Gespräche mit dem Tod (11): Vom Fensterputzen, Gunter Gabriel und Helmut Kohl

Es ist Sonntagmorgen, 10 Uhr. Ich stehe im Wohnzimmer auf einer Leiter und putze Fenster. Das ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört, denn aufgrund des unebenen Dielenbodens schwankt die Leiter bei jeder Bewegung von mir bedrohlich. Daher muss ich mich sehr konzentrieren, damit weder ich noch der volle Putzeimer von der Leiter fällt.

Plötzlich höre ich, wie die Wohnungstüre geöffnet wird und Schritte im Flur ertönen. Ich versuche, mich auf der Leiter umzudrehen, die sich daraufhin zur Seite neigt. Im letzten Moment hält jemand die Leiter fest. Es ist mein Freund, der Tod.

„Herrjemine, pass doch auf“, ruft er. „Ich hab‘ auch so schon genug zu tun.“

Der Tod.

„Mensch, was machst du denn hier?“, frage ich. „Und wie kommst du überhaupt hier rein?“ Ich versuche, meinen Puls wieder auf Normalgeschwindigkeit zu reduzieren.

„Generalschlüssel“, sagt der Tod.

„Wie, Generalschlüssel?“, will ich wissen.

„Nun, meine Kundschaft kann mich ja häufig nicht mehr selbst reinlassen. Deswegen habe ich einen Generalschlüssel, um überall aufschließen zu können“, erklärt der Tod geduldig.

„Das ist aber eine Verletzung der Privatsphäre“, erwidere ich.

„Das hat bisher noch keinen meiner Kunden gestört“, kichert der Tod. „Es ist halt einfach sehr unpraktisch, wenn ich nicht in eine Wohnung reinkomme. Wegen des Geruchs und der Fliegen und so. Das ist dann auch nicht so schön für die Privatsphäre der anderen Mieter.“

„Stimmt auch irgendwie“, gebe ich zu.

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„Was machst du überhaupt da auf der Leiter“, fragt der Tod.

„Nach was sieht es denn aus?“, frage ich zurück.

„Nach einem Elefanten, der eine Akrobatiknummer für den chinesischen Staatszirkus einübt.“ Der Tod lacht schallend über seinen eigenen Witz.

„Nein“, entgegne ich spitz. „Ich putze Fenster.“

„Das macht man doch im Frühjahr“, sagt der Tod.

„Wieso im Frühjahr?“, frage ich. „Was bist du denn für ein Spießer. Ich putze die Fenster, wenn sie dreckig sind und nicht nach der Jahreszeitenuhr.“

„Dann hättest du sie schon vor zwei Jahren putzen müssen“, wendet der Tod richtigerweise ein. „Also, was ist der Grund?“

„Ich muss eine 20-seitige Präsentation schreiben und das prokrastiniere ich mit Fensterputzen.“

„Proktrastiwas?“, fragt der Tod.

„Ich prokrastiniere“, erkläre ich. „Ich schiebe eine Aufgabe, zu der ich keine Lust habe, auf und erledige stattdessen etwas Anderes. Das ist für meine Arbeit zwar nicht so gut, aber es hält die Wohnung in Schuss.“

„Dann kannst du später noch zu mir kommen“, sagt der Tod. „Meine Kutten müssen gebügelt werden.“

„So schlimm ist die Präsentation auch nicht“, entgegne ich.

„Schade“, sagt der Tod enttäuscht.

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„Was machst du eigentlich in das Putzwasser rein?“, erkundigt sich der Tod interessiert.

„Einfach irgendein Putzmittel“, antworte ich gleichgültig.

Der Tod schüttelt missbilligend den Kopf. „Versuch es mal mit einem Spritzer Zitrone“, erklärt er. „Das ist genauso gut gegen Kalk und du hast einen schön frischen Duft im Wohnzimmer. Das ist ganz praktisch, falls du mal monatelang tot auf dem Sofa vor dich hinvegetierst, weil dich niemand entdeckt.“

„Warum soll mich denn niemand entdecken?“, frage ich entrüstet. „Meine Frau und die Kinder würden mich doch vermissen und nach mir suchen.“

Der Tod hebt abwehrend die Hände. „Heute vielleicht. Aber wer weiß schon, was in zehn Jahren ist. Oder in einem Monat. Ich bin schließlich kein Hellseher.“

„Eher ein Schwarzseher“, brumme ich missmutig.

„Ist ja schon gut“, besänftigt mich der Tod. „Mit was trocknest du die Scheibe?“

„Mit einem Fensterleder und dann mit einem Küchentuch“, sage ich.

Der Tod verzieht das Gesicht. „Nimm besser Zeitungspapier. Da entstehen keinerlei Streifen und Schlieren. Dann kann man gut durchs Fenster erkennen, ob du tot auf dem Sofa sitzt.“ Der Tod lacht laut, aber wenig ansteckend.

„Ich habe gar keine Zeitung“, entgegne ich trotzig.

„Das dachte ich mir“, erklärt der Tod.

„Wieso?“, frage ich und bin unsicher, ob ich die Antwort überhaupt hören möchte.

„Du wirkst häufig so uninformiert“, sagt der Tod. „Fast schon an der Grenze zur Ignoranz. Wie so ein Trump-Wähler.“ Manchmal strapaziert der Tod unsere Freundschaft schon sehr.

„Ich brauche keine Zeitung, um mich zu informieren“, erkläre ich zornig. „Ich lese im Internet.“

„Das machen Trump-Wähler auch“, wirft der Tod ein. „Aber das mit den Internet-Zeitungen wird sich ohnehin nicht durchsetzen.“

„Ach, bist du auf einmal doch Hellseher?“, frage ich spöttisch.

„Nein, das ist einfach gesunder Menschenverstand“, erwidert der Tod. „So lange man mit dem Tablet keine Fenster trockenreiben kann, wird es gedruckte Zeitungen geben.“

Ich schüttle genervt den Kopf. „Woher kennst du dich überhaupt so gut mit Fensterputzen aus?“, will ich wissen.

„Nun ja, ich habe berufsbedingt viel mit älteren Frauen zu tun“, erklärt der Tod. „Das sind die besten Expertinnen in Sachen Hausarbeit.“

„Das ist aber ein bisschen sexistisch“, protestiere ich.

„Was ist sexistisch?“, fragt der Tod.

„Dass du implizierst, dass Frauen für die Hausarbeit zuständig sind“, erkläre ich.

„Es ist ja wohl eher von den Männern sexistisch, dass sie die Frauen die Hausarbeit machen lassen“, entgegnet der Tod. „In Deutschland leisten Frauen 80 Prozent mehr Hausarbeit als Männer.“

„Vielleicht sind Männer einfach nur 80 Prozent schneller bei der Hausarbeit“, wende ich ein.

„Na, bei euch ist das ja anscheinend nicht so“, sagt der Tod und zeigt auf das noch nicht einmal zur Hälfte geputzte Fenster.

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„Hast du irgendwas zu trinken?“, fragt der Tod.

„Klar“, sage ich. „Kaffee? Wasser? Saft?“

„Ich dachte eher an Sekt oder sowas“, erwidert der Tod.

„Alter, es ist 10 Uhr morgens“, entfährt es mir.

„Na und!“, ruft der Tod. „Man lebt schließlich nur einmal. Das solltest du dir da oben auf der Leiter besonders zu Herzen nehmen.“

„Warum das denn?“, will ich wissen.

„Bei Haushaltsunfällen sterben jedes Jahr fast 10.000 Menschen“, erklärt der Tod. „Das sind drei Mal so viele wie bei Verkehrsunfällen.“

„Was hast du denn die ganze Zeit mit diesen Statistiken?“, frage ich.

„Letzte Woche ist ein leitender Beamter im Statistischen Bundesamt gestorben“, erwidert der Tod. „Da habe ich mich ein wenig eingelesen.“

„Lebenslanges Lernen ist ja auch wichtig“, sage ich.

„Genau“, stimmt mir der Tod zu. „Und was ist jetzt mit dem Sekt?“

„Schau mal im Kühlschrank“, sage ich. „Da müsste noch eine Flasche sein.“

Während der Tod  in der Küche verschwindet, wo er fröhlich pfeifend herumhantiert, steige ich von der Leiter. Kurze Zeit später kommt der Tod mit zwei großen Gläsern Apérol Spritz mit Eis und Orangenscheibe zurück. Er reicht mir ein Glas und wir prosten uns zu.

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„Wie geht es dir denn so?“, erkundige ich mich.

„Frag‘ nicht“, stöhnt der Tod und erwartet, dass ich ihn frage.

Also tue ich ihm den Gefallen. „Was ist denn?“

„Ich sage nur ‚Birne‘!“, ruft der Tod.

„Wie Birne? Bist du in den Obsthandel eingestiegen?“

„Nein“, antwortet der Tod genervt. „Der Alte aus Oggersheim.“

„Ach so“, erwidere ich. „Du meinst Helmut Kohl.“

„Genau“, stöhnt der Tod. „Total anstrengender Typ. Der wollte erst mitkommen, wenn ich ihn mit Herrn Bundeskanzler anrede.“

„Das sieht ihm ähnlich“, sage ich.

„Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass sein Titel nicht mehr wichtig ist“, erklärt der Tod. „Vor dem Tod sind alle Menschen gleich.“

„Auf dem Klo auch“, sage ich.

„Wie auf dem Klo?“, fragt der Tod.

„Da sind auch alle Menschen gleich“, erkläre ich und lache dabei.

„Ich bin aber keine Klomann, sondern der Tod“, sagt der Tod entrüstet.

„Ist ja schon gut“, besänftige ich ihn. „Und was ist jetzt mit Kohl?“

„Den soll ich nach Straßburg begleiten“, erklärt der Tod. „Danach geht es dann nach Speyer in den Dom und dann zurück nach Oggersheim. Und zwischendurch vielleicht noch nach Berlin.“

„Eine ziemliche Ochsentour“, pflichte ich ihm bei.

„Genau“, ruft der Tod. „Ich bin doch kein Chauffeur. Dafür ist eigentlich Charon zuständig.“

„Welcher Charon?“, frage ich.

„Der Typ, der die Fähre auf dem Styx steuert“, antwortet der Tod. „Aber der feine Herr Charon muss ja Urlaub machen. Wahrscheinlich vögelt er sich gerade auf Malle die Seele aus dem Leib.“

„Mensch Tod, reiß dich zusammen“, ermahne ich ihn. „Das hier ist ein Familienblog.“

„Das musst du mir nicht sagen“, erwidert der Tod. „Ich saufe schließlich nicht Sangria aus Eimern und pimper‘, bis mir der Lurch abfällt.“

Unschöne Bilder des kopulierenden Tods entstehen vor meinem geistigen Auge. Ich versuche das Thema zu wechseln.

„Sonst irgendetwas Interessantes passiert in letzter Zeit?“, frage ich schnell.

Der Tod überlegt. „Jo. Vor ein paar Tagen war ich bei Gunter Gabriel. War auch nicht so schön.“

„Wieso?“, will ich wissen.

„Nun ja“, erwidert der Tod. „Man soll über Verstorbene ja nicht schlecht reden und über seine Kunden schon gar nicht, aber Männer, die Zeit ihres Lebens zu viel Alkohol getrunken haben, gehören ästhetisch gesehen zu den eher nicht so gepflegten Erscheinungen.“

„Kann ich mir vorstellen“, sage ich und möchte es mir nicht vorstellen.

„Und ein bisschen weich in der Birne war der auch vom vielen Saufen“, fährt der Tod fort.

Ich schaue ihn fragend an.

„Als er bei Petrus vorstellig wurde, hat er: ‚Hey Boss, ich brauch‘ mehr Geld‘ gebrüllt“, erzählt der Tod.

„Und dann?“, frage ich neugierig.

„Er muss jetzt acht Wochen in der Hölle darüber nachdenken, wie man sich Petrus gegenüber angemessen verhält.“

„Ganz schön streng, der Herr Petrus“, merke ich kritisch an.

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Wir trinken unsere Gläser leer und gehen in die Küche, wo der Tod zwei weitere Apérol Spritz zubereitet. Ob ich wohl auch mal wie Gunter Gabriel ende, wenn ich mir vor 12 Uhr das zweite alkoholische Getränk reinpfeife?

„Geht das mit dem Musikersterben jetzt wieder los?“, frage ich den Tod.

„Was meinst du?“, fragt er zurück.

„Naja, in den letzten zwei Jahren sind ja sehr viele bekannte Musiker gestorben. Lemmy, David Bowie, Prince, Leonard Cohen, George Michael und all die anderen“, zähle ich auf. „Ich dachte, dass Gott sich vielleicht ‘ne coole All-Star-Band zusammenstellt.“

Der Tod schüttelt den Kopf. „Das hat nix mit All-Star-Band zu tun, sondern mit Drogen, Alkohol und dem ungesunden Lebensstil dieser Leute. Außerdem steht Gott nicht auf die Musik von denen.“

„Nein?“, frage ich.

„Nein“, antwortet der Tod. „Das experimentelle Gefummel von Prince oder die intellektuelle Grütze von Bowie ist ihm zu verkopft. Und bei ‚Halleluja‘ von Cohen macht er immer Kotzgeräusche.“

„Aha“, sage ich erstaunt. „Auf was für Musik steht Gott denn?“

„Schlager“, antwortet der Tod.

„Schlager?“, frage ich irritiert. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“

„Nein“, erwidert der Tod. „Gott ist musikalisch etwas einfach gestrickt.“

„Und was hört er so?“, frage ich.

„Helene Fischer“, sagt der Tod.

„Gott hört Helene Fischer?“, frage ich ungläubig.

„Wenn ich es sage“, erklärt der Tod. „Er hat sie quasi auf die Erde geschickt.“

„Wahrscheinlich um die Menschheit für ihre Sünden zu bestrafen“, sage ich sarkastisch. „So etwas wie die sieben Plagen in einer Person.“

„Für Gott ist sie seine musikalische Gesandte“, sagt der Tod.

„Ich hätte sie eher für eine Erfindung des Teufels gehalten“, erkläre ich.

„Nein“, antwortet der Tod. „Der hat Pur geschickt.“

„Verstehe“, sage ich. „Eine Band sie zu knechten.“

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Der Tod schaut auf die Uhr. „Ich muss los“, sagt er und trinkt mit einem großen Schluck seinen Apérol Spritz mitsamt der Orangenscheibe aus.

„Gorbatschow?“, frage ich.

„Nein“, entgegnet der Tod. „Du weißt doch, meine Kutten müssen noch gebügelt werden. Und weil du dich weigerst, muss ich es halt selbst machen.“

Wir nehmen uns zum Abschied in den Arm und der Tod schaut mir in die Augen, die von den Apérol Spritz ein wenig glasig sind.

„Lass‘ das mit dem Fensterputzen heute mal lieber“, schlägt er vor. „Wir wollen doch nicht, dass du als einer von den 10.000 tödlichen Haushaltsunfällen in die Statistik eingehst.“

Ich stimme ihm zu. Der Tod verlässt die Wohnung und pfeift dabei fröhlich „Das bisschen Haushalt“.

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Alle Teile der Serie „Gespräche mit dem Tod“ gibt es hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

5 commentaires sur “Gespräche mit dem Tod (11): Vom Fensterputzen, Gunter Gabriel und Helmut Kohl

  1. Gott hat uns Helene Fischer geschickt?!
    Da hat dein knochiger Freund dir aber einen Bären aufgebunden – ich bin mir sicher, dass nur Lemmy der Gesandte des Herrn sein kann. Beziehungsweise sein konnte… Halleluja!

  2. Das ist mal wieder ein sehr unterhaltsamer Beitrag. Danke schön :-)

    Der Teufel hat also Pur auf die Erde geschickt. So, so…

    Ich bin im gleichen Ort aufgewachsen wie einige Bandmitglieder von Pur. Sollte mir das zu denken geben?

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