Eine kleine Wochenschau | KW42-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


16. Oktober 2022, Berlin

Unsere drei Tage Familien-Geburtstagstreffen auf Föhr sind vorbei. Heute geht es zurück nach Hause. Nach Frankfurt, nach Hamburg, nach Berlin und nach Irland.

In unserem letzten Zug Richtung Berlin sitzt schräg vor mir ein junger Mann. Er isst ein Butterbrot. Die Stulle sieht lecker aus. Sehr lecker sogar. Der Rand ist nicht zu fest, die Mitte ist saftig und die Menge an Butter genau richtig. Das heißt, nicht zu wenig, dass du sie fast gar nicht schmeckst, sondern eher erahnst. Aber auch nicht zu viel, dass du das Gefühl hast, jemand hat ein Stück Butter mit Brot belegt.

Ich muss mich zusammenreißen, dem Typ nicht die Stulle zu entwenden und abzubeißen. Noch bin ich aber sozial kompetent genug, um zu wissen, dass es nicht unter allgemein akzeptierte Verhaltensweisen fällt, den Reiseproviant fremder Menschen zu verspeisen.

Mich irritiert, wie der Mann sein Brot isst. Er beißt einfach wahllos hinein. Mal links, mal rechts, mal oben, mal unten. Wie so ein wildes Tier. Dabei weiß doch jeder, dass die einzig richtige Art ein Butterbrot zu essen, darin besteht, zuerst den Rand wegzuessen und sich das saftige Innere für zum Schluss aufzuheben. Ich behalte das aber für mich. Es gehört sicherlich auch nicht zur sozialen Norm, fremde Menschen über die korrekte Art des Butterbrotessens zu belehren.

Gegen 18 Uhr erreichen wir Berlin. Als wir das Bahnhofsgebäude verlassen, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich aus einer Gruppe von drei, vier Personen ein Mann löst und auf uns zusteuert. Er ist circa 1,90, hat schwarzes Haar, einen Dreitagebart und eine leichte Fahne, wie ich feststelle, als er vor uns steht.

Als erstes denke ich, er möchte Geld von uns. Reflexhaft schüttle ich den Kopf. Ich habe nur einen 20-Euro-Schein und das erscheint mir als gute Tat doch etwas zu gut. Andererseits möchte ich ihn aber auch nicht um Rückgeld bitten.

Der Mann will aber gar kein Geld von uns, sondern fragt mit starkem russischem Akzent: „Help. Where is bus?“ „Over there“, erwidere ich und zeige auf die andere Straßenseite.

Jetzt spricht der Mann auf Russisch in sein Handy. Auf dem Display erscheint in Deutsch die Frage: „Wie komme ich dahin?“ Ich will gerade antworten: „Indem du über die Straße gehst.“ Da fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, wo er überhaupt hinwill. Bestimmt möchte er nicht einfach mit irgendeinem Bus wahllos durch Berlin cruisen, sondern hat ein bestimmtes Ziel.

Ich frage in sein Handy: „Wo willst du hin?“, woraufhin es einige kyrillische Worte ausspuckt. „Hamburg“, antwortet der Mann, ohne das Handy zu bemühen.

Okay, er muss zum ZOB, dem Zentralen Omnibusbahnhof. Der ist nicht ganz einfach zu finden. Selbst wenn du dich in Berlin auskennst und der deutschen Sprache mächtig bist. Ich recherchiere bei Google Maps die beste Verbindung und lese diese in die Übersetzungs-App seines Handys ein. Anschließend erkläre ich dem Mann noch, wie er im Hauptbahnhof zum S-Bahnsteig kommt.

Dennoch habe ich große Zweifel, dass ich ihm weitergeholfen habe und er tatsächlich zum ZOB kommt. Der Mann freut sich trotzdem. Wir verabschieden uns mit einer Mischung aus Manshake und Fist Bump und ich rufe ihm „Good luck!“ hingerher. Ich schätze, er wird es brauchen.

18. Oktober 2022, Berlin

Der Sohn hat heute in der Schule Berufsberatung. Dazu stellen verschiedene Menschen den Schüler*innen ihre Berufe vor. Ich hoffe, irgendetwas stößt bei ihm auf Interesse. Wir mögen unseren Sohn sehr. Trotzdem wäre es schön, wenn er irgendwann einen Beruf ergreift und Geld verdient und nicht eine Karriere als Sohn einschlägt und die nächsten 30 Jahre weiter bei uns wohnt.

Das wäre in vielerlei Hinsicht ungünstig. Vor allem, weil wir sein Zimmer schon als zukünftiges Schlafzimmer verplant haben. Damit wir dann aus unserem jetzigen Schlafzimmer eine Art Entertainment-Lounge machen können. Mit raumhohen Bücherregalen, Leseecke, 32K-4D-Fernsehgerät und State-of-the-art-Soundanlage. Voraussetzung für die räumliche Verwirklichung dieses Plans ist zwingend, dass das Zimmer des Sohns frei ist. Finanzieren können wir das Vorhaben durch die um 80 Prozent gesunkenen Lebensmittelausgaben, die mit seinem Auszug einhergehen.

Auf dem Projekttag stellten sich ein Mann vom Bundeskriminalamt und ein Teamleiter einer großen Versicherung vor. Eine Mischung aus Action und Geld also. Keine schlechte Mischung, um die Aufmerksamkeitsspanne der Schüler*innen über die Länge eines Tiktok-Videos hinaus auszudehnen.

Der Sohn erzählt, der Versicherungsteamleiter würde laut eigener Aussage im Jahr sechsstellig verdienen. Nun fragt sich der Sohn, ob das auch 500.000 Euro sein könnten. Ein Betrag, der meines Erachtens nicht besonders realistisch ist, beim Sohn aber die Eurozeichen in den Augen aufblitzen und eine Karriere in der Versicherungsbranche in Erwägung ziehen lässt. Mir soll das recht sein. Dann kann er unsere geplante Entertainment-Lounge bezahlen.

19. Oktober 2022, Berlin

Meine Frau war heute auf Dienstreise. Auf der Rückfahrt hatte sie einen Platz an einem 4er-Tisch und ihr gegenüber saßen Wolfgang Thierse und seine Frau. Zuerst war sie sich nicht ganz sicher, ob er es wirklich ist oder doch nur ein pensionierter evangelischer Pfarrer. Eine diskrete Google-Recherche bestätigte aber ihre Vermutung. Wolfgang Thierse und seine Frau verbrachten die Zugreise mit der Lektüre intellektueller Zeitungsartikel und Bücher. Dazu aßen sie selbst geschmierte Stullen.

Als nur noch ein Brot übrig war, bot Wolfgang Thierse es seiner Frau an. Sie lehnte ab, aber er insistierte weiter. Er hätte schon genug gegessen und sie habe sich das Brot doch extra mit dem leckeren Schinken belegt. Seine Frau entgegnete, das sei ihr jetzt zu viel, sie habe keinen Hunger mehr. Nun gut, meinte Wolfgang Thierse darauf hin, dann äßen sie das einfach abends zum Nachtisch. Darüber amüsierten sich die beiden königlich und kamen aus dem Kichern gar nicht mehr heraus. Schön, dass es auch andere Paare mit weirdem Humor gibt.


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48 Kommentare zu “Eine kleine Wochenschau | KW42-2022

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  • wirklich Keiner da

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