Eine kleine Wochenschau | KW26-2022

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


27. Juni 2022, Berlin

Der Sohn fährt heute auf Klassenfahrt. Fünf Tage Heidelberg. Unabhängig voneinander fragen meine Frau und ich, ob er genügend Unterwäsche und Socken eingepackt, die Zahnbürste nicht vergessen und an die Regenjacke gedacht hat. (Ja, hat er. Nein, hat er nicht. Braucht er nicht). Irgendwann ist er so genervt, dass sich wenigstens sein Abschiedsschmerz in Grenzen hält.

Pro forma hat meine Frau ihn gestern Abend gefragt, ob wir ihn zum Bahnhof bringen sollen. Der Sohn meinte, dass sei nicht nötig. Wirklich nicht. Ob er es wohl lustig findet, wenn wir trotzdem zum Bahnsteig kommen und ihm vor versammelter Klasse einen Teddy und ein Schnuffeltuch mit den Worten überreichen: „Ohne die schläfst du doch so schlecht ein, Spätzchen.“

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Meine Frau muss auf einer Veranstaltung des Landessportbund Sachsen ein Grußwort sprechen. Entgegen ihrer Vermutung ist es nicht die „absolute Hölle“ und sie kann anschließend sogar noch angeregt mit Silke Renk plaudern, die 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona die Goldmedaille im Speerwerfen gewann.

Ich hatte einen vergleichbaren olympischen Moment mit ungefähr 14 oder 15, als bei uns das neue Schulstadion eröffnet wurde. Eine richtig moderne – und teure – Anlage mit Rasenplatz, Tartanbahn und allerlei anderem Schnick-Schnack, die gebührend eingeweiht werden musste. Dazu kam Guido Kratschmer nach Westerburg. Der hatte 1976 in Montreal die Silbermedaille im Zehnkampf gewonnen und 1980 einen neuen Weltrekord aufgestellt. Tragischerweise kurz nachdem er bei den Olympischen Spielen in Moskau aufgrund des Boykotts der Bundesrepublik nicht starten konnte. 1984 verfolgte ich dann am Fernseher, wie er bei den Spielen in Los Angeles Vierter wurde – hinter dem eleganten Briten Daley Thompson, Jürgen „Mein Schnörres ist schöner als der von Magnum“ Hingsen und Siegfried „Ich bin der schönste Zehnkämpfer aller Zeiten“ Wentz.

Somit hatte ich eine gewisse emotionale Bindung zu Guido Kratschmer, als dieser im Rahmen der Einweihungs-Feierlichkeiten an einem Weitsprungwettbewerb teilnahm. Mit ein paar anderen Schüler*innen war ich als Helfer eingeteilt und ich war dafür verantwortlich, regelmäßig den Sand in der Sprunggrube glatt zu rechen. Das tat ich auch vor dem Versuch von Guido Kratschmer, bei dem er mit einer Weite von über sieben Metern einen Stadionrekord aufstellte, der wahrscheinlich bis heute gültig ist. Durch mein penibles Rechen habe ich für optimale Verhältnisse gesorgt, die diese Leistung überhaupt erst möglich machten. Daher zähle ich den Rekordsprung von Guido Kratschmer bis heute zu meinen größten sportlichen Erfolgen. (Neben dem Sieg bei der Westerwald-Kreismeisterschaft im Judo in der U11 bis 32 Kilogramm 1985, bei der ich allerdings nur einen Gegner hatte, der über seine eigenen Füße stolperte, was mir die Goldmedaille einbrachte.)

28. Juni 2022, Berlin

Begegnungen und Erlebnisse auf meinem ausgiebigen Morgenspaziergang:

  • Eine Frau mit zwei kleinen Kindern – ungefähr fünf und sieben – läuft zur S-Bahn-Station Beusselstraße. Alle drei haben die gleiche Frisur. Die sieht aus, als hätten sie sie sich selbst geschnitten. So schief wie die Ponys sind, tippe ich darauf, dass es eines der Kinder war, dass sich mit einer Bastelschere als Laien-Coiffeure betätigt hat.
  • Ein Mann Anfang / Mitte 30 mit braunen Lederschuhen, einer gut sitzenden blauen Anzugshose und einem faltenfreien weißen Oberhemd geht mit seinem circa anderthalbjähriger Sohn Richtung Kita. Der Junge trägt khakifarbene Shorts und eine weiße Kappe, die hinten eine Verlängerung hat, um den Nacken vor zu starker Sonnenstrahlung zu schützen. Er sieht aus als wäre er nicht auf dem Weg zur Kita, sondern als wolle er die Sahara durchqueren.
  • Auf dem Bürgersteig liegt eine CD. Ohrwürmer der 50er Jahre. Ich kenne kein einziges Lied darauf.

29. Juni 2022, Berlin

Heute ist Tag des Waffeleisens und Tag der Umarmung. Das ergibt Sinn. Würde mir heute jemand Waffeln backen, würde ich die Person umarmen.
(Spoiler Alert: Niemand wird mir heute Waffeln backen.)

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Abends bekommt meine Frau ein paar Bilder von der Klassenfahrt. Selbstverständlich nicht vom Sohn, sondern vom Klassenlehrer, der sie an den Elternverteiler geschickt hat.

Die Kinder – die sich als Zehntklässler*innen sicherlich gegen die Bezeichnung Kinder verwehren – sehen alle zufrieden und wohlauf aus. Und ein wenig erschöpft. Der Klassenlehrer hat für die Fahrt ein recht kräftezehrendes Programm mit Schwimmbadbesuchen, Kanutouren, mehrstündigen Wanderungen und ausgiebigen Stadtführungen aufgesetzt. Die Schüler*innen sind dann abends so kaputt, dass es für gröbere Verstöße gegen die Nachtruhe nicht mehr reicht. Sehr clever. (Wahrscheinlich ist das nicht die erste Klassenfahrt, die der Lehrer macht.)

30. Juni 2022, Berlin

Wache um kurz nach fünf Uhr auf. In dem Baum vor unserem Schlafzimmer veranstaltet ein Tauberich einen Riesenlärm. Ich frage mich, ob er noch oder schon wach ist, ob er von einer Party zurückkehrt oder auf dem Weg zur Frühschicht ist.

Auf jeden Fall ist er sehr mitteilungsbedürftig und gurrt, was das Zeug hält. Bestimmt will er kundtun, dass er kopulationsbereit ist. „Hey, Ladies, ich bin wach, wuschig und willig. Hat jemand Lust? Ich hätte Zeit. Ihr trefft mich in den Baum vor dem Schlafzimmer von diesen komischen Leuten.“

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Gehe abends zum Bäcker, um Brot zu kaufen. Das ist ein bisschen heikel. Letzte Woche hatte das EC-Karten-Lesegerät nicht funktioniert. Weil ich kein Bargeld dabeihatte, gab mir die Verkäuferin das Brot so mit und meinte, ich solle es einfach beim nächsten Mal bezahlen. Meine Frau hat das letztes Wochenende beim Brötchenholen bereits erledigt, allerdings bei einer anderen Verkäuferin.

Nun habe ich Sorge, dass ,,meine“ Verkäuferin heute wieder da ist und mich auf das Brot anspricht. Wenn ich dann erkläre, meine Frau hätte es bei Ihrer Kollegin bezahlt, klingt das wie eine superfaule Ausrede und die Verkäuferin denkt bestimmte, ich will hier eine ganz miese „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“-Nummer abziehen.

Mir bleiben daher nur drei gesichtswahrende Möglichkeiten:

  1. Ich spreche die Sache von mir aus an und sage, meine Frau hätte das Brot bei der Kollegin bezahlt. Das klingt aber immer noch nach superfauler Ausrede, allerdings in Kombination mit schamloser Dreistigkeit.
  2. Ich suche mir eine Alternative im Kiez und gehe nie wieder zu der Bäckerei. Dazu sind die Brote und Brötchen und vor allem der Kuchen aber viel zu lecker.
  3. Die naheliegendste Alternative: Ich bezahle das Brot nochmal. Allerdings kostet es sechs Euro. Wir haben zwar keine finanziellen Sorgen, aber natürlich auch nichts zu verschenken. Vor allem nicht in Zeiten, wo die Inflation bei über sieben Prozent liegt und der Liter Benzin ungefähr zwei Euro kostet. Wobei uns das persönlich gar nicht betrifft, weil wir ja kein Auto haben.

An der Bäckerei angekommen, sehe ich, dass heute eine ganz andere Verkäuferin hinterm Tresen steht. Also kann ich ganz entspannt mein Brot kaufen. Ich nehme sogar noch ein zweites, denn ich habe ja gerade sechs Euro gespart.


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