Sardinien 2021 – Vorbereitung (1): Von naivem Urlaubs-Optimismus, Inzidenz-Schwankungen und nervigem Organisationsstress

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24.06.2021, Berlin

Wer hätte letztes Jahr gedacht, dass diesen Sommer Urlaub im Ausland möglich sein wird? Anscheinend wir, denn im September sagten wir uns in einer Mischung aus realitätsverweigerndem Optimismus und weltfremder Naivität, „Ach, 2021 wird dieser ganze Corona- Mist ja wohl vorbei sein!“, und buchten eine Ferienwohnung auf Sardinien. (In einer Mischung aus uns innewohnendem Pessimismus und einem Rest Realismus schlossen wir zusätzlich eine Reiserücktrittsversicherung ab.)

Angesichts der verschiedenen Corona-Wellen sahen unsere Urlaubs-Chancen zwischendurch nicht besonders gut aus (Oktober), dann verschlechterten sie sich (November), bevor sie katastrophal wurden (Dezember, Januar). Eine kurze Phase der Hoffnung blieb kurz (Februar), aber auf Sardinien gab es plötzlich erfreuliche Entwicklungen. Dort waren die Inzidenzwerte im März so niedrig, dass die italienische Regierung die Insel zur „Weiße Zone“ einstufte, in der es nur relativ wenige Corona-Vorschriften gibt. Als einzige Region in ganz Italien!

Das fanden die Sarden so toll, dass sie Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und andere Familienfeste feierten, als gäbe es kein Morgen mehr. (Was in Zeiten einer globalen Pandemie eine nicht gänzlich unrealistische Option ist.) Mit hunderten von Menschen, ohne Masken und ohne Abstand, aber dafür mit Ringelpiez und Anfassen. (Getreu dem leicht abgewandelten Reeperbahn-Motto „Alles geht, alles muss!“) Sofort stiegen die Infektionen sprunghaft an und drei Wochen später war Sardinien „Rote Zone“. Wieder als einzige Region in ganz Italien.

Die Corona- und damit unsere Urlaubsaussichten blieben also trübe (März) und wurden noch trüber (April). Ab Mai kam dann die Trendwende: Sowohl in Deutschland als auch in Italien und auf Sardinien sank die Zahl der Neuinfektionen stetig. Entweder aufgrund des Erfolgs der Impfkampagnen (wahrscheinlich) oder wegen der Social-Distancing-, Masken- und Hygiene-Disziplin der Menschen (eher unwahrscheinlich). Oder das Corona-Virus, das anderthalb Jahre wirklich alles gegeben hat, braucht einfach mal eine Verschnaufpause und macht selbst Urlaub (nicht auszuschließen).

Nun sieht es also so aus, dass wir übermorgen tatsächlich nach Sardinien fliegen können. Hoffen wir einfach, dass sich Covid-19 und seine mutierte Verwandtschaft ein anderes Urlausziel ausgesucht haben.

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Vor vier Jahren haben wir schon einmal Urlaub auf Sardinien gemacht und zwar in Santa Teresa di Gallura, ganz im Norden Sardiniens. Dort leben ungefähr 5.000 Menschen und der Ort ist so klein, dass sein Wikipedia-Eintrag aus ganzen 71 Wörtern besteht. Dabei verfügt Santa Teresa über einen traumhaften Strand, die Rena Bianca, mit klarem, türkisblauem Wasser und direktem Blick nach Korsika. (Allein mit diesen Informationen könnte der Wikipedia-Artikel von Santa Teresa um mehr als 20 Prozent erweitert werden.)

2017 lag unser Ferienhaus etwas außerhalb des Ortes. Diesmal waren wir klüger und haben ein Appartement direkt in Santa Teresa gemietet, das nicht nur mit einem Balkon mit Meerblick aufwarten kann, sondern auch fußläufig zum Strand liegt. Deswegen benötigen wir dieses Jahr keinen Mietwagen und können das gesparte Geld in Pizza und Eis investieren. Okay, wir bezahlen mehr für die Wohnung (Stichworte „Meerblick“ und „fußläufig zum Strand“), so dass wir eigentlich gar kein extra Pizza- und-Eis-Budget haben, aber mit solchen buchhalterischen Details möchte ich mich erst nach dem Urlaub beschäftigen. Dann bin ich erholt und verkrafte den Blick aufs Konto besser.

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Urlaub machen zu können, ist selbstverständlich ein Privileg. Überhaupt, aber ganz besonders in diesen Zeiten. Trotzdem erlaube ich mir die Äußerung – auch auf die Gefahr hin jammerlappig und undankbar zu klingen –, dass die Organisation eines Urlaubs unter Corona-Bedingungen ziemlich nervig und stressig ist. (Sie spüren wahrscheinlich geradezu, wie das goldene Löffelchen in meinem Hals kratzt.)

Monatelang beobachtete ich die aktuellen Inzidenzwerte in Deutschland, Italien und auf Sardinien, um abzuschätzen, ob wir überhaupt eine realistische Urlaubschance haben. Zugleich informierte ich mich regelmäßig über die neuesten Einreisebestimmungen für Italien. Ist eine Quarantäne vorgeschrieben? Wenn ja, wie lange? Welche Art von Test ist bei der Einreise vorzuweisen? Ein PCR-Test oder reicht ein Antigen-Test? Darf er ergurgelt oder muss er abgestrichen werden? Wie alt darf der Test maximal sein? Gilt dafür die Abflugzeit in Deutschland oder die Ankunftszeit in Italien? Hilft eine einfache Impfung weiter? Welche Einreiseformulare müssen ausgefüllt werden und in welcher Sprache?

Fragen über Fragen, zu denen ich in den Tiefen des Internets recherchierte, bis ich auf diverse Sardinien-Foren stieß. Dort berichtete Andi63, dass ihn bei der Einreise niemand kontrolliert hätte, somit sei das Ausfüllen von irgendwelchen Formularen oder Corona-Tests vollkommen überflüssig. TravelBuddy erzählte, er hätte sehr wohl seine Unterlagen vorzeigen müssen, aber die Beamten hätten nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen. SardinienFan3000 schlug wiederum vor, sich an Foren-Administratorin GabiSardegnaForever zu wenden. Die lebe seit vielen Jahren auf Sardinien und wisse sicherlich Bescheid. Trotzdem nahm ich Abstand davon, GabiSardegnaForever zu kontaktieren – no offence, Gabi! –, sondern holte die Informationen lieber direkt bei der italienischen Botschaft in Berlin ein.

Damit bei mir keine Langeweile aufkommen konnte, schickte mir die Airline regelmäßig E-Mails mit sich ändernden Flugzeiten, bis sie schließlich mitteilte, der Hinflug sei ersatzlos gestrichen. Großzügig wurde uns aber angeboten, ohne Aufpreis an einem anderen Tag zu fliegen. Nachdem ich mit Paolo, dem Ferienhaus-Besitzer, ausgemacht hatte, dass wir erst einen Tag später kommen, informierte uns die Airline, dass auch der Rückflug ausfalle. Das freute wiederum Paolo, da wir nun doch einen Tag länger bleiben. (Auch Besitzer von Ferienhäusern auf Sardinien müssen sehen, wo sie bleiben.)

Im Sinne der Kontaktverfolgung mussten wir ein vierseitiges Einreiseformular für Italien ausfüllen. Mit persönlichen Daten, Flugnummer, Abflug- und Ankunftszeiten, Sitzplätzen im Flugzeug, Heimatadresse, Urlaubsadresse, Geburtsdatum und -ort (inkl. Bundesland), Lieblingsfarbe, Lieblingsessen, liebste Freizeitbeschäftigung, Berufswunsch, als du Kind warst, und vieles mehr. Für Sardinien gab es noch ein eigenes Formular, in dem wir die exakt gleichen Informationen eintragen mussten. (Der deutsche Föderalismus nickt anerkennend.) Drei Tage nachdem ich dieses Formular ausgefüllt hatte, erließ der Präsident von Sardinien ein Dekret, dass es mit sofortiger Wirkung abgeschafft sei. (Der deutsche Amtsschimmel klatscht Beifall.)

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Seit letzter Woche bekomme ich von der Airline, der Ferienhausvermittlung, dem Vermieter, der Corona-Teststelle und der Einreiseformular-Plattform stündlich Erinnerungen per Mail, dass der Urlaub ja demnächst losgehe und wir nichts vergessen, an die Corona-Sicherheitsvorkehrungen denken sowie alle Formulare ausdrucken sollten. Wahrscheinlich möchte der Urlaubsgott einfach sicherstellen, dass ich wirklich, wirklich urlaubsreif bin.


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81 Kommentare zu “Sardinien 2021 – Vorbereitung (1): Von naivem Urlaubs-Optimismus, Inzidenz-Schwankungen und nervigem Organisationsstress

  1. Jippie ja yeah! Der diesjährige Familienbetrieb-urlaubsblog ist da! Ich freue mich sehr. Insbesondere, da wir in zwei Monaten selbst auf Sardinien verweilen. Das steigert die Vorfreude im äußerst verregneten Hessen doch enorm.

    Ich wünsche einen wunderschönen Urlaub mit viel Sonne und freue mich auf die kommenden Anekdoten.

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