Eine kleine Wochenschau | KW47-2022 (Teil 2)

Teil 1


25. November 2022, Berlin

Heute ist Black Friday. Das finde ich gut. Dann gibt es ab morgen keine Black-Friday-Werbung mehr. Stattdessen für die Cyber Week. Und für Nikolaus-Rabatte, verkaufsoffene Sonntage, Adventsangebote und Weihnachtsschnäppchen. Hauptsache wir kaufen, kaufen, kaufen. (Mit irgendetwas muss die innere Leere ja gefüllt werden.)

26. November 2022, Berlin

Am Montag werden zusätzliche Regale für das neue, frisch renovierte Arbeitszimmer geliefert. Ich nutze den bevorstehenden Umzug meines Arbeitsplatzes zum Ausmisten. Mir fällt ein alter Nawi-Test des Sohns in die Hände. 6. Klasse. Klima und Vegetation in Europa. Der Sohn hatte die volle Punktzahl erreicht. 1+. Sehr beeindruckend. Die Note, aber noch mehr, dass die Lehrerin seine Schrift entziffern konnte.

In einem Karton entdecke ich einen 50-Euro-Gutschein für einen Berliner Plattenladen. Ein Geschenk zu unserer Hochzeit. Wir haben 2016 geheiratet. Akribisch durchsuche ich alle anderen Umschläge und Karten in der Kiste. Meine Hoffnung, auf Geldscheine zu stoßen, erfüllt sich nicht.

In der obersten Schublade meines Schreibtischs finde ich doch noch zwei Banknoten. 50 dänische Kronen und 10 Schweizer Franken. Wenn ich das nächste Mal nach Dänemark oder in die Schweiz fahre, kann ich es krachen lassen.

In einer anderen Schublade liegen so viele Kästchen mit Musterbeutel-Klammern, als hätte ich eine exklusive, weltweit gültige Vertriebs Lizenz für Musterbeutel-Klammern. Interessanterweise habe ich keinen einzigen Umschlag, der mit Musterbeutel-Klammem verschlossen werden muss.

In den restlichen Schubladen stoße ich unter anderem auf zwei Taschenrechner, drei Locher, zwei Tacker, drei Schachteln mit jeweils 500 Büroklammern, sehr, sehr viele Kugelschreiberminen, einen einzelnen Kugelschreiber, in den die Minen nicht passen, eine Auswahl von Weihnachtskarten von sehr zweifelhafter Schönheit, einige CD-Rohlinge und allerlei anderen Kram.

Ich entsinne mich, wie ich, als ich das letzte Mal ausgemistet habe, irgendwann dachte: „Ach, das stört doch niemanden, wenn das in den Schubladen liegt.“ Da diese Einschätzung heute noch genauso viel Gültigkeit besitzt wie damals, beschließe ich, meine Aufräum-Aktion zu beenden.

27. November 2022, Berlin

Heute ist 1. Advent. Außer dem Stollen haben wir erst eine einzige Plätzchensorte gebacken. Choco Crossies. Die Lieblingssorte der Tochter, die wir ihr nach Carlow schicken.

Unser mangelhaftes Engagement in der Weihnachtsbäckerei liegt nicht nur daran, dass meine Frau gerade sehr viel an der Arbeit zu tun hat und ich mit dem Arbeitszimmer-Umzug beschäftigt bin. Wir haben gerade auch keinen Zugang zu unseren Plätzchendosen. Die liegen in einem abschließbaren Schrank, der dazugehörige Schlüssel befindet sich am Schlüsselbund der Tochter und diese sich bekanntermaßen in Irland.

Hört sich komisch an, aber die Erklärung ist sehr einfach. Ich arbeite schon seit vielen Jahren im Home Office. Gleichzeitig bin ich ein sehr undisziplinierter Mensch, was den Konsum von Süßigkeiten angeht. Deswegen haben wir so gut wie nie Süßigkeiten in der Wohnung. Denn wären welche da, wären sie schon wieder weg.

Die Kombination von Home Office und uneingeschränktem Zugang zu Weihnachtsplätzchen bei gleichzeitig unwilligem Geist und schwachem Fleisch hat sich daher als eher ungünstig erwiesen. Ungünstig für den Hosenbund, der zunehmend mehr zwickt, ungünstig für den morgendlichen Gang auf die Waage, der zunehmend unerfreulicher wird, sowie ungünstig für den Blick in den Spiegel, aus dem dich ein zunehmend hüftspeckigeres Moppelchen anglotzt.

Daher hatte ich vor ein paar Jahren die Idee, die Dosen mit dem Weihnachtsgebäck in dem besagten abschließbaren Schrank aufzubewahren und der Tochter den Schlüssel zur Verwahrung anzuvertrauen. Diese war den größten Teil des Tages in der Schule, was meinen Zugriff auf Vanillekipferl, Kokosmakronen, Dominosteine und Co. verhinderte. Gut, ich hätte den Schrank mit Hilfe von Büroklammern und einer Nagelpfeile aufknacken können, aber so zügellos ist mein Verlangen nach Süßem dann doch nicht.

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An der Weihnachtsbäckerei hapert es zwar noch ein wenig, aber dafür war meine Frau so umsichtig, eine Box mit Süßigkeiten zu bestellen, um die Adventskalender der Kinder zu befüllen. Die Box ist allerdings bereits am Dienstag angekommen. Falls Sie eben aufmerksam gelesen haben, wissen Sie, was das bedeutet: Damit die Kinder nicht nur jeden zweiten Tag ein Adventsleckerli haben, muss ich morgen ein paar Süßigkeiten nachkaufen.


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Eine kleine Wochenschau | KW47-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


21. November 2022, Berlin

Montage zählen gemeinhin nicht zu den beliebtesten Wochentagen. Das müßiggängerische Wochenende liegt hinter und die Woche voller Arbeit oder Schule vor einem. (Bei Lehrer*innen beides.) Den Sohn hat es besonders schlimm erwischt. Er muss diese Woche drei Klausuren schreiben. Heute ist Chemie dran. Er hat mir sogar gesagt, zu welchem Thema, aber ich habe es sofort vergessen.

Chemie war in der Schule mein mit Abstand schlechtestes Fach. Während meiner Schulzeit habe ich insgesamt zwei Sechsen geschrieben. Eine davon im Chemie-Halbjahrestest in der 10. Klasse. Aus Rücksichtnahme auf meine Eltern wollte ich sie mit schulischen Nichtigkeiten und dieser zugegebenermaßen schlechten, aber im Verhältnis zum Weltgeschehen doch irrelevanten Zensur emotional nicht unnötig belasten. Daher ließ ich sie bei der Beantwortung der elterlichen Frage, ob in der Schule irgendetwas Besonderes vorgefallen sei, elegant unter den Abendbrottisch fallen.

Das Ganze kam später allerdings doch raus. Als Zugabe zum Halbjahreszeugnis erhielt ich einen blauen Brief, da meine Leistungen in Chemie nur schwach ausreichend mit Tendenz zum Mangelhaften waren. Persönlich fand ich das gar nicht so schlecht, denn ich musste ja die Sechs aus dem Test ausgleichen. Zu meiner Überraschung teilten meine Eltern diese wohlwollende Einschätzung nicht vollumfänglich. Ihre Dankbarkeit, dass ich ihre Nerven durch das Verschweigen der Sechs geschont hatte, hielt sich ebenfalls in Grenzen.

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Eine kleine Wochenschau | KW46-2022 (Teil 2)

Teil 1


18. November 2022, Berlin

Wir sind zurzeit dabei, das alte Zimmer der Tochter in ein Büro für mich zu verwandeln. Irgendwie ein bisschen traurig, einen Raum, in dem gespielt, gebastelt und Musik gehört wurde, in einen Ort zu verwandeln, in dem du arbeiten musst. Außerdem führt dir diese Zimmertransformation schonungslos vor Augen, dass deine Kinder groß werden und du selbst alt wirst.

Andererseits stehen dann mein Schreibtisch, meine Ordner, der Drucker und all das Gerümpel, das sich so in einem Arbeitszimmer ansammelt, nicht länger in unserem Schlafzimmer rum. Das erhöht die persönliche Wohn- und Schlafqualität doch um einiges. Allerdings muss ich das Zimmer vorher noch streichen. Das senkt meine persönliche Lebensqualität wiederum erheblich.

Die für die Streichaktion notwendige Farbe kaufe ich ganz im Sinne des „support your local everything“ in dem Malereifachgeschäft bei uns in der Nachbarschaft. Nachdem ich mein Anliegen geschildert habe, beweist der Ladenbesitzer, dass er gleichermaßen über Fachkompetenz, Menschenkenntnis und Verkaufstalent verfügt. Er empfiehlt mir eine recht teure Marke. Mit dieser erzielten auch Leute, die nur sehr selten streichen und Angst hätten, ob sie das richtig hinbekämen, gute Ergebnisse. Ich schlage sofort zu.

19. November 2022, Berlin

Zum Streichen des Ex-Kinder-und-Arbeitszimmer-in-spe ziehe ich meine „Arbeitshose“ an. Wie wahrscheinlich bei den meisten Menschen, die ihr Geld am Schreibtisch verdienen und in ihrer Freizeit größtmöglichen Abstand von handwerklichen Tätigkeiten halten, handelt es sich nicht um ein professionelles Arbeitskleidungsstück, sondern einfach um eine ausrangierte Hose, bei der es egal ist, wenn sie schmutzig wird.

Die Hose führte jahrelang ein unbeschwertes Leben in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes. Weil wir im Januar schon das Zimmer des Sohns renovierten, trage ich sie dieses Jahr aber bereits zum zweiten Mal. Wahrscheinlich steht sie kurz vorm Burn-out.

20. November 2022, Berlin

Inspiziere morgens das Streichergebnis. Der Mann aus dem Malereifachgeschäft hatte recht. Mit der Farbe kannst du auch als unroutinierter Maler gute Ergebnisse erzielen. Zumindest an den Stellen, an denen du sie aufgetragen hast. Die anderen muss ich heute früh noch einmal nachstreichen. Meine Arbeitshose wimmert leise auf, als ich sei schon wieder anziehe.

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Nach der ganzen Handwerkerei – wenn man das, was ich da gestern und heute veranstaltet habe, so bezeichnen will –, widme ich mich heute einer hauswirtschaftlichen Tätigkeit: Ich backe Stollen. Damit bin ich eigentlich eine Woche zu spät dran. Stollen soll nämlich sechs Wochen vor Weihnachten gebacken werden. Dann kann er richtig durchziehen. Da wir unseren Stollen aber sowieso immer schon nach ein paar Tagen anschneiden, ist es egal, wann ich ihn backe.

Ursprünglich war der Stollen übrigens eine Fastenspeise, die aus Wasser, Hafer und Öl hergestellt wurde. Recht schnell fiel den Menschen aber auf, dass diese Hafer-Öl-Kreation geschmacklich kein Burner war. Daher beschlossen sie, das mit der Fasterei nicht zu übertreiben, und hauten ordentlich Zucker, Eier, Marzipan und in den Teig. Damit der Stollen nicht zu lecker wird, kam irgendein krankes Hirn noch auf die Idee, Zitronat und Orangeat beizumischen. Beides Abfallprodukte, die bei der Herstellung von Autoreifen entstehen, und die mit Zitronen und Orangen soviel zu tun haben, wie Meeresfrüchte mit Obst und Gemüse oder Kichererbsen mit Gelächter.

Mit dem Stollenbacken ist für mich die Weihnachtsbäckerei und damit die Weihnachtsmusik-Saison eröffnet. Einerseits ist meine Frau darüber erleichtert, denn in den letzten Wochen lief bei mir in Vorbereitung auf den 11.11. meine Karnevals-Playlist in Dauerschleife. Andererseits höre ich nun non-stop Feliz Navidad, Silent Night, We wish you a merry Christmas und Co. Für meine Frau ist das wie von der Traufe in den Regen zu kommen, sich zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen oder den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Wobei der Beelzebub nach dem 138. „Last Christmas“ wahrscheinlich schnell Reißaus nehmen würde.


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Eine kleine Wochenschau | KW46-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


14. November 2022, Berlin

Nostalgische Kindheitserinnerungen im Supermarkt. Der Kassierer im Supermarkt trägt eine Armbanduhr mit Taschenrechner. Sowie damals in der Grundschule mein Klassenkamerad Thorsten. Dafür habe ich ihn sehr beneidet. Meine Eltern erfüllten mir meinen Wunsch nach einer Taschenrechner-Uhr aber nie und ich suchte auf vielen Geburtstagstischen und unter mehreren Weihnachtsbäumen vergeblich nach ihr. (Schlimmstes Trauma für die wohlbehütet aufgewachsene Generation Golf.)

Auch jetzt an der Kasse denke ich, dass ich gerne so eine Uhr hätte. Dabei trage ich seit über 25 Jahren keine Armbanduhr. Eine Zeit lang hatte ich eine Taschenuhr, weil ich dachte, das sei cool. Stellte sich aber heraus, dass es sehr uncool ist. Außerdem habe ich einen Taschenrechner in meinem Smartphone, den ich so gut wie nie benutze. Und mit „so gut wie nie“ meine ich „nie“. Es gibt im Alltag einfach sehr wenige Situationen, in denen ich zu mir sage: „Was für ein Glück, dass mein Handy einen Taschenrechner hat. Aber noch besser wäre es, wenn ich ihn am Handgelenk tragen würde.“

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Eine kleine Wochenschau | KW45-2022 (Teil 2)

Teil 1


11. November 2022, Berlin

11.11. Karnevalsauftakt in Köln. Ich feiere wieder zusammen mit Stadt-Land-Mama-Lisa und Ich-bin-dein-Vater-Janni. Coronabedingt das erste Mal seit zweieinhalb Jahren. Auf dem Weg in die Kneipe bin ich etwas nervös, ob ich überhaupt noch weiß, wie das mit dem Karnevalfeiern geht. Es stellt sich aber schnell raus, dass das genau wie beim Radfahren ist. Also, nicht dass du einen Helm und reflektierende Hosenbänder beim Karnevalfeiern brauchst, sondern du verlernst es nicht. Spätestens nach dem dritten Kölsch gehen die Lieder recht flüssig über die Lippen und nach dem vierten klappt es auch mit dem Schunkeln.

Ich hatte zuerst kurz überlegt, mich als alter, weißer Mann zu verkleiden. Das heißt, mich wie immer anziehen und nach jedem Satz: „DAS WIRD MAN JA WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN!“ zu blöken.

„Ich hätte gerne einen Kranz Kölsch. DAS WIRD MAN JA WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN!“
„Ich geh’ mal aufs Klo. DAS WIRD MAN JA WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN!“
„Ich hol mir ‘ne Wurst. DAS WIRD MAN JA WOHL NOCH SAGEN DÜRFEN!“

Die Verkleidung schien mir aber ein wenig zu konzeptionell-verkopft zu sein. Stattdessen habe ich mich für mein bewährtes Wo-ist-Walter-Kostüm entschieden. Das ist leicht umzusetzen und kostengünstig. Du brauchst nur ein rot-weiß-geringeltes T-Shirt und eine rot-weiße Bommelmütze – eine schwarze Hornbrille habe ich sowieso – und fertig ist die Karnevalsverkleidung.

Außerdem komme ich in dieser Kostümierung sehr leicht in Kontakt mit anderen Menschen. Allerdings in erster Linie auf der Männertoilette, wo mir andauernd irgendein Dude auf die Schulter haut und dabei nuschelt „Isch hab’ den Walter jefunden!“ (Nach dem fünften Kölsch denke ich auch nicht mehr darüber nach, ob sich der Typ, der mir gerade den Rücken tätschelt, vorher die Hände gewaschen hat.)

12. November 2022, Berlin

Wache um 8 Uhr auf. Die Umsetzung meines Nach-jedem-dritten-Kölsch-trinke-ich-ein-Wasser-Plans hat nur semi-gut geklappt. Ich habe eine leicht matschige Birne und einen Geschmack im Mund, als hätte sich eine altersschwache Bisamratte zum Sterben in meine Mundhöhle zurückgezogen.

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Um 10.30 Uhr laufe ich am Rhein entlang in Richtung Hauptbahnhof. Am Zollhafen wird gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut. Die Arbeiter sehen nicht besonders glücklich aus. Das liegt vielleicht am Wetter. Bei 12 Grad plus macht es wahrscheinlich nicht besonders viel Spaß, Glühweinstände zusammenzuzimmern.

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Im Bahnhof spricht mich ein Mann in gebrochenem Deutsch an. Er fragt, was bei der Anzeige zu seinem Zug der Satz „Fährt in umgekehrter Wagenreihung“ bedeutet. Ich versuche, ihm das mit möglichst einfachen Worten zu erklären. Mein Hirn und mein Sprachzentrum laufen aber noch nicht ganz im Normalbetrieb. Meine Ausführungen sind daher so kompliziert, dass ich davon ausgehe, dass der Mann gleich in einen komplett falschen Zug einsteigen wird.

13. November 2022, Berlin

Eigentlich hätte ich heute gerne ausgeschlafen, um mich noch ein wenig von den Karnevalsstrapazen zu erholen. Schließlich bin ich keine 18 mehr, als ich abends noch feiern gehen konnte und trotzdem am nächsten Morgen einigermaßen fit war und in die Schule gehen konnte. (Das lag allerdings hauptsächlich daran, dass mein Vater Lehrer war und es nicht gestattet hat, „krank“ zu sein, wenn du am Vorabend auf einer Party warst.)

Meine Karnevals-Rekonvaleszenz muss jedoch ausfallen. Der Judoverein des Sohns richtet dieses Wochenende die Berliner Mannschaftsmeisterschaften aus. Da wird ein gewisses Engagement von den Vereinsmitgliedern erwartet. Ungünstigerweise auch von den Eltern der Vereinsmitglieder. Ich hatte bereits Kuchen gebacken. Das reichte als Einsatz aber nicht aus, sondern ich war auch noch dafür eingeteilt, ihn zu verkaufen. Und Brötchen und Würstchen und Salate und Bouletten und Getränke.

Um 6 Uhr klingelt der Wecker, weil wir für das Turnier nach Kladow müssen, was eine Bus- und Bahnfahrt von 70 bis 90 Minuten bedeutet. Möglicherweise fragen sie sich jetzt: „Kladow? Ist das überhaupt noch Berlin?“ Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht. Allerdings sieht es dort nicht nach Berlin aus.

Durch den Karneval ist mein Bedarf an Sozialkontakten für die nächsten Tage Wochen gedeckt. Somit versuche ich, mich beim Essensverkauf eher im Hintergrund zu halten. Es kommt mir sehr gelegen, dass immer wieder neue Brötchen geschmiert werden müssen. Ein Job, den meine Frau und ich gerne übernehme. Hauptsache, wir müssen uns nicht mit anderen Menschen unterhalten.

Unterstützung bekommen wir unter anderem von Roy. Roy ist 10 Jahre alt und belegt die Brötchenhälften mit einer zenhaften Langsamkeit mit Käse, Salat, Tomaten und Gurken. Manchmal kommt er bei der Reihenfolge des Belags durcheinander, muss dann alles wieder runternehmen und neu belegen. Dafür drapiert er die Gurken und Tomaten in Blümchenmustern auf den Brötchenhälften, was seine Brötchenbeleggeschwindigkeit auch nicht gerade erhöht.

Roy ist wahrlich nicht der schnellste Brötchenbeleger in der Geschichte des Brötchenbelegens. Dafür ist er aber erfreulich schweigsam. Eine Qualität, die ich insbesondere heute sehr zu schätzen weiß.


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Eine kleine Wochenschau | KW44-2022 (Teil 2)

Teil 1


03. November 2022, Berlin

Der Sohn muss bis Ende der Ferien für seinen Philosophie-Leistungskurs ein Essay schreiben. Über die Frage: „Darf man andere zu ihrem Glück zwingen?“ Offenbar hat der Sohn das Bedürfnis, dieses Thema mit mir zu diskutieren. Zumindest schließe ich das aus dem Umstand, dass er zu mir ins Arbeitszimmer kommt, sich neben mich setzt und anfängt, über sein Essay zu reden.

Der Sohn verneint die Frage vehement. Unter Glück würde doch jeder etwas anderes verstehen, da dürfe kein Zwang ausgeübt werden. Möglicherweise betont er das so deutlich, dass ich nicht auf die Idee komme, ihn zum Aufräumen zu zwingen, damit er das Glück eines ordentlichen Zimmers erfährt.

Derweil erläutert der Sohn seine Argumentation weiter. Manche würden vielleicht Glück empfinden, wenn sie in der Schule eine 1 schreiben, andere wiederum, wenn sie sich Heroin spritzen. Da wäre es nicht in Ordnung, sie zu irgendetwas zu zwingen. Ich erkläre dem Sohn, dass ich prinzipiell verstünde, was er meint. Dennoch schlage ich ihm vor, bei der Ausformulierung seines Textes vielleicht doch ein anderes Beispiel in Erwägung zu ziehen.

04. November 2022, Berlin

Heute ist Tag des Weinessigs. What?

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Eigentlich habe ich mich bisher trotz meiner 47 Jahre für einigermaßen jung geblieben gehalten. Ich bin überzeugt, wäre mein Bart nicht ganz so grau, würde ich locker für 46 durchgehen. Eine Illusion, die ich begraben muss, nachdem ich heute eine Blog-Kooperationsangebot von Land’s End erhalten haben. Eine Marketingfrau schlägt vor, ich könnte doch ihre Klamotten vorstellen, weil ich so gut zu ihrer Zielgruppe passe. Schönen Dank auch!

Auf Instagram erreicht mich wiederum das Angebot einer Balance-Board-Firma, Teil einer großen Kampagne zu werden, die sie gerade organisieren. Ich schaue mir den Feed der Firma an. Dort sind lauter coole Dudes und noch häufiger attraktive junge Frauen zu sehen, die waghalsige Übungen auf den Boards vorführen. Wie ich da ins Spiel kommen soll, ist mir nicht ganz klar. Weder falle ich in die Kategorie „Cooler Dude“ – für so jung geblieben, halte ich mich dann doch nicht – noch gehe ich als attraktive junge Frau durch. Vielleicht möchte die Firma mit mir die Zielgruppe der rüstigen Senior*innen erreichen. Ich schlage das Angebot dennoch dankend aus.

05. November 2022, Berlin

Beim Spazierengehen entdecke ich in einem Schaufenster einen Aushang. Goldenei, der Chor für tiefe Stimmen, sucht neue Sänger. Folgende Aufnahmekriterien sind zu erfüllen:

  1. Du musst begnadeter Tenor oder Bass sein.
    Schwierig. Ich habe zwar eine ganz okaye Singstimme, die immerhin in der 11. Klasse gereicht hat, um für meine Darbietung von „Phantom of the Opera“ eine 1 zu bekommen. Allerdings folgt es bei mir eher dem Zufallsprinzip, ob ich die erste Note treffe oder nicht. Ebenso nachteilig ist, dass ich über das Rhythmusgefühl einer deutschen Eiche verfüge. Wobei dieser Vergleich wahrscheinlich der deutschen Eiche unrecht tut. Beides sind nicht gerade die besten Voraussetzungen, um Mitglied eines nicht vollkommen unambitionierten Chors zu werden.
  2. Du sollst ein Freund toter Komponisten sein.
    Ebenfalls schwierig. Ich bin mit keinem einzigen toten Komponisten befreundet. Ich habe nur einen angeheirateten Onkel vorzuweisen, der im MDR-Rundfunkchor singt und klassische Stücke komponiert. Besagter Onkel lebt aber noch und ich würde ihn ungern umbringen, um das Aufnahmeritual bei Goldenei zu bestehen.
  3. Du sollst dem Hopfen nicht gänzlich abgeneigt sein.
    Dieses Kriterium erfülle ich am ehesten. Wobei ich noch lieber Gin Tonic als Bier trinke. Aber das wäre möglicherweise verhandelbar.

Alles in allem habe ich dennoch erhebliche Zweifel, dass ich eine musikalische Ver-stärkung für Goldenei wäre. Da müssen die tiefen Stimmen wohl ohne mich auskommen.

06. November 2022, Berlin

Heute ist Ausgesetzt-ohne-Kompass-Tag. Bei mir würde es keinen Unterschied machen, ob ich mit oder ohne Kompass ausgesetzt werde. Ich schaffe es, selbst bei eingeschalteter Google-Maps-Route erstmal in die falsche Richtung zu gehen. Ich warte nur darauf, dass mein Handy irgendwann zu mir sagt: „Alter, für was denkst du ist wohl der beschissene Pfeil da, den ich extra auf der Landkarte anzeige? Trottel.“


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Eine kleine Wochenschau | KW44-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


31. Oktober 2022, Berlin

Heute ist Halloween. Wie jedes Jahr am 31. Oktober. Also kommt das nicht besonders überraschend. Trotzdem habe ich vergessen, Süßigkeiten zu kaufen. Das heißt, ich muss mich ab ungefähr 17 Uhr totstellen und darf die Tür nicht mehr öffnen. Schließlich möchte ich nicht einer Horde trick-or-treatender und vollkommen überzuckerter Kinder erklären, dass es bei uns nicht Süßes gibt, ich ihnen aber eine Zwiebel anbieten könnte.

Um ehrlich zu sein, habe ich gar nicht vergessen, Süßigkeiten zu besorgen, sondern absichtlich keine gekauft. Vor ein paar Jahren hatten wir zu Halloween eine riesige Schale voll mit Schokoriegel, Bonbons und Gummibärchen vorbereitet. Allerdings kam kein einziges Kind vorbei. Das hatte – unweigerlich – zur Folge, dass ich ungefähr 90 Prozent des Schüsselinhalts selbst verzehren musste. Der Gang auf die Waage war dann gruseliger als jeder noch so furchteinflößender Horror-Clown.

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Eine kleine Wochenschau | KW43-2022 (Teil 2)

Teil 1


28. Oktober 2022, Berlin

Heute ist Weltspartag. Früher war das für mich ein großes Ding. Mein Bruder und ich sind dann immer mit meiner Mutter oder meinem Vater zur örtlichen Sparkasse gegangen. Dort nahm ein Mitarbeiter oder in seltenen Fällen eine Mitarbeiterin unsere Spardosen entgegen, öffnete sie, leerte den Inhalt in den Münzzählautomaten und dieser zeigte nach kurzem – in guten Jahren nach längerem – Rattern an, was wir in den letzten zwölf Monaten gespart hatten.

Am besten fand ich aber, dass es dann immer noch die aktuelle Ausgabe der Knax-Zeitschrift und ein kleines Geschenk gab. Irgendein Plastikschrott-Spielzeug, das nach wenigen Tagen in irgendeiner Kiste verschwand und nie wieder hervorgeholt wurde. Als Kind war mir der Akt des Beschenktwerdens anscheinend wichtiger als der eigentliche Besitz.

Heutzutage spielt der Weltspartag keine große Rolle mehr. Ich war erstaunt, dass es ihn überhaupt noch gibt. Als erwachsener Mensch gehst du in den meisten Fällen ohnehin zur zur Bank, um Geld abzuheben und nicht um etwas einzuzahlen.

Wobei, wir haben in der Küche einen Maßkrug, in dem wir unsere 1- bis 20-Cent-Münzen sammeln. Die könnte ich mal zur Bank bringen. Die akzeptiert Münzgeld aber nur, wenn es gerollt ist. Das ist ziemlich nervig. Dazu musst du Münzgeldrollenpapier besorgen, die Münzen händisch abzählen und schließlich zusammenrollen.

Auf der Bank gibt es dann keinen ratternden Münzzählautomaten, vor dem du mit Spannung stehst, um zu sehen, wie viel Geld du einzahlen kannst. Stattdessen werden deine Münzrollen voller Misstrauen abgewogen, um auszuschließen, dass du sie mit Schaumstoff und nicht mit Geld ausgefüllt hast. Am Ende stellt sich dann raus, dass sich in dem Maßkrug ungefähr 4,50 Euro angesammelt hatten. Da lohnt sich der ganze Aufwand kaum. Vor allem, weil du als Erwachsener auch keine Knax-Zeitschrift oder ein Plastikschrott-Spielzeug geschenkt bekommst.

29. Oktober 2022, Berlin

Vor vier Wochen hat mein Vergangenheits-Ich meiner Frau unbedacht „können wir machen“ geantwortet. Da ihre Frage war, ob ich zusammen mit ihr beim Sportscheck Run mitlaufen würde, sitzt mein Gegenwarts-Ich nun auf dem Rad und ist unterwegs zum Tempelhofer Flughafen. Dort findet um 19 Uhr der Lauf statt. Eine Gestaltung meines Samstagabends, die mein Vergangenheit-Ich anscheinend attraktiv oder zumindest akzeptabel fand, mein Gegenwarts-Ich eher nicht.

Am alten Flughafen angekommen, müssen wir zunächst unsere Startunterlagen abholen. Das hätte ich schon gestern oder vorgestern erledigen können, aber mein Vergangenheit-Ich war zu faul, dafür extra zur Sportscheck-Filiale am Potsdamer Platz zu radeln. Deswegen steht mein Gegenwarts-Ich jetzt in der Schlange vor dem Registrierungsschalter. An ungefähr 50. Stelle.

Als wir an der Reihe sind, stellt sich heraus, dass unsere Namen nicht im System registriert sind. Wir sollen unsere Daten in einem Tablet eingeben. Das ist herausfordernder, als es klingt, denn ich trage nicht meine normale, sondern meine Sportbrille. Dabei handelt es sich nicht um ein besonders schnittiges und robustes Brillenmodell, das extra für sportliche Aktivitäten entwickelt wurde. Nein, es ist einfach meine letzte Brille, die ich immer beim Sport trage. Bei ihr wäre es nicht so schlimm, wenn ich mich beim Laufen hinlege und sie kaputt geht.

Die Brille ist schon mehr als zehn Jahre alt. Deswegen passt ihre Brillenglasstärke nicht ganz zu meiner Augensehschwäche. Beim Sporttreiben ist das nicht weiter problematisch, beim Bedienen einer Tablet-Tastatur dagegen schon. Ich tippe hilf- und ziellos auf den verschwommenen Buchstaben rum und würde mich nicht wundern, wenn ich mich gerade als Xrodziam Gatter anmelde.

Bevor der Lauf los geht, gibt es noch ein gemeinsames Warm-up. Gruppen-Aufwärmen ist meine persönliche Vorhölle. Ich möchte nicht gemeinsam mit mir unbekannten Menschen semi-dynamisch auf der Stelle laufen, die Arme in die Höhe strecken und Kniebeugen machen. Wenn ich es mir genauer überlege, möchte ich das nicht einmal mit mir bekannten Menschen machen.

Die Frau, die das Warm-up anleitet, ist von einer großen Fitness-Studio-Kette. Ihre Stimme klingt, als würde sie sonst ihr Geld mit Softcore-SM-Telefon sex verdienen. Nach fünf Minuten ist der Spuk zum Glück vorbei und wir können endlich loslaufen.

Meine Frau hat uns für den 10-Kilometer-Lauf angemeldet. Das heißt, wir müssen zwei Runden über das Tempelhofer Feld laufen. Ich finde das ziemlich furchtbar. (Allerdings nicht ganz so furchtbar wie kollektives Aufwärmen.) Da läufst du die ganze Zeit rum und es gibt nichts zu sehen, außer in der Ferne ein paar Häuser-Silhouetten und irgendwo den alten Hangar. Sonst nichts. Keinen Baum, keinen Strauch, kein Nichts. Nur Feld, Feld, Feld. (Daher ja auch der Name Tempelhofer Feld. Da wird zumindest niemand in die Irre geführt.)

Nach knapp 70 Minuten sind wir im Ziel. Dort gibt es eine Medaille. Und alkoholfreies Radler, Bananen und Laugengebäck. Ich möchte nicht so weit gehen, dass das für das Warm-up und den Feld-Lauf entschädigt, aber zumindest ist es ein versöhnlicher Abschluss.

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Auf dem Heimweg fahren wir ein Stück durch den Tiergarten. Auf dem Hinweg war das recht idyllisch, aber jetzt ist es dort stockdunkel. So dunkel, dass du immer nur so weit wie die zwei, drei Meter des Lichtstrahls der Fahrradleuchte sehen kannst und keine Ahnung hast, was dich dahinter erwartet. Irgendwelche Ungeheuer oder Gewaltverbrecher vielleicht.

Das ist ziemlich gruselig. Ich hoffe einfach, dass alle Monster, Räuber und Mörder vor der Dunkelheit noch mehr Angst haben als wir und den nächtlichen Tiergarten meiden.

30. Oktober 2022, Berlin

Heute Nacht war Zeitumstellung. Von Sommer- auf Winterzeit. Das heißt, die Uhren mussten eine Stunde zurückgestellt werden, denn im Sommer werden die Möbel vor das Gartenhäuschen gestellt und im Winter wieder zurück. Allerdings sind unsere Uhren ohnehin fast alle funk- oder internetgesteuert, so dass sie sich von alleine umstellen.

Lediglich unseren Radiowecker muss ich manuell justieren. Auch das ist herausfordernder, als es sich anhört. Der Radiowecker ist ein schon etwas betagteres Modell und sehr sensibel. Wenn du ihn nur schief von der Seite anschaust, verstellt sich der Senderregler von alleine und du wirst morgens von einem unschönen Rauschen und Knacken geweckt. Oder gar nicht. Und wenn du auf den Knöpfen rumdrückst, um die Zeit neu einzustellen, verschiebt sich der Regler noch mehr. Im ungünstigsten Fall auf irgendeinen Schlager-Sender, so dass dich in der Früh Andrea Berg, Helene Fischer oder Andreas Gabalier akustisch brutalstmöglich aus der REM-Phase prügeln. Der einzige Vorteil: Das Aufstehen geht dann ziemlich schnell.


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23. Oktober 2022, Berlin

Heute unfreiwilliger, aber anscheinend unvermeidlicher Quartalsbesuch beim Orthopäden. Diesmal nicht wegen mir und meinem Rücken, sondern der Sohn hat sich beim Judotraining an der Hand verletzt. Als ich vorhin in der Praxis angerufen habe, wurde mir gesagt, wir sollen ohne Termin vorbeikommen. Ich stelle mich auf eine längere Wartezeit ein. Wenn es gut läuft, sind wir Heiligabend wieder zuhause.

Im Wartezimmer befinden sich bereits sechs Leute. Das geht eigentlich. Vielleicht sind wir doch schon zu Nikolaus fertig. Es kommt aber noch besser. Nicht einmal fünf Minuten sind vergangen, als über den Lautsprecher unsere Namen aufgerufen werden. Vor allen anderen. Für unsere Wahl zur Beliebteste Person im Wartezimmer ist das nicht gerade förderlich. Das lässt sich aber verschmerzen, wenn du dafür ins Behandlungszimmer gehen darfst.

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Eine kleine Wochenschau | KW42-2022 (Teil 2)

Teil 1


20. Oktober 2022, Berlin

Heute steht meine Corona-Booster-Impfung an. Oder „Impfung No 4“, wie Lou Bega singen würde. Den Termin hat meine Frau organisiert. Das klingt ein wenig, als sei ich komplett lebensunfähig und meine Frau müsste mir abends immer die Klamotten für den nächsten Tag rauslegen. Bei ihr im Ministerium wurden aber Impftermine angeboten und es bestand die Möglichkeit, auch Termine für Haushaltsangehörige auszumachen.

Nun stehe ich im Justizministerium in einer Art improvisiertem Pop-up-Impfzentrum. Bei der Anmeldung fragt mich ein freundlicher junger Mann vom DRK, ob ich auch eine Grippe-Impfung wünsche. Da das Ganze hier ja von den Steuerzahler*innen bezahlt wird innen – und damit auch von mir –, willige ich ein.

Als ich mich in den Wartebereich setze, fällt mir auf, dass ich meine Jogginghose trage. Heute morgen hatte ich mir noch gesagt, du musst nachher daran denken, eine andere Hose anzuziehen. Im Prinzip denke ich ja jetzt, was technisch gesehen, „später“ ist, allerdings etwas zu spät.

(Um ehrlich zu sein, hatte ich kurz, bevor ich losgefahren bin, sogar daran gedacht, dass ich eigentlich eine Jeans anziehen wollte, aber ich war zu faul. Es erscheint mir jedoch vorteilhafter, wenn ich diese Anekdote so erzähle, dass ich ein wenig schusselig rüberkomme, anstatt als jemand, dem die Kontrolle über sein Leben so weit entglitten ist, dass er in Jogginghosen ins Ministerium geht.)

Während ich über die Unangemessenheit meiner Beinkleidung nachdenke, betritt ein weiterer Impfling den Raum. Er trägt Sportleggings und einen Fahrradhelm. Sehr gut. Jetzt gibt es in der Unangebrachten-Bekleidungs-Hackordnung jemanden, der unter mir steht und über den ich mich erheben kann.

Nach einer kurzen Wartezeit kann ich eine der Impfkabinen betreten. Dort erwartet mich eine junge Ärztin. Zur Begrüßung nennt sie ihren Namen. Ich vergesse ihn sofort wieder und überlege, ob von mir auch erwartet wird, mich namentlich vorzustellen.

Da fragt die Ärztin bereits, ob ich Fragen hätte. Ich habe viele Fragen. Sehr viele sogar. Warum gehen Scheibenkäse-Verpackungen immer so schwer auf? Warum erlaubt mir mein Stoffwechsel nicht, so viel Kuchen und Kekse zu essen, ohne dick zu werden? Und lebt der alte Holzmichl immer noch? Da ich aber glaube, dass sie darauf keine Antworten hat, verneine ich.

Die Ärztin widmet sich nun den Spritzen. „Es kann sein, dass sie morgen etwas heftiger reagieren, weil sie zwei Impfungen bekommen“, erklärt sie mir. „Das muss allerdings nicht sein.“ Dann macht sie eine kleine Pause. „Aber es ist ziemlich wahrscheinlich.“ Sie betont das ziemlich überdeutlich, damit ich mir ja keine Illusionen über die zu erwartenden Impfreaktionen mache. Dann wäre das auch geklärt.

21. Oktober 2022, Berlin

Ich habe heute zwar keine heftige Reaktion, wie von der Ärztin prognostiziert, fühle mich aber etwas matschig in der Birne. Mein Geist ist nicht ganz so flott unterwegs und auch meine Bewegungen scheinen mir ein wenig verlangsamt zu sein. Außenstehenden fällt wahrscheinlich kein Unterschied zu sonst auf.

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Am College der Tochter wird heute ein großer Ehrentag begangen. PAW Officer Alfie, der Uni-Therapiehund, wird zehn. Zur Feier des Tages erhält er einen Hunde-Cup-Cake und die Studierenden kommen zum Gratulieren vorbei.

Bei unserem abendlichen Telefonat fragt meine Frau die Tochter, ob Alfie eigentlich lieb sei. Eine etwas merkwürdige Frage, wie ich finde. Als Therapiehund ist es schließlich seine Aufgabe, Studierenden ihre Sorgen und Ängste zu erleichtern, indem sie ihn streicheln und mit ihm kuscheln. Da wäre es eher ungünstig, wenn Alfie menschenscheu wäre, alles anknurrt, was sich ihm nähert, und versuchen würde, die schmusebedürftigen Studierenden durch gezielte Bisse in die Schlagader ausbluten zu lassen. (Klingt eigentlich wie ein ganz guter Plot für einen Stephen-King-Roman.)

22. Oktober 2022, Berlin

Der Briefträger klingelt und überreicht mir eine lange Paketrolle. Ich kann mit dem Absendernamen nichts anfangen und entsinne mich auch nicht, irgendetwas bestellt zu haben. Und schon gar nichts, was in Paketrollen angeliefert werden muss.

Es stellt sich heraus, dass es sich um ein Geschenk eines Lesers handelt. Dubro – ich hoffe, ich habe den Namen richtig gelesen – hat mir einen Laufkalender für 2023 zukommen lassen. Auf diesem kannst du für jeden Tag, den du läufst und für alle fünf Laufkilometer ein Feld freirubbeln und dadurch entsteht ein buntes Kunstwerk. Ein kleines Dankeschön für die Familien-Tweets und als Trainingsmotivation für nächstes Jahr, wie Durbro schreibt.

Wahrscheinlich möchte Dubro nie wieder einen Bericht lesen, wie ich an Geist und Körper ermattet würdelos über die Kölner Marathonstrecke schlurfe. Wird er auch nicht, denn Arne und ich haben uns diese Woche für den Berlin Marathon im nächsten Jahr beworben. Falls wir einen Platz bekommen, gibt es dann einen Bericht, wie wir an Geist und Körper ermattet über die Berliner Marathonstrecke schlurfen.

Ein ganz herzliches Dankeschön an Dubro. Ich habe mich sehr über den Kalender gefreut!

23. Oktober 2022, Berlin

Gestern kam mit der Post auch die regelmäßige Presse- und Medienschau meiner Eltern. Neben einigen Kochrezepten und Ratgeber-Tipps liegen einige Artikel aus der Apotheken-Umschau bei, die ich durchaus lesenswert finde. Anscheinend bin ich nun in einem Alter, in dem die Apotheken-Umschau meine Go-To-Informationsquelle wird. Schön, schön, schön.

Außerdem haben mir meine Eltern eine Broschüre zum Thema Gedächtnistraining geschickt. Nun frage ich mich, ob das ein subtiler Hinweis ist, dass ich irgendetwas vergessen habe. Einen Geburtstag, einen Jahrestag oder so etwas. Ich glaube nicht, bin mir aber nicht sicher. Ich werde meine Eltern einfach fragen, wenn wir das nächste Mal telefonieren. Hoffentlich vergesse ich es nicht.


Alle Beiträge der Wochenschau finden Sie hier.



Kann seit dem 21. März bestellt werden. Muss aber nicht. Wäre aber trotzdem schön. (Affiliate-Link)

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