Nomen est omen – Die Qual der Namenswahl

Seit ein paar Tagen steht es fest: Wir bekommen Nachwuchs. Beschäftige mich daher intensiv mit der Namenswahl. Eine äußerst verantwortungsvolle und nicht zu unterschätzende Aufgabe. Schließlich muss sich das Kind sein ganzes Leben mit diesem Namen rumschlagen. Das will man zum psychischen Wohle des Kindes natürlich nicht vermasseln.

Frage mich beispielsweise, wie groß das intellektuelle Vakuum bei Eltern ist, die ihre Kinder mit Namen wie Cinderella oder Pumuckl bestrafen. Insbesondere bei Nachnamen wie Rockhausen-Fleischmann oder Schulze-Rinksdorf ergibt dies befremdliche Kombinationen. Damit sind demütigende Erfahrungen auf Schulhöfen und Sportplätzen vorprogrammiert und die Kinder von Geburt an jeglichen Chancen auf soziale Teilhabe beraubt. Da könnten sie das Kind auch gleich „Du Opfer“ nennen.

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Insbesondere die Namenswahl von Eltern der unteren sozialen Schichten ist häufig durch eskapistische Tendenzen gekennzeichnet. In der trügerischen Hoffnung der sozio-ökonomischen Tristesse Schwedts, Bottrops oder Wanne-Eickels zumindest gedanklich zu entfliehen, brandmarken sie ihre bedauernswerten Kinder mit englischen Vornamen.

Tragischerweise sind diese Kinder dann nicht nur mit geschmacklosen Namen gestraft, sondern tragen diese auch noch als Prekariats-Label vor sich her. Aktuelle Studien zeigen nämlich, dass Lehrer wenig anglophil sind und Kinder mit angelsächsischen Vornamen systematisch schlechter bewerten. Somit sind die schulischen Perspektiven der Justins und Mandys von Anfang noch weniger erfolgsversprechend als die Aussichten der englischen Nationalmannschaft auf den Gewinn des WM-Titels.

Sich bei der Namenswahl an beliebten Filmfiguren zu orientieren erweist sich ebenfalls als problematisch. Beispielsweise soll es seit Mitte der 90er-Jahre, nachdem die unsägliche Filmkomödie „Kevin allein zu Haus“ die Kinosäle und -kassen füllte, Schulklassen in sozialen Brennpunkten geben, bei denen jeder zweite Junge auf den titelgebenden Namen hört. Ironischerweise teilen nicht wenige der unglücklichen deutschen Kevins später mit dem damaligen Hauptdarsteller Macauly Culkin das gleiche traurige Schicksal der Drogen- und Alkoholsucht – allerdings mit wesentlich weniger Geld und hässlicheren Freunden.

Es erscheint ebenfalls wenig ratsam, sich bei der Namenswahl durch populäre Schauspieler inspirieren zu lassen. Sonst gibt es spätestens bei der Einschulung große Augen, wenn neben dem eigenen Nachwuchs mehrere andere Keanus und Gwyneths mit Schultüten bewaffnet darauf warten, auf den Ernst des Lebens – den sie bei diesen Namen zweifellos bereits kennengelernt haben – vorbereitet zu werden.

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Mittelschichtseltern greifen bei der Namenswahl dagegen bevorzugt auf traditionelle deutsche Namen zurück. Wahrscheinlich ein Versuch, einen bildungsbürgerlichen Status vorzutäuschen und dabei gleichzeitig soziale Abstiegsängste zu kaschieren. Dies führt dazu, dass Heerscharen von wohlstandsverzogenen Maries, Friedrichs, Hannahs und Georgs die Grundschulen im Prenzlauer Berg bevölkern und in der Pause ihre Dinkelbrote mit laktosefreiem Käse verzehren.

Liebhaber der klassischen Musik erliegen möglicherweise der Versuchung, ihr eigenes intellektuelles Niveau zur Schau zu stellen, indem der Kindsnamen der Welt der Oper entlehnt wird. Dies mag sich unter Umständen später beim Klaviervorspiel in der Musikschule auszahlen, ist aber in anderen Lebenslagen unter Umständen heikel. Wer will als Eltern schon gerne über den Spielplatz schreien: „Eurydike, hör auf den Jungen zu schubsen!“? Auch die Vorliebe für Namen der germanischen Mythologie erweist sich als tückisch, wenn durch das Kaufhaus der Ausruf ertönt: „Der kleine Odin möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden.“

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Bei der Namenswahl gilt es auch zu bedenken, dass sich das Kind später nicht für seinen Namen schämen sollte. Stelle mir vor, wie sich ein Junge in der Tanzstunde potenziellen Tanzpartnerinnen mit den Worten vorstellen muss: „Mein Name ist Giselher. Willst du mit mir tanzen?“. Eine Situation peinlicher als im Büro ohne Hose zu erscheinen. Dies führt wahrscheinlich außerdem zu astronomisch hohen Rechnungen für die psychotherapeutische Behandlung, damit der Knabe sein Trauma verarbeiten kann, das durch die von Lachtränen begleiteten ablehnenden Reaktionen hervorgerufen wurde.

Vielleicht sollten wir uns bei der Namenswahl an biblischen Personen orientieren. Dabei ist es aber wohl nicht empfehlenswert auf die Namen von eher umstrittenen Charakteren wie den Brudermörder Kain, den Verräter Judas oder den immerzu schlechte Nachrichten verbreitenden Hiob zurückzugreifen. Aber in Südamerika ist es ja durchaus üblich, dass Jungen den Namen des Heilands tragen. Sollten wir einen Sohn bekommen, freue ich mich schon darauf, in seinem ersten Zeugnis zu lesen:

„Der kleine Jesus legt ein weit überdurchschnittliches Sozialverhalten an den Tag und verteilt in der Pause immer seine Stullen und seinen Pausentee unter den Mitschüler – und zwar nicht nur seiner Klasse, sondern der ganzen Schule. Im Deutschunterricht besticht er durch eine sehr ausgeprägte Phantasie und unterhält die Klassengemeinschaft mit selbstausgedachten Geschichten, die er als Gleichnis bezeichnet. Bedenklich ist allerdings sein Mangel an Respekt gegenüber Obrigkeiten und Vorschrift. So weigert sich der kleine Jesus beispielsweise beharrlich, das Schwimmen zu erlernen, sondern läuft stattdessen über das Wasser.“

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

2 commentaires sur “Nomen est omen – Die Qual der Namenswahl

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