Sardinien 2017 – Tag 9: Von weniger betretenen Laufwegen, Textilvergehen im Wellengang und Würfel-Exorzismus

Es ist kurz nach halb acht und ich liege schlaftrunken im Bett. Der Innere Schweinehund streichelt zärtlich meine Schulter und flüstert mir ins Ohr: „Schlaf noch ein bisschen. Das hast du dir verdient. Und nachher trinken wir einen leckeren Kaffee und essen eine dicke Nutella-Stulle.“ Plötzlich verwandelt sich das sanfte Streicheln in ein eher unsanftes Rütteln. Es dauert einen Moment, bis ich merke, dass es sich gar nicht um den Inneren Schweinehund, sondern um die Frau handelt. Da sie immer vor mir wach ist, hatte ich sie gestern Abend gebeten, mich heute Morgen zum Laufen zu wecken.

Der Montag ist doch auch nur ein ganz normaler Wochentag. Zumindest im Urlaub.

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Etwas später schnaufe ich den obligatorischen Anstieg an unserer Ferienwohnung hinauf und mutmaße, dass die Frau mich gar nicht mehr liebt. Sonst hätte sie mich nicht geweckt, sondern ausschlafen lassen und mir dann ein üppiges Frühstück am Bett serviert. (Man wird ja noch träumen dürfen. Vor allem, wenn man in der Morgensonne die sardischen Hügel hoch und runter läuft.)

Heute begegnet mir beim Laufen zwar nicht wieder der Straßenhund, dafür aber die streunende Katze von gestern Nachmittag. Sie scheint immer noch ob meines barschen Tonfalls, den ich ihr gegenüber angeschlagen hatte, verstimmt zu sein, denn kaum sieht mich aus der Ferne, beginnt sie vorwurfsvoll und anklagend zu miauen. Als ich auf gleicher Höhe bin, dreht sie demonstrativ ihren Kopf weg und zeigt mir die kalte Schulter. Im Ignorieren von Menschen sind sardische Wildkatzen anscheinend genauso versiert wie ihre domestizierten Artgenossen.

Kurz bevor ich in die Straße abbiege, die nach Santa Teresa Gallura führt, überlege ich mir spontan, heute mal einen anderen Weg zu wählen. Für die geistige Frische ist es ja wichtig, ab und an seine eingeschliffenen Routinen zu durchbrechen. Dadurch macht man neue Erfahrungen und erweitert seinen Horizont. Da halte ich es ganz mit Robert Frost, der in einem Gedicht folgendes geschrieben hat:

„Im Wald zwei Wege boten sich mir dar,
und ich ging den, der weniger betreten war.
Und das veränderte mein Leben.“

Ich weiß gar nicht mehr, woher ich diesen Sinnspruch kenne. Sicherlich nicht aus der Schule. Wahrscheinlich aus ‚Der Club der toten Dichter‘. Da wird ja eine philosophische Lebensweisheit nach der anderen rausgehauen. Und es wird gecarpediemt, was das Zeug hält, bis zum Abwinken O-Captain!-Mein-Captaint und bis zum Abwinken und pausenlos auf Tische gestiegen.

Meine neue unbekannte Strecke, die vielleicht nicht mein Leben verändern, aber immerhin für meine geistige Frische sorgen soll, ist die Straße Richtung Strand von La Marmoratina sein. Die erweist sich allerdings als sehr steil, kurvig und beschwerlich. Wenn Robert Frost gewusst hätte, dass sein weniger betretener Weg eine Serpentinenstraße mit einer Steigung von mehr als zwölf Prozent ist, hätte er wohl nicht so ein dummes Zeug gefaselt. Meine neue Erfahrung, die mir die unbekannte Strecke liefert, ist, dass es noch viel steilere Hügel auf Sardinien gibt, als ich bisher wusste, und meine Horizonterweiterung besteht darin, dass ich sie wirklich nicht hochlaufen möchte.

Der Berg ruft. Keiner ruft zurück.

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Als ich nach rund zehn Kilometern zurück in die Ferienwohnung komme, serviert die Frau mir zwar kein Frühstück ans Bett, aber sie hat, nachdem sie und der Sohn vom Laufen zurückgekommen sind, schon den Frühstückstisch gedeckt und Kaffee gekocht. Da die anderen sehr hungrig sind, setze ich mich ungeduscht an den Tisch und müffel wie ein rolliges Mufflon. Das riecht für die anderen vielleicht nicht schön, hat aber für sie den Vorteil, dass sie nicht von Fliegen belästigt werden. Die schwirren nämlich alle um mich.

Nach dem Frühstück erledigen die Frau und ich den Abwasch. Ich sinniere darüber, ob wir es in diesem Urlaub wohl noch erleben, dass die Kinder außer ihrem eigenen Geschirr noch andere Sachen freiwillig und ohne Aufforderung abräumen. Die Frau ist skeptisch und meint, höchstens wenn der Urlaub noch vier bis fünf Jahre andauert. Arbeitsrechtlich ist das wohl etwas schwer durchsetzbar und auch meiner Kollegin in der Agentur nicht so einfach zu vermitteln.

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Auf dem Weg zum Meer schlage ich der Tochter vor, wir könnten heute am Strand gemeinsam Musical.ly-Videos aufnehmen, dann würden ihre Follower-Zahlen sicherlich explodieren. Die Tochter teilt meinen Enthusiasmus bezüglich ihrer möglichen Social-Media-Prominenz aber nicht, sondern sieht eher aus, als müsse sie sich sehr zusammenreißen, um keinen hysterischen Anfall zu bekommen. Sie antwortet mit einem sehr deutlich akzentuierten „Neihein!“, was übersetzt so viel heißt wie „Auf gar keinen Fall, eher versenke ich mein Handy im Meer.“

Obwohl wir erst um viertel vor zwölf die Spiaggia Rena Bianca erreichen, also so spät wie noch nie, finden wir einen sensationell guten Liegeplatz. Mit Platz für zwei Handtücher, mehr als fünfzehn Zentimetern Abstand auf jeder Seite zu anderen Strandbesuchern und nur unweit vom Wasser entfernt. Wahrscheinlich hat der Strand gemerkt, dass wir gestern in Capo Testa waren und buhlt jetzt um unsere Gunst.

Tag am Meer.

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Vielleicht sind aber einfach nur weniger Leute da, weil es heute ein wenig windiger als sonst ist. Dafür gibt es aber zur Begeisterung der Kinder einen hübschen Wellengang, der maximales Badevergnügen verspricht.

Nach gut 45 Minuten ist meine erste Schicht der Liegeplatz-Bewachung beendet. Die Frau kommt aus dem Wasser und meint ich solle jetzt reingehen, damit die Kinder nicht alleine in den hohen Wellen spielen. Dass ich im Meer auf die beiden aufpassen soll, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn Tochter und Sohn haben im Vergleich zu mir die wesentlich höheren Schwimmabzeichen vorzuweisen. Während die beiden im Alter von sieben oder acht Jahren die Silber-Prüfung abgelegt haben, steht bei mir mit 42 lediglich das Seepferdchen zu Buche. Und das habe ich damals auch nur bekommen, weil der Bademeister, der bei mir die Prüfung abnahm, ein Bekannter meines Vaters war. (Ich möchte auch nicht ausschließen, dass zusätzlich Geld mit ihm Spiel war.)

Während die Kinder ausgelassen und ausdauernd im Wasser spielen als seien sie ‚Waterworld‘-Komparsen, habe ich ein eher distanziertes Verhältnis zum nassen Element. Die Beziehung zwischen dem Schwimmen und mir ist eine Beziehung voller Frustrationen, Missverständnisse und Enttäuschungen. Ich tauche nämlich nicht gerne mit dem Kopf unter Wasser, was beim Schwimmen nicht gerade hilfreich ist. Um es kurz zu machen: Ich mag das Schwimmen nicht sonderlich und ich glaube, diese Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Das Schwimmen empfindet es wahrscheinlich als rufschädigend, wenn ich mich im Wasser aufhalte und Schwimmbewegungen mache.

Da der Strand von Santa Teresa Gallura aber sehr flach ins Meer geht, kann ich mich sehr gut darin aufhalten und vermeiden, mit dem Kopf unterzutauchen. Selbst bei den heutigen Wellen, die immerhin bis zu anderthalb Meter hoch sind. Um den Kindern zu imponieren stürze ich mich wie der Hulk in die Wellen und stoße dabei markerschütternde Schreie aus. Der Tochter und dem Sohn ist das aber eher peinlich. Möglicherweise weil der Hulk gar nicht das dreigestrichene C brüllt und dabei fast die Scheiben in ganz Santa Teresa Gallura zum Platzen bringt.

Der hohe Wellengang stellt einen auch vor textile Herausforderungen. Anscheinend habe ich nämlich meine Badeshorts nicht fest genug zugebunden und als drei Wellen kurz hintereinander über mir zusammenbrechen, kommt es – um es nett zu umschreiben – meinerseits fast zu einem Verstoß gegen das am Strand geltende FKK-Verbot. Mit einer Speedo-Badehose wäre das sicherlich nicht passiert.

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Nachdem sich die Kinder mehrere Stunden im Wasser ausgetobt haben, beschließen wir aufzubrechen und uns auf dem Weg zum Auto noch ein Eis zu kaufen. Allerdings gehen wir diesmal zu einer anderen Gelateria, bei der die Kugeln nur halb so viel kosten wie in der Eisdiele, in der wir bisher immer waren.

Unser tägliches Eis gib uns heute.

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Zu meiner eigenen Überraschung bestelle ich unsere Eissorten sehr souverän und flüssig auf Italienisch oder zumindest in einer Sprache, die ich für Italienisch halte. Aber der Eisverkäufer scheint mich zu verstehen und wir erhalten tatsächlich die von uns ausgesuchten Sorten.

Als wir unser Eis haben, stellt die Tochter fest, dass die Kugeln nur halb so groß seien wie in dem anderen Laden. Da sollten wir besser beim nächsten Mal wieder dorthin gehen. Ich erkläre, es reiche doch, wenn wir kleinere Portionen äßen, was die Frau wiederum zu der Frage veranlasst, ob ich fände, dass wir zu fett seien.

Wer schon längere Zeit in einer Partnerschaft lebt, weiß, dass dies eine der Fragen ist, die man immer mit „Nein“ beantworten muss und zwar in einer Reaktionszeit von weniger als einer hundertstel Sekunde, sonst findet die nächste Unterhaltung über Scheidungsanwälte statt. Zu den Fragen, die immer unverzüglich mit „Nein“ beantwortet werden müssen, zählen unter anderem:

„Sehe ich aus wie meine Mutter?“
„Findest du, dass mein Haaransatz grauer geworden ist?“
„Ist Größe wirklich nicht wichtig?“

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Weil wir uns nun schon in der zweiten Urlaubswoche befinden, wird es allmählich Zeit, ans Postkartenschreiben zu denken. Allerdings muss ich nach dem Besuch mehrerer Souvenirläden feststellen, dass es in Santa Teresa Gallura gar nicht so einfach ist, hübsche Ansichtskarten zu erwerben. Anscheinend gibt es auf Sardinien ein Sozialprojekt, bei dem blinde Menschen Fotos von Sehenswürdigkeiten und Stränden machen dürfen, die dann im Rahmen einer Integrationsmaßnahme von Langzeitarbeitslosen, die über keinerlei Computerkenntnisse verfügen, mittels Photoshop zu Postkarten-Motiven bearbeitet werden. Nach längerem Suchen finde ich wenigstens ein paar Karten, die bei den Empfängern nicht den Eindruck erwecken, man wolle sie damit persönlich beleidigen.

Immer noch euphorisiert durch meine eloquente Eisbestellung, versuche ich mich in einem der Souvenirladen zu erkundigen, ob sie auch Briefmarken verkaufen. Laut Google Translator heißen die im Italienischen „francobolli“ und ich bin mir etwas unsicher, ob mir mein Smartphone einen Streich spielen will. Für mich hört sich das eher wie ein altmodisches Schimpfwort an. So wie Galgenschwengel oder Blödmannsgehilfe. Da mich die Verkäuferin aber nicht ohrfeigt, scheint es die korrekte Vokabel zu sein. Allerdings führt mich das nicht näher zu den erwünschten, Briefmarken, denn der Laden führt keine. Dem Wortschwall, den ich der Frau mit meiner Frage entlocke, entnehme ich aber das Wort „Tabacchi“, woraus ich schließe, dass ich dort Briefmarken bekommen kann. Nachdem ich alle Kioske am Marktplatz abgeklappert und mit meiner „francobolli“-Frage belästigt habe, habe ich immer noch keine Briefmarken. Möglicherweise gibt es das Wort doch nicht und die lokalen Einzelhändler fragen sich, wer dieser Kauz ist, der sie mit irgendeiner Phantasiesprache belästigt.

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Als wir zurück in unserem Appartement sind, stelle ich fest, dass ich heute vergessen habe, meine weiße Kappe aufzuziehen. Das erste Mal am neunten Urlaubstag. Eigentlich keine schlechte Bilanz. Allerdings juckt meine Kopfhaut ein wenig.

Die Frau meint, ich hätte außerdem meine Geheimratsecken heute Morgen nicht richtig eingecremt und jetzt seien die voll rot. Es ist mir schleierhaft, was sie mit Geheimratsecken im Zusammenhang mit meiner Person meint. Ich gehe davon aus, dass sie heute selbst zu lange ohne Kopfbedeckung am Strand saß. Jetzt hat sie einen Sonnenstich und redet wirres Zeug. Schlimm!

Beim Kniffeln nimmt mein Würfelpech allmählich absurde Züge an und ich belege inzwischen den letzten Platz in der Gesamtwertung. Dafür hat die Tochter, seit sie vor ein paar Tagen die Gesamtführung übernommen hat, wesentlich mehr Spaß am abendlichen Würfeln als noch zu Beginn des Urlaubs. Trotzdem werde ich morgen einen katholischen Priester bestellen, der eine traditionelle Teufelsaustreibung an den Würfeln durchführt.

Gute Nacht!

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Alle Teile des Sardinien-Tagebuchs finden Sie hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

4 commentaires sur “Sardinien 2017 – Tag 9: Von weniger betretenen Laufwegen, Textilvergehen im Wellengang und Würfel-Exorzismus

  1. Sonnige Grüße aus dem ebenfalls sehr warmen Sachsen Anhalt. Es ist schon zur morgendlichen Routine geworden ihren Blog und die familiären Urlaubserlebnisse zu lesen. Mit einem Schmunzeln im Gesicht und der Kaffeetasse in der Hand, wünsche ich Ihnen noch einen schönen Resturlaub und weiterhin genug Motivation, den morgendlichen Schweinehund an der kurzen Leine zu halten 😊.
    LG Marina Landeck

  2. Ich mag deine Geschichten wirklich sehr! Was ich mich aber frage: warum laufen du und deine Frau immer getrennt?
    Mach weiter so!!! :)

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