Griechenland 2016 – Tag 2: Von hündischen Laufbegleitern, chilligen Strand-DJs und Einhand-Kniffeln

Es ist 6.30 Uhr und ich bin hellwach. Wahrscheinlich eine Art senile Urlaubsbettflucht. Allerdings ohne aufs Klo zu müssen.

Trete auf den Balkon, um zu sehen, was der Tag klimatisch und meteorologisch so bringen wird. Der Himmel ist leicht bedeckt, es weht ein laues Lüftchen und die Temperaturen liegen bei knapp 20 Grad. Eigentlich ideale Bedingungen, um Laufen zu gehen. Also, wenn es im Urlaub morgens um halb Sieben überhaupt ideale Laufbedingungen geben kann.

Aber wer abends Feta und Moussaka mit fettreicher Béchamelsauce in industriellen Mengen verzehrt und dazu ordentlich Bier trinkt, der muss halt morgens laufen. Ein den Körperkult unangemessen überhöhendes Postulat, das eigentlich kultur- und gesellschaftskritisch hinterfragt gehört, aber durchaus seine Berechtigung hat, möchte man doch nach 14 Tagen Urlaub nur ungern die Heimreise als Moby-Dick-Look-Alike antreten.

Ziehe also meine Sportklamotten an und begebe mich zur Straße, in der Hoffnung, unterwegs irgendwo meine Laufmotivation zu finden. Schlage einen kleinen Feldweg ein, der einen wenig befahrenen Eindruck macht, was das Risiko minimieren sollte, überfahren zu werden. Habe nämlich gestern festgestellt, dass die griechischen Autofahrer es mit Geschwindigkeitsbegrenzungen außerorts nicht ganz so genau nehmen. Es wäre mir schon sehr unrecht, gleich am zweiten Urlaubstag als Roadkill zu enden, wo die Unterkunft doch schon komplett bezahlt ist.

Während ich den staubigen Weg entlangjogge, denke ich an meinen Bonner Freund. In den letzten gemeinsamen Urlauben liefen wir immer zusammen. Das war sehr schön. Wir synchronisierten unsere stampfenden Schritte, unser leicht ins Asthmatisch spielende Schnaufen und unseren ausschweifenden Armschwung. Wir wurden quasi eins: Ein Läufer mit vier Beinen. Aber leider nicht mit doppelter Geschwindigkeit. Und auch nicht mit doppelter Kondition.

Alleine zu laufen, ist dagegen etwas langweilig. Beschließe daher am Strand weiterzujoggen. Das haben der Bonner Freund und ich auch immer gemacht. Und solche Traditionen muss man pflegen, auch wenn man alleine ist. Obgleich ich feststellen muss, dass die nostalgisch verklärten gemeinschaftlichen Strandläufe der Vergangenheit wesentlich angenehmer sind als mein Taumeln und Stolpern auf dem sandigen Untergrund in der Gegenwart. Mir vor Augen führend, doch einige Kilo von meinem Laufidealgewicht entfernt zu sein, versinke ich bei jedem Schritt tief in dem feinen Sand und bewege mich permanent am Rande eines Bänderrisses. Ob unsere Auslandskrankenversicherung wohl einen Helikoptertransfer von Psakoudia nach Berlin übernimmt?

Nach knapp zwei Kilometern erreiche ich ein paar Strandbungalows. Dort begrüßen mich bellend zwei Hunde und umspringen mich. Der eine knapp kniehoch, der andere ungefähr wadenhoch. Beide haben so viele Rassen in sich vereint, dass eine genaue Bestimmung nicht mehr möglich ist.

Laufbegleitung. Knuffig oder knurrig? Man weiß es nicht.

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Um die zwei nicht auf die Idee zu bringen, in meine Haxen zu beißen, drossele ich mein Tempo. Die Hunde werden ebenfalls langsamer und schauen mich interessiert an. Erhöhe meine Geschwindigkeit wieder und die beiden werden ebenfalls schneller. So geht das die nächsten 500 Meter. Schnell, langsam, schnell, langsam. Irgendwann wird das dem größeren Hund zu doof und er verzieht sich.

Das freut den kleineren Hund außerordentlich, der mich jetzt ganz für sich alleine hat. Er beginnt, nach meinen Schuhen zu schnappen und sich in meine Schnürsenkel zu verbeißen. Überlege kurz, ihn an den Hinterläufen zu packen und ins Meer zu schleudern. Habe aber Sorge, dass die Töle mich beißen könnte. Bilder erscheinen in meinen Kopf, wie ich tollwutinfiziert am Strand hause, mich von rohem Fisch ernähre und einen nur noch halb mit Luft gefüllten Wasserball meinen besten Freund nenne. (Tom Hanks hat für eine ähnliche Rolle immerhin einen Oscar bekommen.)

Versuche, den Hund irgendwie loszuwerden. Um ihm meine Waden nicht als attraktives Beißobjekt zu präsentieren, bewege ich mich ganz langsam rückwärts Richtung Strandappartements. Ein schnelles Tempo wäre ohnehin nicht möglich, da das Vieh immer noch an meinen Schnürsenkeln hängt.

Als wir endlich an seinem Zuhause vorbeikommen, lässt der Hund von mir ab und rennt zu seinem Herrchen. Ein grauhaariger, übergewichtiger Mann, der in einem Liegestuhl sitzt und Zeitung liest. Zur Begrüßung krault er dem Hund freundlich den Kopf. Dann ruft er mir irgendetwas auf Griechisch zu. Wahrscheinlich „Keine Angst, der will nur spielen.“

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Beschließe, dass ich nach meinem canidaeschen Erlebnis für heute genug gejoggt bin und laufe nur noch Richtung Bäcker, um fürs Frühstück einzukaufen.

Baking Bad. Der Backwaren-Dealer des Vertrauens.

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Als guter Gast möchte ich meine Bestellung selbstverständlich in der Sprache des Urlaubslandes aufgeben. Schlage daher bei Google Translate nach, was „Guten Tag, ich hätte gerne vier dieser wundervoll duftenden Brötchen.“ auf Griechisch heißt. Kann die griechische Schrift aber nicht entziffern und auch die Darstellung in lateinischen Buchstaben hilft mir nicht wirklich weiter.

Google-Translate

Lasse mir daher den Satz vorspielen. Auch nach dem dritten Mal hört es sich aber für mich wie ein Keuchhustenanfall eines stark lispelnden Menschen an. Muss also schweren Herzens auf meine Geste zur Pflege der deutsch-griechischen Freundschaft verzichten.

Betrete den Laden, wo mich eine Frau mit einem Wortschwall herzlich begrüßt. Habe keinen blassen Schimmer, was sie gesagt hat. Da mir aber aus meinen letzten Urlauben der Kauf von Backwerken in fremden Kulturkreisen nicht unbekannt ist, gehe ich davon aus, dass sie gefragt hat, was ich gerne haben möchte. Entdecke im Regal die köstlich-fluffigen Weißbrote von gestern und entscheide mich dafür, vier Laibe zu kaufen. Schließlich heißt es nicht umsonst: „Never change a tasty bread.“ Oder wie es die CDU der 50er Jahre ausdrückte: „Keine Experimente!“ Ja, ich gebe es zu, bei der Wahl der Frühstücksbackwaren bin ich durchaus konservativ.

Nachdem ich Bestellung und Bezahlung pantomimisch über die Bühne gebracht habe, kehre ich zurück zu unserem Ferienhaus.

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Zum Frühstück hat die Frau einen Teller mit geschnittenen Nektarinen vorbereitet. Damit wir mal ein paar Vitamine zu uns nehmen. Sie erklärt, außerdem habe sie dieses Jahr noch keine einzige Nektarine gegessen. Bei mir wäre die Aussage auch dann noch zutreffend, dehnte man den Zeitraum auf fünf Jahre aus. Um den Kindern aber ein gutes Vorbild in Sachen ausgewogener Ernährung zu sein, greife ich beherzt zu, bevor ich mein Weißmehl-Brötchen fingerdick mit Schokocreme beschmiere.

Während wir essen, gebe ich in dramatischen Worten meine Hundegeschichte von heute Morgen zum Besten. Der Rest der Familie nimmt sie aber mit einem fast schon erschütternden Mangel an Interesse und Mitgefühl zur Kenntnis. (Obwohl der Hund in meiner Erzählung die Größe einer Dänischen Dogge hat.) Anscheinend sind sie nicht offen für moderne Heldenepen, wie sie nur beim Joggen am Strand geschrieben werden.

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Nach dem Frühstücken geht es wie schon gestern ans Meer. Da es immer noch etwas bewölkt ist, sind an der Strandbar noch etliche freie Liegen vorhanden. So können wir uns in der ersten Reihe direkt am Wasser niederlassen.

Kaum haben wir unsere Handtücher ausgebreitet, kommt ein Angestellter der Bar und erkundigt sich, ob wir etwas bestellen möchten. Nachdem ich gestern diese Frage immer konsequent verneint hatte, gibt er mir diesmal subtil zu verstehen, dass das Verweilen auf den Liegen an den kostenpflichtigen Konsum von Getränken und Speisen geknüpft sei. Ordere also für die Frau einen Eiskaffee und für mich einen normalen Kaffee.

Kostenlose Liegen mit Gratis-Getränken und -Speisen? Klingt zu gut, um wahr zu sein.

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Der Kaffee, den er kurze Zeit später bringt, ist so tiefschwarz, dass ich befürchte, er könnte sämtliches Sonnenlicht dauerhaft absorbieren. Und er ist so stark, dass er wahrscheinlich für gewöhnlich vom griechischen Geheimdienst eingesetzt wird, um bei feindlichen Agenten spontane Herzstillstände beizuführen.

Probiere danach, ein wenig zu dösen, was bei einem durch den Kaffee verursachten Ruhepuls von 160 gar nicht so einfach ist. Außerdem wird das Dösen dadurch erschwert, da die verschiedenen Strandbars alle DJs angeheuert haben, die mittels loungiger Elektro-Mucke eine entspannte Atmosphäre herstellen sollen. Was ja auch ganz schön ist, wenn man denn Gefallen an loungiger Elektro-Mucke findet. Finde ich aber nicht.

Außerdem wabert von allen Seiten des Strandes andere Elektro-Sounds herüber, so dass ein eigenartiger, befremdlicher Klangteppich entsteht.

Fühle mich ein wenig wie in einem angesagten Berliner In-Club, wo man sich Sonntagsnachmittags zum Chillen trifft. Nur dass bei uns kein Alkohol und keine Drogen gereicht werden. Das würde diesen akustischen Elektro-Eintopf wenigstens einigermaßen erträglich machen. (Auf anwaltlichen Rat möchte ich hiermit betonen, dass vom Drogenkonsum selbstverständlich abzuraten ist, Drogen keine Macht haben sollen und außerdem verlogen sind.)

Da die DJs sukzessive ihre Lautsprecher dezibelmäßig ausgereizt haben und der Lärmpegel mittlerweile Love-Parade-Niveau erreicht hat, beschließen wir, den Strandtag für heute zu beenden.

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Die Urlaubskasse hat ihr Veto gegen einen erneuten Tavernenbesuch eingelegt und somit müssen wir uns heute Abend selbst versorgen. Wir kochen leicht landestypisch angehaucht Auberginen und Zuccini mit Feta und weil die Kinder dies nur mit ausbaufähigem Enthusiasmus aufnehmen, gibt es dazu noch Tomaten mit Mozarella (was zugegebenermaßen nicht ganz so landestypisch angehaucht ist) und Knoblauchbrot. (Um die Situation der angemessen widerzugeben, sei an dieser Stelle gesagt, dass die Frau das Essen zubereitet, während ich den Chronisten gebe und meine Tagebuchnotizen abtippe. Selbstverständlich gibt dies starke Abzüge in der Gender-B-Note.)

Abendmahl. Fast wie bei Kostas.

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Nach dem Abendessen macht sich das Fehlen eines Geschirrspülers im Ferienhaus unschön bemerkbar. Zuhause jammert man zwar immer über das stets wiederkehrende sisyphoshafte ein- und Ausräumen der Maschine, aber man würdigt doch viel zu selten ihre tägliche Arbeit. (Ein Schicksal, das sie mit Millionen Hausfrauen und einigen wenigen Hausmännern teilt.)

Dies wird mir so richtig klar, während wir in der Küche stehen und mit der Hand abwaschen (die Frau) und abtrocknen (Ich; leicht Verbesserung in der Gender-B-Note). Das schmälert den Urlaubs-Erholungsfaktor ein klein wenig. Dafür ruft es sentimentale Erinnerungen an das Studium hervor, als man sich noch keine Spülmaschine leisten konnte. Wobei man damals auch nicht täglich abwusch, da man eine erstaunlich hohe Toleranzschwelle gegenüber dreckigen Geschirrstapeln in der Spüle hatte. Man empfand die Türme von schmutzigen Tellern, Töpfen und Gläsern eher als eine Art von Installation. Und wenn dann auch noch Fliegen drum herum kreisten, erreichte diese geradezu Beuyssche Qualität und die Küche wurde zur Documenta-Nebenstelle.

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Abends spielen wir zunächst Kniffel. Dem Sohn gelingt dabei ein Einhand-Kniffel und dem gilt es zu huldigen. So schreibt es die deutsche Kniffel-Ordnung von 1831 vor.

Die erste Kniffelrunde des Urlaubs. Mit einem Einhand-Kniffel. Durch den Sohn.

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Anschließend gibt es noch eine Mensch-ärger-dich-nicht-Revanche für den gestrigen Abend. Diesmal gewinnt zunächst die Tochter, aber durch eine Reihe von Regelverstößen, die hier nicht weiter ausgeführt werden können, müssen die Erst- bis Drittplatzierten disqualifiziert und der vormalig Viertplatzierte – das bin zufälligerweise ich – zum Sieger erklärt werden. Erneut lehnt der Rest der Familie meine Regelauslegung ab. Sie wissen schon. Der Neid gegenüber den Erfolgreichen.

Gute Nacht!

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Alle Beiträge des Griechenland-2016-Tagebuchs gibt es hier.

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Für Hannes

Für Hannes

Für Hannes. Der immer für alle da war, aber zu wenig für sich.

 

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

7 commentaires sur “Griechenland 2016 – Tag 2: Von hündischen Laufbegleitern, chilligen Strand-DJs und Einhand-Kniffeln

  1. Endlich nicht nur freitags was zu kichern, sondern jeden Tag! Vielen Dank für die tägliche kurze Auszeit vom Alltag und deine Mühe.

    Wünsche Euch noch einen schönen Urlaub, vielen Fluffy – Brote, gesteigerte Laufmotivation, stabiles und schnelles Internet und Dir einen baldigen regelkonformen Sieg im Mensch-ärgere-dich-nicht. 😉

    • Freut mich, dass dir die Beiträge gefallen. Allerdings verstehe ich das mit dem regelkonformen Mensch-ärgere-dich-nicht-Sieg nicht. Ich habe mich bisher immer an die Regeln gehalten.

  2. Hahaha, wunderbar. Immerhin sieht das Abendbrot doch äußerst lecker aus und du hast andscheinend auch nicht meinen Fehler kopiert und den Kaffee vor dem Trinken umgerührt. Gut so!!
    Weitermachen…

  3. Da freut man sich doch jeden Tag auf die neuesten Erlebnisse. Sehr schön und wie immer sehr unterhaltsam geschrieben.

    Aber was zum Geier ist ein Einhand-Kniffel?

    • Der Begriff Einhand-Kniffel ist etwas irreführend. (Die meisten Menschen würfeln wahrscheinlich ja mit einer Hand.) Eigentlich müsste es Einwurf-Kniffel heißen, da r mit einem einzigen Wurf geworfen wird. Der Begriff Einhand-Kniffel hatte sich aber irgendwann bei uns eingebürgert. (Kommt aber nur äußerst selten bei uns vor.)

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