Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
09 Februar 2026, Köln
In der Stadt laufen die Vorbereitungen für den Straßenkarneval. Kneipen werden geschmückt, Toilettenhäuschen aufgestellt und in Schaufenstern informieren Aushänge über die Ladenöffnungszeiten während der tollen Tage. Beziehungsweise über die Nicht-Öffnungszeiten.
Ein solcher Zettel hängt auch an der Tür von Zendo Köln, einem Verein, der Zazen praktiziert – die stille Sitzmeditation im Zen – und anderen zugänglich machen will. Aber nicht an Weiberfastnacht und Rosenmontag. Da wird nicht sitzmeditiert, sondern Karneval gefeiert. “Alaaf”, statt „Ommm“.

10. Februar 2026, Köln
Auf der Straße kommt mir ein junger Typ entgegen. Also, eher so mitteljung. Zumindest in meinen Augen. Für meine Kinder wäre er wahrscheinlich mittelalt. Das ist – wie immer – eine Frage der Perspektive.
Der Mann wirkt ungehalten. Mit gerunzelter Stirn, zusammengezogenen Augenbrauen und einer Lautstärke, die nicht mehr ganz den sozialen Konventionen entspricht, redet er in sein Telefon:
„You don’t know nothing. Stop talking.“
Grammatikalisch nicht ganz präzise, aber trotzdem ein guter Spruch. Pointiert in der Analyse plus klarer Handlungsauftrag. Das lässt sich eigentlich täglich anbringen. Mehrmals. Vielleicht bedrucke ich Postkarten damit und verteile die bei passender Gelegenheit.

11. Februar 2026, Köln
Morgendlicher Lauf. Mein Weg führt mich durch den Rheinauhafen, vorbei an der Konzernzentrale von Birkenstock. Diese erstreckt sich über drei Etagen und eine stolze Länge von 150 Metern. Sie sieht nicht nach gemütlicher Schuhmanufaktur aus, sondern nach Verwaltung. Hier sitzen Menschen, die Marketing, Vertrieb, Logistik und Versand von ästhetisch fragwürdigen, aber zweifellos bequemen Latschen und Sandalen steuern.
Die bodentiefen Fenster erlauben einen intimen Blick in die Büroräumlichkeiten. Interessanterweise tragen die meisten weiße Sneaker, aber niemand Birkenstocks. Vielleicht finden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Schuhe nicht bequem genug, um über die modischen Defizite hinwegzusehen. Oder sie sind so sehr von dem Produkt überzeugt, dass sie es konsequent den Kundinnen und Kunden überlassen.
12. Februar 2026, Köln
Im Hotel kommen morgens zwei Mittzwanziger in Ghostbusters-Kostümen um die Ecke. Mein erster Gedanke: „Oh, Kammerjäger.“ Nicht besonders beruhigend beim Gang zum Frühstücksbuffet.
Als ich meinen Irrtum bemerke, sage ich den gleichermaßen trivialen wie gehaltlosen Satz: „Ah, Geisterjäger. Sehr gut.“ Eine kommunikativ nur bedingt anschlussfähige Aussage. Einer der beiden erwidert dennoch: „Haben Sie zufällig paranormale Aktivitäten bemerkt?“
Ich lache pflichtschuldig und denke: „Hat der Lümmel mich gerade gesiezt?“
Anscheinend rechnet er mich altersmäßig nicht zu seiner Peergroup. Unverschämt.
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Zwei Stunden und sechs Kölsch später: Karneval in der Kneipe.
Meine Verkleidung dieses Jahr: Men in Black. Schwarzer Anzug, weißes Hemd und schwarze Krawatte. Dazu das MIB-Starter-Set aus asiatischer Qualitätsmanufaktur für 8,59 Euro (Sonnenbrille, Ohr-Mikrofon und Dienstausweis mit Lanyard), als technisches Gadget einen Neutralyser – vulgo Blitzdings –, den ich für 40 Euro über das Internet bei „Marek aus Polen“ erworben hatte, und – natürlich – einen Plüschmops namens Frank.
Begegnungen und Gespräche in der Kneipe, die mir in Erinnerung geblieben sind:
- Axl Rose, der schon im letzten Jahr mein Rocky-Kostüm frenetisch gefeiert hat, gerät wegen meines MIB-Kostüms in Ekstase. Der Hund ist für ihn das „Sahnehäubchen“. Als ich ihm das Blitzdings-Gerät vorführe, ist er kurz davor, mir einen Heiratsantrag zu machen.
- Eine Frau trägt etwas auf dem Kopf, das mich entfernt an einen Lampenschirm erinnert. Ich tippe auf die Verkleidung „viktorianische Zofe“, ohne genau zu wissen, wie eine solche überhaupt aussieht. Als ich ihr ein Kompliment für das originelle Kostüm mache, stellt sich heraus: Sie ist eine Stehlampe.
- Ein Typ im Elfen-Kostüm interessiert sich für das Blitzdings. Ich erkläre ihm, das sei ein Satisfyer, an den ich eine Leuchtdiode geklebt hätte. Er hinterfragt das nicht weiter und nickt anerkennend.
- Eine Punkerin mit lila Iro und Stoffratte auf der Schulter fragt mich, wie ich es schaffen würde, meine Mundwinkel die ganze Zeit nach unten zu ziehen – sie hätte noch nie jemanden gesehen, der so missmutig schaut. Fühle mich wie jede Frau, die von einem random Dude angelabert wird, sie solle doch mal lächeln. Mir fällt keine schlagfertige Antwort ein und ich erkläre, ich würde mich um nach oben gezogene Mundwinkel bemühen. Laufe den Rest des Abends wie ein grinsender Creep rum.
- Eine Frau im blauen Tüllrock fühlt sich durch den Plüschmops getriggert. Sie hält mir einen leidenschaftlichen, leicht militanten Vortrag über Qualzucht, Atemnot und die moralische Verwerflichkeit dieser Rasse. Erst als ich ihr hoch und heilig verspreche, mir niemals einen echten Mops zu kaufen, lässt sie von mir – und dem Stoffhund – ab.
- Ein Mann mit kurzem Bart glänzt mit seinem goldenen Anzug in der Menge. Sein langes, seidiges Haar reicht ihm bis unter die Schulterblätter. Keine Ahnung, was sein Kostüm darstellen soll. Für mich ist er Shining Jesus. Zu später Stunde sage ich ihm, er habe das schönste Haar in der ganzen Kneipe. Er freut sich aufrichtig. Es ist der friedvollste Moment des Abends.
13. Februar 2026, Köln
Wache morgens kurz nach sieben auf. Etwas müde, aber wenigstens ohne allzu große Matschbirne. Was bestimmt daran liegt, dass ich gestern im Laufe des Tages drei Cola getrunken habe. Womit ich zwar nicht ganz meine Quote von „nach jedem dritten Kölsch ein alkoholfreies Getränk“ erfüllt habe, aber immerhin waren es drei Cola mehr als am 11.11. – und das ist nicht nichts.
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Später eine Runde Laufen. Um die Müdigkeit aus den Knochen zu vertreiben. Was sich nach unangenehmer preußischer Pflichterfüllung und „wer feiern kann, kann auch Sport machen“ anhört. Schlimm.
14. Februar 2026, Köln
Valentinstag. Was in Köln im ganzen Karnevalstrubel ein wenig untergeht. Soll mir recht sein, der Tag hat für meine Frau und mich ohnehin keine tiefere Bedeutung. Wir sind schon damit überfordert, uns an unseren Jahres- und unseren Hochzeitstag zu erinnern. Da können wir nicht noch einen dritten Termin gebrauchen, an dem uns die Blumen- und die Pralinenindustrie unter Druck setzt, unsere unverbrüchliche Liebe durch Schoki und kurzlebige Flora zu beweisen.
Fast wäre der Tag vollkommen spurlos an mir vorübergezogen – keine Medienberichte, keine verkaufsfördernden Hinweise in Schaufenstern, keine Werbung auf Social Media. Bis ich mich kurz über die Tarife eines KI-Anbieter informiere. Dort gibt es das „Valentinstag-Special“: 20 Prozent auf alles. Außer Tiernahrung. Schön, wenn die künstliche Intelligenz die Einzige ist, die noch an die Romantik glaubt.
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Gegen halb zwölf: obligatorische Laufrunde am Rhein. Bei 1 °C und vereinzelten Schneeflocken. Warum? Trotzdem kommen mir sehr viele Läufer und Läuferinnen in kurzen Hosen und kurzen Shirts entgegen. Erneut: Warum?
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16 Uhr. Treffen in der Kneipe. Wie jeden Karnevalssamstag denke ich am Anfang: „Heute ist es irgendwie lame.“
Anderthalb Stunden später: Der Laden ist rappelvoll, eine einzige dampfende Menschenmasse, du reibst dich permanent an fremden Leuten und gibst irgendwann auf, dich dafür zu entschuldigen. Der DJ spielt gnadenlos einen Hit nach dem anderen, Tanzen wird zum Hochleistungssport. Kurzum: Ein fantastischer Abend!
Zur Theke ist fast kein Durchkommen, weswegen ich weniger Kölsch als gewöhnlich trinke. Mein Zukunfts-Ich schreibt Dankeskarten an mein Gegenwarts-Ich.
15. Februar 2026, Köln
Rückkehr ins Hotel um 2.30 Uhr, Aufwachen um 7.30 Uhr. Da hätte sich das Gegenwarts-Ich ruhig ein bisschen mehr Mühe geben können.
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Verzichte heute auf den Rhein-Lauf. Irgendwo hat die preußische Pflichterfüllung auch ihre Grenzen. Schaue mir stattdessen die Schull- un Veedelszöch an. Das muss an Aktivität reichen.
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch “Wenn ich groß bin, werde ich Gott” ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind “Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter”, “Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit” sowie “Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith”*. (*Affiliate-Links)
