Eine kleine Wochenschau | KW37-2022 (Teil 2)

Teil 1


15. September 2022, Carlow/Dublin/Berlin

01. 30 Uhr. In zehn Minuten klingelt der Handywecker. Ich muss so früh aufstehen, weil der Bus nach Dublin um 3 Uhr fährt. Mein Flug nach Berlin startet zwar erst um 7.20 Uhr, aber es gibt keine bessere Busverbindung und ein bisschen Puffer schadet ja auch nicht.

Kurz hatte ich überlegt, bereits am Vorabend von Carlow nach Dublin zu fahren, und mir dort ein Hotel in der Nähe des Flughafens zu nehmen, damit ich nicht so früh aufstehen muss. Eine Idee, die ich sehr schnell wieder verworfen habe, nachdem ich herausfinde, dass das günstigste Hotel in Flughafennähe 300 Euro die Nacht kostet. Länger schlafen ist zwar schön, aber nicht 300 Euro schön.

Nun liege ich wach im Bett und mir geht durch den Kopf, was bei der Rückreise alles schiefgehen könnte:

  • Ich könnte noch mal einschlafen, den Wecker überhören und erst um 7.20 Uhr wieder aufwachen.
  • Ich könnte im Bad die Zeit vergessen und bis um 7.20 Uhr duschen.
  • Ich könnte zu lange für die drei Kilometer nach Carlow zur Busstation brauchen und den Bus verpassen.
  • Ich könnte mich auf dem Weg nach Carlow verlaufen. (Sehr unwahrscheinlich, weil es immer geradeaus geht.)
  • Der Bus könnte zwei Stunden Verspätung haben.
  • Der Bus könnte an der Haltestelle vorbeifahren und mich nicht mitnehmen.
  • Der Bus könnte unterwegs eine Panne haben.
  • Ich könnte in Dublin das Terminal 1 nicht finden.
  • Die Schlange bei der Security könnte 4,73 Kilometer lang sein.
  • Ich könnte vergessen, die Kosmetika aus meinem Rucksack zu nehmen und wegen Terrorismusverdacht verhaftet werden.
  • Ich könnte das Abfluggate nicht finden.
  • Ich könnte mein Handy mit meinem Boarding Pass verlieren.
  • Der Akku meines Handys könnte leer sein.
  • Der Flug könnte überbucht sein, so dass ich nicht mitfliegen kann und die nächsten acht Jahre im Transitbereich des Dubliner Flughafens leben muss.

Da klingelt zum Glück der Handywecker. Bevor mir weitere Worst-Case-Szenarien einfallen, gehe ich schnell (!) duschen.

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Entgegen meinen Horrorszenarien erreiche ich die Bushaltestelle rechtzeitig, der Bus kommt pünktlich und nimmt mich mit. Er hat auch keine Panne und wir erreichen planmäßig um viertel nach vier den Flughafen.

Dort ist es trotz der frühen Uhrzeit bereits sehr voll. Nicht nur beim Security Check, sondern auch in allen Läden und Coffee Shops gibt es lange Schlangen. Ich stelle mich bei einem kleinen Laden an, der gerade aufgemacht wird. Selbst da stehen schon acht Leute vor mir.

Zum Frühstück esse ich Porridge und trinke einen großen Kaffee. Der Porridge ist ganz lecker, liegt aber etwas schwer im Magen. Ich ergänze auf meiner Was-alles-schiefgehen-könnte- Liste: „Im Wartebereich in einen tiefen Verdauungsschlaf fallen und das Boarding verpassen.“

Auf dem Weg zum Gate komme ich an einem Irish Pub vorbei. Dort sitzen erstaunlich viele Menschen und erstaunlich viele trinken Guinness, Lager, Wein oder andere alkoholische Getränke. Ich bin mir nicht sicher, ob sie schon oder noch immer trinken.

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Eigentlich hatte ich geplant, meinen fehlenden Nachtschlaf im Flugzeug nachzuholen. Das hätte den Vorteil, dass ich möglichst wenig von dem Flug mitbekomme. Mein Vorhaben gelingt aber nur teilweise. Kurz nach dem Boarding erklärt der Pilot, es würde circa 45 Minuten dauern, bis wir eine Starterlaubnis bekämen. Direkt danach schlafe ich ein, wache aber pünktlich wieder auf, als sich das Flugzeug Richtung Startbahn in Bewegung setzt.

Während des Flugs ist auch nicht an Schlaf zu denken. Um mich herum sitzen 30 bis 40 Mitglieder einer nordirischen Blaskapelle, die unterwegs zu einem europäischen Blasmusik-Festival in Bayern sind. Dadurch habe ich den kurzweiligsten und lustigsten Flug meines Lebens.

Der Sitznachbar zu meiner Rechten, seines Zeichens einer der Trompeter der Kapelle, spielt mir ein Video von ihrem letzten Auftritt dort vor. Ich habe sofort nostalgische Erinnerungen an die Frühschoppen, die es immer montagmorgens bei uns auf der Kirmes gab. Von Freitag bis Sonntag würden sie jeden Tag um 10.30 und 16.30 Uhr spielen, erzählt er. „These six hours are very challenging. It’s essential that you drink one beer less than the audience.”

Ich frage ihn, wie sie nach Bayern kämen. Am Flughafen stünde ein Bus bereit, erklärt er. Wo der stünde, wüssten sie allerdings nicht so genau. „I guess it will be the blind leading the blinds“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Ich sage, ich drücke ihnen die Daumen, dass sie den Bus finden, denn um nach Bayern zu trampen, seien sie wohl zu viele. „Yes“, antwortet er. „And we are too ugly.”

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Nachdem ich zuhause ankomme, würde ich gerne den Rest des Tages mit Schlafen verbringen. Ich habe aber noch eine Verabredung. Morgen findet die Blogfamilia statt – das erste Mal seit drei Jahren – und ich treffe mich mit meinen Mitstreiter*innen Alu, Lisa und Janni, um Goodie Bags zu packen.

Die Materialien wurden alle zu Alu nach Hause geliefert. Daher muss ich nach Französisch Buchholz fahren. Wenn Sie jetzt denken, dass hört sich gar nicht nach Berlin an, dann kann ich Ihnen sagen, dass es dort auch nicht nach Berlin aussieht. Eher dörflich. Ist ja auch fast schon Brandenburg. Aber nur fast.

Google Maps zeigt mir die Distanz mit circa fünfzehn Kilometern an. „Ach, das kannste ja mit dem Fahrrad fahren“, denke ich. Bitte fragen sie nicht warum. Ich weiß es selbst nicht.

In den letzten drei Tagen habe ich die Gelassenheit der Carlower*innen genossen. Der Verkehr in der Stadt war überschaubar, alle waren immer höflich und die Autofahrer*innen sehr zuvorkommend. Nachdem ich fünf Minuten durch den Berliner Feierabendverkehr geradelt bin, ist mein heimeliges Irland-Gefühl verschwunden. Es wird in einer Tour gehupt, niemand denkt auch nur daran, andere Verkehrsteilnehmer*innen vorzulassen und es wird mehr geflucht und geschimpft als in einem durchschnittlichen Rap-Video.

Dafür ist das Packen der Goodie Bags sehr entspannt und wir sind alle guter Laune.

16. September 2022, Berlin

Um kurz nach neun muss ich los zur St. Michaelis-Kirche. Dort findet im Garten und im Gemeindehaus ab 17 Uhr die Blogfamilia statt. Um 10 Uhr werden die Getränke und Stehtische angeliefert und wir müssen noch einiges aufbauen und schmücken. Google Maps gibt die Entfernung zur Kirche mit acht Kilometern an. „Ach, das ist ja weniger als gestern, da kannste mit dem Fahrrad fahren“, denke ich. Meine Lernkurve ist sehr flach. Sehr, sehr flach.

Die Blogfamilia wird ein voller Erfolg. Die Location ist phantastisch, Nicole Staudinger hält einen ermutigenden Vortrag, es gibt leckeres indisches Essen von Amrit und gute Gespräche und alle freuen sich, dass wir uns nach so langer Zeit wiedersehen.

Später kommt eine junge Frau zu mir und erzählt, sie lese bei der Einschlafbegleitung ihres Sohns immer die Familien-Tweets und schicke sie dann ihrem Mann. Sie fragt, ob es mir etwas ausmachen würde, ein Foto mit ihr zu machen. Da ich auf Fotos immer wie ein fucking creep ausschaue, macht es mir etwas aus und ich bin mir auch nicht sicher, ob ihr Mann von ihrer Idee ebenso begeistert ist, sage aber trotzdem „ja“ und hoffe auf dem Bild nicht wie ein entlaufener Sex Offender auszusehen.

17. September 2022, Berlin

Um 9 Uhr sitze ich schon wieder auf dem Rad. (Meine Lernkurve ist wirklich sehr, sehr flach.) Ich muss wieder zur St. Michaelis-Kirche, wo wir noch ein wenig aufräumen müssen. Dort sind bereits zwei ältere Damen zugange. Sie bereiten das Erzähl-Café vor, das morgen in den Räumlichkeiten stattfindet.

Die beiden erkundigen sich, was wir für eine Veranstaltung gemacht hätten. Ich bemühe mich, den beiden zu erklären, was die Blogfamilia ist, bin aber nicht besonders erfolgreich. Die Damen sagen zwar „Das ist ja interessant.“, aber aufgrund ihrer fragenden Gesichter gehe ich davon aus, dass sie gerade denken: „Was zur Hölle sind Familienblogs?“ (Weil sie aktive Mitglieder einer katholischen Gemeinde sind, vielleicht ohne „war zur Hölle“.)

18. September 2022, Berlin

Als hätte ich mit meinem spontanen Irland-Trip, der Zimmersuche und der Blogfamilia diese Woche nicht schon genug erlebt, treffe ich mich heute in Zehlendorf mit meinem Freund Arne. Aufmerksame Stammleser*innen wissen, dass wir in zwei Wochen den Köln-Marathon laufen. Dieses Wochenende ist Arne wegen einer Geburtstagsfeier in Berlin. Das gibt uns die Gelegenheit, unseren letzten langen Lauf vor dem Marathon gemeinsam zu absolvieren.

Nach den 32 Kilometern fühlen wir uns noch recht gut. Also, nicht gerade wie junge Zicklein, aber gut genug, dass wir zuversichtlich sind, dass wir in vierzehn Tagen den Marathon schaffen.

Anschließend fahre ich zurück nach Moabit. Diesmal aber nicht mit dem Rad. Google Maps hatte die Entfernung nach Zehlendorf mit ungefähr zwölf Kilometern angegeben, so dass ich dachte: „Ach, da nimmste mal besser den Bus.“


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Ein Kommentar zu “Eine kleine Wochenschau | KW37-2022 (Teil 2)

  1. Wir scheinen nicht die einzigsten zu sein, die die Familientweets und Wochenschau zur Einschlafbegleitung nutzen. Nur das in diesem Fall meiner Frau vorgelesen wird. ;-)

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