Kizz-Kolumne: Muss ich die Bilder meiner Kinder loben?

In der Zeitschrift ‚Kizz. Das Elternmagazin für die Kitazeit‘ darf ich unter der Rubrik ‚Das sagt Papa‘ regelmäßig meinen Senf zu Themen geben, von denen ich auch nicht mehr Ahnung habe als andere Eltern. Pädagogisch wertvoll wie ein kleines Steak. Ein sehr kleines. Eines, das man nicht essen möchte. Der folgende Beitrag erschien in Ausgabe ‚KIZZ – 4/2017‘.

###

Malen gilt als sehr wertvoll für die kindliche Entwicklung: Es schult Phantasie, Kreativität und Motorik. Als verantwortungsvolle Eltern lassen Sie Ihre Kinder daher sicherlich frühzeitig mit Stift und Pinsel hantieren. Von da an nimmt das Unglück jedoch seinen Lauf. Denn irgendwann steht das Kind stolz mit einem gekritzelten Bild vor Ihnen und fragt, wie es Ihnen gefällt.

Unbekanntes Bild aus der Fenster-Periode Picassos

Unbekanntes Bild aus der Fenster-Periode Picassos

Leider verfügen die meisten Kinder nicht über das Talent eines Vincent van Goghs oder Max Liebermanns. Allenfalls kann das Gekrakel mit viel elterlichem Wohlwollen als abstrakter Expressionismus interpretiert werden.

Somit stehen Sie vor einem Dilemma: Sollen Sie dem Kind eine ehrliche Antwort geben und seine zarte Seele verletzen? Oder sorgen Sie durch ein gelogenes Lob dafür, dass Ihr Kind später zu keiner realistischen Selbsteinschätzung in der Lage sein wird und sich zu einem selbstverliebten Narzissten entwickelt?

Eine Lösung bieten die Formulierungen, die in Arbeitszeugnissen verwendet werden. Betrachten Sie also das Bild eingängig und sagen Sie dann: „Mensch, du hast dir aber Mühe gegeben.“ oder „Du hast ja fast immer innerhalb der Linien gemalt!“ oder „Das sieht ja beinahe aus wie ein Mensch.“

Oder Sie malen selbst ein Bild und fragen das Kind nach seiner Einschätzung. Sie werden sehen, dass es keine Scheu haben wird, ein vernichtendes Urteil zu fällen. „Du kannst das nicht“, wird noch das Freundlichste sein, das Sie zu hören bekommen. Anschließend werfen Sie die Malsachen weg und gehen mit dem Kind Ball spielen. Wenn Sie Glück haben, ist es darin talentiert und Sie können Ihr Kind mit gutem Gewissen loben.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“* erschienen. (*Affiliate-Link)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.