Bretagne 2015 – Vorbereitung: Von Bretonen, Geheimratsecken und Umkleidekabinen

Noch drei Tage, dann geht es los. Familienurlaub. Zwischen uns und der Erholung liegen nur circa 1.650 km, 16 Stunden Autofahrt und – laut Google Maps – zwölf Baustellen. Es geht wieder nach Frankreich. Wieder in die Bretagne. Wieder nach Esquibien. Wieder ins gleiche Haus. Wie so Rentner.

Berlin - Esquibien. Dieser Weg wird ein weiter sein.

Berlin – Esquibien. Dieser Weg wird ein weiter sein.

Die Bretagne ist als Urlaubsdestination aber auch wirklich zu empfehlen (Allerdings nicht zu sehr, möchte man doch nicht, dass zu viele Touristen kommen.). Die Landschaft ist wunderbar rau, das Wetter abwechslungsreich und spannend (Ein Satz so euphemistisch als wäre er vom bretonischen Fremdenverkehrsamt bestellt.), das Essen vorzüglich und bekömmlich (so lange man sich vom Grillfleisch fern hält), der Wein noch besser und die bretonische Lebensweise ist mit dem Modebegriff Entschleunigung recht passend beschrieben (An dieser Stelle winkt der Rentner wieder fröhlich.). Stress und Hektik sind den Bretonen völlig fremd und auch sonst sind sie entgegen der landläufigen französischen Meinung herzlich und gastfreundlich. Und werden sie doch einmal unwirsch, versteht man sie ohnehin nicht, denn der bretonische Dialekt ist dem Keltischen entlehnt und selbst für Franzosen vollkommen unverständlich. Was mir persönlich herzlich egal ist, da ich sowieso kein Französisch spreche und auch nicht verstehe (Verschiedene Lehrer scheiterten trotz größter Bemühungen, mich in die Geheimnisse der französischen Sprache einzuweihen.).

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Auch dieses Jahr fahren wir gemeinsam mit unseren Freunden aus Bonn und ihren drei Kindern (11, 10 und 4 Jahre) in den Urlaub. Nicht-Eltern erschaudern wahrscheinlich bei dem Gedanken, ihre Ferien mit insgesamt fünf Kindern verbringen zu müssen. Ich kann Ihnen jedoch versichern, es gibt nichts Erholsameres. Die Kinder beschäftigen sich zumeist mit sich selbst und tauchen nur ab und an auf, um Nahrung einzufordern (vor allem Eis und Kuchen).

Im Gegenzug für ihre weitgehende Autonomie müssen die Kinder lediglich Hygiene- und Reinlichkeitsstandards einhalten, die halbwegs der sozialen Norm entsprechen. Wobei alle Eltern auf die kompromisslose Durchsetzung der selbigen verzichten, um allen Beteiligten unnötige Konflikte zu ersparen. Dieses Arrangement hat sich in den letzten Jahren sehr bewährt und garantiert maximale Entspannung.

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Drei Tage vor dem Urlaub stehen die letzten Vorbereitungen an. Die Freundin möchte morgens wissen, ob ich gedenke, vor der Reise noch zum Friseur zu gehen sowie mir neue Badehosen zuzulegen. Männer, die in langjährigen Beziehungen leben, kennen diese in Frageform verpackte Aufforderung, der man besser Folge leisten sollte. Insbesondere wenn in den letzten Wochen schon ähnliche Andeutungen gemacht wurden („Deine alte Badehose, willst du die wirklich mitnehmen?“, „Passt dir die alte Badehose eigentlich noch?“, „Bei H+M gibt es Badehosen im Angebot.“).

Bin dennoch etwas indigniert und bin kurz davor, die Freundin zu fragen, ob sie sich am Strand in meiner Begleitung schämen würde, wenn ich auf Friseurbesuch und Badehosenkauf verzichte? Besinne mich aber eines besseren, da mich 18 Jahre Beziehung gelehrt haben, keine Fragen zu stellen, auf die man keine ehrliche Antwort hören möchte.

Darüber hinaus hat es sich für mich immer als vorteilhaft erwiesen, die subtilen Hinweise der Freundin zu Klamotten und Frisur ernst zu nehmen, verfügt sie doch über ein wesentlich stärker ausgeprägtes modisches Gespür als ich. Was allerdings auch nur bedingt aussagekräftig ist, da mein Stilbewusstsein ungefähr auf dem Niveau einer holsteinischen Milchkuh liegt (möglicherweise auch knapp darunter). Aber sollte sich mal der Clochard-Look durchsetzen, dann kommt modisch gesehen meine große Stunde!

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Mache mich mit ausbaufähiger Laune auf den Weg zum Friseur. Dort sitzt bereits eine Armada betagter Damen und die Friseurinnen ondulieren senioriges dünnes Haar im Akkord. Vertreibe mir die Zeit mit ein paar Hochglanz-Magazinen. Finde dort einige wertvolle Tipps, wie man mit Leichtigkeit zu einer Strandfigur kommen kann. Beziehungsweise in meinem Fall, wie man zu einer Strandfigur hätte kommen können. Wäre man nur maßvoller (Stichwort Essen) und fleißiger (Stichwort Sport) gewesen. Auch nach intensivem Studium der Zeitschriften finde ich kein Programm „Zum Sixpack und Beach-Body in nur 72 Stunden“. Schade eigentlich.

Sitze knapp 30 Minuten später endlich auf dem Barbier-Stuhl Platz. Instruiere die Coffieuse, eine enthusiastische gut gelaunte Zwängzigjährige, präzise über meine Wunschfrisur („Hinten und an der Seite kurz, aber nicht zu kurz, und oben lang, aber nicht zu lang.“). Sie schaut mich verwundert an und hegt womöglich gerade berechtigte Zweifel, ob ich überhaupt die Haare geschnitten haben möchte.

Während sie dynamisch an meinem Haupthaar herumschnippelt, führt sie gekonnt und mit Berliner Charme Small-Talk. Das Wetter in den letzten Wochen war zu heiß, dann zu regnerisch und jetzt ist es zu kühl; der Berliner Flughafen wird nie fertig, was ihr aber egal ist, da sie lieber Zug fährt; die Griechen sollen ihre Schulden selbst bezahlen, Gyros isst sie trotzdem gerne. Ihr Redefluss will einfach nicht verstummen und hat eine leicht sedative Wirkung auf mich.

Nachdem sie mir entlockt hat, dass es demnächst in den Urlaub geht, rät sie mir mit fürsorglicher Miene, ich solle meine Geheimratsecken immer gut einzucremen, um mich vor Sonnenbrand zu schützen. Bin irritiert. Hat sie mich gerade glatzköpfig genannt?

Kurz danach fragt mich der haareschneidende Wortwasserfall, ob sie mir Augenbrauen und Ohrenhaare schneiden solle. Meine Irritation nimmt zu. Hat sie mich jetzt auch noch alt und verlottert genannt? Anscheinend hat sie kein Interesse an Trinkgeld. Erkläre ihr, beides sei nicht nötig. Sie stellt etwas schnippisch fest, sie könne mich ja nicht zwingen. Ihre Miene verrät, dass sie meine in ihren Augen geradezu fatale Entscheidung aufs Schärfste missbilligt.

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Mit in Form gebrachtem und hoffentlich strandtauglichem Haarschnitt verlasse ich kurze Zeit später den Friseur-Salon. Nachdem ich die Pest überlebt habe, muss ich mich nun der Cholera aussetzen: dem Kauf einer Badehose.

Betrete mit wenig Enthusiasmus und noch weniger Motivation das Bekleidungsgeschäft. Stelle fest, dass Mitte Juli die Auswahl im Bademodenbereich nicht mehr ganz so umfangreich ist. Anscheinend haben sich die meisten Menschen schon vor Wochen mit Badehosen eingedeckt und nun fristen nur noch ein paar bedauernswerte Badeklamotten, vor deren Kauf sogar Farbenblinde zurück schreckten, ihr trauriges Dasein in einer dunklen Ecke des Ladens.

Die erste Hose, die ich entdecke, sieht aus, als habe Mark Spitz sie bei den Olympischen Spielen 1972 getragen. Da ich weder über dessen athletischen Körper noch über sein schwimmerisches Talent verfüge, entscheide ich mich gegen einen Kauf. Daneben hängen einige sackartige Badeshorts, die möglicherweise als Strandzelt gut zu gebrauchen sind, aber selbst meinen niedrigen ästhetischen Ansprüchen, die sich im kaum messbaren Bereich befinden, nicht genügen.

Da fällt mein Blick auf einen Ständer mit Restposten. Die Farben und Schnitte der Hosen bewegen sich für mich im modischen Toleranzbereich und der Rabatt von 50 Prozent überzeugt meinen inneren Sparfuchs (Die Kombination von Geiz und schlechtem Geschmack führen selten zu etwas Gutem beim Klamottenkauf. Eigentlich nie.). Wähle drei Badehosen in unterschiedlichen Größen aus: eine in optimistisch-naivem S, eine in hoffend-bangendem M und eine in fatalistischem L.

Begebe mich in eine Umkleidekabine und probiere meine Auswahl an. Die unvorteilhafte Beleuchtung ist schonungslos. Da denkst du Zeit deines Lebens, die Würde des Menschen ist unantastbar, und dann stehst du in einer schlecht sitzenden Badehose in einer grell ausgeleuchteten Umkleide und wirst unbarmherzig eines Besseren belehrt. Ob es größere Menschenfeinde gibt als Lichtdesigner von Umkleidekabinen? Ich kann und möchte es mir nicht vorstellen.

Spiegel und Licht kennen keine Gnade und weisen mich höhnisch darauf hin, dass ein wenig mehr kulinarische und sportliche Disziplin meinerseits im Frühjahr ratsam gewesen wäre. Und im Winter. Und im Herbst. Vielleicht ist es noch möglich, das Ferienhaus in der Bretagne zu stornieren und einen Wanderurlaub in den Alpen zu buchen? Habe in der Kabine leider keinen Handyempfang, so dass ich die Freundin nicht erreiche, um diese interessante Idee mit ihr zu erörtern.

Ergebe mich also meinem Schicksal, erwerbe zwei Badehosen, von denen ich erhoffe, dass sie dem modischen Urteil der Freundin standhalten, und fahre nach Hause.

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Kunden, die diese Artikel kauften, kauften auch das Buch „Guter Typ! Ein Guide für Männer mit Stil“.

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Zuhause angekommen, präsentiere ich der Freundin stolz Frisur und Badehosen. Lasse mich zu der gewagten und sehr mutigen These hinreißen, damit sei ich wohl der am besten aussehende Mann an allen Stränden der Bretagne. Die hochgezogene linke Augenbraue der Freundin signalisiert, dass sie den Wahrheitsgehalt meiner Aussage bezweifelt und meinen unerschütterlichen an Realitätsverlust grenzenden Optimismus nicht teilt.

Und wenn schon. Sollen die Bretonen halt am Strand über mich lästern. Ich verstehe sie ohnehin nicht.

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Alle Artikel der „Bretagne 2015“-Serie finden Sie hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

9 commentaires sur “Bretagne 2015 – Vorbereitung: Von Bretonen, Geheimratsecken und Umkleidekabinen

  1. Ich freue mich jetzt schon auf die täglichen Ferienberichte aus meiner geliebten Bretagne. Habe letztes Jahr schon mit euch gelacht, gelitten, geschmunzelt und kommentiert. Ich wünsche eine gute Fahrt.
    LG Niggelo

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