Eine kleine Marathonschau | KW16-2023 (Teil 3)

Teil 1, Teil 2


Die Hälfte ist geschafft. An der Ecke Marie-Luisen-Straße wartet meine Frau mit der nächsten Flasche und zwei Energie-Gels. Die Übergabe funktioniert wieder reibungslos. Außer dass ich sie fast nicht gesehen hätte, weil der Treffpunkt nach meinem Zeit- und Entfernungsgefühl erst später kommen sollte. Geisteswissenschaftler eben.

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Meine Blase fragt an, wie es denn nun mit der Entleerung sei. Wir hätten jetzt doch die Hälfte hinter uns gebracht. Ignoriere sie. Hier gibt es ohnehin gerade kein Toilettenhäuschen und wir laufen durch ein feines Villenviertel. Da kannst du nicht einfach gegen den nächstbesten Baum pinkeln. Wir sind schließlich nicht in Berlin.

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Fortuna Ehrenfeld besingen die „Rückkehr zur Normalität“. Keine Ahnung, was mir das sagen soll. Was ist schon normal?

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Kilometer 24. Nächste Gel-Einnahme. Reiße den Beutel schlecht auf und spritze den ersten Schluck auf mein Shirt. Der Rest landet aber größtenteils in meinem Mund. Und auf meinen Händen. Zeit, wieder mit ein paar Kindern abzuklatschen.

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Meine Blase meldet sich erneut. Langsam nervt sie. Tue so, als höre ich sie nicht. Überlege aber kurz, ob es auffallen würde, wenn ich mir beim Laufen in die Hose pinkle. Worüber du halt so nachdenkst, während du Marathon läufst.

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In Alsterdorf liegt eine der Wechselzonen für die Marathonstaffeln. Das heißt, gleich drängeln sich wieder übermotivierte Staffelläufer an einem vorbei und du läufst Gefahr, einen Ellenbogen ins Gesicht zu bekommen. Gleichzeitig musst du aufpassen, nicht in etwas langsamere Teilnehmer*innen zu crashen, die nicht ganz so trainiert sind und wahrscheinlich von ihren Kolleg*innen überredet wurden, bei der Staffel mitzumachen.

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Die Playlist spielt „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“. (Grenzwertiges Lied, aber gut für den Laufrhythmus.) Marius singt: „Pipi ist kein Name und auch kein Getränk, mancher muss schon rennen, wenn er nur an Pipi denkt.“ Arschloch.

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Kilometer 28. Das Aufreißen des nächsten Gel-Beutels klappt problemlos. Schön, so ein kleines Erfolgserlebnis zwischendurch.

Meine Streckenabweichung beträgt nun circa 300 Meter, sprich 90 Sekunden. Dafür bin ich eine Minute schneller als der Plan. Könnte reichen. Oder auch nicht. Egal. Weiterlaufen.

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S-Bahnhof Ohlsdorf. Letzte Flaschenübergabe. Das Getränk besteht nun zur Hälfte aus mit Zucker und einer Prise Salz versetztem Mineralwasser, aus dem die Kohlensäure geschüttelt wurde, und zur anderen Hälfte aus Cola, ebenfalls ohne Kohlensäure. Eine Mischung, für die es sicherlich keine 5-Sterne-Rezensionen gibt.

Nehme den ersten Schluck. Es schmeckt noch scheußlicher, als ich es in Erinnerung hatte. Das Gebräu hat einen merkwürdigen fruchtigen Nachgeschmack.

Meine Frau erzählt später, dass die Flasche nicht ganz dicht war, so dass ein Teil des Getränks ausgelaufen war. Mit dem Improvisationstalent eines McGyvers streckte sie den Cola-Zuckerwasser-Mix kurzerhand mit einem koffeinhaltigen Getränk der Geschmacksrichtung Schwarze Johannisbeere, das dem Kleiderbeutel als Sponsoren-Give-away beilag.

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Kilometer 33. Nächstes Energie-Gel. Diesmal mit Cola-Geschmack und extra Koffein. Schmeckt auch nicht leckerer als der Orangen-Kollege.

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Kilometer 34. Überhole einen Staffelläufer im Bienenkostüm. Oder ich halluziniere.

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Max Prosa faselt irgendwas von „Flügel“. Die hätte ich auch gerne.

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Wir erreichen Winterhude. Die Anwohner*innen prosten uns mit Champagnerflöten zu. In Berlin wird eher mit Dosenbier gewunken. Andere Städte, andere Sitten.

Trinke einen Schluck meines Cola-Gebräus. Immer noch widerlich. Überlege, wie viel Zeit ich verliere, wenn ich mich während des Laufens übergebe. Die Blase merkt an, dass sie ja wohl zuerst an der Reihe wäre. Behalte aber alle Körperausscheidungen in mir, um die Winterhuder*innen nicht zu traumatisieren.

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35 Kilometer vorbei. Fühle mich immer noch gut. Allerdings wäre es hilfreich, wenn ich mich hinter jemanden klemmen und ein wenig ziehen lassen könnte. Zum Beispiel von der Frau vor mir im Deutsche-Post-Shirt. Auf den Rücken ist ihr Name gedruckt. Linda. (Zumindest gehe ich davon aus, dass das ihr Name ist.)

Linda von der Post ist aber etwas zu langsam. Überhole sie.

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Kilometer 37. Trinke das letzte Cola-Energie-Gel. Keine Ahnung, ob das fünf Kilometer vor dem Ziel überhaupt noch reinkickt. Wenigstens habe ich etwas zu tun.

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Meine Oberschenkel brennen leicht. Wir sind Helden fragen „Ist das so?“

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39 Kilometer sind absolviert. Wegen der Laufabweichung für mich sogar 39,4 Kilometer. Bin also knapp zwei Minuten länger unterwegs als geplant. Dafür liege ich 75 Sekunden unter meinem gepufferten Zeitplan.

Versuche auszurechnen, ob das für die dreieinhalb Stunden noch reicht. Komme zu keinem Ergebnis. Laufe trotzdem weiter. (Mein Mathe-LK-Lehrer googelt derweil, ob es eine Möglichkeit gibt, mir nachträglich das Mathe-Abi abzuerkennen.)

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Kilometer 40. Muss in einer Kurve kurz verlangsamen, um nicht in einen anderen Läufer zu rennen. Ein Krampf in der Leistengegend deutet sich an. Das käme mir jetzt sehr ungelegen. Wenn der Krampf richtig durchschlägt, bliebe mir nur übrig, das Rennen gehend zu beenden. Beziehungsweise humpelnd. Das hieße Adieu, Dreieinhalb-Stunden-Zeit.

Die Ärzte höhnen „Zu spät“. Schönen Dank auch.

Beschließe, zu beschleunigen und einfach vor dem Krampf wegzulaufen. Überraschenderweise funktioniert das.

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Noch etwas mehr als ein Kilometer. Aus dem linken Augenwinkel nehme ich wahr, wie sich jemand an mir vorbeischiebt. Auf einem Tretroller. Denke zuerst, es ist ein Ordner. Ist es aber nicht, sondern irgendein Penner, der es anscheinend lustig findet, in der Läufer*innenmenge mitzufahren. (Und mit Penner meine ich selbstverständlich nicht Obdachloser, sondern Volltrottel.)

Der Typ winkt fröhlich in die Menge. Würde ihn am liebsten vom Roller schubsen, er ist jedoch zu schnell. Hass ist ein guter Motivator und ich kann nochmal an Tempo zulegen.

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Die letzten 200 Meter. Seed plärren „Schüttel dein Speck“ in mein Ohr.

Habe mittlerweile vollkommen den Überblick verloren, ob ich meine Zielzeit noch schaffe. Renne einfach stur weiter.

Überquere die Ziellinie und stoppe meine Uhr. 3:29:17. Geht doch.

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Mache im Zielbereich ein Medaillen-Selfie für unsere Familiengruppe „Die krummbucklige Sippe“. Kontrolliere das Bild und denke im ersten Moment, ich hätte versehentlich einen Seniorenfilter benutzt. Habe ich aber nicht. Anscheinend bin ich in den letzten dreieinhalb Stunden einfach 30 Jahre gealtert.

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Treffe vor den Messehallen meine Frau, die weltbeste Flaschenübergeberin aller Zeiten.

Sie erzählt, sie sei gerade von einem Portugiesen angesprochen worden. Er meinte, sie hätte so eine tolle Frisur, und das wollte er ihr sagen. Dann fragte er, ob sie mitgelaufen sei. Sie verneinte und erklärte, aber ihr Mann – sprich: ich – wäre gerade ins Ziel gekommen. Das war nicht ganz die Antwort, die der Portugiese sich erhofft hatte, denn er wollte sie eigentlich auf einen Kaffee einladen.

Aber schön, dass wir heute beide ein Erfolgserlebnis hatten. Ich bin meine Wunschzeit gelaufen und meine Frau wurde von einem charmanten, attraktiven Portugiesen angeflirtet. Top!



Teil 1

Teil 2


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13 Kommentare zu “Eine kleine Marathonschau | KW16-2023 (Teil 3)

  1. Herzlichen Glückwunsch für die tolle Leistung. Habe während dem lesen die ganze Zeit mitgefiebert ob es noch klappt.
    Meinen tiefsten Respekt dafür und vielen Dank für die tollen Einträge..

  2. herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für’s Teilen.
    Es hat sich fast angefühlt, dabei gewesen zu sein. viele Grüße! Tanja

  3. Herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Erfolg! Nachdem ich Sie die ganze Zeit lesend sozusagen beim Training begleitet habe, fühlt es sich ja fast so an, als hätte ich zum Sieg etwas beigetragen.
    Ich bin weiterhin schwer beeindruckt von der tollen Leistung und ziehe meinen imaginären Hut.

  4. Habe das gesamte Training mitgelesen und jetzt auch das gute Ende. War prima unterhalten, hoch amüsiert und war ziemlich beeindruckt von der Leistung. Werde jetzt auch das Laufen anfangen. (Einer der letzten beiden Sätze ist gelogen.)
    Gruß noch an die tapfere Blase!

  5. Ganz toll. Herzlichen Glückwunsch.
    Ich bin letztes Jahr den Hamburg Marathon gelaufen und konnte beim Lesen sehr gut mitfiebern und mitfühlen.
    Training zahlt sich eben doch aus! (Vielleicht probiere ich es auch mal damit :-))
    Gute Regeneration.

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