Griechenland 2011 – 10. Tag: Zähnefletschende Gottesanbeterin

Schaue morgens beim Öffnen der Wohnungstür in die Augen eines riesigen Exemplars einer Gottesanbeterin, die auf der Mauer ein Sonnenbad einnimmt. Stutze kurz, ob sie tatsächlich die Zähne gefletscht hat oder ob die blendende Sonne meinem Sehvermögen einen Streich spielt.

Werde auf dem Weg zum Strand von den Kindern mit einer weiteren weltphilosophischen Frage konfrontiert, die gerne wissen möchten, ob Gottesanbeterinnen tatsächlich Gott anbeten. Verzichte aufgrund des noch nicht stattgefundenen Sexualkundeunterrichts darauf, etwas von den kopulativ-kannibalistischen Reproduktionsaktivitäten der Weibchen zu erzählen, sondern antworte einfach mit einem überzeugten „Selbstverständlich!“.

Freue mich am Strand über die pünktlich zum nahenden Ende des Urlaubs endgültige Rückkehr des mediterranen Klimas mit Temperaturen in den hohen Zwanzigern. Prüfe dementsprechend beim Sonnenbaden Optionen, wie der Urlaub am Effektivsten verlängert werden kann:

  • Durch die Unterstützung des drohenden Fluglotsenstreiks in Deutschland, der eine Landung in Berlin Tegel verhindern würde.
  • Durch das Initiieren eines Streiks bei den griechischen Raffinerien, der einen Start in Saloniki unmöglich machen würde.
  • Aufgabe für morgen: das Problem der stark abnehmenden Urlaubskasse angehen. Lassen daher auch den Costas-Besuch ausfallen.

Werden später im Wohnzimmer von einem mittelgroßen Propellerflugzeug heimgesucht, das sich als die morgendliche zähnefletschende Gottesanbeterin entpuppt, der es vor dem Haus anscheinend zu langweilig geworden war. Die Freundin fängt sie schließlich furchtlos mittels einer großen leeren Keksdose ein und entlässt sie in die Freiheit. Der Stoff für einen Heldenmythos, wie er in der modernen technisierten Welt allenfalls noch in Großraumbüros beim Beseitigen von Papierstaus im Kopierer geschrieben wird. Verspüre große Dankbarkeit, dass das beherzte Eingreifen der Freundin eine maskuline Gelassenheit vortäuschende Einfangaktion meinerseits erübrigt hat.

Gottesanbeterin - zähnefletschend

Gottesanbeterin – zähnefletschend

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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