Wochenschau | KW14/15-2026: Wie ich meinen Geldbeutel verlor und warum mir hart arbeitende Diebe sympathischer als unehrliche Finder sind

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


30. März 2026, Berlin

Der Montagmorgen – und damit die ganze Woche – ist enttäuschender als die letzten Landtagswahlen für die SPD. Die Angebote in der Penny-App, die ich jeden Montag wie ein Rentner kontrolliere, sind allesamt äußerst unbefriedigend. Nur Coupons für Lebensmittel wie Mini-Wiener-Würstchen, Kapern und Weichweizengrieß. Damit kann ich nichts anfangen, nichts davon ist Teil unserer Ernährungspyramide.

Dafür gewinne ich bei der Penny-Rubbelaktion ein Paket Spülschwämme. Wenigstens etwas, das ich heute Abend in mein Dankbarkeit-Tagebuch, das ich nicht führe, schreiben kann.

31. März 2026, Berlin

Verbringe den Nachmittag mit Backen. Weil meine Frau morgen Geburtstag hat. Karottenkuchen soll es werden. Das war der Wunsch der Jubilarin in spe.

Ich versuche mich an einem Rezept aus dem Internet. Das punktet mit einer 5,0-Bewertung bei 160 Rezensent*innen, sehr ansprechenden Fotos sowie den Worten „super saftig“ in der Überschrift. Außerdem ist es der erste Treffer bei meiner Suche.

Die Teigprobe fällt geschmacklich eher mittel aus. Das liegt am Mehl. Die Perimenopause hat bei meiner Frau das Level „Glutenunverträglichkeit“ freigeschaltet. Daher experimentiere ich seit circa zwei Jahren mit glutenfreiem Mehl. Der rohe Teig schmeckt nie sonderlich gut, was das Vergnügen des Schüsselauskratzens erheblich schmälert. Gebacken sind die Kuchen aber trotzdem top.

Heute nicht. Was allerdings nicht Schuld des glutenlosen Mehls ist. Ich mache eher die überschaubaren 150 Gramm Zucker dafür verantwortlich. Außerdem schmecken die gehackten Haselnüsse dominant vor. Das ist besonders misslich, denn ich bin kein großer Haselnuss-Fan. (Nicht einmal ein kleiner.) Die Karotten halten sich aromamäßig wiederum dezent im Hintergrund, was für einen Karottenkuchen eher unvorteilhaft ist.

Der Sohn findet, der Kuchen wäre sehr saftig, schmecke aber mehr nach Brot als nach Kuchen. Hoffen wir einfach, das noch anzubringende Frischkäse-Frosting reißt das Geschmacks-Ruder rum.

01. April 2026, Berlin

Hole meine Eltern, die für ein paar Tage zu Besuch kommen, am Hauptbahnhof ab. In der Tram überlässt ihnen ein junger Mann den Sitzplatz, in der Straße zu ihrem Hotel tritt ein betrunkener Obdachloser Fahrräder um. In weniger als 30 Minuten die volle Bandbreite Berlin. So haben sie wenigstens etwas zu erzählen, wenn sie wieder im Westerwald sind.

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Zurück zu Hause vermisse ich meinen Geldbeutel. Durchsuche Hosentaschen, Jacke und Rucksack. Fehlanzeige. Eine zweite und dritte Kontrolle: nichts. Er ist weg.

Am Bahnhof war viel los. Ich erinnere mich aber nicht, dass ich angerempelt wurde und mir dabei jemand den Geldbeutel aus der Hosentasche stibitzt hat. Das wäre doppelt bitter: Zum materiellen Verlust käme die Scham, sich wie ein tölpeliger Touri beklauen zu lassen. (Das habe ich doch schon vor ein paar Jahren mit einem Handy im Bus erledigt.)

Das letzte Mal benutzt hatte ich den Geldbeutel in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung, wo ich auf dem Weg zum Bahnhof zwei Bücher abgeholt hatte. Überwinde meine Abneigung gegen Telefonate und rufe dort an. Ohne Erfolg.

Spurensuche in der Banking-App. Jemand hat die Kreditkarte in einem kleinen türkischen Supermarkt benutzt. Direkt gegenüber der Buchhandlung. Anscheinend ist mir der Geldbeutel dort aus der Hosentasche gerutscht. Zum Glück war das Referenzkonto nicht gedeckt. Mit der EC-Karte wurde an Zigarettenautomaten in der Gegend bezahlt. Dreimal kontaktlos, dann war das Tageslimit erreicht.

Nun also Karten sperren lassen. Die Postbank-Website teilt mir mit, der Kartensperr-Service stünde „temporär nicht zur Verfügung“. Natürlich. In der App soll ich die zu sperrende Karte auswählen – mir wird aber keine angezeigt. Meine Überraschung hält sich in Grenzen.

Dann halt Anruf bei der 116 116. Ein Chatbot will, dass ich meine 22-stellige IBAN diktiere. Er versteht mich gleich im ersten Anlauf. Da ist meine Überraschung grenzenlos.

Der finanzielle Schaden liegt zum Glück nur bei 30 Euro. Schwerer wiegt die menschliche Enttäuschung.

Wenn mich ein professioneller Dieb beklaut und dann die Karten benutzt, kann ich das akzeptieren. Sogar respektieren. Dafür hat er jahrelang seine Fingerfertigkeit trainiert, unter Umständen muss er schnell wegrennen und er lebt immer mit dem Risiko, geschnappt zu werden. Da hat er sich die Beute redlich verdient.

Aber ein Finder, der die Karten verwendet? Der bereichert sich, ohne etwas geleistet zu haben. Wo bleibt da die protestantische Arbeitsethik? Das ist einfach schäbig und widerspricht meinem Gerechtigkeitsempfinden zutiefst.

02. April 2026, Berlin

Letzten Monat habe ich im Zuge des „Digital Independence Days“ meinen Spotify-Account gelöscht. Um mich unabhängiger von den großen Tech-Konzernen zu machen. Außerdem ist der Chef von Spotify ein merkwürdiger Typ mit komischen Ansichten und entlohnt obendrein die Künstler*innen schlecht.

Auf Umwegen bin ich dann bei Apple Music gelandet – aufgrund eines unschlagbaren Familien-Pakets das AppleTV einschließt (Stichwort: Ted Lasso, Severence, Shrinking). Somit muss das Ziel der Unabhängigkeit von großen Tech-Konzernen als verfehlt betrachtet werden. (Wenn ich mich von ChatGPT lösen will, lande ich wahrscheinlich bei Grokh.) Aber die Künstler*innen erhalten bei Apple tatsächlich eine bessere Vergütung. Zumindest rede ich mir damit den Wechsel schön.

Mein März-Replay – so heißt der Monatsrückblick bei Apple Music – liefert folgende Ergebnisse:

  • Hördauer: 7.911 Minuten
  • Top-Künstler*innen:
    • Fortuna Ehrenfeld (3.709 Minuten)
    • Komparse (395 Minuten)
    • Fatoni (381 Minuten)
  • Top-Titel:
    • „Astronauten-Tod“ von Fortuna Ehrenfeld (52 Wiedergaben); keine Ahnung, wie das passiert ist, das Lied ist nämlich gar nicht so aktuell
    • „Ray of fuckin‘ Sunshine“ von Fortuna Ehrenfeld (38 Wiedergaben); das ist wiederum ein hervorragender Track des neuen Albums
    • „Mr. Mistofelees“ von Cats (37 Wiedergaben); das Resultat einer aus dem Ruder gelaufenen Dauerschleifen-Session als ich nach einem Musikstück zur Unterlegung eines Hunde-Fotos suchte

03. April 2026, Berlin

Nach dem Frühstück Verdauungsspaziergang zum Volkspark Rehberge. Als wir zurückkommen, hat meine Mutter, die zuhause geblieben war, überraschende Neuigkeiten.

Kurz nachdem wir aufgebrochen waren, klingelte es. Über die Gegensprechanlage bat ein Mann auf Englisch, meine Mutter möge nach unten zur Haustür kommen. Da ihr Risikobewusstsein im beschaulichen Westerwald geschult worden ist, tat sie wie geheißen. Dort stand ein junger Mann mit schwarzem Bart und fragte – immer noch auf Englisch –, ob hier ein Christian Hanne wohne, was meine Mutter bejahte.

Das Ganze war nicht Teil eines Enkeltricks, sondern er überreichte ihr daraufhin meinen Ausweis, meinen Führerschein, meine EC- und Kreditkarte sowie sämtliche Karten, die sich in meinem verlorengegangenen Geldbeutel befunden hatten. (Darunter meine Bio-Company-Karte, die ich das letzte Mal 2019 benutzt hatte.) Das Kartenkompendium hatte der junge Mann am U-Bahnhof Turmstraße gefunden – leider ohne Geldbeutel – und dann die rund 500 Meter zu uns nach Hause auf sich genommen, um sie mir vorbeizubringen.

Vielen Dank, schwarzbärtiger, Englisch sprechender Mann.

04. April 2026, Berlin

Samstags-Laufrunde im Grunewald mit O. Der ist froh über die Abwechslung. Sein mittlerer Sohn, 22, ist katholisch und nimmt seinen Katholizismus sehr ernst. Deswegen schleppt er seinen Vater in sämtliche österliche Gottesdienste. Von denen gibt es einige. Veranstaltungen von mehr als zwei Stunden Länge, mit Abendmahl, rituellen Fußwaschungen und anschließendem Brotbrechen inklusive Weinverkostung.

Seit Gründonnerstag bekommt O. die volle liturgische Osterdröhnung. Heute ist ab 21 Uhr Abendmesse, danach Osterfeuer bis circa 23.30 Uhr. Am Sonntag dann ab 8 Uhr Frühgottesdienst.

Zwischendurch fand der Sohn noch Zeit, sich auf YouTube den Karfreitagsgottesdienst im Kölner Dom anzuschauen. Der begeisterte ihn sehr. Nächstes Jahr will er über Ostern nach Köln fahren. Ich glaube nicht, dass O. ihn begleiten wird.

05. April 2026, Berlin

Wache morgens mit leichtem Halsschmerz auf. Das ist unschön. So prinzipiell und speziell an Ostersonntag. Ein Tag, an dem Essen eine wichtige Rolle spielt. Was mit schmerzendem Hals nur bedingt Freude bereitet. Da rutschen die Ostereier nicht ganz so fluffig durch den Rachen.

Ich habe nicht einmal richtig Lust auf Koffein. Das ist bei mir kein gutes Zeichen. Zwinge mir dennoch einen Kaffee runter, denn ich möchte auf keinen Fall Tee trinken. Das mache ich nur, wenn ich krank bin.

Im Vergleich zur österlichen Leidensgeschichte Jesu – Verhaftung, Dornenkrone, Kreuzigung – ist meine Situation vielleicht nicht ganz so misslich. Andererseits ist das ja kein Wettbewerb. Nur weil Jesus gegeißelt und ans Kreuz genagelt wurde, tun meine Halsschmerzen nicht weniger weh. Um die Menschheit von ihren Sünden zu befreien, reichen sie aber wohl nicht aus.

06. April 2026, Berlin

Ostermontag. Weil wir gestern zum Brunch in der Markthalle waren, bekommen die Kinder erst heute ihre Ostersüßigkeiten. Das erste Mal seit knapp 20 Jahren haben wir diese nicht versteckt.

Im Vorfeld hatte meine Frau die Kinder dazu befragt. Die Tochter hatte erklärt, mit 22 sei sie dafür wohl zu alt. Sollte ihr Bruder aber Ostereier suchen wollen, würde sie sich ihm anschließen. Der zählt mit 19 auch nicht mehr zur Kern-Ostereiersuchen-Zielgruppe und zeigte sich indifferent.

Ich meinte zu meiner Frau, die Kinder hätten das gar nicht zu entscheiden. So lange wir Lust hätten, Eier zu verstecken, müssten sie diese suchen. Egal ob sie sich dazu zu alt fühlen oder nicht.

Dann kam jedoch der gestrige Abend und wir verspürten keine rechte Lust, Ostereier zu verstecken. Dazu hätte man das Bücherregal, die Bilderleisten und den Deckenleuchter abstauben müssen. (Alles bewährte Ostereierverstecke in unserem Wohnzimmer.) Und mit man meine ich wir, was die Motivation zusätzlich schmälerte. Deswegen packten wir die Süßigkeiten schlicht in Tüten.

Aber nächstes Jahr da verstecken wir wieder Eier und Hasen. Vielleicht. Wenn wir Lust haben.

07. April 2026, Berlin

Erster Arbeitstag nach den Feiertagen. Er ist gekennzeichnet durch Faulheit und Antriebslosigkeit. Keine Kundenprojekte sind zu erledigen und zum Schreiben kann ich mich auch nicht aufraffen.

Mittags doch noch ein Produktivitätsschub. Backe Käsekuchen für meine Frau. Die hat morgen die erste Referatsrunde seit ihrem Geburtstag und da ist es gute Sitte, Kuchen mitzubringen. Damit sie nach der Arbeit nicht noch backen muss, übernehme ich das. (Heiratsmaterial.)

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Die Medien berichten abends, Trump drohe damit, Iran dem Erdboden gleichzumachen. „A whole civilization will die tonight, never to be brought back again.”

Ich nehme das mit fast schon befremdlicher Gleichgültigkeit auf. Weil die tollwütige Orange ihre Drohungen ohnehin nie wahr macht. Und falls doch, kann ich auch nichts daran ändern.

Sollte heute Nacht die Welt wider Erwarten untergehen, habe ich den letzten Tag damit verbracht, Käsekuchen zu backen. Das ist nicht das Schlechteste.

08. April 2026, Berlin

Ich möchte nicht prahlen, Aufschneiden oder mich als strebsam darstellen, aber ich habe bereits meine Steuererklärung abgegeben. Schon vor vier Wochen.

Warum ich das erzähle? Heute kam unser Bescheid an. Und nun wird es spektakulär: Wir bekommen genau den Betrag zurückerstattet, den mein Steuer-Programm ausgerechnet hat. Exakt auf den Cent. Eine Weltpremiere. Das gab es noch nie. Kein einziges Mal in 25 Jahren, in denen ich Steuererklärungen abgebe.

Heute ist alles möglich. Ich könnte für Weltfrieden sorgen, die Klimakrise überwinden, Steuern für Milliardäre einführen. Oder kalorienfreien Käsekuchen erfinden.

09. April 2026, Berlin

An der Haustür hängt der Zettel eines Entrümpelung-Service. Er bietet in den nächsten zwei Wochen kostenlose Schrottabholung an. Von Waschmaschinen über Kochtöpfe und Autoteile bis hin zu gut erhaltenen Schuhen und Kinderspielzeug wird alles mitgenommen.

Am Ende des Flyers steht der Satz: „Wir haben für jedes Problem eine Lösung.“ Klingt irgendwie ermutigend und bedrohlich zugleich. Wie eine Mischung aus Kalenderblattweisheit und Drohung eines Mafia-Paten.

10. April 2026, Berlin

Vormittags-Spaziergang. In der Jagowstraße kommt eine Gruppe Kita-Kinder aus einem Haus. Ganz vorne ein kleiner Junge, circa zwei. Er trägt eine hellbraune Jacke aus Teddybärenfell, auf dem Rücken steht „Smile + be kind“. Die Jacke sieht niedlich  und kuschelig aus, obendrein hält sie wertvolle Lebensratschläge bereit. Top!

11. April 2026, Berlin

Osterlauf am Schlachtensee. Eine Woche nach Ostern. Ich möchte nicht zu sehr darüber nachdenken. Mit unserer Grunewald-Laufgruppe haben wir uns zum Halbmarathon angemeldet.

Fahre mit dem Rad zum Schlachtensee. Circa 13,5 Kilometer. Weil ich dachte, dass ich dann aufgewärmt bin, wenn ich ankomme. Spoiler Alert: Bin ich nicht, denn um 8.30 Uhr ist es noch saukalt.

Der Heimweg beträgt ebenfalls 13,5 Kilometer, was meine Fahrrad-An-und-Abreise rückblickend noch idiotischer erscheinen lässt. Fahre im Ortsteil Grunewald durch die Königsallee. Hört sich wie Düsseldorf an und sieht auch so aus. Dicke Autos stehen vor prachtvollen Villen mit weitläufigen Gärten, teilweise mit Seezugang. Wahrscheinlich drücke ich auf meinem klapprigen Fahrrad in den verschwitzten Laufklamotten die Immobilienpreise um zehn Prozent.

Bin froh, später wieder in Moabit zu sein. Dort steht ein Fünfjähriger am Straßenrand und pinkelt an einen Baum. Beziehungsweise direkt daneben. Zuhause ist es doch am schönsten.

12. April 2026, Berlin

Arbeite die Medienschau durch, die meine Eltern mitgebracht hatten und hauptsächlich aus Artikeln aus der Rhein- Zeitung, der Brigitte sowie der Apotheken-Rundschau besteht.

Die Highlights:

  • „Hilfsbedürftige Eltern nicht bevormunden: Sensibilität und Dialog auf Augenhöhe wichtig“
  • „Welche Jogginghosen jetzt angesagt sind: Weite Beine gehören zu den Trends für 2026“
  • „Ich bin dann mal Offline: Dopamin-Fasten heißt der Trend, der uns von der digitalen Reizüberflutung befreien soll“

Ob mir meine Eltern mit dieser Auswahl irgendetwas sagen wollen?


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Ein Kommentar zu “Wochenschau | KW14/15-2026: Wie ich meinen Geldbeutel verlor und warum mir hart arbeitende Diebe sympathischer als unehrliche Finder sind

Erwähnungen

  • Mirko Quaas

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