Wochenschau | KW12-2026: Von Vögeln, Toiletten, Konzerten und Fäkalgesang

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


16. März 2026, Berlin

Kurz vor sechs. Der Tag begrüßt mich. Eine halbe Stunde vor dem Weckerklingeln. Eigentlich ist es auch nicht der Tag, der das Wecken übernimmt, sondern die Vögel.

Die sind keine Morgenmuffel. Sie beginnen den Tag nicht schweigend mit Käffchen auf dem Sofa. Um Geist und Körper gleichermaßen sanft und achtsam zu beleben.

Im Gegenteil. Vögel sind von Minute Eins sofort auf Betriebstemperatur. Und vom Start weg gesprächig. Geradezu geschwätzig. Sie pfeifen, tirilieren und flöten, als gäbe es kein Morgen mehr, an dem sie pfeifen, tirilieren und flöten könnten.

Von Vogelgezwitscher geweckt werden. Eigentlich eine idyllische Vorstellung. Aber nicht um sechs. Besonders nicht bei einer Lautstärke, als hätte sich sämtliches Federvieh der Straße – wenn nicht gar aus ganz Moabit – sich vor unserem Schlafzimmer zum gemeinschaftlichen Morgengesang versammelt.

Welche Vogelarten da draußen singend randalieren, vermag ich vom Bett aus nicht einzuschätzen. Dazu fehlt mir die ornithologische Kompetenz, um das anhand ihres Gezwitschers zu erkennen. Wobei ich die meisten auch nicht benennen könnte, stünden sie direkt vor mir.

Vögel, die ich ohne Hilfsmittel identifizieren kann:

  • Tauben: easy, da genügend Anschauungsmaterial in der Stadt
  • Spatzen: dito
  • Rotkehlchen: Erkennungszeichen rote Brust; das letzte Mal vor mehr als 30 Jahren gesehen
  • Blaumeisen: Erkennungszeichen gelbe Brust (warum?); das letzte Mal vor keine Ahnung wann gesehen
  • Krähen: leichte Verwechslungsgefahr mit Raben

Schwäne, Pinguine und Hühner erkenne ich auch. Die hängen aber sehr wahrscheinlich nicht vor unserem Haus ab, um Radau zu machen.

17. März 2026, Berlin

Morgendliche Laufrunde im Volkspark Rehberge. Mit gutem Gefühl. Frühe Stunde, Leibesertüchtigung, frische Luft. Da freut sich der innere Turnvater Jahn in mir. Wäre da nicht meine Blase. Die ist voll und will gelehrt werden. Jetzt, sofort und unverzüglich.

Könnte mich dazu in die Büsche schlagen. In der Natur dem Ruf der Natur folgen. Das Problem dabei: Der Frühling hat sich in Berlin bisher nicht so recht ausgetobt. Sträucher und Bäume sind noch recht kärglich bewachsen. Die vereinzelten Blättchen und dünnen Ästchen bieten so wenig Sichtschutz, da könnte ich auch gleich mitten auf einen der Parkwege urinieren.

Am Rande des Volksparks steht ein öffentliches Toilettenhäuschen. Ein Gebäude mit metallenen Wänden, in hoffnungsvollem Grün gehalten. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Bei mir, als ich den Raum betrete. Der sieht aus, als könnte er jede Menge Geschichten erzählen, die aber niemand hören möchte.

Der prekäre hygienische Zustand lässt darauf schließen, dass hier nur sehr unregelmäßig gereinigt wird. In Schaltjahren, wenn der 29. auf einen Montag und der 28. auf einen Samstag fällt. Die Lichtverhältnisse sind eher schummrig, was ich als großen Pluspunkt werte.

Ich versuche meine Situation positiv zu sehen:

  1. Ich muss kein großes Geschäft erledigen (eine albtraumhafte Vorstellung).
  2. Wenn dein Morgen mit dem Besuch einer öffentlichen Toilette beginnt, kann der Tag nur besser werden.

18. März 2026, Berlin

Neues Morgenritual: Das Penny-Rubbel-Gewinnspiel. Bevor ich mir die Laune mit Nachrichten vermiese oder auf Social-Media-Kanälen meine Zeit vertrödle, rubbele ich erstmal virtuell in der Penny-App.

Das Gewinnspiel verspricht bis Ostern acht Millionen Gewinne. Meine bisherige Ausbeute:

  • ein 15-Prozent-Coupon für Fruchtgummi und Lakritz
  • ein 10-Prozent-Coupon für frisches Obst
  • ein 15-Prozent-Coupon für Paradiso-Säfte

Außerdem habe ich zwei Hauptverlosungs-Lose errubbelt. Was mir die Chance auf einen Mini Cooper eröffnet (würde ich verkaufen), ein iPhones 17 Pro (würde ich an meine Frau weitergeben) oder einen Dyson-Staubsauger (würde ich benutzen).

Am liebsten hätte ich einen der 20 Penny-Einkaufsgutscheine im Wert von 250 Euro. (Noch lieber hätte ich alle 20.) Verzichten könnte ich auf einen der 100-Euro-Toom-Gutscheine. Wobei der bei mir wahrscheinlich mehrere Jahre reichen würde.

Die Höchststrafe wäre der 500-Euro-DERTOUR-Gutschein. Ich habe ein einziges Mal in meinem Leben Urlaub in einem Reisebüro gebucht. Vor über 20 Jahre. Ich kenne auch niemanden, dem ich mit so einem Gutschein eine Freude bereiten könnte.

Wenn ich bei einem meiner Kiez-Spaziergänge an einem Reisebüro vorbeikomme – von denen es noch erstaunlich viele gibt –, sehe ich den Schaufenstern hauptsächlich Werbung für Kreuzfahrten. Wer tut sich das freiwillig an? Schiff + Hotelbunker + Animationsterror = Urlaub aus der Hölle. Nein, danke.

Drücken Sie mir also die Daumen, dass ich einen der Einkaufsgutscheine gewinne. Oder gar nichts.

19. März 2026, Berlin

Am Abend Konzert von Fortuna Ehrenfeld im Festsaal Kreuzberg. Ein Ereignis, dem ich in nervöser Vorfreude entgegenschaue.. Oder in vorfreudiger Nervosität.

Seit Spotify seinen Jahresrückblick eingeführt hat, belegen Fortuna Ehrenfeld bei mir immer den ersten Platz der meistgehörten Artists. Letztes Jahr habe ich „Wilde Jahre“ 465-mal abgespielt. Das hat der Band undgefähr 1,24 Euro in die Kasse gespült. So viel zur Vorfreude.

Nervös bin ich, weil ich nicht besonders häufig auf Konzerte gehe. Sogar ausgesprochen selten. Weil das Konzept „Konzert“ für mich nur mäßig attraktiv ist. Das Haus verlassen müssen, viele fremde Menschen sowie öffentliches Tanzen und Mitsingen sprechen ganz klar dagegen. (Meine Aversion gegen rhythmisches Klatschen mit den Händen über dem Kopf ist den Stammleser*innen zur Genüge bekannt.)

Auf meinem letzten Konzert war ich 2019. Mit dem Sohn bei Capital Bra. (Glücklicherweise hatten wir Sitzplätze.) Davor hatte ich die Kinder 2017 zu den Lochis begleitet. Keine besonders glorreiche Konzerthistorie. Aber zumindest weiß ich, dass ich heute mein bestes Konzerterlebnis der letzten zehn Jahren haben werde.

Ich versuche mich den Tag über in einen Zustand zu versetzen, der es mir ermöglicht, das Verhalten eines durchschnittlichen Konzertbesuchers zu simulieren. Vielleicht sollte ich Maximilian Buddenbohm um Rat fragen. Der war vor anderthalb Wochen in Hamburg bei Fortuna Ehrenfeld.

Ich kenne Maximilian nicht näher persönlich. Basierend auf der regelmäßigen Lektüre seines Blogs sowie zwei kurzen Begegnungen auf der Blogfamilia vermute ich aber, dass er kein extrovertierter Konzertgänger ist, der mit extravaganten Tanzchoreographien vor der Bühne auffällt. Möglicherweise könnte er mir Tipps geben, wie ich heute Abend nicht negativ auffalle.

Kurz vor 19 Uhr, Ankunft am Festsaal Kreuzberg. Die Location: angenehm überschaubar groß, die Toiletten: angenehm ranzig, das Publikum: angenehm divers. Die Altersspanne reicht von ungefähr 25 bis 75, das Verhältnis Männer zu Frauen ist annähernd fifty-fifty. Unter den Besucherinnen sind Hipster, Linksalternative und jugendlich Gebliebene. Aber auch Frauen, die wie Buchhalterinnen aussehen, und ältere Männer, die ich mir gut vorstellen kann, wie sie samstags ihr Auto waschen. Irgendwo dazwischen reihen wir uns ein, ohne vollkommen aus dem sozio-demografischen Rahmen zu fallen.

Von einem Platz am Rand, nicht allzu weit entfernt von der Bühne, verfolge ich das Geschehen. In Ansätzen teilnehmend aber hauptsächlich beobachtend. Zum Glück gibt es eine mitreißende Masse, die mitsingt und mittanzt. Gäbe es nur Besucher*innen wie mich, wäre das für die Stimmung schon schwierig.

Zwischendurch lasse sogar ich mich zum rhythmischen Klatschen verleiten. (Aber nicht über Kopfhöhe!) Vor allem als Martin Bechler in meine Richtung schaut und ich nicht den Eindruck erwecken möchte, ich wäre mit den sozialen Konventionen auf Konzerten nicht vertraut.

Der Auftritt ist unerwartet rockig und recht laut. Die Bassdrum bassdrumt so eindringlich, dass sie einem die Eingeweide einmal auf links und wieder zurück dreht. Dabei fällt dir auf, dass du in einem Alter bist, wo einem das auffällt.

Zum Abschluss erstehen wir am Merch-Stand ein T-Shirt und ein Poster. Letzteres lasse ich mir von der Band signieren. Meine ersten Autogramme, seit ich 1988 beim Davis Cup in Frankfurt Unterschriften von Boris Becker, Carl-Uwe Steeb und Eric Jelen sammelte. Da fühlt man sich doch wieder jung. Oder sehr, sehr alt.

20. März 2026, Berlin

Zum Frühstück Weisheiten aus den drei Glückskekse der Sushi-Bestellung vom vorigen Sonntag:

21. März 2026, Berlin

Heutiger Gewinn beim Penny-Rubbeln: eine gratis Naturgut Bio-Weinschorle weiß (275ml). Das lässt den den DERTOUR-Einkaufsgutschein in wesentlich attraktiverem Licht erscheinen.

22. März 2026, Berlin

Mein Fun-Fact-Learning diese Woche: Wolfgang Amadeus Mozart pflegte eine sehr ausgeprägte Vorliebe für Fäkalhumor. Das habe ich bei „Gefühlte Fakten“ gelernt, von wo ich circa 80 Prozent meines neu erworbenen Trivialwissens beziehe.

Das berühmtestes wolferlsche Werk im Fäkal-Genre ist der sechsstimmige Kanon: „Leck mich im Arsch“. Das Lied stammt aus dem Jahr 1782, der Originaltext, der erst 1991 wiederentdeckt wurde. lautet:

Leck mich im A[rsch] g’schwindi, g’schwindi!
Leck im A[rsch] mich g’schwindi! Leck mich, leck mich, leck mich, leck mich, leck mich.
Leck mich, leck mich, leck – g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi!
G’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi!
Leck mich im Arsch g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi!
G’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi!
Leck mich im Arsch g’schwindi, g’schwindi! Leck im A[rsch] mich.
Leck mich im Arsch g’schwindi!
Leck mich.

Das ist präzise, prägnant und auf den Punkt: Jemand bringt den Wunsch zum Ausdruck, jemand möge ihn am Allerwertesten lecken und dies soll bitteschön recht zügig geschehen.

Vielleicht singen die Vögel das jeden Morgen vor unserem Fenster.


Alle Beiträge der Wochenschau finden Sie hier.


Sie möchten informiert werden, damit Sie nie wieder, aber auch wirklich nie wieder einen Familienbetrieb-Beitrag verpassen?

Ein Kommentar zu “Wochenschau | KW12-2026: Von Vögeln, Toiletten, Konzerten und Fäkalgesang

Erwähnungen

  • Olaf Föllinger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert