Jede/r ein Lied (4): Der unvergleichliche Modeste macht seine eigene mysteriöse Liebesmusik

Wir nutzen unseren Corona-Hausarrest, um regelmäßig eine Runde „Jede/r ein Lied“ zu spielen und manchmal schaffe ich es, darüber zu schreiben.

Die Regeln:

  • Jedes Familienmitglied wählt nacheinander einen Song auf YouTube aus, den wir uns dann gemeinsam anhören.
  • Das Lied wird bis zum Ende gespielt, egal wie schlimm es alle anderen finden.

Weitere Folgen von „Jede/r ein Lied“ finden Sie hier.


Ikke Hüftgold, VfL Eschhofen featuring Kreisligalegende: Modeste-Song

Heute gebührt es dem Sohn, unser YouTube-Liederkarussell zu eröffnen. Nach längerem überlegen fällt seine Wahl auf den „Modeste-Song“, dargeboten von Ikke Hüftgold und dem VfL Eschhofen featuring Kreisligalegende. Ein Lied, das mich zweifeln lässt, ob dieses Spiel und der Wunsch mehr über die musikalischen Vorlieben der Kinder zu erfahren, tatsächlich eine so gute Idee ist.

(Zur Erklärung für die weniger fußball-affinen Leser*innen: Anthony Modeste ist ein französischer Fußballer, der beim 1. FC Köln spielt und dort Kultstatus genießt. Diese Wertschätzung wird unter anderem mit dem „Modeste-Song“ zum Ausdruck gebracht.)

Ikke Hüftgold heißt mit bürgerlichem Namen Matthias Distel und hat es mit Liedern wie „Dicke Titten, Kartoffelsalat“ und „Saufen ist scheiße, wir machen es trotzdem“ zu einer gewissen Berühmtheit auf dem Ballermann gebracht. (Life Goals, so wichtig!) Als Jahrgang 1976 ist Ikke Hüftgold ein Jahr jünger als ich, der Kartoffelsalat, die Titten und das Saufen haben aber ihre Spuren hinterlassen, so dass er im Vergleich zu mir deutlich älter aussieht. Finde zumindest ich. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, diesbezüglich eine leicht verzerrte Wahrnehmung zu haben.

Das singende Fußballer eine akustische Herausforderung darstellen, ist eigentlich spätestens seit 1966, als Franz Beckenbauer „Gute Freunde kann niemand trennen“ trällerte, hinlänglich bekannt. Ikke Hüftgold hielt das aber nicht davon ab, sich gesangliche Unterstützung durch den VfL Eschhofen, einem hessischen Fußballverein, dessen erste Herrenmannschaft in der Kreisliga A spielt, zu holen.

Der dritte im Bunde ist Kreisligalegende, ein deutscher Partyschlager-Sänger, der das Musiklabel „Kreisligafußball – Das Bier gewinnt“ betreibt. Zumindest laut seinem Eintrag bei EverybodyWiki, einer Art Wikipedia-Klon, bei dem es anscheinend keine Relevanzkriterien gibt.

Bei den Interpreten handelt es sich also um eine Kreisligatruppe und zwei abgehalfterte Ballermann-Prolls. Eine Kombination, die nichts Gutes ahnen lässt.

Für das Video wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Größtenteils besteht es aus Aufnahmen aus dem Tonstudio, wo die Freizeitkicker und die beiden Ballermänner ins Mikro blöken. Ab und an werden zwei Eschhofener Spieler gezeigt, die einen Fußball hochhalten. Beziehungsweise es versuchen. (Es hat schon seinen Grund, warum der VfL Eschhofen in der Kreisliga spielt.)

Melodisch und rhythmisch ist der Modeste-Song sowohl ballermann- als auch fankurventauglich und lädt zum Mitgrölen ein. (Eine Einladung, der man aber nicht unbedingt folgen muss.) Textlich kommen die Freunde des schlichten Paarreims auf ihre Kosten. (Falls Sie aus Gründen des Selbstschutzes das Lied nicht angehört haben, sollten Sie wissen, dass das e am Ende des französischen Namens Modeste stumm ist.)

Wer kommt zum Training overdressed?
Anthony Modeste
Wer feiert täglich Schützenfest?
Anthony Modeste
Wer beißt sich an der Theke fest?
Anthony Modeste
Und lässt dem Kölsch-Glas keinen Rest?
Anthony Modeste

Allerdings gibt es nur eine begrenzte Zahl an Wörtern, die sich auf Modeste reimen. Hauptsächlich „-fest“ und „-rest“. Und für Ikke Hüftgold anscheinend auch Heft. Nun ja, vielleicht hatte er beim Texten Kartoffelsalat auf den Ohren.

Sufjan Stevens: Mystery of Love

Nach diesem Ausflug in die Niederungen des Ballermann-Liedguts ist es an der Tochter, etwas musikalischen Gehalt in unser Spiel zu bringen. Dass sie diese Aufgabe sehr ernst nimmt, beweist sie mit „Mystery of Love“ von Sufjan Stevens.

Sufjan Stevens ist ein US-amerikanischer Singer-Songwriter und knapp einen Monat älter als ich, sieht allerdings zehn Jahre jünger aus. Anscheinend pflegt er einen wesentlich gesünderen Lebenswandel als der gute Ikke Hüftgold. (Und offensichtlich auch als ich.) Möglicherweise hat er aber gerichtlich verfügen lassen, dass im Internet keine Fotos von ihm veröffentlicht werden dürfen, die vor 2010 aufgenommen wurden.

Für „Mystery of Love“ erhielt Sufjan Stevens 2018 eine Oscar-Nominierung. Es ist der Titel-Song des preisgekrönten Indie-Liebesfilms „Call me by your name“. Dieser Coming-of-age-Film spielt Anfang der 80er Jahre in Norditalien und erzählt von der sich entwickelnden Romanze zwischen dem 17-jährigen Elio, der Anfang der 80er Jahre mit seinen Eltern den Sommer in Norditalien verbringt, und dem 24-jährigen Doktoranden Oliver, der Elios Vater, seines Zeichens Professor für Archäologie, bei Forschungsarbeiten assistiert.

Der Film-Titel spielt darauf an, dass sich Elio und Oliver beim Sex mit ihren eigenen Vornamen ansprechen. Eine für mich eher irritierende Vorstellung, die auf eine leichte narzisstische Persönlichkeitsstörung hindeuten könnte. Es würde mich beispielsweise nicht wundern, wenn Donald Trump beim Geschlechtsverkehr seinen eigenen Namen ruft. („Donald, this is the best sex I ever had!“) Aber wenn Elio und Oliver Spaß daran haben, beim Austausch von Körperflüssigkeiten ihre eigenen Namen zu sagen, sollen sie das selbstverständlich gerne tun. Whatever floats their boat!

Wie der Film ist auch „Mystery of Love“ eher melancholisch gehalten.

How much sorrow can I take?
Blackbird on my shoulder.
And what difference does it make
when this love is over?

Das passt, denn die Liebe zwischen Elio und Oliver ist keine einfache. (Wer hätte das gedacht, bei einer homosexuellen Beziehung vor knapp 40 Jahren zwischen einem Minderjährigen und dem Mitarbeiter seines Vaters?) Monate nach dem Oliver in die USA zurückgekehrt ist, eröffnet er Elio, dass er sich mit einer Frau verlobt hat und bald heiraten wird. Nun ja, spätestens seit wir in der Schule Goethes Werther lesen mussten, wissen wir ja, dass nur eine unglückliche Liebe als literarisch hochwertig gilt. Trotzdem ist das natürlich deprimierend – besonders für Elio – und unbefriedigend – ganz besonders für Elio!

Sinéad O‘Connor: Nothing Compares 2 U

Die Frau kündigt an, ihr Lied sei noch viel trauriger als „Mystery of Love“. Das macht mir ein wenig Angst, denn Sufjan Stevens hat mir mit seinem Song bereits sämtlichen Frohsinn aus dem Körper gesaugt. Tatsächlich verspricht die Frau nicht zu viel und spielt „Nothing Compares 2 U“ von Sinéad O’Connor.

Das Lied schickt mich auf eine Zeitreise in meine Jugend. Als es 1990 rauskam, war ich ungefähr 15 und hin und weg von dieser unfassbar gutaussehenden Frau, deren Gesicht im Video immerzu im Großformat zu sehen war. Sinéad O‘Connor war aber auch wirklich objektiv bildhübsch und nicht nur in den Augen meines 15-jährigen Ichs, bei dem die Hormone tsunamiartig durch den Körper schossen, so dass ich selbst beim Anblick von Gaby Dohm als Schwester Christa erotische Phantasien entwickelt habe.

Besonders fasziniert war ich von den raspelkurzen Haaren von Sinéad O’Connor. So etwas gab es bei uns in der Westerwälder Provinz nicht. (Eine weibliche Kurzhaarfrisur war allenfalls beim Friseur auf einem veralteten Werbeplakat zu sehen, das einen pfiffigen Pagenschnitt anpries.) Was hätte ich darum gegeben, ihr Gesicht in meine Hände zu nehmen und ihr die Tränen, die ihr in dem Video die Wangen herunterliefen, mit dem Daumen wegzuwischen. Sinéad O‘Connor wäre sicherlich weniger begeistert gewesen, wenn ihr ein pickliger, spätentwickelter Teenager im Gesicht herumgetatscht hätte.

„Nothing compares 2 U“ war seinerzeit auch auf einem meiner unzähligen Kuschelrock-Sampler. Ja, ich habe mir als Jugendlicher tatsächlich eigene Kuschelrock-Cassetten zusammengestellt und glauben Sie mir, das liest sich so schlimm, wie es sich angehört hat. Dazu saß ich Sonntagabends immer vor dem Radio, wenn SWR3 Hitline lief (Die Älteren erinnern sich.) und nahm die romantischsten Lieder auf – oder was ich dafür hielt. Ironischerweise hatte ich damit zwar – zumindest in meinen Augen (und Ohren) – den perfekten Kuschelsoundtrack, aber es mangelte an einer willigen Kuschelpartnerin.

I said nothing can take away this blues‘
Cause nothing compares
Nothing compares to you

Sinéad O‘Connor sang mir mit diesen Zeilen aus der Seele. In meiner Teenagerzeit zeichnete sich mein mein Liebesleben – beziehungsweise Nicht-Liebesleben – nämlich dadurch aus, dass ich ununterbrochen in irgendein für mich einzigartiges Mädchen verknallt war, das nichts von mir wissen wollten. Rückblickend auch verständlich: Wer will schon etwas mit einem Typen, der eigene Kuschelrock-Compilations kuratiert, anfangen?

Cass Elliot: Make Your Own Kind of Music

Nach zwei eher schwermütigen Liedern obliegt es mir, für einen etwas beschwingteren Abschluss zu sorgen. Dafür wähle ich „Make Your Own Kind of Music” von Cass Elliot.

Das erste Mal gehört habe ich das Lied vor vielen Jahren in einer Folge von „Lost“, der Serie, in der eine Gruppe mit dem Flugzeug auf einer mysteriösen Insel abstürzt, wo sie von einem schwarzen Rauchmonster tyrannisiert wird. Auch wenn diese sehr verkürzte Zusammenfassung dafür keinen Anhaltspunkt gibt, haben die Frau und ich die Serie geliebt und betrieben exzessives Binge-Watching. Obwohl die Kinder damals noch ziemlich klein waren (circa 5 und 2), saßen wir mehr als einmal am Wochenende bis morgens um 3 Uhr vor der Glotze. Zwei, drei Stunden später stand dann mindestens ein Kind neben dem Bett und forderte etwas zu essen ein oder wollte unbedingt „Lotti Karotti“ spielen. Schlimmer konnten die Schikanen des Rauchmonsters auch nicht sein.

Das von mir ausgewählte Video zu „Make Your Own Kind of Music” zeigt einen Auftritt von Cass Elliot in einer Fernsehshow im Hollywood Palace Ende der 1960er Jahre. Eigenlob stinkt ja angeblich – einer der Gründe, warum der Volksmund davon abrät, sich selbst zu loben –, aber ich muss trotzdem sagen, dass ich einen wirklich sensationellen Clip ausgewählt habe.

Schon der moderierende Sammy Davis Jr. ist absolute Weltklasse. Seine halbgetönte Sonnenbrille, das bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte schwarze Hemd und die taudicke goldene Halskette mit ihrem monströsen Anhänger, die Mr. T als einen dezenten Schmuckträger erscheinen lässt, signalisieren unmissverständlich, dass Sammy Davis Jr. der unumstrittene Alpha-Coole im Studio ist.

Und Cass Elliot steht ihm modisch in nichts nach. Ihr wallendes, bunt gemustertes Kleid mit seinen unzähligen Glitzerpailletten lässt vermuten, dass der Modedesigner, der es entworfen hat, dem Genuss von LSD nicht abgeneigt war. Abgerundet wird der Auftritt durch Muster der Studiokulisse, die bei mir Erinnerungen an die 70er-Jahre Tapete in der Wohnung meiner Kindheit hervorrufen.

„Make Your Own Kind of Music” ist eine musikalische Umarmung von Cass Elliot für all diejnigen, die nicht in den Mainstream passen und abseits am Rande stehen.

But you gotta make your own kind of music
Sing your own special song
Make your own kind of music
Even if nobody else sings along

Eine wichtige Botschaft, die alle Eltern ihren Kindern mitgeben sollten: „Kümmere dich nicht um die Meinung der anderen, zieh‘ dein Ding durch und mach‘ deine ganz eigene Musik.“ Ausnahmen bestätigen die Regeln. Wenn dein Kind Ikke Hüftgold heißt und „Dicke Titten, Kartoffelsalat“ singen will, ist es besser, ihm zu sagen, er soll das nicht durchziehen.

Das macht „Make Your Own Kind of Music” zu einem Empowerment-Song in allen Lebenslagen. Cass Elliot ruft Sinéad O‘Connor quasi zu: “Scheiß’ auf ‚Nothing compares 2U”. Mach dich nicht von irgendeinem Lappen abhängig, sondern WAS.”

Weitere Folgen von „Jede/r ein Lied“ finden Sie hier.

Die komplette Jeder-ein-Lied-Playlist bei Spotify:


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