Wochenschau | KW11-2026: Man hilft, wo man helfen kann

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


09. März 2026, Berlin

Meine Eltern waren letzten Samstag auf einer Ü40-Party. Das erzählen sie mir bei unserem sonntäglichen Telefonat, das ausnahmsweise montags stattfindet.

Sie waren nicht als Gäste dort – da hätten sie angesichts ihres Alters jeweils zweimal gehen können –, sondern haben den Eintritt organisiert. Sie waren quasi der Sven Marquardt von Westerburg. Nur ohne Gesichtstattoo und mit nachsichtigerer Einlasspolitik.

Das erste Mal ein Plakat für eine Ü40-Party habe ich Ende der 90er Jahre gesehen, als ich nach Berlin kam. Damals dachte ich, bevor ich zu so etwas gehe, erschieße ich mich. Nicht zuletzt, weil die Poster so hässlich waren. (Ich war schon damals ein versnobter Ästhet.)

Aber eigentlich sind Ü40-Veranstaltungen eine gute Sache. Du feierst mit Menschen deines Alters und machst dich nicht vor einem Haufen Jugendlicher, die deine Kinder sein könnten, zum Horst. Für die Jugendlichen ist das auch entspannter, wenn die Alten woanders Party machen. Dann müssen sie keine erste Hilfe leisten, weil irgendjemand beim Tanzen einen akuten Bandscheibenvorfall erleidet. Oder einen Herzinfarkt.

Trotzdem haben solche Feten einen faden Beigeschmack. Sie signalisieren dir, dass du nicht mehr mit den Jungen abhängen darfst, sondern nur noch mit Deinesgleichen. Als nächstes kommt dann Tanztee im Café Keese, danach Senioren-Schwof im Altersheim. Keine schönen Aussichten.

Ich verspüre schon in Berlin kein Bedürfnis, auf eine Ü40-Party zu gehen, in Westerburg könnte ich mir das auf gar keinen Fall vorstellen. Wahrscheinlich würden meine Eltern mich ohnehin nicht reinlassen. Weil ich zu alt bin.

10. März 2026, Berlin

Freudiger Inbox-Fund: eine Gewinn-Benachrichtigung von LOTTO Berlin. Die entscheidende Information fehlt jedoch: Wie viel wir gewonnen haben. Dazu muss ich mich in mein Kundenkonto einloggen.

Sollten wir den Jackpot geknackt haben, könnten wir eine Eigentumswohnung kaufen. Im Idealfall Dachgeschoss – gut isoliert – mit Spreeblick. Und im Idealstfall mit Aufzug. Man wird schließlich nicht jünger.

Klicke auf den LOTTO-Berlin-Link. Vielleicht ist der Gewinn ein paar zehntausend Euro. Das würde für einige 3-Monats-Aufenthalte im Ausland reichen. London, Edinburgh oder irgendwo in Italien.

Suche in meinem Passwort-Manager nach den Kundenkonto-Zugangsdaten. Möglicherweise liegen wir eine Gewinnklasse niedriger. Immerhin auch noch ein paar tausend Euro. Damit könnten wir unsere Wohnung renovieren lassen. Statt in die Ferne reisen, die Nähe verschönern.

Öffne das Benutzerkonto. Beträgt der Gewinn nur ein paar hundert Euro, wäre wenigstens ein neues Fahrrad drin. Dann quietscht und rasselt es nicht mehr so beim Radeln.

Suche den Link zur Gewinn-Übersicht. Falls wir nur 50 Euro oder so bekommen, gehen wir essen. Zu zweit. In eine Pizzeria. Ohne Nachtisch.

Das Fenster mit der Gewinn-Verkündung poppt auf: 11,20 Euro.

Okay, kein Eigenheim, keine ausgiebigen Auslandsreisen, kein Wohnungs-Make-Over, kein Fahrrad und auch kein Restaurantbesuch.

Aber immerhin haben wir im letzten Monat 10 Cent mehr gewonnen als eingesetzt. Das ist ja auch nicht nichts. Wenn unsere Glückssträhne anhält, können wir in rund 41 Jahren essen gehen.

11. März 2026, Berlin

Heute ist Verehre-dein-Werkzeug-Tag. Letzte Woche habe ich zweimal einen Hammer benutzt. Das muss als Huldigung reichen. Ohnehin ist die größte Form der Ehrerbietung, die ich Werkzeugen entgegenbringen kann, dass ich sie gar nicht anfasse.

12. März 2026, Berlin

Morgendliche Laufrunde, unterwegs Richtung Schlosspark. In der Ferne steht eine Frau am Wegesrand, neben ihr ein Fahrrad, kopfüber auf Sattel und Lenker gestellt. Wahrscheinlich irgendwas mit der Kette.

Normalerweise bin ich ein hilfsbereiter Mensch, halte Türen auf, weise Wege und trage Kinderwägen Treppen hoch und runter. Von wegen gute Tat des Tages, Karmapunkte und so weiter.

In diesem Fall ist das mit der Hilfsbereitschaft kompliziert. Wie willst du Hilfe anbieten, wenn dir die Kompetenz fehlt, das Hilfsangebot in die Tat umzusetzen? Ich dränge mich ja auch nicht auf, Texte ins Französische zu übersetzen oder Knöpfe anzunähen.

Das letzte Mal, dass ich ein Fahrradkettenproblem gelöst habe, ist mehrere Jahrzehnte her. Wobei die Bezeichnung „Problemlösung“ eher ein Euphemismus ist. Ich fummelte damals minutenlang an der Kette rum, bis sie irgendwann wieder auf dem Ritzel saß, ohne zu wissen, wie ich das bewerkstelligt hatte. (Dass ich eben die Bezeichnung für „Ritzel“ googeln musste, unterstreicht, wie unpassend es ist, mich als Fahrrad-Reparateur ins Spiel zu bringen.)

Ich könnte allenfalls moralischen Beistand leisten. Ob das erwünscht ist? Ich glaube nicht. Welche Frau, die verzweifelt versucht, ihr Rad zum Laufen zu bringen, möchte, dass dabei ein angeschwitzter graubärtiger Dude in kurzen Hosen neben ihr steht und motivierend raunt: „Du schaffst das, ich glaub‘ an dich.“ (Wahrscheinlich gibt es überhaupt keine Situation, in der eine Frau möchte, dass ein angeschwitzter graubärtiger Dude neben ihr steht.)

Entscheide mich daher dafür, ohne Hilfsangebot vorbeizulaufen. Ethisch möglicherweise fragwürdig, aber dennoch besser für alle Beteiligte. Plötzlich winkt mir die Frau zu. Nicht als Geste der Höflichkeit und auch kein morgendlicher Flirtversuch, sondern sie will etwas von mir.

Sie fragt mich, ob ich ihr behilflich sein könnte. Das bringt mich in eine Zwickmühle. Eine unterlassene Hilfeleistung bei nicht erbetener Hilfe ist das eine, aber nachdem sie mich danach gefragt hat, kann ich ihr das nicht verweigern. Denn wie hat Albus Dumbledore so schön gesagt: „In Hogwarts wird jedem Hilfe zuteil, der danach fragt.“ Zugegebenermaßen befinden wir uns nicht in Hogwarts, aber ich denke, der Satz hat auch auf dem Spreeweg seine Gültigkeit.

Das Problem dabei: Ich bin kein berühmter Zauberer, der mit einem lässigen „Repario“ das Fahrrad instand setzen kann.

Zum Glück hat die Frau das mit der Kette schon selbst hinbekommen. Sie möchte lediglich, dass ich das Rad umdrehe. Das kommt mir zupass. Hilfe, die kein technisches Verständnis oder handwerkliches Geschick, sondern lediglich Muskelkraft erfordert, die kann ich leisten. (Sofern nicht zu viel Muskelkraft vonnöten ist.)

Während ich mich abmühe, den Drahtesel zurück auf die Räder zu stellen – was angesichts des widerspenstigen Lenkers gar nicht so einfach ist –, sagt die Frau: „Passen Sie auf, nicht dass sie sich dreckig machen.“ Ich erkläre, das sei kein Problem, wahrscheinlich würde ich das Fahrrad schmutziger machen als umgekehrt.

Kaum hat der Satz meinen Mund verlassen, frage ich mich, ob das die beste Erwiderung auf die Aussage der Frau war. Die Antwort lautet: Nein. (Selbst Grunzen wäre eine bessere Reaktion gewesen.)

Die Frau mustert mich irritiert – zu Recht –, widerspricht aber nicht. Nach kurzem Kampf ist das Rad fahrbereit, die Frau bedankt sich und ich jogge meines Weges. Wenigstens habe ich meine gute Tat des Tages vollbracht. Noch besser wäre sie gewesen, hätte ich dabei den Mund gehalten.

13. März 2026, Berlin

Fahrt mit der M10 Richtung Hauptbahnhof. Auf dem 4er neben mir sitzen eine Frau, ein Mann und ein Mädchen, circa acht Jahre alt. Auf Höhe des Gerichts erklärt der Vater seiner Tochter, dort würden Mord und Raub verhandelt. Angesichts ihres Alters bin ich skeptisch, ob das die besten Beispiele sind, um ihr zu erklären, wie ein Gericht funktioniert. Ein kleiner Nachbarstreit hätte vielleicht auch gereicht. Wobei der eher nicht vor dem Kriminalgericht verhandelt wird. Außer er endet in Mord und Totschlag.

Kurz danach kommt das Gefängnis mit seinen hohen Backsteinmauern, den Stacheldrahtrollen darauf und den vergitterten Fenstern. „Hier sitzt der Thomas“, flüstert der Mann seiner Frau zu. Weil Kinder immer hellhörig werden, wenn sie etwas nicht mitbekommen sollen, fragt das Mädchen: „Warum?“

Der Vater zögert kurz. „Ich glaube, das weiß der selbst nicht so genau.“ So wie er das sagt, gehe ich davon aus, dass der gute Thomy ganz genau weiß, warum er im Knast hockt.

Kleiner Fun Fact am Rande, den ich kürzlich gelernt habe: Gefängnisausbruch ist in Deutschland nicht strafbar. Aus Respekt vor dem natürlichen Drang nach Freiheit. Taten, die den Ausbruch begleiten, werden aber durchaus geahndet: Körperverletzung, Erpressung, Geiselnahme und Ähnliches. Ebenso Sachbeschädigung (Durchsägen von Gitterstäben) – oder Diebstahl (Mitnehmen der Haftkleidung).

Somit kommst du bei der Gefängnisflucht nur straflos davon, wenn zufällig irgendwo eine Tür offensteht und du nackt abhaust.

14. März 2026, Berlin

Laufrunde im Grunewald mit O. und J. Die gestaltet sich eher ereignislos. Bis zu meiner Begegnung mit einer perfide aus dem Waldboden ragenden Baumwurzel. Das Resultat: Ich mache den „Flug des Adlers“. Nur weniger anmutig und elegant. Eigentlich eher ein „Flug des Pinguins“.

Oder um es etwas weniger lyrisch – und dafür präziser – auszudrücken: Ich lege mich spektakulär aufs Maul. Damit wäre das für dieses Jahr auch erledigt. Hoffentlich.

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Verbringe den Nachmittag ermattet vom Laufen mit Staubsaugen und Kuchenbacken. (Schwäbische Hausfrauen nicken mir anerkennend zu.)

Später poste ich auf Instagram ein Foto einer güldenen Doggen-Statue, die ich auf dem Heimweg geknipst habe. (Werbung für einen Hundefriseursalon) Das Bild unterlege ich mit einem Lied aus „Cats“. Peak-Humor, zu dem ich trotz meines körperlichen Zustands noch in der Lage bin.

15. März 2026, Berlin

Werbe- und Spam-Nachrichten aus dieser Woche:

  • Nandini Roy, ihres Zeichens Kundenerfolgsmanagerin einer indischen Web-Agentur, hat meine Website begutachtet und ist zu dem Schluss gekommen, diese könnte von einem modernen Update profitieren. Wahrscheinlich Schönsprech für: „Dein Internetauftritt erregt Augenkrebs.“ Damit hat die gute Nandini möglicherweise recht, aber ich möchte sie trotzdem nicht mit dem Managen meines Erfolgs beauftragen.
  • Die Nachricht von Sean Dudley beginnt mit dem schönen Satz: „I trust you are doing well.“ Keine Ahnung, woher er diese Zuversicht nimmt. Vielleicht sollte ich ihn mit dem ausrangierten „Alles wird gut“-Kühlschrank von letzter Woche bekannt machen. Sean schlägt mir eine technische Überarbeitung meiner Website vor. Möglicherweise sollte ich mir doch Gedanken über den Zustand meines Blogs machen.
  • Auf Insta spielt mir der Algorithmus eine Anzeige eines Bekleidungsanbieters ein. Der Slogan: „Die meisten Männer tragen die falschen Styles für ihr Alter.“
  • Freitags bekomme ich Werbung für ein Abnehm-Produkt. Zweimal innerhalb von 30 Minuten.

Die Spammer sind also der Meinung, mein Blog ist hässlich und unmodern, meine Klamotten sind nicht altersgemäß und ich bin zu dick. Fällt das noch unter konstruktive Kritik oder ist das schon Mobbing?


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2 Kommentare zu “Wochenschau | KW11-2026: Man hilft, wo man helfen kann

Erwähnungen

  • Christian Hanne
  • Mirko Quaas

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