Bretagne 2014 – 5. Tag: Männergespräche

Habe einen wunderbaren Traum, in dem ich auf dem Rad geschmeidig und wie eine Gazelle die bretonischen Berge hinauffahre. Ein leichter Schweißfilm hat sich auf meiner bronzenen gebräunten Haut gebildet, der in der Morgensonne glitzert und mir majestätische Eleganz verleiht. Die stimmungsvolle Hintergrundmusik rundet das Gesamtbild von Ästhetik und Dynamik angenehm ab.

Allerdings wird der Traum zunehmend wirklichkeitsgetreuer. Realisiere plötzlich, dass ich mich tatsächlich im Anstieg nach Audierne befinde. Allerdings sind meine Bewegungen eher schwerfällig und unrund. Außerdem rinnt mir der Schweiß in Bächen den Rücken hinunter. Verströme einen wenig angenehmen Geruch und die Schmeißfliegen halten respektvoll Abstand. Die akustische Untermalung besteht lediglich in meinem rachitischen Keuchen, mit dem ich gute Chancen hätte, bei Dampflok-Imitationswettbewerben vordere Plätze zu belegen.

Die Leserinnen und Leser fragen sich sicherlich gerade, warum ich trotz der Tortur beim letzten Mal erneut mit dem Rad zum Bäcker fahre und wie flach eigentlich die Lernkurve bei einem körperlich und geistig einigermaßen gesunden Mann sein kann. Ich frage mich das auch. Bei mir handelt es sich anscheinend eher um eine Lerngerade. Leicht abschüssig und sich langsam aber stetig der Nullgeraden annähernd.

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Erreiche schließlich in einem erbarmungswürdigen Zustand die Bäckerei. Versuche, wieder zu Atem zu kommen und mich an alle notwendigen französischen Zahlen für die Bestellung zu erinnern. Nachdem ich wieder bei Kräften bin, sehe ich mich in der Lage, mich der heutigen ‚French Challenge‘ zu stellen.

Bäckerladen. Mein Nemesis.

Bäckerladen. Mein Nemesis.

Betrete den Laden, wo mich die Verkäuferin wieder mit ihrer überbordenden Fröhlichkeit überschwänglich begrüßt. Als sie mich wiedererkennt, vermeine ich allerdings ein leicht nervöses Zucken um ihre Augen zu entdecken. Begrüße sie mit einem Gelassenheit vortäuschenden „Bon jour, madame!“ und in einem Anflug von geistiger Umnachtung – wahrscheinlich der Sauerstoffmangel bei den Anstiegen auf dem Rad – füge ich noch ein kühnes „Ça va?“ hinzu.

Die Verkäuferin fragt sich sicherlich gerade, ob der verrückte radebrechende Deutsche tatsächlich einen Small Talk in einer ihm vollkommen fremden Sprache führen möchte. Ihr nervöses Augenzucken nimmt zu. Gebe dann aber halbwegs unfallfrei die Bestellung auf. Bezahle meine Baguettes, Croissants und Brioches und mühe mich damit ab, sie in meinem Rucksack zu verstauen.

Die Bäckersfrau schaut mir mitleidig zu und richtet einen Satz an mich, von dem ich kein einziges Wort verstehe. Schlussfolgere situationsbedingt, dass sie mir eine Tüte anbietet (Alternativ könnte sie auch gesagt haben, ich solle mich gefälligst beeilen, da ich den gesamten Betrieb aufhalte.).

Antworte reflexhaft: „Pas de problème, madame.“ Ein Satz, den ich mir aus einer alten Visa-Card-Werbung behalten habe, und somit ein Beleg für die erfolgreiche Erfüllung des Bildungsauftrags des deutschen Fernsehens. Die Bäckerin hebt anerkennend die Augenbraue ob meiner nicht für möglich gehaltenen Eloquenz.

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Mache mich mit den erworbenen Backwaren auf den Heimweg und fahre im Schneckentempo die Hügel Richtung Esquibien hoch.

 

Da kommt es urplötzlich zu einem geradezu sensationellen Ereignis: Schaffe es erstmals, an der richtigen Stelle in die Straße, die zu unserem Ferienhaus führt, einzubiegen. Reiße die Arme zur Siegerpose in die Höhe und winke den jubelnden Menschen zu. Störe mich nicht weiter daran, dass mich eigentlich niemand beklatscht und ignoriere die ängstlichen Blicke der Dorfbewohner, die sich ein wenig vor dem Rad fahrenden Zausel fürchten.

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Nach dem Frühstück bereiten wir uns auf den Strandbesuch vor. Beim Eincremen mit Sonnenlotion fragt die Freundin kritisch, ob ich bisher meine Geheimratsecken nicht richtig eingeschmiert hätte, sie seien schon leicht gerötet. Ich verstehe ihre Frage nicht. Begutachte im Spiegel meinen Haaransatz, den ich als durchschnittlich hoch bezeichnen würde.

Stelle lediglich fest, dass an der Stelle, wo ich den Seitenscheitel ziehe, die Haut eine Nuance röter als der Rest des Gesichts ist. Da die Freundin offenkundig nicht wusste, wie der Haarscheitelpunkt korrekt zu bezeichnen ist, hat sie den etwas unglücklichen und vor allem irreführenden Ausdruck ‚Geheimratsecke‘ gewählt. Creme die Stelle dennoch vorsorglich ein.

Meer. Idyllisch.

Meer. Idyllisch.

Auf dem Weg zum Strand fällt mir auf, dass meine Hose mehr Flecken aufweist als die des Sohnes (Kaffee, Nutella und etwas Undefinierbares). Egal. Denke mir, dass man sich im Urlaub ja wohl ein wenig gehen lassen kann. Die Freundin runzelt die Stirn. Offenbar habe ich diesen Gedanken laut geäußert. Und sie ist anscheinend gänzlich anderer Meinung, was den Grad der akzeptablen Urlaubsverlotterung angeht.

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Nachdem mir der Sohn am Strand fünf Minuten Faulenzen gestattet hat, will er mit mir in den Felsen klettern. Also ziehen wir los und kraxeln die Strandfelsen hoch. Der Sohn findet, für meine Größe würde ich mich nicht besonders geschickt dabei anstellen.

Felsen. Zum Klettern.

Felsen. Zum Klettern.

Eine äußerst scharfsinnige und korrekte Beobachtung. Obwohl ich generell Ehrlichkeit und Offenheit für wichtige Tugenden halte, hätte ich es ihm in diesem Fall nicht übel genommen, wenn er seine Ansicht über meine Kletterkünste für sich behalten und den Deckmantel des diplomatischen Schweigens darüber gelegt hätte.

Erschöpft von der Kletterei ruhen wir uns auf einem Stein aus und besprechen wichtige Themen. Zum Beispiel, dass es gut ist, dass nächstes Jahr die Frauen Fußball-WM spielen. So haben wir laut dem Sohn etwas, worauf wir uns freuen können.

Als nächstes diskutieren wir, ob man beim Laufen besser Zitronentee oder alkoholfreies Bier trinken solle. Der Sohn ist für letzteres. Es klebe nicht so und schmecke auch besser. Verzichte darauf, in Erfahrung zu bringen, woher er das weiß. Man muss als Eltern nicht alles wissen.

Danach erörtern wir, ob es besser ist, Erwachsener oder Kind zu sein. Der Sohn findet, beides habe seine Vorteile. Als Erwachsener könne man abends fernsehen und dabei Süßigkeiten essen, als Kind habe man aber die besseren Knochen. Denke an meine Fahrradtour heute Morgen und stimme ihm uneingeschränkt zu.

Nun will der Sohn wissen, warum Steine so groß sind und ob sie wachsen können. Jetzt wäre es von Vorteil, wenn Peter Lustig Teil unserer Urlaubsgesellschaft wäre und mit ein paar kindergerechten Erklärungen aufwartete. Ist er aber nicht.

Fasele daher selbst etwas von Kontinentalplatten, die sich verschieben, und vom Wasser, das die Steine schleift. Der Sohn schaut mich an, als hätte ich ihm gerade die Heisenbergsche Unschärferelation erklärt. Ein Themengebiet, in dem meine inhaltliche Kompetenz ungefähr genauso wenig ausgeprägt ist wie bezüglich geologischer Fachdiskurse über die Entstehung von Gesteinslandschaften.

Da ihn meine unbeholfenen Erklärungsversuche nicht befriedigen, will der Sohn jetzt lieber ‚Herr der Ringe‘ spielen. Er ist Aragorn, weil der der Bestimmer ist. Ich fühle mich geschmeichelt, da ich der feingliedrige und athletische Elbe Legolas sein darf. Die Freundin, die inzwischen zu uns gestoßen ist, soll einen Ork spielen, nach einer kurzen Diskussion ist der Sohn einverstanden, dass sie stattdessen die Rolle einer Elbenprinzessin übernimmt.

Ich dagegen disqualifiziere mich schon nach kurzer Zeit durch meine Unkenntnis der Charaktere („Ach, Saruman und Sauron sind gar nicht die gleiche Person?“) und der von ihnen mitgeführten Waffen („Und Legolas hat Pfeil und Bogen? Wie ein Indianer?“).

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Die Tochter hat während unserer Klettertour die Zeit produktiv genutzt und eine Sandbäckerei mit Brot, Kuchen und verschiedenen Teilchen eröffnet.

Kuchensortiment. Sandig.

Kuchensortiment. Sandig.

Bekommen alle Hunger und beschließen, die Besorgungen für das abendliche Grillen zu erledigen und dann nach Hause zu fahren. Biete mich freiwillig an, zum örtlichen Metzger zu gehen und im Rahmen einer weiteren ‚French Challenge‘ das Grillgut zu organisieren.

Die anderen lehnen aber dankend ab und sagen, ich hätte doch schon das Brot für das Frühstück besorgt und das reiche doch vollkommen. Wahrscheinlich befürchten sie, dass ich mit Innereien, Schweinsfüßen und Rinderschwänzen zurückkommen könnte. Ich auch.

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Eröffne nach dem Grillen die abendliche Kniffelrunde mit der Frage, ob sich die anderen über ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Christian hat gekniffelt und ich war dabei. Bretagne 2014.“ freuen würden. Anscheinend nicht, denn ich bekomme keine Antwort.

Das Spiel selbst verläuft heute Abend eher mäßig und passt nicht ganz zu meinem vorherigen Trash-Talk. Nun gut, dann vergeht den anderen wenigstens nicht die Lust aufs Kniffeln und ich kann in den nächsten Tagen noch ein wenig meine Künste unter Beweis stellen.

Gute Nacht!

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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