Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
23. März 2026, Berlin
Werbung im Briefkasten. Von „Jaques‘ Wein-Depot“. Keine Ahnung warum. Ich habe dort noch nie etwas bestellt. Was daran liegt, dass ich kein großer Weintrinker bin.
Außerdem gefällt mir der Schriftzug von „Jacques‘ Wein-Depot“ nicht. Der sieht aus, als hätte jemand sämtliche Schreibschriftarten bei Word ausprobiert und sich dann für die hässlichste entschieden. Der Bindestrich zwischen Wein und Depot stört ebenfalls mein ästhetisches Empfinden.
Jacques ist das egal. Er schickt mir trotzdem seit fünfzehn Jahren Briefe, in denen er seine Weine anpreist, ich werfe sie seit fünfzehn Jahren ungelesen weg.

24. März 2026, Berlin
Die Winzer- und Weinlobby unternimmt weitere Anstrengungen, mich als Kunden zu gewinnen. Diesmal mit einer Mail eines Online-Weinhändlers. Bei dem habe ich auch noch nie etwas gekauft. (Stichwort: „Kein großer Weintrinker“)
Im Betreff steht: „Jetzt schon einen Wein für Ihren Geburtstag bestellen!“ Mit so einem penetranten, leicht übergriffigen Ausrufezeichen. In vier Wochen hätte ich Geburtstag, heißt es in der Nachricht, und damit meine Gäste vernünftig auf mein Wohl anstoßen können, bräuchte es einen Wein der Extraklasse.
Da liegen gleich mehrere Missverständnisse vor: Erstens habe ich erst in vier Monaten Geburtstag. Zwar plane ich durchaus gerne und kaufe Lebensmittel auch mal auf Vorrat. 120 Tage vor meinem Geburtstag, Wein zu besorgen, den ich gar nicht will, erscheint mir jedoch etwas überambitioniert und aktionistisch. Vor allem, weil ich, zweitens, nie meinen Geburtstag feiere. Folglich gibt es überhaupt keine Gäste, die vernünftig auf mein Wohl anstoßen könnten.
Das Angebot besteht aus einem Set von sechs Flaschen Primitivo-Weinen. Die kosten normalerweise 61,70 Euro, im Rahmen des Geburtstags-Specials nur 29,90 Euro. Eine Ersparnis von 52 Prozent.
Fünf Jahrzehnte Lebenserfahrung haben mich gelehrt, dass du bei Rabattaktionen von mehr als 50 Prozent skeptisch sein solltest. Entweder ist das Produkt so minderwertig, dass niemand den regulären Preis zahlen möchte, oder es war vorher vollkommen überteuert und es handelt sich um keinen echten Preisnachlass.
Klicke aus Neugier dennoch auf den Bestell-Button. Stellt sich heraus, die Mail ist überhaupt nicht für mich: Sie ist für meinen bayerischen Namensvetter. Der fast die gleiche E-Mail-Adresse hat wie ich und regelmäßig versehentlich meine angibt. Dadurch erhalte ich regelmäßig Mails und Bestellbestätigungen, die eigentlich für ihn gedacht sind.
Dadurch konnte ich mir in den letzten Jahren einen guten Überblick verschaffen, was im Leben des anderen Christian Hanne so passiert. 2019 hat er beispielsweise ein romantisches Wellness-Wochenende gebucht (mit ayurvedischer Massage und der Option auf Extra-Champagner). Kurz darauf kaufte er eine neue Matratze, etwas später ein Kinderbett und diverse Baby-Utensilien, die er ein paar Jahre später auf einem Baby-Basar wieder veräußern wollte. (Zumindest hat er sich bei dem Basar angemeldet.)
Er ist Mitglied im Bayerischen Jagdverband, weswegen ich monatlich den BJV-Newsletter erhalte, und heizt mit Holzpellets, von denen er mal größere Menge geordert hat. Vor zwei Jahren wollte er mittels der Duolingo-App eine Fremdsprache erlernen. Was dazu führte, dass mich die grüne Nerv-Eule tagelang drangsalierte und emotional erpresste, als ich mich abgemeldet habe. („Du hast Duo traurig gemacht.“)
Nun weiß ich also auch, dass mein Namensvetter gerne Rotwein trinkt. In dem vorausgefüllten Bestell-Formular steht seine Wohnanschrift. Und sein Geburtsdatum. Er ist im gleichen Jahr geboren wie ich, was mich mehr freut als es sollte. Vielleicht schicke ich ihm zum Geburtstag eine Karte. Und dazu eine Flasche Wein.
25. März 2026, Berlin
Auf dem Weg zum Supermarkt. An mir fährt ein großer LKW vorbei, auf der Seite steht „Berliner Weinkönig“. Damit ich das auch wirklich verstehe, ist dazu ein bärtiger Mann mit Krone und royalen Insignien abgebildet, der mir mit einem Glas Wein zuprostet.
Allmählich habe ich das Gefühl, das Universum will mich davon überzeugen, Wein zu kaufen.
###
Meine Frau hat nächste Woche Geburtstag. (Damit ist sie nicht nur deutlich älter als ich, sondern auch als mein bayerischer Namensvetter, aber das nur am Rande.) Ich recherchiere im Internet nach ihrem Geschenk. Das heißt, ich suche nicht online nach Inspirationen, denn ich weiß schon, was ich ihr schenken will. Ich schaue lediglich nach, wo ich das Produkt besorgen kann.
Werde erstaunlicherweise bei OTTO fündig. Nostalgische Kindheitserinnerungen erscheinen vor meinem geistigen Auge. Wie damals regelmäßig die dicken Versandhauskataloge im Briefkasten lagen. Die man dann durchblätterte, sich irgendetwas aussuchte und die Waren seiner Begierde in das beigelegte Formular eintrug. Dieses schickte man postalisch an OTTO, Neckermann oder Quelle, die einem daraufhin die Sachen lieferten. Nicht am nächsten Tag, sondern in einer Woche.
Das kann man seinen Kindern auch kaum vermitteln, dass es früher ein analoges, sehr gemächliches Amazon-System gab.
Ich lege ein Kundenkonto an und erhalte zu meiner Überraschung die Mitteilung, ein Account mit meiner E-Mail-Adresse existiere bereits. Das wundert mich, denn ich habe dort noch nie etwas gekauft. Gut, der Online-Versandhandel existiert ja bereits etwas länger und ich ebenfalls, da ist es schon möglich, dass ich doch mal bei OTTO bestellt habe und mir das entfallen ist.
Ich leite die Passwort-Vergessen-Prozedur ein und lasse mir von meinem Passwort-Manager ein neues erstellen. Danach packe ich das Geschenk in spe in den Warenkorb, bezahle per Lastschriftmandat – mein Versuch mich PayPal zu verweigern, wann immer es geht – und fertig ist die Laube.
Ein Teil der Mission „Geburtstagsgeschenk besorgen“ ist damit erledigt. Ich kann einen Punkt meiner To-Do-Liste abhaken und mich nicht nur wie ein produktiver Mensch fühlen, sondern bin auch meiner kapitalistischen Konsumentenpflicht nachgekommen, habe die deutsche Wirtschaft angekurbelt und den Mittelstand gerettet. Hoffentlich kommt Friedrich Merz nicht vorbei, um sich persönlich zu bedanken. Wahrscheinlich ist der aber ohnehin gerade zu beschäftigt, irgendjemanden rassistisch zu beleidigen.
26. März 2026, Berlin
Neue Nachricht des Online-Weinhändlers. Heute im Angebot: sechs Flaschen Rotwein aus Südafrika („Bordeaux-Style“). Für 29,70 statt 59,70 Euro. Eine Ersparnis von 50 Prozent, wie ein signalroter Kreis und das obligatorische Ausrufezeichen hervorheben. Warum kann ich keine Werbung für Käsekuchen bekommen?
27. März 2026, Berlin
Mail von DHL. Meine OTTO-Bestellung wurde ins Zustellfahrzeug verladen und ist auf dem Weg zu mir. Schaue auf der DHL-Website nach, ob schon ein Zeitfenster angegeben ist. Als ich meine Postleitzahl eintippe, erscheint die Rückmeldung: „Ihre Eingabe war fehlerhaft.“ Versuche es erneut und erhalte die gleiche Antwort.
Kontrolliere im OTTO-Kundenkonto, ob ich einen Postleitzahlendreher produziert habe. Habe ich nicht. Die Postleitzahl ist trotzdem falsch. Es ist eine bayerische. Die Straße ist ebenfalls nicht meine und der Ort auch nicht Berlin.
Anscheinend habe ich den OTTO-Account meines bayerischen Namensvetters gekapert. Wie er ihn überhaupt mit einer falschen E-Mail-Adresse einrichten konnte, ist mir schleierhaft. Auf jeden Fall ist das Geschenk für meine Frau zu ihm unterwegs. Und auch schon auf den letzten Metern, so dass ich die Lieferung nicht mehr stornieren kann.
Ich werfe sämtliche Internet-Suchmaschinen an, um eine korrekte E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer von ihm zu finden. Der Hanne Christian, wie er in Bayern wahrscheinlich genannt wird, hat aber bewundernswert wenige digitale Spuren im Internet hinterlassen. Meine Recherche liefert mir lediglich folgende Informationen:
- 2004 hat er an einen Halbmarathon in Ingolstadt teilgenommen. In der respektablen Zeit von 1:48:31. (Platz 1.167 unter 2.287 Männern)
- Im Januar dieses Jahres hat er bei Kleinanzeigen eine Carrera-Bahn verkauft.
- Anfang März kandidierte er erfolglos bei der Gemeinderatswahl in seinem Wohnort. Auf Listenplatz 10 für die Freien Wähler. (Warum, Christian, warum?)
Irgendwelche Kontaktinformationen finde ich nicht. Das heißt, der bayerischer Christian Hanne bekommt das Geschenk meiner Frau. Nun gut, er hat ja auch demnächst Geburtstag. Hoffentlich freut er sich darüber.
###
17.15 Uhr. Meine Frau und ich laufen durch die IKEA-Filiale in Spandau. Wir wollen Holzplatten für unseren Balkon kaufen, um diesen visuell und fußhaptisch aufzuwerten. Im Sommer wohnen wir seit 7 Jahren in unserer Wohnung. Da kann man das ja mal langsam angehen.
Ursprünglich wollten wir unseren Einkauf morgen erledigen. Dann fiel uns ein, dass wir schon mal samstags bei IKEA waren und das ist keine Erfahrung, die du freiwillig zweimal machen willst, wenn dir an deiner geistigen Gesundheit gelegen ist.
Freitagabends ist der schwedische Möbelhändler erfreulich leer. Keine Menschenmassen, keine streitenden Paar, keine eskalierenden Kleinkinder. Im Gegenteil. Ein circa dreijähriger Junge in beigem Schlafanzug mit bunten Tieren flitzt auf seinem Roller kreuz und quer durch die Gänge. Dabei lacht und juchzt er laut. Mein neues Vorbild.
Wir kaufen nur die Bodenplatten samt dazugehörigen Außenschienen. Sonst nichts, was nicht auf unserer Liste stand. Ich glaube nicht, dass das jemals irgendwem bei IKEA gelungen ist. (Okay, ein Päckchen Kerzen kaufen wir auch, aber das zählt nicht. Wenn du zu IKEA gehst, musst du Kerzen mitnehmen, das ist irgendwo gesetzlich vorgeschrieben.)
28. März 2026, Berlin
Treffen mich mit O. und J. am Grunewald zu unserer samstäglichen Laufrunde. Um 7.30 Uhr bei mickrigen 1 Grad. Das hat Petrus in den letzten Wochen schon besser hinbekommen.
Als wir an einem kleinen See vorbeikommen, sitzen dort eine junge Frau und ein junger Mann, trocknen sich ab und ziehen sich an. Scheinbar waren sie schwimmen. Es gibt also Menschen, die noch irrer sind als wir.
O. ruft ihnen lachend zu: „War’s schön warm?“ Die Miene des Mannes verfinstert sich. „Nee, voll kalt.“ In seiner Stimme schwingt Entrüstung mit. Als hätte er mit Wassertemperaturen von angenehmen 25 Grad gerechnet und sei dann vollkommen unerwartet bitter enttäuscht worden.
29. März 2026, Berlin
Der Online-Weinhändler lässt nicht locker. Diesmal meldet er sich mit einem Oster-Angebot: Neun Flaschen Primitivo für 49,90 statt 111,90 Euro. „Jetzt 55 % sparen!“ (Täglich grüßt das Ausrufezeichen.) Obendrauf gibt es noch vier Rotweingläser. Klingt nach einer Mischung aus Hamburger Fischmarkt und Rudis Resterampe für Rebensaft. Ich bleibe beim Käsekuchen.
Alle Beiträge der Wochenschau finden Sie hier.
Sie möchten informiert werden, damit Sie nie wieder, aber auch wirklich nie wieder einen Familienbetrieb-Beitrag verpassen?


Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“ ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind „Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter“, „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“ sowie „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“*. (*Affiliate-Links)

Apropos Käsekuchen:
https://www.taz.de/!6162867