Post aus Portugal #12 | Ein Monat voller Feiertage

„I remember you. You’ve been here yesterday. And the day before”, sagte die junge Frau mit den dunklen Locken und der schwarzen Hornbrille und lachte mich an. „I like you. You are my favorite person.”

So etwas hört man natürlich gern. Dass man wiedererkannt und gemocht wird. Und nicht nur das. Man ist sogar eine Lieblingsperson.

Bedenklich war allerdings, dass es sich bei der jungen Frau, die sich so über das Wiedersehen mit mir freute, um die Sangria-Verkäuferin am São Pedro de Alcântara handelte, und ich die letzten drei Abende tatsächlich bei ihr war. Mehrfach.

Ein großer Sangria-Neon-Schriftzug an einem Getränkestand

Mit den Festas dos Santos Populares feiern die Lisboetas ihren Stadtpatron, den Heiligen Antonius. (Falls Sie nicht wissen, wer der Heilige Antonius ist, können Sie das hier nachlesen. Das sollten Sie auch, das ist prüfungsrelevant.) Den ganzen Monat. Überall hängen bunte Girlanden, Wimpel und Fahnen, die Menschen besuchen die zahlreichen Straßenfeste (Arraiais), die ganze Stadt ist ausgelassen und vibriert.

Höhepunkt sind der 12. und 13. Juni. Da finden zunächst die so genannten Antonius-Hochzeiten statt. Weil Antonius als Beschützer der Armen und Schutzpatron der Ehe gilt, bekommen 16 unterprivilegierte Paare eine Gratis-Hochzeit spendiert.

Der einzige Wermutstropfen: Die Trauung wird in der Kathedrale von Lissabon vor tausenden Menschen vollzogen und im Fernsehen wird sie auch noch übertragen. Aber einem geschenkten Hochzeitsgaul schaut man wohl nicht ins, sie wissen schon wo hin.

Gegen 21 Uhr starten dann die Marchas Populares, ein rund dreistündiges Umzugsspektakel durch die Avenida Liberdade. Aus allen Stadtteilen treten kostümierte Tanzgruppen auf, am Ende wird ein Sieger gekürt. (Dieses Jahr sogar zwei: Bairro Alto und Alcântara. Letzteres rief leicht patriotisch-nostalgische Gefühle bei mir hervor, weil wir dort eine Woche lang in dem Muff-Hochhaus wohnten.)

Im Anschluss ziehen alle weiter zu den Arraiais und feiern bis zum Morgengrauen. Im Prinzip wie an Rosenmontag, nur mit weniger weirden Verkleidungen und niemand kotzt in Hauseingänge.

Am 13., dem offiziellen Feiertag des Heiligen Antonius, geht es mit einer Prozession zu Ehren des Stadtpatrons ruhiger zu. Sie startet am späten Nachmittag, damit die Menschen ihren Rausch ausschlafen können.

Das Arraial da Misericórdia war das Straßenfest unserer Wahl. Weil die Szenerie malerisch, die Atmosphäre relaxt und die Entfernung fußläufig war.

An zahlreichen Fressbuden wurden gegrillte Sardinen, Bifana, Chouriço, Pastéis de Bacalhau (Kabeljau-Kroketten) oder Fraturas angeboten, an Getränkeständen Bier, Wein, Ginja (Sauerkirschlikör), Piña Colada in der Ananas und weitere Cocktails ausgeschenkt.

Sangria verkaufte nicht nur die braun gelockte junge Frau. Die gab es bei fast jedem Getränkestand. Bei ihr war sie sogar am teuersten. Sieben Euro. Bei den anderen lediglich fünf. Satte 40 Prozent mehr.

Aber die anderen Sangrias waren auch nicht so gut. Zu wenig Obst, fade im Geschmack, pappig süß im Abgang. Bei meiner Verkäuferin war sie dagegen bis an den Rand mit Zitronen, Orangen, Äpfeln und Pfirsichen gefüllt, fruchtig und erfrischend.

Dazu steckte sie zur Deko ein paar Minzblättchen und ein kleines Portugal-Fähnchen in den Becher. Da hatte man etwas fürs Auge und das trinkt ja bekanntlich auch mit. Außerdem war ich ihre Lieblingsperson.

Somit schätzte ich das Trinkerlebnis und -vergnügen bei ihr auf mindestens 50 Prozent größer ein als bei den anderen. Entsprechend  waren die zwei Euro mehr nicht nur vertretbar, sondern sogar ein Schnäppchen. Und dazu eine Investition in das eigene Wohlgefühl. (Unser Bankkonto fand meine Argumentation nicht vollkommen überzeugend.)

Den Abschluss des Festplatzes bildete eine große Bühne mit einem Dancefloor von circa 10×25 Metern. Für Tanzstimmung sorgten drei DJs. Alle näher an der 70 als der 60, mit schütteren Haaren, randlosen Brillen, einem Faible für kurzärmelige, bunt gemusterte Hemden und leichte Alleinunterhalter-Vibes ausstrahlend.

Dafür waren ihre Übergänge zwischen den Songs sehr smooth, die unterlegten Beats sehr tanzbar und sie hatten (meistens) ein feines Gespür, welche Lieder die Menschen bei Laune halten. Mal aktuelle Hits, mal südamerikanische Klänge, dann wieder Disco-Hits der 70er/80er. Oder portugiesischer Schlager, der auf erstaunlich große Zustimmung stieß.

Als uns der Sohn eine Woche in Lissabon besuchte, schleppten wir ihn mit zum Arraial da Misericórdia. Er war sofort Feuer und Flamme. Essen, Alkohol, den die Eltern bezahlen, gute Musik und gechillte Menschen. Was willst du mehr?

Am liebsten wären wir jeden Tag auf das Fest gegangen. Uns an der Freude der feiernden Menschen erfreuen, die positive Energie aufsaugen, Erlebnisse für später sammeln. Und leckeren Sangria trinken.

Zur Entlastung unseres Geldbeutels und um unseren Alkoholkonsum im sozialverträglichen Rahmen zu halten, beschränkten wir unsere Besuche schließlich auf die Freitage und Samstage. (Und ein paar Donnerstage.)

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Ab und an fanden auf dem Festplatz Live-Konzerte statt. Als wir einen Freitag gegen 21 Uhr ankamen, war die Tanzfläche proppenvoll, die Plakate kündigten einen Auftritt von einer Künstlerin namens Rosinha an.

Die erschien ein paar Minuten später. Ganz in Pink, mit schwarzer Sonnenbrille, Akkordeon spielend, begleitet von Schlagzeug und E-Gitarren. Dazu zwei Backgroundtänzerinnen in rosa Minikleidern, die unablässig über die Bühne sprangen und hüpften, Storoskop-Licht sowie ordentlich Nebelmaschinen-Nebel. Ein Auftritt wie ein Naturereignis.

So wie die Menge tobte, fragte ich mich, ob wir gerade einem Konzert der portugiesischen Taylor Swift beiwohnen. Oder wenigstens Helene Fischer.

Die Portugiesinnen und auch Portugiesen erwiesen sich jeden Abend sehr tanzwillig. Geradezu tanzwütig. Spätestens um halb zehn war der Bereich vor der Bühne gut gefüllt. Mit Jungen und Alten, Kindern und Eltern, Einheimischen und Touristen, Dicken und Dünnen, Schwarzen und Weißen.

Zum Beispiel der kleine, untersetzte Mann, der die Figur eines Gewichthebers hatte und mit seiner nicht minder kleinen, untersetzten Partnerin Salsa tanzte. So rhythmisch, geschmeidig und anmutig, dass ich die beiden am liebsten gefilmt hätte. Was ich natürlich nicht tat. Weil das übergriffig gewesen wäre. Und weil der Mann die Figur eines Gewichthebers hatte.

Oder die attraktive, Anfang 20-jährige Amerikanerin mit der schwarzen Lockenmähne, die alle und jeden zum Paartanz aufforderte. Nicht weil sie betrunken, sondern weil sie so gut drauf war. Den ein oder anderen Jugendliche brachte das an den Rand einer Ohnmacht.

Oder der vierjährige Junge, der unermüdlich über die Tanzfläche rannte. Von vorne nach hinten, von links nach rechts, kreuz und quer, im Kreis, wild mit den Armen fuchtelnd. Wahrscheinlich kämpfte er mit wilden Monstern, die nur er sah.

Oder der Tuktuk-Fahrer mit dem grauen Bart, der in seinen Badeshorts, Tanktop und Flip-Flops aussah, als käme er gerade vom Strand, und Abend für Abend mit einer Energie und Ausdauer zappelte, die eine Adrenalin- und Endorphin-Überproduktion vermuten ließ. Oder – noch wahrscheinlicher – Kokain- und Ecstasy-Konsum.

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Und irgendwann, nachdem du mehrere Abende das Geschehen aus der Halbdistanz beobachtet hast, lässt du dich anstecken. Von dem Beat, den positiven Schwingungen, der puren Lebensfreude. Und nachdem die zweite – oder dritte – Sangria ihre Wirkung entfaltet hat, findest du dich plötzlich auf dem Dancefloor wieder, wo du zu „Dancing Queen“ tanzt.

Neben dir eine Gruppe japanischer Tourist*innen im Rentenalter mit so wenig Rhythmusgefühl und derart neben dem Takt, als hörten sie über Kopfhörer ein anderes Lied. Was für dich ganz vorteilhaft ist, weil das deine eigene Dance-Performance enorm aufwertet.

Und dann bleibst du noch den nächsten Song und den übernächsten und auch den darauffolgenden, und plötzlich bist du Teil einer Polonaise zu einem portugiesischen Lied, das problemlos im Kölner Karneval laufen könnte, und verlässt die Tanzfläche erst wieder, als um 0 Uhr Strom und Musik ausgestellt werden.

Schließlich gehst du beschwingt und beseelt nach Hause und denkst dir: „Morgen bin ich wieder da.“

Der Höhepunkt eines jeden Abend war aber der Moment, wenn die DJs Jerusalema spielten. Ein südafrikanischer Song, der während der Corona-Pandemie größere Bekanntheit erlangte, an mir aber unbemerkt vorübergezogen war. Von Master KG und Nomcebo Zikode, von denen ich auch noch nie gehört hatte.

Kaum erklangen die ersten Töne des Lieds, erschienen der junge Verkäufer vom Wein-Stand und sein Kollege von der Bifana-Bude und begannen eine Choreo, die anscheinend auch während den Corona-Quarantänen viral gegangen war.

Vier Schritte auf der Stelle mit dem linken Fuß, vier Schritte auf der Stelle mit dem rechten Fuß, anschließend abwechselnd links, rechts, links, rechts, gefolgt von einer Drehung und einem Schritt nach rechts, danach ein Schritt auf der Stelle mit links, drei Schritte nach rechts, dort einen Schritt auf der Stellte, nun drei Schritte nach hinten, und dann wieder von vorne.

Zunächst schauten die meisten Besucher*innen nur vom Rand aus zu, ein paar Takte später setzten die ersten mit ein, nach und nach trauten sich immer mehr dazu. Zunächst zaghaft, mit jedem Schritt mutiger werdend und schließlich überschwänglich. Bis der Platz vor der Bühne voll war.

Da saß nicht immer jeder Schritt, der Takt wurde mitunter nicht getroffen und der eine oder die andere bewegte sich eher hüftsteif. Aber das war egal, denn unter den Tanzenden herrschte eine ansteckende Fröhlichkeit, ein fast kindlicher Überschwang, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, das einen an das Gute auf der Welt glauben ließ.

Das war es, was das Fest am São Pedro de Alcântara ausmachte. Die entspannte Stimmung, die Gemeinschaft, die gute Laune, die Ausgelassenheit.

Ohne Besoffskis, ohne Aggressivität, ohne aufdringliche Horniness. Alle waren rücksichtsvoll, freundlich und genossen den Moment. Man hatte gemeinsam Spaß, feierte und tanzte zusammen. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich werde das Arraial da Misericórdia vermissen. Und die Sangrias und die junge Frau mit den dunklen Locken und der Hornbrille auch.


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4 Kommentare zu “Post aus Portugal #12 | Ein Monat voller Feiertage

  1. Einfach nur schön. Voller Neid in die Tastatur gehämmert. Phantastische Fotos und Videos. Viel Spaß und erholt euch gut.

  2. Ein sehr schöner Bericht… Da bekomme ich direkt „Saudades“… Genau so haben wir die Festas während unserer Zeit in Lisboa auch erlebt. Fröhlich, friedlich, rücksichtsvoll und niemand ist so betrunken, dass er aus der Rolle fällt oder randaliert.
    Falls Sie noch in Portugal sind, weiterhin eine gute Zeit!

  3. Ich sehe schon:
    Der Portugalvirus hat Sie erwischt und fängt sehr sehr an zu wirken. Und das wird noch schlimmer. ;-)
    Ihr habt euch eine gute Zeit ausgesucht für den Aufenthalt in Lissabon. Mit den Festen und Veranstaltungen geht’s nämlich grad so weiter bis Ende August. Viele Konzerte bekannter Künstler haben freien Eintritt.

Erwähnungen

  • Christina Zacker
  • Michaela Rode
  • Christian Hanne
  • Mirko Quaas

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