Wichteln – die Escape-Room-Variante des Schenkens. Alle sitzen in einem Raum, keiner weiß, wie er da reingeraten ist, jeder versucht, irgendwie heil wieder rauszukommen – und am Ende schaust du dir dein Geschenk an und fragst dich: „Dafür hat jemand Geld ausgegeben?“
Erfunden wurde das Wichteln von Menschen, die sich gesagt haben: „Geschenke kaufen ist super stressig. Lass uns das Ganze noch komplizierter machen: Mit Regeln, Erwartungsdruck und kollektivem Fremdschämen.“
Inzwischen wird überall gewichtelt: in der Kita, in der Grundschule, im Büro, im Chor, im Sportverein, in WhatsApp-Gruppen mit Leuten, deren Nummer du nicht mal gespeichert hast. Wenn du Pech hast, bist du im Dezember in vier verschiedenen Wichtelkreisen. Du brauchst dann keinen Adventskalender – du brauchst einen Projekt-Geschenke-Manager.

Los geht das Ganze schon im Kindesalter: Kita- oder Grundschul-Wichteln.
Auf dem Zettel der Erzieher*innen steht:
- „Bitte ein kleines Geschenk für 5–7 Euro“
- „Unisex“
- „Für alle geeignet“
Unisex, 5–7 Euro und „für alle“ – da findet man bestimmt etwas, das nicht nach Ramschkiste oder Tedi-Schlussverkauf aussieht.
Was am 15. Dezember im Gruppenraum passiert:
- Ein Kind packt ein Plastik-Rennauto mit Soundeffekt aus und ist im Himmel.
- Das nächste bekommt eine Trillerpfeife – die seine Eltern noch am selben Abend heimlich entsorgen.
- Und irgendeine arme Seele sitzt da mit einer Seifenblasendose – leer.
Büro-Wichteln ist die Königsdisziplin des sozialen Minenfelds. Hier treffen Preislimit, Hierarchie und unausgesprochene Konflikte aufeinander.
Jede Büro-Wichtelrunde beginnt mit einem Satz wie: „Wir machen das dieses Jahr ganz entspannt.“ Jeder weiß: Es wird überhaupt nicht entspannt.
Dann kommt der Regelkatalog:
- Budget: „Maximal 5-10 Euro.“ – genau der Betrag, bei dem du weder was Vernünftiges noch etwas richtig Lustiges bekommst.
- Thema: „Etwas Kleines, Nettes, das man gut gebrauchen kann.“ – das Gegenteil von dem, was 90 Prozent der Leute schenken.
- Kein Alkohol, keine Erotikartikel, nichts Anstößiges. – alles, was Wichteln minimal erträglich machen würde, ist verboten.
Die Regeln sind eigentlich egal, niemand hält sich daran:
- Kollegin A bringt eine handgestrickte Wärmflasche im Fairtrade-Bezug (= 40 Euro Material + 20 Stunden Lebenszeit).
- Kollege B haut eine Flasche Discounter-Glühwein für 2,49 Euro auf den Tisch.
- Kollege C denkt, es wird geschrottwichtelt und verschenkt eine Duftlampe in Delfinform.
Du selbst ziehst aus dem Lostopf den Chef, den Kollegen, den du nicht leiden kannst, oder die Kollegin, bei der du dich seit drei Jahren fragst, was sie eigentlich beruflich macht.
Geschenkeauswahl für den Chef: schwierig. Du willst dich weder anbiedern noch deinen Kündigungswunsch signalisieren. Du musst die Balance finden zwischen:
- zu billig: Werbekuli, den du aus dem Schreibtisch der Team-Assistentin geklaut hast
- zu persönlich: Entspannungsbad „Sexy Relaxi“ mit Kussmund auf dem Etikett
- zu passiv-agressiv: Buch „Führen mit Herz“
Ein extrem unangenehmer Trend ist: personalisiertes Wichteln. Damit es „sinnvoller“ wird. In der Realität wird es nur komplizierter.
Alle müssen ihre „Wünsche“ in eine Liste schreiben oder – noch schlimmer – ein „Wichtelprofil“ anlegen. Da stehen dann Dinge wie:
- mag: Yoga, Gin, Natur
- mag nicht: Duftkerzen, Kitsch
Das Ergebnis: Du fühlst dich verpflichtet, wirklich Mühe reinzustecken. Und du erfährst Dinge über Kolleg*innen, die du nie wissen wolltest. („Mag: Pferdemeditation“) Seitdem kannst du Thomas im Jour fixe nicht mehr in die Augen schauen.
Am Ende schenkst du ein Gin-Tasting-Set, eine Yogamatte aus Salbei oder ein Buch „Waldbaden für Anfänger“.
Die Person bedankt sich höflich – und du weißt: das landet in der Kiste „Schrottwichtel-Geschenke“.
Schrottwichteln ist die Müllverteilungsmaßnahme der Wichtelvarianten. Du verschenkst, was du sowieso loswerden wolltest. (Also 90 % von dem, was bei dir zuhause rumfliegt.) Offiziell heißt es: „Lustige Art, Dinge weiterzugeben, die du nicht mehr brauchst“, inoffiziell ist es „Wir verteilen unseren Hausrat untereinander.“
Aus den Tiefen von Kellern und Abstellkammern tauchen Gegenstände auf, die schon in den 90ern hässlich waren:
- Motivkaffeetasse „Montag könnt ich kotzen“
- Porzellanengel mit gruseligem Blick
- Bodybutter-Set „Zimt-Apfel“ von 2011
- Tantra-Kalender (angeblich unbenutzt, trotzdem mit deutlichen Gebrauchsspuren)
- Keramik-Clown, der in einem Stephen-King-Roman leben sollte
Beim Auspacken tust du so, als fändest du dein Geschenk lustig, daheim wandert es sofort in deine „Schrottwichtel-Geschenke“-Kiste.
Schrottwichteln ist im Prinzip ein Closed-Loop-Müllsystem.
Die schlimmste Form des Wichtelns ist das Gedicht-Wichteln. Das hat sich der Teufel persönlich ausgedacht. Da reicht es nicht, irgendwas für 10 Euro zu kaufen, sondern du musst auch noch ein Gedicht schreiben und bei der Geschenkübergabe vortragen.
Das Problem:
- Die Hälfte der Leute kann nicht dichten.
- Die andere Hälfte denkt, sie kann dichten. Das ist noch schlimmer.
Dann kommen solche Meisterwerke dabei heraus:
„Du trinkst gern Kaffee, das wissen wir hier alle,
nach jeder weit‘ren Tasse, geht es später in die Falle.
Dein Lachen ist laut, dein Schreibtisch ein Graus,
trotzdem bist du die Sonne in unserem Haus.“
Wenn du selbst mit deinem Gedicht dran bist, fällt dir nichts ein und du weißt rein gar nichts über deinen Wichtelpartner. Außer: „Er geht gern kicken.“ Du kommst nur auf einen einzigen Reim, aber den kannst du nicht bringen. Sonst hast du am nächsten Tag einen Termin bei HR.
Trotzdem wichteln wir Jahr für Jahr wieder. Als ungute Tradition, die man macht, ohne sie zu hinterfragen. Wie an Silvester Raketen und Böller an Betrunkene verkaufen.
Außerdem können wir auf keinen Fall aufs Wichteln verzichten: Wie sollst du sonst den Keramik-Clown von Onkel Otto loswerden?
Adventskalender 2025
- Tag 01: Last Christmas
- Tag 02: Plätzchen
- Tag 03: Jesus & Maria & Josef
- Tag 04: Dominostein
- Tag 05: Weihnachtsmarkt
- Tag 06: Nikolaus
- Tag 07: Adventskalender
- Tag 08: Geschenke
- Tag 09: Essen
- Tag 10: Caspar & Melchior & Balthasar
- Tag 11: Weihnachtsfeier
- Tag 12: Zitronat und Orangeat
- Tag 13: Der kleine Trommler
- Tag 14: Elf on the fucking shelf
- Tag 15: Mandarinen und Nüsse
- Tag 16: Hallmark Movies
- Tag 17: Wichteln
- Tag 18: Lichterketten
- Tag 19: Gabriel
- Tag 20: Weihnachtspost
- Tag 21: Krippenspiel
- Tag 22: Weihnachtslieder
- Tag 23: Weihnachtsbaum
Das perfekte Schrottwichtel-Geschenk
Sie sind noch auf der Suche nach einem Geschenk für Weihnachten? Oder fürs Schrottwichteln? Da könnte eines meiner Bücher genau das Richtige sein. Schreiben Sie mir einfach eine Mail.
Die Bücher kosten zwischen 10 und 12 Euro (plus Versandkosten). Gerne versehe ich das Buch auch mit einer persönlichen Widmung. (Das verhindert, dass es weiterverschenkt werden kann.)

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch “Wenn ich groß bin, werde ich Gott” ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind “Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter”, “Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit” sowie “Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith”*. (*Affiliate-Links)

