Sardinien 2017 – Tag 8: Von frühen Strandbesuchen, professionellen Strandbehausungen und druffen Hippies im Tal des Mondes

Es ist 7.30 Uhr und wir sitzen im Auto auf dem Weg zum Strand. Nein, Sie haben sich weder verlesen noch sind sie auf dem falschen Blog gelandet. Wir haben es tatsächlich geschafft, zu früher Stunde loszukommen, um den italienischen Strandbesuchern ein Schnippchen zu schlagen. (‚Ein Schnippchen schlagen‘ – eine Formulierung, die wahrscheinlich das letzte Mal vor Erfindung des Internets benutzt wurde.)

Immer wieder Sonntags.

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Heute fahren wir allerdings nicht zu unseren liebgewonnenen Freunden von der Spiaggia Rena Bianca, sondern nach Capo Testa, einer Halbinsel knapp neun Kilometer von Porto Quadro entfernt. Dort soll es auch wunderschöne Strände geben und durch unsere frühe Abfahrtszeit wollen wir einerseits verhindern, dass wir als Parkplatz Prekariat enden, das sein Auto irgendwo in der Wildnis abstellen muss, und es andererseits schaffen, uns einen Platz auf dem Sandstrand zu sichern, damit wir nicht irgendwo in der Wildnis direkt neben unserem Auto liegen müssen.

Gegen kurz nach 8 steuern wir einen Strand an, der uns einladend erscheint. Er ist mit knapp 80 Metern Länge und vielleicht 20 Metern Tiefe nicht besonders groß, aber um diese frühe Uhrzeit tatsächlich noch fast menschenleer. Ein sehr ungewohnter Anblick für uns. Fast schon befremdlich. Möglicherweise ist der Sand mit Quecksilber verunreinigt und das Wasser wird als örtliche Kläranlage benutzt und wir sind die Einzigen, die nichts davon wissen.

Strand-Schild-Design inspired by LSD.

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Diese Vermutung bestätigt sich allerdings nicht, denn kaum haben wir unsere Handtücher ausgebreitet, strömen Menschenmassen wie bei einem Spiel der italienischen Nationalmannschaft auf den Strand. Dies ermöglicht uns einmal aus nächster Nähe zu beobachten, wie generalstabsmäßig Italiener ihre Liegeplätze präparieren.

Neben uns baut eine Familie, bestehend aus den beiden Eltern sowie drei mehr oder weniger erwachsenen Kindern, ihr Lager auf. Decken werden ausgelegt, Steine gesammelt, um die Decken zu beschweren, Liegestühle aufgestellt, ein Sonnenschirmständer professionell in den Sand gedreht und danach der dazugehörige Schirm in den Ständer gesteckt.

Es würde mich nicht wundern, wenn der Familienvater noch ein wenig Mörtel anrühren würde, um ein paar provisorische Mauern hochzuziehen. Stattdessen hängt er verschiedene Gegenstände in den Sonnenschirm: T-Shirts, Badehosen, Sonnenmilch und ein Radiogerät, aus dem italienische Schlagermusik dudelt. Zum Abschluss drapiert er in den Speichen des Schirms einen Karton mit Pizza. Ich verliebe mich spontan in den Mann. Zu meinem großen Bedauern mangelt es mir an dem Vokabular und an den Grammatikkenntnissen, um ihn zu fragen: „Würden Sie mich adoptieren? Oder heiraten?“

Während neben uns die Strandhütte errichtet wurde, hat sich der Strand immer weiter gefüllt, so dass die Besucherdichte um halb neun irgendwo zwischen industriellem Legehennenbetrieb und Tokioer U-Bahn zur Rush Hour liegt.

Andere Orte haben auch schöne Strände.

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Im Internet wurde der Strand als besonders familienfreundlich angepriesen, was zur Folge hat, dass sehr viele Kinder unter den Strandbesuchern sind. Hinter uns hockt ein Baby, isst fröhlich Sand und lacht uns zahnlos an. Die Frau lächelt zurück und ich kann förmlich sehen, wie die Hormone tsunamiartig durch ihren Körper schießen. Zugegebenermaßen verspüre ich auch bei mir einen leichten Milcheinschuss.

Allerdings ersticken die anderen Kinder am Strand sofort den Wunsch nach weiterem Nachwuchs im Keim. Möglicherweise liegt der Strand direkt auf einer Wasserader oder ist Feng-Shui-mäßig nicht optimal ausgerichtet. Auf jeden Fall sind die Kinder alle ein wenig unentspannt. Es wird geheult, geplärrt und geschrien, dass sich eine Geräuschkulisse à la Wacken ergibt. Wenn man aber die Augen schließt, ist es gar nicht so schlimm. Dann hören sich die zeternden italienischen Kleinkinder nämlich an wie Minions.

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Der Sohn und ich versuchen uns ein wenig im Beach-Tennis, aber das Wasser ist zu voll und der Boden zu steinig und glitschig, was sich alles negativ auf unsere Feinmotorik und koordinativen Fähigkeiten auswirkt. Deswegen sind wir nicht in der Lage unseren diesjährigen Urlaubs-Beach-Tennis-Rekord, der ohnehin nur bei dürftigen 26-mal ununterbrochenem Zuspielen liegt, zu verbessern. Auch der Liegebereich hält nicht unseren eher geringen Ansprüchen stand, denn hier ist es wesentlich lauter als am Strand in Santa Teresa Gallura, obwohl sich hier viel weniger Menschen aufhalten. Wahrscheinlich sind die Touristen von Capo Testa einfach weniger diszipliniert, was die Einhaltung der rigorosen sardischen Strand-Regeln angeht.

Nach ungefähr vier Stunden haben wir genug vom Sonnenbaden und Planschen im Wasser. Die Frau und ich verkünden den Kindern, dass wir jetzt alle gemeinsam eine kleine Wanderung ins Valle della Luna (Tal des Mondes) unternehmen, das hier ganz in der Nähe liegen soll. Tochter und Sohn könnten nicht entsetzter blicken, wenn wir ihnen mitgeteilt hätten, im nächsten Urlaub den Jakobsweg von den Pyrenäen aus bis nach Santiago de Compostela abzulaufen. Die beiden schauen wie drei Tage Regenwetter. („Wie drei Tage Regenwetter schauen“– eine Formulierung, die wahrscheinlich das letzte Mal vor Erfindung des Internets benutzt wurde. Direkt nach der letzten Verwendung von ‚Ein Schnippchen schlagen‘.)

Als wir gerade aufbrechen, spricht uns einer der fliegenden Händler an und will uns für seine Kollektion von Stoffarmbändchen begeistern. Ich lehne dankend ab, denn ich schätze meinen Coolnessfaktor realistisch als zu niedrig ein, um modischen Armschmuck zu tragen. Der Händler lässt aber nicht locker und fragt nun, ob er unsere „beautiful daughter“ ehelichen dürfe. Im Gegenzug verspricht er uns ein kostenloses Armband. Ein unangemessen niedriges Angebot, wie ich finde, kostet so ein Kind seine Eltern bis zu seinem 18. Lebensjahr doch immerhin rund 130.000 Euro. Daher schlage ich ihm seinen Wunsch höflich ab und wir verlassen den Strand.

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Das Valle della Luna war uns von der Dame bei der Autovermietung empfohlen worden. In dem Tal soll es spektakuläre Gesteinsformen und Granitblöcke aus der Römerzeit geben. Außerdem erfreute sich der Ort schon in den 70er-er Jahren bei den Hippies, die dort mit alternativen Lebensformen, Drogen und freier Liebe experimentierten, sowie bei Freunden des FKK große Beliebtheit. Daher erhoffe ich mir von dem Besuch nostalgisch-verklärte Erinnerungen an eine wilde Jugend, die ich nicht hatte, und finde, dass man die Strecke von rund zwei Kilometern ruhig auf sich nehmen kann. Die Kinder sind da anderer Ansicht und trotten lustlos hinter uns her, als wären sie die neuen Werbeträger von Sanostol.

Zugegebenermaßen ist der Weg ins Valle della Luna recht beschwerlich. Er ist steil, die Temperaturen sind heiß und wir müssen zunehmend über wackelige Steinpfade klettern. Unser Marsch ist ungefähr so attraktiv wie die Reise von Frodo und Sam nach Mordor, um den Ring im Schicksalsberg zu zerstören. (Allerdings werden wir nicht ganz so häufig von Orks, Uruk-hais und Gollum attackiert wie die beiden Hobbits.) Da die Frau und ich uns diese Unbill eingebrockt haben, dürfen wir uns nichts anmerken lassen Vielmehr müssen wir durch eine oscarreife schauspielerische Leistung Frohsinn und Heiterkeit vortäuschen, während wir überlegen, ob man sich nicht auch im Internet ein paar schöne Bilder vom Valle della Luna hätte anschauen können, während man auf der Terrasse im bequemen Liegestuhl sitzt und dazu kalten Aperol Spritz trinkt.

Nach dreißig Minuten Fußmarsch werden wir aber für unsere Mühen mehr als entschädigt. Das Valle della Luna bietet uns eine faszinierende Felsenlandschaft, die aussieht, als handelt es sich um eine Außenstelle der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg. Nur ohne laiengeschauspielerte Indianer und Explosionen am laufenden Band.

Alternativ könnte es sich auch um ein ‚Fünf Freunde‘-Film-Set handeln. Man erwartet, dass jeden Moment Julian, Dick, George und Anne sowie ihr hündischer Kumpane Timmy aus einer der Höhlen geklettert kommen, wo sie sich vor irgendwelchen Ganoven verstecken. Stattdessen werden die Felsvorsprünge von allerlei wilden Campern, jugendlichen Aussteigern und sinnsuchenden Hippies benutzt.

La Valle della Luna: Außenstelle der Karl-May-Festspiele oder „Fünf Freunde“-Film-Set. Man weiß es nicht.

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Einige von ihnen sitzen am Eingang des Valle della Luna an einem klapprigen Plastiktisch und ihre übertrieben gute Laune, ihre Lautstärke und ihr gesamtes Gebaren lassen auf den ausgiebigen Konsum alkoholischer Getränke sowie von Rauchwaren, die man nicht im normalen Tabakgeschäft bekommt, schließen. Entsprechend mutmaßt die Frau, dass „die Hippies auf irgendwas druff seien“. Danach muss sie dem Sohn erklären, was Hippies sind, was der Ausdruck „auf irgendwas druff“ bedeutet und warum Alkohol und Drogen nur mit Vorsicht zu genießen sind.

Der absolute Höhepunkt des Valle della Luna ist das Meer, das kraft- und machtvoll in die Bucht gischtet. Seine Farbe ist von derart atemberaubend schönen Blautönen, dass mir die Worte fehlen, um dies angemessen zu beschreiben.

Mehr Meer geht wirklich nicht.

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Wahrscheinlich gibt es im Sardischen so viele Wörter für die Farbe Blau, wie bei den Inuit für Schnee. Oder unter Urologen für Gelb, um die Farbe von Urin präzise zu benennen.

Die Tochter betrachtet das Valle della Luna eher nüchtern. Es seien halt Felsen und Wasser, wie an dem anderen Strand auch. Objektiv-naturwissenschaftlich betrachtet, hat sie damit natürlich recht, aber diese Abgeklärtheit deutet wohl auch darauf hin, dass ihr keine große Karriere als Dichterin und Literatin bevorsteht. Entsprechend trifft mein Vorschlag, das nächste Mal könnten wir einfach vierzehn Tage im Valle della Luna zelten, auch nicht auf ihre Zustimmung.

Während die Frau und ich von der Schönheit des Ortes beseelt sind, ist den Kindern irgendwann langweilig und sie drängen zum Aufbruch.

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Nachdem wir von unserem Tagesausflug zurück sind, setzen wir uns auf die Terrasse und trinken Kaffee. (Wir haben diesbezüglich ja immer noch einen gewissen Nachholbedarf.) Plötzlich taucht eine streunende Katze auf und schickt sich an, unsere Wohnung zu betreten. Herrisch befehle ich ihr, gefälligst zu verschwinden, und zu meiner eigenen Überraschung zieht sie tatsächlich von dannen.

Der Sohn schaut mich bewundernd an, denn so viel Autorität hat er mir anscheinend gar nicht zugetraut. Es wäre schön, wenn er mal so bereitwillig reagierte, wenn ich ihn auffordere, sein Zimmer aufzuräumen. Aber in so einem barschen Tonfall, wie ich ihn gegenüber der Katze angeschlagen habe, darf man mit seinen Kindern heutzutage ja gar nicht mehr reden. Das ist nur noch im Straßenverkehr erlaubt.

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Beim Abend gehen unsere kulinarischen Pasta-Festspiele weiter. Heute gibt es Ravioli. Aber nicht aus der Dose, wie man sie zu Studentenzeiten gefuttert hat, wenn man nachts (beziehungsweise am frühen Morgen) stark alkoholisiert von einer Party nach Hause kam, sondern frisch aus der Kühltheke des Supermarkts unseres Vertrauens.

Der Höhepunkt des obligatorischen Kniffelspiels besteht darin, dass der Sohn versehentlich die Würfel anstatt in den Würfelbecher, in sein Wasserglas wirft. Dass ich mit 132 einen neuen Low-Score für diesen Urlaub – wenn nicht gar für alle Zeiten – aufstelle, ist dagegen nicht weiter erwähnenswert. Auf jeden Fall werde ich morgen den Tisch abschleifen müssen, da es insbesondere an meinem Platz einige Unebenheiten zu geben scheint, die sich ungünstig auf das Fallen der Würfel auswirkt.

Gute Nacht!

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Alle Teile des Sardinien-Tagebuchs finden Sie hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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