Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
02. Februar 2026, Berlin
Der Sohn hat sich den Wecker gestellt. Für 6 Uhr. Weil er mit Freunden zum Schlittenfahren verabredet ist. Bei -9° (gefühlt -15°). Anschließend gehen sie ins Gym.
Was ist nur mit der Jugend von heute los? Muss man sich da Gedanken machen?
Nun gut, wenigstens konsumieren sie keine Drogen. Zumindest nicht beim Rodeln.

03. Februar 2026, Berlin
Immer noch -9°. Gefühlt sogar -16°. Ungünstigerweise hat mein Vergangenheits-Ich letzten Sonntag einen 10-Kilometer-Lauf für heute in den Sportplan geschrieben. Mein Gegenwarts-Ich ist davon wenig begeistert.
Das ist ein prinzipielles Problem: Das Vergangenheit-Ich ist immer total überambitioniert und stellt vollkommen überehrgeizige Pläne auf, die es nicht umsetzen muss. Da fällt es einem leicht zu sagen: „Nächste Woche herrscht Sibirien in Berlin? Egal, da legen wir auf Dienstag mal ‘nen schönen 10er.“
Das Gegenwart-Ich muss das dann ausbaden, sitzt morgens erstmal eine Stunde zaudernd und zeternd auf dem Sofa und spielt mit dem Gedanken, die heutige Einheit einfach ausfallen zu lassen. Tut es aber nicht. Sondern zieht den Lauf durch. In einer Mischung aus preußischer Pflichterfüllung, protestantischer Arbeitsethik und einer guten Portion Selbstkasteiung.
04. Februar 2026, Berlin
„Falls Sie noch nicht aus dem Fenster geschaut haben: Es hat geschneit. Und es sind -6°.“ Mit diesem gleichermaßen unschönen wie ernüchternden Satz weckt mich der Radiomoderator.
Eigentlich dachte ich, dass das physikalisch gar nicht möglich ist. Niederschlag bei Minustemperaturen. Zumindest meine ich, das mal im Erdkundeunterricht gelernt zu haben.
Möglicherweise irre ich mich da aber auch. Schließlich liegt meine Schulzeit in paläolithischen Zeiten. Da kannst du schon mal kleinere Erinnerungslücken haben.
Vor allem bezüglich der Lerninhalte des Erdkundeunterrichts. Da war meine Aufmerksamkeitsspanne stets von begrenzter Dauer. Gerade habe ich sogar Schwierigkeiten, mich an die Namen meines Erdkundelehrers zu erinnern. Vielleicht wird es doch mal Zeit, sich morgens eine Portion Ilja-Rogoff-Knoblauchpillen reinzupfeifen, um der Gedächtnisleistung auf die Sprünge zu helfen.
Ein Blick aus dem Schlafzimmerfenster bestätigt den Wetterbericht. Es hat tatsächlich geschneit. Nicht besonders viel, aber immerhin ein paar Zentimeter. Das heißt, die vereisten Bürgersteige sind nun von einer schmierigen Schneeschicht bedeckt. Schön, schön, schön.
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Auf dem Weg zur U-Bahn. Ich lasse mich musikalisch gerade von der Antilopen Gang beschallen, als mich meine Uhr über einen Anruf informiert. Von einem Kunden. Per Knopfdruck nehme ich an und laufe nun über meine Kopfhörer telefonierend durch den Kiez. Wie so ein unsympathischer Wichtigtuer, dem man am liebsten ein paar kräftige Backpfeifen verpassen würde.
Wenn ich Glück habe, bin ich unaufmerksam und rutsche auf einer versteckten Eisplatte aus. Dann ist das Telefonat wenigstens ganz schnell beendet.
05. Februar 2026, Berlin
Nächste meteorologische Eskapade: -3 Grad, Schnee und Regen. Trete auf unseren kleinen Balkon, um das Ganze fotografisch festzuhalten und rutsche fast auf einer unsichtbaren Eisschicht aus.
Das Wetter schlägt mir mehr aufs Gemüt, als es sollte. Laut Epiktet, dem alten Stoiker, soll man Dingen, die man nicht ändern kann, mit Gelassenheit begegnen. Was sich leicht daherreden lässt, wenn du im antiken Griechenland bei mediterranen Temperaturen vor dich hinphilosophieren kannst und dich nicht wochenlang mit Eis, Schnee und Matsch rumschlagen musst.
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14 Uhr, Gang zum Supermarkt. Will nicht nur notwendige Einkäufe erledigen, sondern auch antesten, ob ich später noch laufen gehen kann. Kann ich eher nicht. Schon bisher wurde das Befreien der Gehwege von Eis und Schnee mit – sagen wir euphemistisch – sehr unterschiedlichem Eifer erledigt. Nun haben die Hausbesitzer und die Stadtreinigung anscheinend kollektiv beschlossen, den Winterdienst komplett einzustellen.
Straßen und Bürgersteige sind mit einer rutschigen Schnee-Eis-Split-Sandmischung bedeckt, auf der du ungefähr so viel Halt hast wie in einer Dusche, in der dir das Duschgel ausgelaufen ist. Schon der Gedanke, auf dieser Matschdecke zu joggen, verursacht mir schlechte Laune. Missmutig stapfe ich Richtung Einkaufsläden.
An einer Bushaltestelle in der Beusselstraße sehe ich zwei Mädchen, schätzungsweise im jungen Grundschulalter. Mit beiden Händen füllen sie glucksend und kichernd Schnee in durchsichtige Plastiktüten. Wenigstens sie freuen sich über das Winterwetter. (Die Freude der Eltern wird sich wahrscheinlich in Grenzen halten, wenn die beiden später ihre Schneetüten in die Wohnung schleppen.)
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H. aus der Frauen-WG im 4. Stock schreibt mich an. Sie habe den Schlitten vor unserer Tür gesehen und fragt, ob sie ihn sich ausleihen könne. Geht natürlich klar.
Der Schlitten weiß bestimmt gar nicht, wie ihm geschieht. Fast fünfzehn Jahre verbrachte er tatenlos im Keller – Vollzeit-Lifestyle quasi –, nun muss er in einer Woche gleich zweimal ran. Wahrscheinlich steht er kurz vorm Burn-out.
06. Februar 2026, Berlin
Sitze mit meinem morgendlichen Kaffee auf dem Sofa und checke meinen Kalender. Für 15 Uhr ist ein Video-Call eingetragen. An einem Freitag. Das versaut einem gleich den ganzen Tag.
07. Februar 2026, Berlin
Morgens im Radio die obligatorische Glatteiswarnung. Vielleicht bin ich murmeltiertagmäßig in einer Dauerfrost-Zeitschleife gefangen und das wird nie wieder aufhören. Das denke ich nicht in epiktetmäßiger Gelassenheit, sondern in einer Mischung aus Resignation, Zorn und Fatalismus.
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Mittags muss ich los zu H&M, eine Hose kaufen. Das versaut einem auch den ganzen Tag. Klamotten-Shoppen ist für mich ungefähr so erquicklich wie die Vorstellung, mit Friedrich Merz zu Abend zu essen. Man muss das Haus verlassen, setzt sich zu viel Lärm aus und ist unter zu vielen Menschen. Also beim Klamotten-Shoppen. Trifft auf ein Abendessen mit Friedrich Merz aber eigentlich auch zu.
Außerdem verwirrt mich beim Hosenkauf die schiere Auswahl. Früher musstest du dich zwischen Schlaghosen, Karottenhosen und normalen Hosen entscheiden. Das war schön übersichtlich. Heute stehst du vor Regular-, Loose-, Relaxed-, Tapered-, Slim-, Skinny-, Baggy-, Boot-Cut-Jeans, jeweils in diversen Waist-Varianten. Wer soll sich da noch zurechtfinden?
An einer Wand entdecke ich drei Regalreihen Jeans: Loose Straight, Original Straight und Regular Straight. Das klingt nach konsumentenfreundlicher Überschaubarkeit.
Über den Regalen hängen Bilder, um die Passformen zu illustrieren. Das Problem: Für mich sehen sie alle gleich aus. Fast schon identisch. Vielleicht wurde versehentlich dreimal dasselbe Motiv aufgehängt. Oder ich leide an einer Hosen-Legasthenie.
Was zur Hölle sind Original und Regular Straight? Ich muss das am Handy googeln. (Zum Glück sehen die anderen Kundinnen und Kunden nicht, was ich gerade recherchiere.)
Die Bunte klärt mich schließlich auf: beides sind gerade geschnittene Jeans, die sich nur minimal unterscheiden.
Suche nach der passenden Größe. In den Regalen ist alles vertreten: Von 28/30 für kleine Dünne bis zu 40/32 für kompaktere Menschen. Die einzige Kombi, die fehlt: 32/34. Meine. Weder bei Regular noch bei Original ist sie zu finden. Ebenso wenig bei Loose, was ich aus dokumentarischen Gründen kontrolliere.
Die fehlende Größe hat aber auch etwas Gutes: Ich muss keine Hosen anprobieren. Denn Umkleidekabinen sind beim Klamottenkauf der wahre Endgegner: zu eng, zu unvorteilhaftes Licht, zu viele Spiegel.
Unverrichteter Dinge, aber bester Laune verlasse ich den Laden. Epiktet wäre stolz auf mich.
08. Februar 2026, Berlin/Köln
Im ICE Richtung Köln. Zuerst Schreibklausur, dann Karneval. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Vielleicht auch umgekehrt.
In meinem Waggon ist der Platz neben mir der einzige unreservierte. Was einerseits sehr willkommen ist. Andererseits lebst du dann fast fünf Stunden mit dem Unbehagen, jemand könnte sich nach dem nächsten Halt neben dich setzen. Jemand, der nicht so gut riecht. Oder noch schlimmer: Jemand, der sich unterhalten will.
Nicke nach Spandau ein und wache kurz nach Hannover wieder auf. Mein Nachbarsitz ist nun belegt. Von einer Frau. Sie liest die ganze Zeit auf LinkedIn. Ansonsten scheint sie mental stabil zu sein. Sie riecht auch nicht und hat auch kein größeres Kommunikationsbedürfnis.
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Kurz nach halb fünf. Ankunft in Köln. 9° plus und keine Anzeichen von Eis oder Schnee. Ein Flair von karibischem Sommerurlaub liegt in der Luft.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch “Wenn ich groß bin, werde ich Gott” ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind “Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter”, “Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit” sowie “Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith”*. (*Affiliate-Links)
