Das Krippenspiel – der Eurovision Song Contest am 24. Dezember: mit Kostümen, Drama und der großen Frage: Wer gewinnt das Televoting beziehungsweise bekommt den längsten Applaus?

Los geht alles mit dem Aushang im Gemeindehaus: „Kinder für das Krippenspiel gesucht! Alle sind willkommen!“
Hört sich nach „offen, inklusiv, pädagogisch wertvoll“ an. In der Praxis: Hunger Games in der Sakristei.
Wie die Rollenverteilung läuft:
- Maria: geht an das Mädchen, dessen Mutter im Kirchenchor singt, im Elternrat sitzt und den Pfarrer beim Vornamen nennt.
- Josef: bekommt der Junge, der alt genug ist, um eine Holzlatte zu halten und vernünftig genug, sie niemandem auf den Kopf zu hauen.
- Engel: alle, die blond sind, weiße Strumpfhose besitzen oder deren Oma nähen kann.
- Hirten: Jungs, die zu laut sind für Engel und zu unzuverlässig für Könige.
- Könige: drei Kinder, deren Eltern Zeit haben, die schönsten Kostüme zu basteln.
- Ochs & Esel: die beiden, die bei der Rollenvergabe zu spät kamen.
- Sprecherrolle: geht an das Grundschulkind mit der besten Lesekompetenz und dem höchsten Nervenzusammenbruchpotenzial.
Dein Kind kommt nach Hause und sagt entweder: „Ich bin Maria!!!“ – Du: „Okay, wir brauchen Lockenwickler und ein weißes Kleid“, oder: „Ich bin dritter Hirte links.“ – Du: „Okay, wir brauchen einen Kartoffelsack.“
Nach wochenlangen Proben – in denen die Diakonin dreimal kurz davor war, zu kündigen – steht der große Auftritt an: Heiligabend, 16 Uhr, Familiengottesdienst.
Die Kirche ist voller als bei einem Taylor-Swift-Konzert. Nur der Altersdurchschnitt ist höher. Die Luft besteht zu 80 Prozent aus nassen Winterjacken, zu 10 Prozent aus Kerzenwachs und zu 10 Prozent aus Nervosität.
In der ersten Reihe sitzen perfekt gestylte Eltern mit Handy im Anschlag und tun so, als würden sie beten, dabei checken sie nur den Akkustand. Dahinter Großeltern mit gezückten Taschentüchern und ganz hinten Leute ohne Kinder, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen.
Vorne am Altar: ein Stall aus Sperrholz, Strohballen aus dem Baumarkt und eine Plastikpalme, die irgendjemand aus der Kita-Deko recycelt hat. Dazu eine Krippe mit Baby-Puppe, die aussieht, als wäre sie aus einem 80er-Jahre-Kaufhaus übriggeblieben.
Hinter dem Vorhang: Nervenzusammenbrüche in Miniaturausgabe. Ein Engel weint, weil ihm der Heiligenschein schief sitzt, ein Hirte hat keine Lust mehr und will lieber Herodes sein, Josef muss aufs Klo und Maria ist beleidigt, weil sie „nur sitzen darf und nix sagen“.
Der Pfarrer murmelt innerlich das Vaterunser und fragt sich, warum er die Weihnachtsgeschichte nicht einfach lesen kann wie früher.
Dann geht das Licht aus, die Orgel setzt „Ihr Kinderlein kommet“ an, und du denkst: „Let’s go.“
Der Erzähler liest: „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus…“ und stolpert nur dreimal über „gesamten Erdkreis“. Das ist Rekord.
Die Highlights eines durchschnittlichen Krippenspiels:
Die Wanderung nach Bethlehem:
Maria und Josef laufen den Mittelgang entlang. Maria hält ihren Bauch, als wäre sie im neunten Monat mit Drillingen, Josef stolpert über seinen Stock.
Kein Platz in der Herberge:
Der Herbergsvater hat genau einen Satz: „Leider alles voll.“ Er ist nervös und sagt: „Leider alle voll.“
Die Geburtsszene:
Hinter einem Vorhang versucht Maria, die Puppe unfallfrei in die Futterkrippe zu legen, Josef steht hilflos daneben wie ein Praktikant im Kreißsaal.
Die Engel auf dem Feld:
Die Bühne platzt aus allen Nähten. 18 Engel stapeln sich auf drei Quadratmetern. Sie tragen Flügel aus Drahtkleiderbügeln, ein Engel sticht dem anderen damit fast das Auge aus. Einer guckt so panisch ins Publikum, dass man ihm „Fürchte dich nicht“ zurufen möchte.
Die Hirten laufen los:
Die Hirten tragen karierte Tischdecken und laufen kreuz und quer über die Bühne. Zwei vergessen ihren Einsatz und bleiben sitzen, ein anderer rennt zu früh los, dreht wieder um, fällt fast über das Kabel der Anlage.
Die Weisen aus dem Morgenland:
Drei Kinder im Überwurf aus Samtimitat kommen von hinten in Zeitlupe nach vorne, jeder mit einem Geschenk:
– Gold (Schuhkarton in Goldpapier),
– Weihrauch (Tupperdose mit Räucherstäbchen),
– Myrrhe (Basilikum-Pflanze, weil niemand wusste, was Myrrhe ist).
Während vorne das Heilsgeschehen nachgestellt wird, herrscht im Kirchenschiff Handy-Apokalypse: Mindestens 30 Menschen filmen im Hochformat – alles für die Insta-Follower –, alle versuchen „unauffällig“ zu fotografieren und stehen dabei mitten im Weg und irgendein Handy macht „Pling“ – WhatsApp-Nachricht.
Der Engelchor singt zum Schluss „Gloria in excelsis Deo“ – in vier Tonarten gleichzeitig. Die Hälfte schaut zur Mama, die andere Hälfte zur Kirchturmuhr. Zwei Engel haben ihren Heiligenschein verloren, einer weint, weil sein Flügel abgefallen ist.
Du sitzt in der Bank, lauschst den schiefen Tönen und denkst: „Das ist sehr süß – zumindest so lange deine Kinder mitspielen. Wenn nicht, ist es Folter.“
Lied und Krippenspiel sind zu Ende und es gibt Applaus wie im Fußballstadion. Der Pfarrer nickt gnädig – Gott sicherlich auch – und die Familien loben ihre Kinder überschwänglich („Du warst das beste Schaf aller Zeiten!“) und belohnen sie mit Schokolade.
Krippenspiele sind chaotisch, schief gesungen, schlecht ausgeleuchtet und textlich wackelig. Aber irgendwo zwischen Plastikbaby, Polyesterflügeln und stockendem „Fürchtet euch nicht“ passiert tatsächlich etwas Rührendes: Kinder spielen eine jahrtausendealte Geschichte, Erwachsene sitzen mit Gänsehaut in überheizten Kirchen, und für einen Moment ist der ganze Geschenkestress, Weihnachtswahnsinn und Familientrubel ausgeblendet.
Und die Botschaft kommt trotzdem an. Spätestens wenn zum Schluss ein fünfjähriger Hirte „Frohe Weihnachten“ ins Mikro brüllt.
Adventskalender 2025
- Tag 01: Last Christmas
- Tag 02: Plätzchen
- Tag 03: Jesus & Maria & Josef
- Tag 04: Dominostein
- Tag 05: Weihnachtsmarkt
- Tag 06: Nikolaus
- Tag 07: Adventskalender
- Tag 08: Geschenke
- Tag 09: Essen
- Tag 10: Caspar & Melchior & Balthasar
- Tag 11: Weihnachtsfeier
- Tag 12: Zitronat und Orangeat
- Tag 13: Der kleine Trommler
- Tag 14: Elf on the fucking shelf
- Tag 15: Mandarinen und Nüsse
- Tag 16: Hallmark Movies
- Tag 17: Wichteln
- Tag 18: Lichterketten
- Tag 19: Gabriel
- Tag 20: Weihnachtspost
- Tag 21: Krippenspiel
- Tag 22: Weihnachtslieder
- Tag 23: Weihnachtsbaum
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
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