Der Adventskalender geht auf den Verleger Gerhard Lang zurück, der 1903/1904 die ersten Exemplare drucken ließ. Weil er kurz davor war, sich heißes Kerzenwachs in die Ohren zu träufeln, nachdem sein Kind zum drölfzigsten Mal gefragt hatte, wann der Weihnachtsmann endlich die Geschenke bringt. Am 1. Dezember, um 5.45 Uhr.
Mit seinem Papp-Heilsbringer musste der gute Gerhard nicht mehr brüllen: „DER VERDAMMTE WEIHNACHTSMANN KOMMT, WANN ER KOMMT!“
Stattdessen schrie er: „JEDEN TAG NUR EIN TÜRCHEN!“

Die Lang‘schen Adventskalender waren noch easy. Pappe, 24 Türchen, dahinter: Nichts. Also gut, nicht „Nichts“, aber nur ein Bildchen von einem kleinen Engelschor oder einem Esel mit Heiligenschein. Morgens wurde ein Türchen aufgefriemelt, reingeguckt und gedacht: „Ah. Ein Schaf.“ Drei bis fünf Sekunden Freude und dann war wieder gut.
Dieser Adventskalender-Minimalismus fiel der Schoko-Revolution zum Opfer. Seitdem denken sich Eltern: „Wir gönnen unserem Kind ein bisschen Schoki am Morgen. Nur groß wie ein Daumennagel, schadet ja nicht.“ So lernen Grundschulkinder, dass ein Tag erst gut ist, wenn du direkt nach dem Aufstehen Schokolade futterst, die wie der Boden einer Kakaofabrik schmeckt.
Deine Kinder haben aber nicht nur einen Adventskalender, sondern mindestens ein halbes Dutzend. Einen von den Eltern, einen von Oma, einen von der anderen Oma, einen von der Patentante, einen von Onkel Otto und einen von irgendeiner Versicherung, die hofft, dass das Kind später einen Riester-Vertrag abschließt.
Morgens um 7 machen sie sechs Türchen auf, essen eine halbe Tafel Schokolade und du wunderst dich, warum sie jeden Morgen um 8 Uhr an der Decke laufen.
Mittlerweile werden Adventskalender nicht nur für Kinder, sondern für jede Ziel- und Randgruppe angeboten: Der Gewürz-Adventskalender, der Lego-Adventskalender, der Puzzle-Adventskalender, der Erotik-Adventskalender mit 24 Vibratoren unterschiedlicher Größe, der Craft-Beer-Adventskalender oder der Schrauben-Adventskalender. Außerdem für Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Veganer, Crossfitter, Menschen mit Hausstauballergie und bald auch für Zimmerpflanzen.
Während deine Kinder jeden Morgen minderwertigen Süßkram futtern, kannst du im Dezember jeden Tag Hochprozentiges trinken. Zum Beispiel mit dem Gin-Adventskalender. 24 kleine Fläschchen mit destilliertem Wacholder. Vor dem Frühstück. Damit die Arbeit leichter von der Hand geht. Offizielle Bezeichnung: „Feine Auswahl internationaler Spirituosen.“ In der Realität: „Brennspiritus mit Leberzirrhose-Garantie.“
Ein Meisterwerk des Marketings ist der Beauty-Adventskalender. Auf der Verpackung steht: „Warenwert über 300 Euro – jetzt nur 79,99!“ Innen drin dann: Drei Labellos, zwei Mini-Handcremes, eine Gesichtsmaske, die nach depressiver Gurke riecht, sowie 18 Proben, die du in jeder Parfümerie umsonst bekommst.
Im Tee-Kalender verstecken sich wiederum 24 unterschiedliche Sorten, für die sich unterbezahlte Werbetexter Namen wie „Herzerwärmer“, „Himmelszauber“ oder „Wintermagie“ aus dem Unkreativ-Zentrum ihrer Hirne gezogen haben. Aufgebrüht schmecken sie wahlweise nach nassem Karton, Heu mit Hustenbonbon oder ungewaschenen Socken.
Ein weiteres Highlight sind Paar-Adventskalender. „Für mehr Füreinander im Advent.“ Da stehen so Dinge drin wie: „Schaut gemeinsam den Sonnenuntergang an.“ Im Dezember. In Deutschland. Sonnenuntergang ist um 15:30 Uhr, wenn du im Büro hockst.
Oder: „Schreibt euch gegenseitig einen Liebesbrief.“ Klar, weil du im Dezember sonst nichts zu tun hat.
Die Krönung: „Macht euch einen gemütlichen Abend ohne Handy.“ Damit ihr zu zweit zusammensitzt, euch anguckt und feststellt: Eigentlich haben wir uns seit dem iPhone 7 nichts mehr zu sagen.
Die Steigerung dazu ist der Selbstoptimierungs-Kalender „Jeden Tag ein bisschen besser.“
Tag 1: „Sortiere deine Socken nach Farben.“
Tag 2: „Spüre für 10 Minuten achtsam deine Füße.“
Tag 3: „Verzichte auf Zucker.“
Tag 4: „Vertreibe schlechte Gedanken.“
Sagen wir es so: Wenn dir jemand im Advent sagt, du sollst auf Zucker verzichten, sind „schlechte Gedanken“ dein kleinstes Problem.
Dann hat sich der Teufel noch DIY-Adventskalender ausgedacht. Nicht für Kinder, sondern für Eltern mit abgrundtiefem Selbsthass.
Irgendeine Arschgeige schreibt auf Pinterest: „Selbstgemachte Adventskalender sind viel persönlicher“, und – zack – Ende November findest du dich im Wohnzimmer wieder, wie du 24 Säckchen bastelst. Mit Stoff aus Alpakawolle, den du vollkommen überteuert bei Etsy bestellt hast. Die Beutelchen bindest du an eine Treibholzstange – natürlich Treibholz – und dekorierst alles mit Makramee, Lichterkette, künstlichem Schnee und einer mittelgroßen Sinnkrise.
Schließlich musst du das Ding noch befüllen. Aber auf keinen Fall mit Süßigkeiten. Sonst schauen dich die anderen Eltern an, als würdest du deinem Kind auf dem Spielplatz ein Crack-Pfeifchen reichen.
Stattdessen kaufst du: Radiergummis, Sticker, Mini-Figuren, Flummis, Lego-Teile und Spielzeugautos. Alles von chinesischen Kindern produziert. Kostet trotzdem 250 Euro. An Heiligabend sitzt ihr dann um den geschmückten Ficus Benjamini, weil du keine Kohle für eine Tanne hast. Und zum Abendessen mümmelt ihr Knäckebrot.
Am 25. schwörst du dir, diesen Adventskalender-Terror im nächsten Jahr nicht mehr mitzumachen. Nähert sich allmählich der Dezember, organisierst du doch wieder einen. Damit du nicht brüllen musst: „DER VERDAMMTE WEIHNACHTSMANN KOMMT, WANN ER KOMMT!“, sondern:
„JEDEN TAG NUR EIN TÜRCHEN!“
Adventskalender 2025
- Tag 01: Last Christmas
- Tag 02: Plätzchen
- Tag 03: Jesus & Maria & Josef
- Tag 04: Dominostein
- Tag 05: Weihnachtsmarkt
- Tag 06: Nikolaus
- Tag 07: Adventskalender
- Tag 08: Geschenke
- Tag 09: Essen
- Tag 10: Caspar & Melchior & Balthasar
- Tag 11: Weihnachtsfeier
- Tag 12: Zitronat und Orangeat
- Tag 13: Der kleine Trommler
- Tag 14: Elf on the fucking shelf
- Tag 15: Mandarinen und Nüsse
- Tag 16: Hallmark Movies
- Tag 17: Wichteln
- Tag 18: Lichterketten
- Tag 19: Gabriel
- Tag 20: Weihnachtspost
- Tag 21: Krippenspiel
- Tag 22: Weihnachtslieder
- Tag 23: Weihnachtsbaum
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch “Wenn ich groß bin, werde ich Gott” ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind “Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter”, “Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit” sowie “Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith”*. (*Affiliate-Links)


Weiter so. Jeden Tag was zu lesen. Das ist ja mal was ganz neues. Fröhliche Weihnachten an den Familienbetrieb.
Vielen Dank, lieber Mirko. Dir auch eine schöne Adventszeit.
Es ist einfach so herrlich. die depressive Gurke oder Sonnenuntergang bei Regensburg. egal welche Uhrzeit. immer Nebel. so romantisch.
LG Tanja
In Berlin von Oktober bis Februar immer grau, keine Sonne zu sehen, die untergehen könnte.