Weihnachtsmarkt – eine Wort-Bild-Schere, wie sie im Buche steht. Wer glaubt, ein Weihnachtsmarkt ist „weihnachtlich“, denkt auch, er trifft auf einer Flatrate-Party im Artemis die große Liebe. (Falls Sie nicht wissen, was das Artemis ist: Googlen Sie das. Aber besser nicht an ihrem Büro-Rechner.)
Um den Besuch im Lichterketten-Elendsviertel zu einem maximal unerfreulichen Erlebnis zu machen, werden möglichst viele Holzhütten auf möglichst engem Raum aufgestellt. So entsteht ein Gedränge und Geschubse wie im Winterschlussverkauf bei Primark. Auf Hunderte von Besucher*innen kommen fünf Sitzgelegenheiten, bei Regen drei Unterstellmöglichkeiten für maximal zwei Personen – und genau ein Dixi-Klo, das aussieht, als habe es ein Bisonbüffel mit Durchfall heimgesucht.

Das Personal auf Weihnachtsmärkten wird in einem minutiösen, KI-gestützten Auswahlprozess rekrutiert. Dieser stellt sicher, dass ausschließlich Menschen dort arbeiten, die auf Weihnachten weniger Bock als der Grinch haben. Damit kein Zweifel an ihrer Weihnachtsabscheu aufkommt, ist es ihnen verboten zu lächeln. Außerdem müssen sie von Motten zerfressene Nikolausmützen tragen, die aus alten Putzlappen downgecycelt wurden.
Erfunden hat den Weihnachtsmarkt der Deutsche Weinbauernverband. Das Ziel: minderwertigen Rotwein – inzwischen auch Weißwein – in Form von Glühwein zu verwerten, ohne die Verbraucherzentrale zu triggern.
Um vom schlechten Geschmack des Basisprodukts abzulenken, wird eine Tonne Zucker und ein Cocktail aus künstlichen Heidelbeer-, Orangen- und Nelkenaromen zugefügt, bei dem peinlich genau darauf geachtet wird, dass er keinerlei Ähnlichkeit mit echten Früchten oder Gewürzen hat.
Glühwein kennt prinzipiell nur zwei Temperaturzustände:
- Lava – so heiß, dass er dir Verbrennungen dritten Grades an Fingern, Lippen und Gaumen zufügt
- Oder lauwarm – dann schmeckt er wie abgestandenes, mit Sangria versetztes Spülwasser.
An manchen Ständen wird sogenannter Winzer-Glühwein verkauft. Das ist die gleiche Plörre wie der normale Glühwein, aber drei Euro teurer.
Ihnen ist Glühwein nicht süß und hochprozentig genug? Dann greifen Sie zur Feuerzangenbowle, der bösartigen Schwester des Glühweins, die kein Maß kennt und immer über die Stränge schlägt. In die wird noch mehr Zucker geschaufelt und literweise Stroh-Rum geschüttet. Das garantiert epische Kopfschmerzen am nächsten Tag, aber dank eines Filmrisses deluxe weißt du nicht wovon. Mit etwas Glück hast du den ganzen Weihnachtsmarktausflug aus deinem Hirn gespült.
Das kulinarische Angebot in dem Glühwein-Gulag besteht in erster Linie aus Bratwurst – aus irgendeinem Grund ausschließlich in der Länge von einem Meter –, allem, was sich in Fett backen lässt, und etwas Undefinierbarem aus riesigen Pfannen, das sowohl visuell als auch olfaktorisch an Gagh erinnert, eine klingonischen Spezialität, deren Hauptzutat lebende Schlangenwürmer sind.
Beworben werden alle Speisen als „hausgemacht“ und „nach Omas Rezept“. Warum, weiß kein Mensch. Zumindest kenne ich kein Oma-Rezept, bei dem minderwertige Fleischabfälle aus der Pferdemetzgerei in Sägespänen mariniert, in zwei Tonnen Glutamat gewälzt und dann in ranzigem Fett frittiert werden, das schon seit acht Generationen im Einsatz ist.
Aufgrund von kartellrechtswidrigen Preisabsprachen findest du an keiner einzigen Fressbude etwas, das weniger als zehn Euro kostet. Ohnehin herrscht auf dem ganzen Zimt-Ballermann Hyperinflation und für jedwedes Angebot werden absurde Fantasiesummen verlangt. Nicht umsonst heißt es: Der Weg in die Privatinsolvenz ist mit Weihnachtsmarktbesuchen gepflastert.
Nach einer Stunde auf dem Glühweinfest des Grauens mit einer vierköpfigen Familie fragst du dich, ob du tatsächlich gerade innerhalb von 60 Minuten 150 Euro ausgegeben hast. Nein, hast du nicht. Wahrscheinlich waren es 200.
Was auf keinem Weihnachtsmarkt fehlen darf: ein Karussell, das seit 1973 den TÜV nicht mehr gesehen hat. Mit Figuren, die aussehen, als seien sie bei der Geisterbahn aussortiert worden, verströmt es den Flair eines rumänischen Rummels aus den späten 1970ern. Die Fahrt kostet trotzdem sieben Euro.
Bei Kindern besonders beliebt ist das Ponyreiten. Auf altersschwachen Mini-Gäulen, die vom ständigen Im-Kreis-Traben schwer traumatisiert sind und kurz vor der Notschlachtung stehen. Betreiber sind irgendwelche zwielichtigen Gestalten, bei denen du nicht weißt, wen sie weniger mögen: Kinder oder Pferde.
Musikalisch geht es im Horror-Weihnachtswunderland ganz wild zu. Zuerst dudelt eine Panflöten-Version von „Stille Nacht“, dann läuft ein Billig-Cover von „Last Christmas“, das noch schrecklicher als das Original klingt – was einem fast schon Respekt abnötigt –, und plötzlich singt DJ Ötzi „All I want for Christmas“. Da kannst du nur noch hoffen, dass der Crêpe-Stand Feuer fängt, um dich in die Flammen zu stürzen. Wer auch immer für die Weihnachtsmarkt-Beschallung zuständig ist, hasst Menschen. Und Musik.
Obwohl rein gar nichts für den Aufenthalt auf einem Weihnachtsmarkt spricht – und sehr viel dagegen –, ist er ein beliebter Treffpunkt für Betriebsfeiern. Deswegen steht am Glühweinstand garantiert der angedüdelte Chef-Controller eines mittelständischen Schraubenherstellers neben dir und singt den ganzen Abend „Felix Navidad“, worüber außer ihm niemand lacht. Irgendwann verspürst du dann den kaum zu unterdrückenden Impuls, ihm eine XXL-Portion Churros in den Mund zu stopfen, hast aber nicht mehr genügend Geld, um dafür 23 Euro zu zahlen.
Die Vorzüge von Weihnachtsmärkten lassen sich an einer Hand abzählen, selbst wenn du bei einem Sägeunfall vier Finger verloren hast. Immerhin bieten sie ein hervorragendes Sortiment an Weihnachtsgeschenken – für Menschen, die man nicht mag und denen man nicht schon wieder eine Packung Dominosteine schenken möchte.
Stattdessen kannst du Handwerkskunst kaufen, die nach Grundschul-Bastel-AG aussieht, oder gestrickte Socken aus Wolle von Schafen mit Räude. Oder man greift zu Duftkerzen mit so schönen Namen wie „Winterstern“, „Nordische Kiefer“ oder „Lebkuchen-Traum“, die alle riechen, als hätte jemand eine LKW-Ladung Zimt in eine Kläranlage geschüttet.
Verlässt du schließlich das Glühwein-GAU-Gelände – pleite, angeschossen und vollkommen desillusioniert –, setzt im Zuge der Traumabewältigung ein langsam fortschreitender Prozess der dissoziativen Amnesie ein.
Bis du dich zwölf Monate später zu deiner Frau sagen hörst:
„Mensch, lass uns auf den Weihnachtsmarkt gehen. Da trinken wir einen leckeren Glühwein, gönnen uns ’ne kleine Wurst und ich besorge noch ein Weihnachtsgeschenk für Onkel Otto.“
Adventskalender 2025
- Tag 01: Last Christmas
- Tag 02: Plätzchen
- Tag 03: Jesus & Maria & Josef
- Tag 04: Dominostein
- Tag 05: Weihnachtsmarkt
- Tag 06: Nikolaus
- Tag 07: Adventskalender
- Tag 08: Geschenke
- Tag 09: Essen
- Tag 10: Caspar & Melchior & Balthasar
- Tag 11: Weihnachtsfeier
- Tag 12: Zitronat und Orangeat
- Tag 13: Der kleine Trommler
- Tag 14: Elf on the fucking shelf
- Tag 15: Mandarinen und Nüsse
- Tag 16: Hallmark Movies
- Tag 17: Wichteln
- Tag 18: Lichterketten
- Tag 19: Gabriel
- Tag 20: Weihnachtspost
- Tag 21: Krippenspiel
- Tag 22: Weihnachtslieder
- Tag 23: Weihnachtsbaum
Das perfekte Schrottwichtel-Geschenk
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Die Bücher kosten zwischen 10 und 12 Euro (plus Versandkosten). Gerne versehe ich das Buch auch mit einer persönlichen Widmung. (Das verhindert, dass es weiterverschenkt werden kann.)

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch “Wenn ich groß bin, werde ich Gott” ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind “Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter”, “Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit” sowie “Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith”*. (*Affiliate-Links)


😂 ich schmeiß mich wech 😂 genau so isset. So und nicht anders 😂😂😂
Ich werde von meinem Kollegen gerade sehr schräg angeschaut, da ich aufgrund des ganzen unterdrückten Gelächters jetzt hustend und mit Tränen in den Augen im Pausenraum sitze. Ganz großartig!
Das ist immer gut, wenn die Menschen einen merkwürdig finden. Das spart unliebsame Sozialkontakte.