Eine kleine Wochenschau | KW37-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


12. September 2022, Berlin/Dublin/Carlow

Kaum ist die Tochter zurück in Berlin, ist sie schon wieder weg. Und ich auch. Wir fliegen gemeinsam nach Irland, um in Carlow nach einer Unterkunft für ihr Studium zu suchen. Ist es ein wenig helikopterelternhaft, dass ich sie begleite? Vielleicht. Aber wenn jemand um Hilfe bittet, wird ihr oder ihm geholfen. Das gilt für Hogwarts und auch bei uns in der Familie.

Um präzise zu sein, hat die Tochter gar nicht gefragt, ob ich mitkommen kann. Aber ich glaube, sie war dankbar, dass sie nicht fragen musste, weil ich es ihr angeboten habe. (Das ist ja manchmal auch schon eine Hilfe. Anderen ersparen, um Hilfe bitten zu müssen.)

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Das Angebot an studentischen Unterkünften in Carlow ist eher begrenzt. Sogar sehr begrenzt. Dafür ist die Nachfrage ziemlich groß. Wie die Tochter haben alle anderen First-Year-Students in Irland ihre Studienplatzzusage ebenfalls letzten Donnerstag erhalten. Nun strömen sie in ihre jeweiligen Uni-Städte und suchen nach einer Bleibe.

Zu den wenigen im Internet angebotenen Zimmern gibt es nur sehr spärliche Informationen und dazu eine begrenzte Auswahl an zumeist verwackelten und unscharfen Bildern. Die Vermieter*innen müssen sich gar nicht die Mühe geben, irgendetwas zu beschönigen, denn sie wissen ohnehin, dass sie ihre Zimmer vermietet bekommen.

Die Tochter kann zumindest mit einem Vermieter ausmachen, dass sie morgen Vormittag noch einmal anruft, ob sein annonciertes Zimmer dann noch frei ist.

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Um 16.55 Uhr startet unser Flieger Richtung Dublin. Das heißt, er würde um 16.55 Uhr starten, wenn er nicht eine Stunde Verspätung hätte. Keine gute Flight Experience bei meinem ersten Trip mit Ryanair.

Ansonsten ist der Flug gut. Das Personal ist nett und das hässliche Innendesign blende ich einfach aus. Ich glaube, das ist sowieso Absicht. Um zu signalisieren „Wir sparen, wo wir nur können – auch an der Inneneinrichtung –, damit ihr so billig wie möglich fliegen könnt.“ (Angesichts der Klima-Katastrophe wäre es vielleicht besser, die Flugzeuge sähen innen etwas schöner aus und dafür wären die Tickets etwas teurer, um das Fliegen nicht ganz so attraktiv zu machen.)

Am Flughafen in Dublin haben wir eine halbe Stunde, bevor der Bus nach Carlow losfährt. WDH Wir nutzen die Zeit optimal und essen etwas. Aus nostalgischen Gründen hole ich mir ein Egg & Cress-Sandwich. Während meines Studiensemesters in London bestand meine Ernährung zu 40 Prozent aus Egg & Cress-Sandwiches. (Weitere 40 Prozent aus Ploughman-Sandwiches und die restlichen 20 Prozent aus Caramel Shortbread. Ein Wunder, dass ich damals kein Skorbut bekommen habe und mir alle Haare und Zähne ausgefallen sind.)

Nach einer angenehm ereignislosen Busfahrt erreichen wir kurz vor 23 Uhr Carlow. Netterweise holt uns das Vermieterehepaar des von uns angemieteten Cottages an der Busstation ab, weil die Wohnung knapp drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist. Im Cottage gibt es für uns frischgebackene Scones, Brot, Milch, Eier und Wasser damit wir fürs erste versorgt sind. (Sollten Sie jemals nach Carlow fahren, was nicht super wahrscheinlich, aber ja durchaus möglich ist, schauen sie nach, ob die Cut Limestone Apartment Riverside Lodge frei ist. Die ist wirklich zu empfehlen.)

13. September 2022, Carlow

Um 8 Uhr starten wir unsere Mission „Room hunting“. Die Tochter ist angespannt und einsilbig. Ich versuche, eine „Alles wird gut“-Zuversicht auszustrahlen. Woher ich die nehmen soll, weiß ich allerdings auch nicht. Über Nacht gab es keine neue Vermietungsangebote auf den Immobilien-Plattformen und wahrscheinlich halten sich gerade tausende von Studierende mit dem gleichen Ziel wie die Tochter in Carlow auf: eine bezahlbare möglichst zentrale Unterkunft finden.

Die Chancen stehen also nicht allzu gut. In zwei Tagen muss ich außerdem zurück nach Berlin. Bis dahin müssen wir unbedingt irgendetwas finden, denn in Carlow gibt es nicht einmal ein Hostel, wo die Tochter übergangsweise unterkommen könnte. (Möglicherweise gibt es doch ein Hostel in Carlow. Dann haben es die Betreiber aber geschafft, dass es bei Google unauffindbar ist.)

Die Tochter ruft den Vermieter des hoffentlich noch freien Zimmers an. Es springt aber nur die Mailbox an. Kein gutes Zeichen. Sie verschickt noch ein paar Mails an andere Vermieter*innen. Sie muss hoffen, dass die sich bei ihr melden, was diese natürlich nicht sofort machen. (Spoiler Alert: Es wird sich nur ein einziger potenzieller Vermieter überhaupt zurückmelden.)

Ich schlage vor, in die Stadt zu gehen. Vielleicht gibt es an der Uni am schwarzen Brett Aushänge von WGs, die nach Mitbewohner*innen suchen. Sehr realistisch ist das wahrscheinlich nicht. Aber es ist immer noch besser, irgendetwas zu tun, als in der Ferienwohnung zu sitzen und auf Rückmeldungen zu warten, die wahrscheinlich nicht kommen. Manchmal ist Aktionismus doch ganz hilfreich.

Wir sind circa 20 Minuten unterwegs, als das Handy der Tochter klingelt. Es ist der Vermieter, mit dem sie gestern gesprochen hatte. Das Zimmer sei noch frei und wir könnten es uns direkt anschauen. Zum Glück sind wir gar nicht so weit weg und brauchen nur knapp zehn Minuten, um dort hinzukommen. (Spoiler Alert: In den nächsten zwei Tagen lernen wir, dass in Carlow alles gar nicht so weit weg ist.)

Vor dem Haus begrüßt uns ein stattlicher weißhaariger Mann. Seinen Namen verstehe ich nicht richtig. Nicht weil er einen so starken irischen Akzent hat – oder nicht nur weil er einen so starken irischen Akzent hat –, sondern weil ich immer, wenn sich jemand vorstellt, so etwas höre wie: „Hallo, ich bin Bliblablö.“

In dem Haus gibt es insgesamt fünf Zimmer auf zwei Etagen. Dazu eine recht geräumige Küche mit Waschmaschine, ein gemeinschaftlich genutztes Wohnzimmer und zwei Bäder mit Toiletten. Vom Wohnzimmer aus geht es in einen kleinen Garten. Das sieht alles nicht aus wie im Ritz, aber okay genug, um als Studentin dort zu leben. (Ich habe während meines Studiums schließlich auch nicht auf Ritz-Niveau gewohnt.)

Der für mich namenlose Mann erklärt, das Zimmer, über das sie gesprochen hätten, sei leider doch schon vergeben. Er hätte vergessen, dass er es bereits einem anderen Bewohner versprochen hätte. Dafür sei dessen alter Raum frei. Der sei sogar etwas größer. Etwas größer heißt natürlich auch etwas teurer.

Das zu vergebene Zimmer ist circa zehn Quadratmeter groß. Das wirft bei mir die Frage auf, wie klein das andere Zimmer dann ist. Die Einrichtung besteht aus eklektisch zusammengestellten Birkenholz-Möbeln. Zwei Kleiderschränke, ein Nachtschränkchen, ein geräumiges Bett, dessen Matratze so weich ist, dass du darin förmlich versinkst und Schwierigkeiten hast, wieder rauszukommen, sowie ein kleiner Schreibtisch, der nicht so stabil wirkt, als würde er einen mittelkräftigen Schlag überleben. Oder einen bösen Blick.

Durch die vielen Holzmöbel und weil das Zimmer seit Beginn der Semesterferien Anfang Juni unbewohnt war, riecht es ziemlich stark nach Holz. Dafür ist nebenan die Küche. Vielleicht wird die Holznote irgendwann durch Essensgerüche vertrieben.

In dem Zimmer ist zum Glück kein Teppich verlegt, sondern Dielen. Dann würde sich die Tochter das Zimmer wenigstens nicht mit einer Teppichmilben-Kolonie teilen. (Dafür vielleicht mit einer Holzwurm-Großfamilie)

Der Vermieter meint, wir sollten uns in Ruhe überlegen, ob die Tochter das Zimmer möchte. Allerdings auch nicht zu sehr in Ruhe, denn die Nachfrage sei recht groß. Falls wir uns für das Zimmer entscheiden, könnten wir uns später noch einmal treffen. Dann sollten wir die Kaution von 500 Euro mitbringen. Sollten wir nicht so viel auf einmal abheben können, wäre es auch kein Problem, dass die Tochter den Rest nächste Woche bezahlt.

Unter anderen Umständen, bei einem größeren Zimmerangebot und ohne jeglichen Zeitdruck, würden wir jetzt sagen, wir hätten noch eine andere Besichtigung und würden uns danach melden. Da aber weder das eine noch das andere zutrifft, wissen die Tochter und ich sofort, dass sie das Zimmer nehmen wird.

Wir ziehen los und suchen einen Geldautomaten. Der erste, den wir finden, ist „Out of service“, der zweite ist an einer Bank, die zugemacht hat, und spuckt auch kein Geld aus. Der dritte Automat funktioniert glücklicherweise. Ich kann sogar die komplette Kautionssumme abheben. (Da möchte ich nicht unbedingt von „glücklicherweise“ sprechen, denn wenn ich jemandem 500 Euro von meinem Geld geben muss, halten sich meine Glücksgefühle in Grenzen.) Damit wir nicht ganz so verzweifelt wirken, wartet die Tochter noch ein Stündchen, bevor sie den Vermieter anruft.

30 Minuten später treffen wir uns wieder in dem Haus. Die Tochter übergibt die Kaution, dafür bekommt sie Haus- und Zimmerschlüssel. Außerdem erhält sie ein Rent Book. In diesem werden die Mietzahlungen vermerkt. Die Miete ist wöchentlich immer montags fällig. In bar.

Damit ist die Tochter offiziell Einwohnerin von Carlow. Außer ihr wohnen schon drei andere Studenten in dem Haus. (Ein Raum ist noch nicht belegt.) Sie gehen nicht aufs St. Patrick’s College wie die Tochter, sondern auf die South East Technological University und studieren irgendetwas mit IT und Computern. Somit hat die Tochter ihre eigene kleine Nerd-WG.

14. September 2022, Carlow

Das Wetter zeigt sich morgens von seiner irischen Seite. Kühl und nieselregnerisch. Laut meinem Marathon-Trainingsplan muss ich trotzdem laufen. Vierzehn Kilometer. Dafür kann ich den Aufenthalt in Carlow als internationales Trainingslager bezeichnen, was meiner Marathonvorbereitung den Hauch von Professionalität verleiht.

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Später laufen die Tochter und ich runter nach Carlow. Dort angekommen, fasse ich einen spontanen Entschluss: Ich möchte mir die Haare schneiden lassen. Erstens weil es nötig ist und zweitens weil ich während meines Auslandsstudium in London und Bath sehr gute Erfahrungen mit englischen Friseur*innen gemacht habe. Nun ist Irland selbstverständlich nicht England, aber aufgrund der geographischen Nähe sind Ir*innen vielleicht ähnlich versiert bei der Ausübung des Friseurhandwerks.

In Carlow gibt es überraschend viele Turkish Barber Shops. Bestimmt acht Stück. Ich möchte allerdings zu einem irischen Friseur gehen. Das klingt ein bisschen nach AfD-Stammwähler, aber zu einem türkischen Barbier kann ich auch in Berlin gehen. Zu einem irischen Friseur aber nicht.

Schließlich finde ich einen kleinen, etwas schummrigen irischen Friseurladen. Einer der Friseure ist schon beschäftigt und verweist mich an seinen Kollegen. Ein großer, korpulenter Mann mit Brille. Er trägt ein modisches Hemd, seine Frisur sieht dagegen eher etwas altbacken aus. Vielleicht sollte ich mir von ihm lieber ein Hemd verkaufen und nicht die Haare schneiden lassen. Allerdings habe ich bereits Platz genommen. Nun kann ich schlecht aufstehen und sagen, ich ginge doch lieber zu dem Turkish Barber gegenüber.

Als erstes diskutieren wir, wie ich die Haare geschnitten haben will. Oben die Spitzen, erkläre ich, und an den Seiten und hinten kurz. Drei Millimeter. Der Friseur schaut skeptisch. „Too military“, wendet er ein. Ein nicht von der Hand zu weisendes Argument. „Okay, then a little bit longer“, willige ich ein. Das ist keine wahnsinnig präzise Längenangabe, aber der Friseur gibt sich damit zufrieden.

Als erstes bearbeitet er meine Seiten und den Hinterkopf mit einem Langhaarschneider. Eine recht rustikale Maschine, die aussieht, als käme sie auch bei der Schafschur zum Einsatz. Dann schneidet er weiter an meinem seitlichen und hinteren Haar herum, wobei eine Vielzahl an Kämmen und Scheren in unterschiedlicher Länge und Breite zum Einsatz kommt. Ich habe fast das Gefühl, es gibt für jedes Haar ein eigenes Schnitt- und Kämmwerkzeug.

Bevor es weitergeht, bekomme ich die Haare gewaschen. Dazu muss ich mich vornüber ins Waschbecken beugen. Nur mäßig sanft drückt mich der Friseur weiter nach unten. Das Shampoo, das er verwendet, hat eine starke Pfefferminznote. Es riecht allerdings nicht nach frischer Minze, sondern wie eine Mischung aus Mundspülung und Kaugummi aus einer Zeit, als künstliche Geschmacksverstärker noch weitestgehend unreguliert waren.

Nun macht er sich an mein Haupthaar. Dabei verwendet er noch mehr Kämme und Scheren. Dann föhnt mich der Friseur, anschließend gibt er eine gehörige Portion Haargel in seine Hände und massiert es in meine Haare. Wieder mäßig sanft, aber wenigstens nimmt er mich nicht in den Schwitzkasten und reibt seine Knöchel über meinen Kopf. Daher möchte ich mich nicht beklagen. Anschließend kommt erneut der Föhn zum Einsatz und danach wird irgendein Gel in meinen Haaren verteilt, bevor meine Haare ein letztes Mal geföhnt werden.

Zum Abschluss hält mir der Friseur einen Spiegel an den Hinterkopf, so dass ich meine neue Frisur begutachten kann. Da ich meine Brille noch nicht wieder aufhabe, erkenne ich so gut wie gar nichts. Trotzdem sage ich: „Excellent!“ und verlasse zufrieden mit meinem irischen Haarschnitt den Laden.


Weiter zu Teil 2


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