinem morgendlichen Spaziergang laufe ich an einem Elektroladen vorbei. Es ist diesmal kein Fachgeschäft, bei dem im Schaufenster elektrische Geräte vorteilhaft und verkaufsfördernd in Szene gesetzt werden. Der Laden sieht eher aus wie eine Mischung aus Reparatur-Service, Second-Hand-Laden, Pfandleihe und Umschlagplatz für Hehlerware.

Auf einem großen Plakat neben der Eingangstür hat der Ladenbesitzer sein Angebot in Großbuchstaben aufgelistet. FERNSEHER, RADIOS, HIFI, SATANLAGEN. Während ich weiter gehe, denke ich sehr lange über das Wort Satan-Lagen nach und grüble darüber, was für ein teuflisches Angebot sich dahinter verbirgt. Anscheinend regt die zusätzliche Sauerstoffzufuhr aufgrund meiner ausufernden Spaziergänge nicht mein Denkvermögen an.

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Die Leichtathletik-Abteilung des TSV GutsMuths, wo ich vor drei Wochen eingetreten bin, in der Hoffnung, dass dies für meine Marathonvorbereitung förderlich ist, schickt mir eine Einladung zu ihrem alljährlichen Sportfest. Das Event findet unter dem Motto „Springen, Laufen, Werfen kann jeder“ statt und umfasst für Erwachsenen die Disziplinen 100m-Sprint, Weitsprung, Kugelstoßen und 800m-Lauf. Da hätte ich das Motto „It’s Bundesjugendspiele-Trauma all over again“ irgendwie passender gefunden.

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Meine Frau hat für unseren Balkon in Ergänzung zu den Pflänzchen, die ich letzte Woche besorgt hatte, ein Zitronenbäumchen gekauft. Das ist zwar nicht das angeblich von Martin Luther beschworene und von Reinhard Mey besungene Apfelbäumchen, das ein Zeichen der Hoffnung in einer hoffnungslos erscheinenden Welt setzen soll, aber ich finde, es ist trotzdem eine gute Wahl. Sofern das Bäumchen nicht unserem braunen Daumen zum Opfer fällt, können wir irgendwann die Zitronen für unseren Gin Tonic selbst ernten. Und das ist doch auch ein Zeichen der Hoffnung in einer hoffnungslos erscheinenden Welt.

30. April 2022, Berlin

Durch eine unglückliche Verkettung von Ereignissen klingelt heute Morgen um 5.30 Uhr der Wecker und wir müssen eine gute Stunde mit dem Bus in einen Berliner Außenbezirk – beziehungsweise in einen Berliner Vorort – fahren, um uns dort kurz nach sieben in einer Grundschulsporthalle einzufinden. Die Ereigniskette wurde vor fünfzehneinhalb Jahren in Gang gesetzt, als der Sohn zur Welt kam, vier Jahre später meldeten wir ihn beim Judo an, vor ein paar Monaten entschied sein Trainer, ein Nachwuchs-Turnier zu organisieren, und wir sagten vor ein paar Wochen zu, als Helfer*innen zur Verfügung zu stehen.

Absurderweise wurde mir bei dem Turnier die nicht gänzlich unverantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen, mittels eines Computerprogramms, das ich mir ein paar Tage vorher das erste Mal anschauen konnte, für die 250 Teilnehmer*innen in den verschiedenen Altersgruppen und Gewichtsklassen Kampflisten zu erstellen. Für diese Aufgabe qualifiziere ich mich allenfalls, weil ich keine allzu große Scheu vor der Benutzung von mir unbekannten Computerprogrammen habe, aber auf keinen Fall aufgrund irgendwelcher Detailkenntnisse über die Regularien bei Judoturnieren. Die sind bei mir nämlich trotz mehr als zehn Jahren Turnierbegleitung nur sehr rudimentär vorhanden.

Dementsprechend nervös bin ich, denn selbstverständlich möchte ich, dass alles reibungslauf abläuft. Zum einen, weil ich mir gegenüber eine sehr geringe Fehler-Toleranz habe, zum anderen, weil ich mir nicht den Zorn von Judotrainern zuziehen möchte, die mich mit einem einzigen Wurf quer durch die Halle befördern können.

Alles in allem passieren mir im Laufe des Tages aber nur wenige Fehler, die nicht korrigiert werden können. Lediglich bei einem bedauernswerten Jungen übersehe ich, dass er nicht in die Liste aufgenommen wurde, was aber erst auffällt, als seine Gruppe schon fertig ist und er nicht mehr mitmachen kann. Glücklicherweise war der Bub aus dem Verein des Sohns, so dass mir der Trainer-Wurf quer durch die Halle erspart blieb. Er durfte dann zum Trost gegen alle Teilnehmer seiner Alters- und Gewichtsklasse Freundschaftskämpfe bestreiten.

Trotz meines Fauxpas sind die anderen Vereinsmitglieder angetan davon, wie souverän ich das Programm bedient habe. Das ist ungefähr so, als würde eine Gruppe von Blinden einen Einäugigen, der an einer ausgeprägten Farbsinnstörung leidet, dafür loben, wie schön er Farben beschreiben kann.

01. Mai 2022, Berlin

Heute ist Tag der Arbeit. An einem Sonntag. Da freut sich der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer weint. Der Sohn ist auch nicht zufrieden. Er findet, es sei voll unfair und eine regelrechte Verschwendung, dass ein Feiertag aufs Wochenende fällt.

Buch-Tipp der Woche

Ich bekomme immer mal wieder Bücher von Verlagen oder Autor:innen zugeschickt. Da mir die Zeit für aufwändige Rezensionen fehlt, sollen sie wenigstens hier Erwähnung finden.

Am 11. April ist das dritte Buch der Twitter- und Instagram-Legende Marlene Hellene erschienen. „Bauch frei!“ enthält keine Mode-Tipps und auch keine lustigen Glossen, wie ihr Erstlings- und Zweitlingswerk, sondern behandelt vom Schwangerschafts-Test bis zum Wochenbett alle wichtigen Themen um die Schwangerschaft. Trotzdem ist es kein klassischer Ratgeber, sondern wie es der Untertitel verkündet „Ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Schwangerschaft.“ Ein sehr lesenswertes Buch. Nicht nur für Schwangere, sondern auch für Nicht-Schwangere und vor allem auch für Männer.

Unter den Leser*innen, die bis Donnerstag, den 05.05.22, einen Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen, kann ich ein Exemplar von „Bauch frei!“ verlosen. Vielen Dank dafür an den Rowohlt-Verlag. Der Rechtsweg ist ebenso wie der Linksweg ausgeschlossen, eine Auszahlung des Gewinns ist nicht möglich, alle E-Mail-Adressen werden nach Abschluss der Verlosung DSGVO-konform gelöscht, bliblablö …

Marlene Hellene: Bauch frei! Ein Plädoyer für eine selbstbestimmte Schwangerschaft. Rowohlt-Verlag 2022.


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Eine kleine Wochenschau | KW17-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


25. April 2022, Berlin

Heute Morgen herrscht bei uns eine außerordentlich gute Stimmung. Fast schon beschwingt und frohgemut. Das ist ziemlich bemerkenswert, denn es ist nicht nur Montag und früh, sondern meine Frau und ich müssen nach unserer Woche Corona-Isolation und der deswegen ausgefallenen Stockholm-Reise, wieder arbeiten.

Den Sohn trifft es noch härter: Nach zwei Wochen Ferien hat er heute den ersten Schultag. Aus der Sicht eines Fünfzehnjährigen kommt das der Apokalypse gleich. Vor allem, wenn du eine deiner Ferienwochen in Isolation verbringen musstest. Damit die erste Schulwoche noch unerträglicher wird, muss er zwei Arbeiten schreiben und bekommt zwei zurück. In Mathe und in Griechisch. Zwei Fächer, bei denen eher nicht davon auszugehen ist, dass er eine Auszeichnung für die beste jemals an der Schule geschriebene Arbeit erhält. Von daher sollten wir alle die gute Stimmung genießen, so lange sie anhält.

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Eine kleine Wochenschau | KW16-2022 (Teil 2)

Teil 1


22. April 2022, Berlin

Ich schaffe es, mich in der Teststation um die Ecke freizutesten. Meiner Frau bleibt das noch verwehrt, ihr Test zeigte Zuhause noch immer zwei Striche an. Meine Isolation endet also und ich darf wieder rausgehen, meine Frau muss dagegen weiterhin in der Wohnung bleiben.

Selbstverständlich freut meine Frau sich für mich, überkompensiert dabei aber derart, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Freude zum Ausdruck zu bringen, sondern grummelt, das sei alles total unfair, es dauere bestimmt zehn Tage, bis sie einen negativen Test habe oder noch länger und wahrscheinlich dürfe sie nie wieder das Haus verlassen. Irgendwann ist ihre schlechte Laune so groß, dass sie in einer Art Übersprungshandlung ihren Kleiderschrank aufräumt und alte Klamotten aussortiert. Somit hat ihre verlängerte Isolation doch etwas Gutes. (Ein Satz, den ich nur stehen lasse, wenn sich meine Frau bis zum Wochenende freitesten konnte.)

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Ich nutze meine wiedererlangte Bewegungsfreiheit, indem ich zur Post und zum Supermarkt gehe. Meine Frau nutzt meine wiedererlangte Bewegungsfreiheit, indem sie mich zum Blumenladen schickt. Ich solle Pflanzen holen, damit sie den Balkon begrünen kann. (Eine weitere Übersprungshandlung, wie ich vermute, was ich aber für mich behalte, denn nach 25 Jahren Partnerschaft, hast du ein gutes Gespür dafür, wann du besser schweigst.)

Zu meinem Unmut gibt mir meine Frau keine detaillierte Bestellung auf, sondern sagt, ich solle einfach irgendetwas besorgen. Hauptsache es blüht. Wegen der Bienen und so. Und winterhart soll es sein. Eine Spezifizierung, die mir nur bedingt weiterhilft.

Ohnehin bin ich nicht besonders begeistert, dass ich Balkonpflanzen besorgen soll. Mein Wissen über Pflanzen im Allgemeinen und über Balkonpflanzen im Speziellen ist sehr, sehr begrenzt. Mich mit dem Kauf von Balkonpflanzen zu beauftragen ist so, als würdest du eine vollgekokste mongolische Rennratte eine OP am offenen Herzen durchführen lassen. Okay, zugegebenermaßen sind die Konsequenzen nicht ganz so fatal, wenn ich Blumen kaufe. Wobei für die Pflanzen, die ich falsch auswähle und die dann auf unserem Balkon eingehen, eigentlich schon.

Zunächst google ich, was winterhart genau ist. Dabei finde ich eine umfangreiche Liste mit Pflanzen, die tough genug sind, um auch mal ein paar Minusgrade auszuhalten. Von den wenigsten Namen auf dieser Liste habe ich schon mal gehört und von noch wenigeren weiß ich, wie sie aussehen. Ungestützt kenne ich in der Pflanzenwelt ohnehin nur Vergissmeinnicht und Stiefmütterchen. Erstere mochte ich als Kind, weil ich mir den Namen merken konnte, letztere weil sie aussehen wie schlecht gelaunte kleine Monster.

Beim Blumenladen stehe ich ratlos vor einer riesigen Auswahl an Pflanzen und recherchiere am Handy für jedes einzelne Gewächs erstmal, wie hoch ihre Survival-of-the-fittest-Chance in einem mitteleuropäischen Winter ist. Schließlich kommt der Blumenhändler zu mir und erkundigt sich, ob er mir helfen könne. Eine Frage, die bei mir im Einzelhandel regelrechte Fluchtreflexe auslöst.

Ich habe eigentlich ein fast schon naiv positives Menschenbild, aber Verkäufer*innen unterstelle ich immer, sie wollten meine Unwissenheit und Inkompetenz ausnutzen, um mir irgendetwas Minderwertiges, das ich gar nicht brauche, zu überteuerten Preisen aufzuschwätzen. Meine schlechten Kaufentscheidungen möchte ich aber lieber alleine treffen. („Freie Fehlkäufe für freie Bürger!“) Daher lüge ich: „Ich komme schon zurecht”, und gehe kurze Zeit später zum nächsten Blumenladen.

Dort ist die Auswahl glücklicherweise wesentlich geringer, was meinen Rechercheaufwand erheblich reduziert. Nach rund einer halben Stunde habe ich acht Pflänzchen ausgewählt, von denen ich hoffe, dass sie tatsächlich dem Winter trotzen. Ich suche die Exemplare aus, bei denen ich vermute, ihre Knospen sind kurz vorm Aufblühen und sie sind nicht bereits totgeweiht auf dem Weg zum Eingehen. Das würde allerdings ganz gut zu unserem Pflanzenhospiz auf unserem Balkon passen, wo wir schon unzählige Pflanzen beim Sterben begleitet haben.

23. April 2022, Berlin

Ernüchterung am Morgen: Meine Frau scheitert beim Freitesten. Denkbar knapp und denkbar unglücklich. Zuhause zeigte ihr Test nur einen Strich, die Mail von der Teststation lautet aber: positiv. Fühlt sich ein bisschen an, als kassiertest du in der Nachspielzeit, als der Schiri schon die Pfeife in den Mund genommen hat, mit dem allerletzten Schuss des Spiels den Gegentreffer, der deine Niederlage besiegelt. Aus abseitsverdächtiger Position und nach einem Rempler gegen deinen Torwart.

Zumindest gibt uns das die Möglichkeit, unser „Alle Arrow-Staffeln anschauen“-Projekt fortzusetzen. Aber ich glaube, meine Frau sieht das nicht ganz so positiv. Sie ist gerade eher der „Das Glas ist halbleer“-Typ. (Ein Satz, den ich nur stehen lasse, wenn sich meine Frau bis zum Wochenende freitesten konnte.)

24. April 2022, Berlin

Doch noch gute Nachrichten zum Wochenausklang: Für meine Frau, die endlich einen negativen Test von der Teststation bescheinigt bekommt, und für mich, der ich nun die ganzen Sätze nicht streichen muss. Zur Feier des Isolationsendes meiner Frau machen wir einen gemeinsamen Spaziergang. Den ersten seit elf Tagen.

Zusammen rausgehen zu können, ist natürlich sehr schön, gefährdet aber das Ziel, heute die letzte Arrow-Staffel abzuschließen. Vielleicht bin doch ich in unserer Ehe der „Das Glas ist halb leer“-Typ.


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Eine kleine Wochenschau | KW16-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


18. April 2022, Berlin

Tag 3 unserer Corona-Isolation. Beim Frühstück frage ich meine Frau, ob wir gleich die beiden letzten Folgen der fünften Arrow-Staffel schauen sollen. Die hatten wir gestern Abend nicht mehr geschafft. Meine Frau schüttelt den Kopf. Wenn sie schon um acht Uhr fernsehen würde, hätte sie das Gefühl, sie verliere die Kontrolle über ihr Leben.

Ich frage mich, ob nicht das Gegenteil der Fall ist. Indem du schon um acht Uhr vor der Glotze hockst, hast du doch die totale Kontrolle über dein Leben. Weil du dich dann den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft entziehst. Das frühmorgendliche Netflixen als quasi-revolutionärer Akt, als Auflehnung gegen die kapitalistische Lohnsklaverei, als Ausdruck der emanzipatorischen Selbstermächtigung. Wohlklingende, leicht vulgär-marxistische Worte, die noch überzeugender wären, hätte ich vor dem Frühstück nicht schon drei Schokoeier gegessen. Denn das ist wirklich ein untrügliches Zeichen, dass du dein Leben nicht im Griff hast.

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Eine kleine Wochenschau | KW15-2022 (Teil 2)

Teil 1


15. April 2022, Berlin

Der Sohn gibt fürs Frühstück vier Brötchen in Auftrag. Vier Hälften mit Spiegelei, Schinken und Käse, zwei Hälften mit Erdnussbutter und Marmelade, zwei Hälften mit Schoko-Creme. Dazu noch einen großen Kaffee. Langsam drängt sich bei mir der Eindruck auf, der Sohn hat sich einen neuen Omnikron-Subtypus mit dem Hauptsymptom „Fressverhalten eines ausgewachsenen Mammuts kurz vor dem Winterschlaf“ eingefangen.

Dafür ist aber der zweite Strich auf seinem Test heute fast gar nicht mehr zu erkennen. Wenn er Glück hat, kann er sich am Sonntag frei testen.

Corona sorgt allerdings bereits für Nachschub. Meine Frau hat sich Abend schon nicht so toll gefühlt, aber ihr Test war negativ. Heute Morgen streicht sie zusätzlich den Rachen ab und nun erscheint ein sehr dünner, aber nicht zu verleugnender zweiter Strich. Richtig topfit bin ich auch nicht, mein Test belässt es aber bei einem Strich. Wahrscheinlich habe ich mir das Stäbchen nicht tief genug in den Rachen geschoben.

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Jetzt, wo es in unserer Familie 2:1 für die Infizierten steht, müssen wir die Wohnung neu aufteilen. Meine Frau hält sich im vorderen Teil in unserem Schlafzimmer auf, der Sohn im hinteren Teil in seinem Zimmer, ich im Rest der Wohnung. Eigentlich würde es mehr Sinn machen, wenn ich mich auf einen Raum beschränken würde, während den beiden Coronies die restliche Wohnung überlassen wird. Aber wir halten es für eine nicht so gute Idee, dass meine Frau heute Abend kocht und mir eine vervirte Mahlzeit kredenzt. (Wahrscheinlich ergibt das biochemisch, physikalisch und virologisch überhaupt keinen Sinn, aber ich habe keine Lust, dazu eine tiefgründige Recherche zu starten. Vor allem nicht, wenn mich diese den Zugang zum großen Fernseher kosten könnte.)

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Ich kümmere mich später ums Abendessen. An Karfreitag gab es bei uns früher immer Fisch. Für meinen Bruder und mich, als wir noch kleiner waren, Fischstäbchen. Bei denen stellt sich allerdings die Frage, ob sie überhaupt in die Kategorie Fisch fallen. Im Gegensatz zum Spinat essen am Gründonnerstag verstehe ich die Fisch-Karfreitag-Connection ziemlich gut. Ein paar der Jünger waren ja Fischer und da war das von Jesus wahrscheinlich ein Influencer-Move, die Leute zum Fisch essen zu animieren. („Mögt ihr auch so gerne Fisch? Schreibt mir eure Lieblingsrezepte in die Kommies! Und schaut euch mein neues Video Dancing on the sea an. Bussi!“)

Obwohl ich null religiös bin, befolge ich unsere alte Familientradition und mache Pappardelle mit Sahnesauce und Lachs. Keine Ahnung, wo das mit dem Traditionen befolgen noch hinführen wird. Vielleicht trete ich demnächst in eine Volkstanzgruppe ein, dann in einen Schützenverein und bei der nächsten Bundestagswahl wähle ich CDU.

16. April 2022, Berlin

Wache morgens mit Halsweh und matschiger Birne auf. Letzteres ist nicht unnormal, aber ersteres deutet darauf hin, dass es mich jetzt ebenfalls richtig erwischt hat. Pflichtschuldig aber eher zaghaft streichle ich mit dem Stäbchen meinen Rachen und pople mir dann umso energischer und tiefer in der Nase rum. Ein paar Minuten später zeigt der Test dann, wie erwartet, zwei Striche. Nun steht es also rotstrichig auf weiß fest: Auch ich habe Corona.

Während ich überlege, ob sich irgendeine Produktionsfirma für die Filmrechte an Christian has fallen interessieren könnte, machen meine Frau und ich einen Termin bei unserer Teststation um die Ecke aus, die kurze Zeit später unser Testergebnis nochmal offiziell bestätigt.

Ein Gutes hat mein positiver Test aber: Nun können wir uns alle wieder frei und maskenlos in der Wohnung bewegen.

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Meine Frau und ich haben glücklicherweise ebenfalls nur sehr, sehr milde Symptome. (Ein herzliches Dankeschön an die Impfstoffentwickler von Biontech, Pfizer, Moderna und AstraZeneca!) Trotzdem finden wir, dass mit so einer Corona-Infektion nicht zu spaßen ist, und lassen den Wochenend-Putz sicherheitshalber ausfallen.

Bevor wir unseren Nachmittag auf der Couch mit Netflix en verbringen können, storniere ich noch unsere Zugtickets und unser Hotel in Stockholm. Beziehungsweise versuche es. Bei der Hotelreservierung muss ich feststellen, dass ich mich als kurzfristig denkender Geizkragen bei der Buchung für die zehnprozentige günstigere Option ohne Storno-Möglichkeit entschieden hatte. Wie so jemand der während der Corona-Pandemie in einer Höhle ohne jeglichen Außenkontakt gelebt hat.

17. April 2022, Berlin

Zu Ostern backt meine Frau normalerweise immer eine Ostertorte aus dem Kochbuch-Klassiker Die echte italienische Küche. Diese besteht aus zwölf Schichten Blätterteig, die die zwölf Jünger symbolisieren. Um den Leidensweg Christi nachzuempfinden, rollt meine Frau jede einzelne Schicht händisch hauchdünn aus. Dabei stößt sie Flüche aus, die meines Wissens nicht aus der Bibel überliefert sind. Gefüllt wird das Ganze mit einer Spinat- Ricotta-Mischung und Eiern. Dieses Jahr müssen wir auf die Ostertorte verzichten, denn für eine spontane Backaktion fehlen uns die Zutaten.

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Unser Schokoeier-Vorrat zum Verstecken ist auch eher begrenzt. Möglicherweise denken Sie, dass der Sohn mit fünfzehneinhalb ohnehin zu alt zum Ostereiersuchen ist. Dachten wir letztes Jahr auch. Als wir die Kinder jedoch gefragt haben, ob wir überhaupt noch Sachen verstecken sollen, gaben sie uns mit entrüsteten Blicken zu verstehen, dass das nicht zur Disposition steht. Vielleicht waren sie aber auch gar nicht entrüstet, sondern nur sehr, sehr verblüfft, dass wir es sind, die die Eier verstecken und nicht der Osterhase.

Ich hoffe, dass der Sohn nicht alle Schokoeier gefunden hat. Dann werden wir im Laufe des Jahres bei gelegentlichen Aufräumaktionen vielleicht fündig und können uns für das Erledigen der Hausarbeit mit ein wenig Schoki belohnen.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!


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Eine kleine Wochenschau | KW15-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


11. April 2022, Berlin

Die Käsenamen-Kreativen im Bio-Supermarkt haben wieder zugeschlagen. Neben dem wilden Bernd und der leichten Hilde gibt es nun auch noch einen urigen Hannes. Laut Etikett handelt es sich um einen Schnittkäse, der rotgeschmiert und mit einer Mischung aus Blaubeeren, Schabziger Klee, Brennnesseln und Petersilie affiniert ist. Liest sich, als wäre jemand besoffen durch den Garten gestolpert und hätte wahllos irgendwelches Grünzeug rausgerupft, mit dem er dann den Käse versetzt hat.

Mir tut der Käse ein bisschen leid. Zuerst wird er rotgeschmiert und affiniert – was auch immer das ist – und dann raucht irgendein Marketing-Fred den Rest der Blaubeeren-Schabziger-Klee-Brennnessel-Petersilien-Mischung und denkt sich: „Mensch, dich nenn‘ ich uriger Hans!“

Wenn du uriger Hannes heißt, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass du an der Käsetheke gemobbt wirst. Sowohl von den anderen Käsesorten als auch den Kund*innen. Oder ist der urige Hans in der Käsewelt eine Art Holzmichl und die anderen Käsesorten fragen sich, ob er noch lebt?

Gedanken und Fragen am Montagmorgen, die den Eindruck erwecken, dass ich a) zu viel Zeit habe und b) selbst von der Blaubeeren-Schabziger-Klee-Brennnessel-Petersilien-Mischung geraucht habe. Die anderen Menschen an der Käsetheke werden langsam unruhig. Ich entscheide mich für einen namenlosen Cheddar und ziehe weiter.

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