05:15 Uhr
„Wann ist Bescherung?“ Die Kinder stehen neben deinem Bett und schauen dich erwartungsvoll an.
Du murmelst: „Heute Abend… wenn’s dunkel ist…“ und hoffst, die Kinder ziehen ab und das Thema ist erledigt.
Spoiler: Ist es nicht.
05:19 Uhr
„Wann ist es dunkel?“ Die Kinder sind zurück.
„Später. Schlaft weiter.“
Niemand schläft weiter.
05:45 Uhr
Alle sind offiziell wach. Du stehst in der Küche, kochst Kaffee und diskutierst mit Kind 1, ob man heute ausnahmsweise Dominosteine zum Frühstück essen darf. Kind 2 isst schon welche.

06:15 Uhr
Erster Blick auf die To-do-Liste:
- Beilagen vorbereiten
- Geschenke einpacken
- Wohnzimmer in etwas verwandeln, das nach „magisch“ und nicht nach „Mittwoch“ aussieht
07:12 Uhr
„Wann ist Bescherung?“ Die Mini-Inquisitoren lassen nicht locker.
Pädagogisch unwertvoll liegt dir auf der Zunge: „Wenn ihr noch einmal fragt, nie.“ Stattdessen antwortest du: „Nach der Kirche.“
08:05 Uhr
Der Baum wird kritisch inspiziert. Leicht schief, Lichterkette etwas chaotisch, unten schon die ersten Nadeln.
Du holst den Staubsauger.
09:30 Uhr
Dir fällt auf, dass du für Schwiegermutter kein Geschenk hast. (Ups.) Geschenkpapier ist auch keins mehr da. Tesafilm ebenfalls nicht.
Jemand ruft: „Wir haben keinen Vanillezucker.“ – obwohl niemand etwas mit Vanillezucker backen will.
10:05 Uhr
Im Supermarkt. Du und ganz Deutschland. Endzeitstimmung mit einer Brise „The Purge“.
Die Schlange vor der Kasse zieht sich dreimal durch den Laden, überall verkeilte Einkaufswägen, ein Regal ist umgestürzt. Das Personal hat sich im Getränkelager verschanzt.
Am Tiefkühlregal streiten zwei Menschen um die letzte Packung Knödel, eine Frau hat fünfzehn Liter H-Milch in ihrem Wagen gestapelt, ein Mann kauft einen Raclette-Grill und fünf Flaschen Wein. (Du spürst seelische Verbundenheit.)
Du ergatterst Geschenkpapier mit hässlichen Sternen (das letzte), Tesafilm (das schlechte), Vanillezucker (warum?), irgendeine Spezialität „für Frauen“ im Präsentkorb-Format („schon fertig eingepackt“) und eine Notfall-Flasche Wein.
11:20 Uhr
Zurück zuhause. Die Kinder empfangen dich an der Tür mit der einzig relevanten Frage des Tages:
„Wann ist Bescherung?“
Du gehst ohne Antwort in die Küche und isst zur Beruhigung drei Plätzchen.
12:00 Uhr
Der Baum wird nochmal korrigiert. Eine Kugel hängt „nicht richtig“, die Lichterkette „könnte oben heller sein“.
Du fasst den Baum an – Nadelregen.
Die Kinder prügeln sich im Hintergrund darum, wer später zuerst ein Geschenk auspacken darf.
12:47 Uhr
Du diskutierst mit K1, ob man heute ausnahmsweise Zimsterne zum Mittagessen essen darf. Kind 2 isst schon welche.
13:07 Uhr
Du sitzt auf dem Klo, die Kinder stehen vor der geschlossenen Tür. „Wann ist Bescherung?“
Du: „Wenn es dunkel ist.“
Die Kinder schlagen vor, die Rollläden runterzumachen.
13:45 Uhr
„Wir machen einen kleinen Weihnachts-Spaziergang, frische Luft tut gut.“
Alle ziehen sich an. Dauer: 25 Minuten.
Draußen: 3 Grad, Nieselregen, Wind. Es sieht weniger nach „Weihnachten“ aus, eher nach „November-Depression“.
Nach 16 Minuten seid ihr wieder da, offiziell „durchgelüftet“.
14:07 Uhr
Die Frage des Tages, Folge 27: „Wann ist Bescherung?“
Du machst wortlos den Fernseher an. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, „Der kleine Lord“ oder irgendwas mit animierten Rentieren.
14:30 Uhr
Du schließt dich im Schlafzimmer ein, bewaffnet mit Geschenkpapier, Tesafilm und stumpfer Schere.
Nach einer dreiviertel Stunde sehen die Geschenke aus, als hätte ein Waschbär auf Meth sie verpackt.
15:05 Uhr
„Ordentliche Sachen“ anziehen für den Gottesdienst.
Die Kinder schimpfen über ihre kratzenden Pullover, du hoffst, dass die Klamotten, die seit letztem Weihnachten im Schrank hängen, noch zugehen.
15:45 Uhr
Familiengottesdienst. Volles Haus, wenig Sauerstoff, viel „ihr Kinderlein kommet“.
Die Konfirmanden gestalten das Krippenspiel. Josef und Maria tragen Gucci, die Hirten breakdancen, der Pfarrer rappt die Predigt.
Du fragst dich derweil leicht panisch, ob du den Herd wirklich ausgemacht hast.
17:00 Uhr
Wieder zuhause. Die Kinder reißen sich Mantel und Schuhe vom Leib und schreien: „JETZT ist aber Bescherung!!“
Du: „Erst noch kurz…“
Alle: „NEIN.“
17:03 Uhr
Kinder werden ins Kinderzimmer gesperrt, du machst in 90 Sekunden den Baum an, drapierst Geschenke und klingelst mit dem Glöckchen.
Die Kinder stürmen ins Wohnzimmer und stürzen sich auf die Geschenke. Der Baum wackelt bedrohlich.
17:03–18:00 Uhr
Bescherungschaos. Überall Papier, Plastikschnipsel, Kartons.
Sätze in Dauerschleife:
- „Oh, das wäre doch nicht nötig gewesen.“ (Wirklich nicht.)
- „Wie bist du denn DARAUF gekommen?“ (Code für: „Warum?“)
- „Das wollte ich mir schon lange mal kaufen.“ (Auf gar keinen Fall.)
Die Kinder bekommen Spielzeuge, die alle Geräusche aus der Hölle machen, Oma schenkt „etwas zum Anziehen“ – passt weder von der Größe noch vom Geschmack – und Onkel Otto überreicht seinen Wurst- und Fleischpräsentkorb von der örtlichen Metzgerei, die vor acht Jahren zugemacht hat.
18:30 Uhr
Abendessen. Niemand hat Hunger, weil alle seit 14 Uhr Spekulatius, Plätzchen und Mandarinen (haha, als ob) gefuttert haben. Trotzdem werden Gans, Knödel, Rotkohl und drei Desserts aufgefahren, als gäbe es ab morgen keine Lebensmittel mehr.
Die Kinder essen Lebkuchen.
Du jonglierst mit Tellern, Soßenschüsseln, Gläsern und denkst: „Stulle und Netflix wären jetzt auch ganz schön.“
20:15 Uhr
Die Kinder sind offiziell „total müde“, rennen aber noch im Vollgas durchs Wohnzimmer. Zuckerspiegel 300.
21:00 Uhr
Kinder sind im Bett. In der Theorie. In der Praxis: Noch zwei Runden neues Spielzeug ausprobieren, drei Runden „Guck mal, was ich kann“, dazu Pipi, Hunger, Durst und „Ich hab noch ein Geschenk, das wir gar nicht angeguckt haben.“
21:45 Uhr
Der Baum leuchtet, überall schmutziges Geschirr und Geschenkpapierlawine. Du räumst das Gröbste weg und schiebst Reste in den Kühlschrank, die Spülmaschine arbeitet non-stop und ist kurz davor in die Gewerkschaft einzutreten.
22:30 Uhr
Alle anderen schlafen, du sitzt allein auf dem Sofa.
Vor dir: der Baum, nicht mehr ganz frisch, aber noch hübsch.
In dir: müde Zufriedenheit mit leichtem Advents-Burnout.
Du isst ein letztes Plätzchen und denkst: „Das war alles viel zu viel. Wie jedes Jahr. Und irgendwie auch genau richtig.“
Im Hintergrund singt George Michael: „Last Christmas“.
Herzlichen Dank allen Leser*innen, die den Adventskalender verfolgt, kommentiert und geteilt haben. Ich hoffe, er hat Ihnen beim Lesen genauso viel Spaß gemacht wie mir beim Schreiben.
Ich wünsche allen – die es feiern – ein fröhliches Weihnachtsfest ohne Stress und anstrengende Verwandte, entspannte Feiertage und einen guten Start in ein – hoffentlich – famoses 2026.
Adventskalender 2025
- Tag 01: Last Christmas
- Tag 02: Plätzchen
- Tag 03: Jesus & Maria & Josef
- Tag 04: Dominostein
- Tag 05: Weihnachtsmarkt
- Tag 06: Nikolaus
- Tag 07: Adventskalender
- Tag 08: Geschenke
- Tag 09: Essen
- Tag 10: Caspar & Melchior & Balthasar
- Tag 11: Weihnachtsfeier
- Tag 12: Zitronat und Orangeat
- Tag 13: Der kleine Trommler
- Tag 14: Elf on the fucking shelf
- Tag 15: Mandarinen und Nüsse
- Tag 16: Hallmark Movies
- Tag 17: Wichteln
- Tag 18: Lichterketten
- Tag 19: Gabriel
- Tag 20: Weihnachtspost
- Tag 21: Krippenspiel
- Tag 22: Weihnachtslieder
- Tag 23: Weihnachtsbaum
Das perfekte Schrottwichtel-Geschenk
Sie sind noch auf der Suche nach einem Geschenk für Weihnachten? Oder fürs Schrottwichteln? Da könnte eines meiner Bücher genau das Richtige sein. Schreiben Sie mir einfach eine Mail.
Die Bücher kosten zwischen 10 und 12 Euro (plus Versandkosten). Gerne versehe ich das Buch auch mit einer persönlichen Widmung. (Das verhindert, dass es weiterverschenkt werden kann.)

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel “Nackte Kanone” geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch “Wenn ich groß bin, werde ich Gott” ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind “Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter”, “Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit” sowie “Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith”*. (*Affiliate-Links)


Dieser Adventskalender fehlt mir ab morgen am meisten. Vielen Dank! Er hat mir täglich Freude bereitet!
Schöne Weihnachten!
Das freut mich sehr.
Ich wünsche ebenfalls frohe Weihnachten.
Lieber Christian,
das hier war jeden Morgen mein Highlight. So genial auf den Punkt! Mein Favorit ist die 12, der Glibber aus der Hölle…spricht mir aus der Seele;-)
Danke dir sehr für diese tolle Unterhaltung!
Herzliche Grüße aus Mittelhessen und dur und deinen Liebsten wunderbare Weihnachten! Marina
Sehr gerne. Dir auch ein fröhliches Weihnachtsfest.
Der beste Adventskalender ever. Hat mich fast jeden Morgen zum Lachen gebracht. Vielen Dank dafür!!
In diesem Sinn ….. Frohe Weihnachten!!!!
Sehr gerne. Dir auch schöne Weihnachten.
So gut und so wahr! Vielen, vielen Dank, du hast den wahren Kern von Weihnachten perfekt auf den Punkt gebracht!
Darauf einen großen Schluck Feuerzangenbowle zum Frühstück und rein ins Vergnügen…
Prost.
Das war der beste Adventskalender seid meiner Kindheit! Man hat sich jeden Morgen gefreut ihn zu öffnen.Ich freue mich schon auf nächstes Jahr.
Vielen Dank.
Vielen Dank für diesen wunderbaren Kalender- auch ich habe mich jeden Tag darauf gefreut. Es wird mir direkt fehlen!
Sehr gerne.
Vielen Dank für die tägliche Prise Humor. So auf den Punkt gebracht
Gern geschehen. Vielen Dank für das fleißige liken.
Lieber Christian,
herzlichen Dank für diesen wunderbaren Adventskalender, der mich mehrfach lachen ließ. Fast ist es schade, dass Weihnachten nun erstmal wieder überstanden ist.
Schöne Weihnachten
Carsten
Herzlichen Dank. Dir auch frohe Weihnachten.
Einfach nur Danke für jeden herzlichen Lacher, der jeden Tag ein klein wenig den Weihnachtswahnsinn mit Glitzer überdeckte ✨
Einfach nur DANKE!
Schade, dass die Adventskalender-Beiträge schon wieder vorbei sind! Die haben mir die Weihnachtszeit wirklich versüßt. Auf der anderen Seite bin ich auch froh, dass die Feiertage wieder vorbei sind. Das ist auch immer ein bisschen stressig, haha. Danke für deine tollen Beiträge!