Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
12. Januar 2025, Berlin
Heute ist Festtag der fabelhaften wilden Männer. Bei der aktuellen Weltlage bräuchten wir eher einen Festtag der weniger fabelhaften, aber dafür ganz und gar unwilden Männer.
Ich möchte nicht ausschließen, dass ich diesen Gedanken am 12. Januar schon einmal hatte. Und ich werde ihn wieder haben. Wahrscheinlich regelmäßig.

Bekomme auf Insta eine Werbung für einen Handy-Tripod eingespielt. Der sei perfekt für Vlog-Aufnahmen, um den Alltag zu dokumentieren. Um diesen Claim zu untermauern, sieht man eine Frau, die sich filmt, wie sie die Spülmaschine ausräumt, Kaffee kocht, eine Jalousie hochzieht und sich schminkt. (Ein Sack Reis, der umfällt, ist nicht zu sehen.)
Ich nehme keine Vlogs auf und habe auch keinerlei Interesse, meinen Alltag zu dokumentieren. Aber vielleicht sollte ich damit anfangen, damit ich mir den wahnsinnig praktischen Tripod kaufen kann. Ich schätze in 90 Prozent meiner Aufnahmen wäre ich damit beschäftigt, Kaffee zu kochen. Ob das für einen OnlyFans-Account reicht?
13. Januar 2026, Berlin
Heute ist Tag der Poesie am Arbeitsplatz. Das lässt den Festtag der fabelhaften wilden Männer in viel besserem Licht erscheinen.
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Dafür endlich wieder Plusgrade. Zwar nur zwei, aber das sind immerhin rund zehn mehr als noch am Wochenende.
Seit gestern Nachmittag hat es geregnet. In Kombination mit gefrorenem Boden ergibt das Glatteis. Das weiß man, wenn man in Physik und Erdkunde aufgepasst hat. Für alle anderen weisen die Nachrichten darauf hin. Zur Vermeidung der Kausalkette Glatteis, Sturz, Knochenbrüche solle man nach Möglichkeit zu Hause bleiben.
Eine Warnung, die ich höre, aber geflissentlich ignoriere. Ich gehe trotzdem laufen. Weil man auch noch mit zunehmendem Alter lernunfähig sein kann.
So glatt ist es eigentlich auch gar nicht. Rede ich mir zumindest ein. Man muss nur sehr genau auf den Boden schauen, um die eisfreien Stellen zu finden. Und hoffen, dass man sich nicht geirrt hat und auf ein spiegelglattes Fleckchen tritt und einen slapstickhaften Salto hinlegt.
Etwas leichter wird es, als ich irgendwann einen anderen Jogger vor mir habe. (Anscheinend bin ich nicht der einzige Lernunfähige.) Ich folge seiner Spur und an Stellen, wo er ausweicht, weiche ich ebenfalls aus. Falls er stürzt, kann ich ihn außerdem als rutschfeste Unterlage nutzen.
Das passiert aber nicht. Was ich nur ein ganz klein wenig bedaure, weil das natürlich spektakulärer Blog-Content gewesen wäre.
14. Januar 2026, Berlin
Auf dem Weg zum Supermarkt. An einer Kreuzung sitzt ein circa zweijähriges Kind im Buggy und heult aus Leibeskräften. Seine Mutter versucht es zu beruhigen – ohne Erfolg.
Was ich bei heulenden Kindern denke:
- Das arme Kind.
- Die armen Eltern.
- Zum Glück ist es nicht meins.
(Nur in umgekehrter Reihenfolge)
15. Januar 2026, Berlin
Es gibt doch noch positive Nachrichten: Der Schnee ist mittlerweile fast vollkommen weggetaut und weggeregnet.
Außer ein paar schmutzigen Resthäufchen am Rande des Bürgersteigs. Und überall liegt Split und Sand oder was auch immer gestreut wurde, um die Zahl der Stürze und Oberschenkelhalsbrüche in Grenzen zu halten.
Schön sieht das nicht aus. Alles ist grau und trist, außerdem trägt man das ganze Streugut in die Wohnung. Aber dafür ist der Schnee fast vollkommen weg. Man muss das halbleere Schneeglas sehen.
16. Januar 2026, Berlin
Am Dienstag sagte ich den Satz: „Klar, kein Problem. Das mache ich gerne.“
Rückblickend eine gleichermaßen naive wie leichtsinnige Antwort. Die Frage lautete: „Hättest du Zeit, ein paar Slides für uns aufzuhübschen?“
Wie ein Berufsanfänger, der noch nie mit einem Kunden zusammengearbeitet hat, antwortete ich,
ohne nachzufragen: „Wie umfangreich ist das? Welche Deadline?“
Bei „ein paar Slides“ dachte ich an ungefähr 10 bis 12. Bei „aufhübschen“ an kleinere bis mittlere Layout-Optimierungen.
Dann öffnete ich die Präsentation: Es waren nicht 10 Folien. Sondern 90.
Die meisten sahen aus, als hätte jemand Text aus einem Word-Dokument kopiert und mit Word-Art-Grafiken verziert.
Noch schlimmer waren nur die Slides, bei denen jemand versucht hatte, sie tatsächlich zu gestalten.
Deadline: Montag, 10 Uhr.
Seitdem erstelle ich Slides im Akkord, schaue YouTube-Tutorials zu Next-Level-PowerPoint und frage ChatGPT nach Tipps und Tricks. Zwischendurch einkaufen oder eine Stunde Sport. (Schöne Grüße an Kai Wegner.)
Ein Gutes hat die viele Arbeiterei: Ich habe keine Zeit, mich auf Nachrichten-Seiten oder Social-Media-Kanälen rumzutreiben und bekomme kaum etwas von Trump, Putin, Khamenei oder Grönland mit. Die reinste Seelenlenhygiene.
Vielleicht frage ich den Kunden mal, ob er noch eine 200-Seiten-Präsentation zum Aufhübschen hat.
17. Januar 2026, Berlin
Heute ist der traurigste Tag des noch recht jungen Jahres: Wir schmücken den Weihnachtsbaum ab. Zudem verstauen wir die Advents-Deko zurück in ihre Kisten auf dem Schlafzimmer-Schrank.
Dieses Jahr sind wir damit spät dran. Normalerweise erledigen wir das am zweiten Januarwochenende. Aber letzten Samstag hatten wir viel zu tun und auch keine rechte Lust, sodass wir die weihnachtliche Säuberungsaktion um eine Woche herauszögerten.
Nun wird es aber höchste Zeit. Wenn deine Wohnung Ende Januar noch weihnachtlich geschmückt ist, giltst du schnell als Sonderling.
Außerdem ist der Baum inzwischen ziemlich trocken und lässt die Äste hängen. Kommt man ihm zu nahe, lässt er sofort ein paar Nadeln fallen. Eigentlich musst du ihn nur kritisch anschauen und schon rieselt es.
Nach einer Stunde konzentrierten Abschmückens steht der Baum ohne Kugeln, Schmuck und Lichterkette traurig vor uns.
Vier Wochen lang hat er Wärme, Gemütlichkeit und Besinnlichkeit in unsere Wohnung gebracht. Jetzt trage ich ihn runter und platziere ihn am Straßenrand, wo die BSR ihn nächste Woche einsammelt. Leise flüstere ich „Tschüss, Baum“ und komme mir vor wie der herzloseste Mensch der Welt.
18. Januar 2026, Berlin
Postwurfsendung in unserem Briefkasten. Von Fantastic Frank. Ein großartiger Name, unabhängig vom Produkt oder der angebotenen Dienstleistung.
Bei dem Fantastic Frank, der uns mit seiner Werbung beglückt, handelt es sich um einen Immobilienmakler. Kürzlich habe man in einer Parallelstraße von uns einen charmanten Altbau vermittelt. Sollten wir Interesse haben, unsere Immobilie zu verkaufen, könnten wir uns gerne melden.
Das Problem: Wir haben keine Immobilie. Die Wohnung, in der wir leben, ist lediglich gemietet. Da könnte sich ein Verkauf schwierig gestalten.
Schaue mir trotzdem die Website von Fantastic Frank an. Zu meiner leichten Enttäuschung arbeitet dort niemand namens Frank.
Die angebotenen Altbau-Wohnungen sind alle chic hergerichtet und genügen höchsten Design-Ansprüchen. Entsprechend teuer sind sie.
Zum Beispiel eine 65-Quadratmeter-Mietwohnung in Mitte für 2.000 Euro im Monat. Oder ein 111-Quadratmeter-Apartment im ehemaligen Tacheles für monatliche 5.000 Euro. Oder gleich die 180-Quadratmeter-Eigentumswohnung im Prenzlauer Berg zum Kauf für schlappe zwei Millionen Euro.
Da ist schon das nächste Problem: Ich habe keine zwei Millionen. Vielleicht sollte ich mir das doch mit dem OnlyFans-Vlog-Account überlegen. Ich könnte ihn Großartiger Christian nennen. (Falls Sie daran Interesse haben, kommentieren Sie bitte unter keinen Umständen unter diesen Beitrag.)
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“ ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind „Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter“, „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“ sowie „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“*. (*Affiliate-Links)

Hier auch. Alles weggetaut. Aber es soll nochmal richtig kalt werden.
Ich könnte darauf verzichten.
Christians Kaffe-Koch-Content auf OF zwecks Immobilienerwerb. Ich würde es abonnieren 😀