Sardinien 2017 – Tag 1: Von opernhaften Supermarktbesuchen, Mr. Miyagi am Frühstückstisch und ersten Strandbesuchen

Der Tag beginnt mit der Erkenntnis, dass es auf dem Klo keine Internetverbindung gibt. Das ist zwar schlecht für die Verdauungstätigkeit, aber gut für das Familienleben. Den einzig guten Empfang gibt es nämlich in der Küchenzeile. Hier werden wir uns also alle regelmäßig treffen und um unsere Handys scharen wie die Steinzeitmenschen um das Feuer, das sie gerade erst entdeckt haben.

Es ist alles ganz furchtbar.

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Kulinarisch startet der Tag eher spartanisch. Im Kühlschrank gibt es nur eine Flasche Wasser und eine Flasche Weißwein, die ein Willkommensgruß der Vermieter sind. Außerdem haben wir nur noch einen kleinen Rest unseres Reiseproviants übrig. Da wir dem Alter entwachsen sind, in dem man zum Frühstück alkoholische Getränke konsumiert – wie beispielsweise auf meiner Abi-Fahrt, wo es, wenn ich mich recht entsinne üblich war, den Morgen mit einem kühlen Bier zu begrüßen –, bekommt jeder als Morgenmahlzeit keine Weißweinschorle, sondern einen Oreo-Keks. Die enthalten ja auch Spurenelemente der wichtigsten Vitamine.

Weil der Keks unsere knurrenden Mägen so richtig in Wallung gebracht hat, machen wir uns auf den Weg zum Supermarkt, der glücklicherweise sonntags geöffnet hat. Eine alte Skatregel besagt ja „Oben sticht unten“ und in einer Touristenhochburg heißt es halt „Kommerz sticht Katholizismus“. Und das zahlt sich auch aus. (Grandioses Wortspiel. ‚Kommerz‘ und ‚sich auszahlen‘. Wenn Sie Ihre Standing Ovations beendet haben, können Sie weiterlesen.) Halb Santa Teresa Gallura (inklusive seiner touristischen Besucher) schwänzt die Sonntagsmesse und treibt sich stattdessen im Dettorimarket herum.

Schnell stelle ich fest, dass der Lebensmitteleinkauf in Italien ein Riesenspektakel ist. Es wird gelacht, gestikuliert, geschimpft, diskutiert und palavert. Fast wie in einer italienischen Oper. (Nur ohne dass jemand umgebracht wird.) Oder wie bei einem Fußballmatch der Serie A. (Nur ohne theatralische Schwalben.)

Obwohl der Supermarkt gar nicht so groß ist, sind wir von dem Angebot begeistert. Es gibt riesige Melonen, unzählige Pfirsiche und Nektarinen, tiefrote Tomaten und tiefgrüne Zuccini, die exotischsten Kinder-Angebote von Ferrero, frischen Fisch sowie Pasta in allen vorstellbaren und unvorstellbaren Größen und Formen.

Die Kinder finden Italien gut.

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Außerdem sehe ich Regalmeter voll mit Parmesan und Mozzarella. So weit das Auge reicht. Ich überlege, unser gesamtes Erspartes in Aktien italienischer Milchkuhhöfe, Molkereien und Käsereien zu investieren. Das sollte mir eine glänzende Zukunft als Käse-König von Santa Teresa Gallura bescheren. Möglicherweise befinde ich mich aufgrund des ausgefallenen Frühstücks aber auch einfach nur im Hungerdelirium.

Die gesamte Familie gerät in einen regelrechten Kaufrausch, bei dem irgendwann Geld und Kofferraumvolumen keine Rolle mehr spielen. Ein knurrender Magen ist nun mal kein guter Shopping-Begleiter. Nach zwei Stunden schieben wir unseren übergewichtigen Einkaufswagen unter vereinten Kräften zur Kasse. Dort müssen wir einen stattlichen Betrag entrichten, der mich vermuten lässt, dass das Gewicht unserer gesamten Waren in den aktuellen Goldpreis umgerechnet wurde.

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Zuhause angekommen, räumen wir die Einkäufe weg, was einige Zeit in Anspruch nimmt, und machen uns dann an die Vorbereitung des Frühstücks. Oder des Mittagessens, weil es schon so spät ist. Wie die Mahlzeit heißt, ist uns ziemlich egal, so lange es etwas zu essen gibt.

Die Stimmung ist etwas gereizt, weil wir alle sehr hungrig sind. Das sind in unserer Familie keine guten Voraussetzungen für ein friedvolles Miteinander. Wenn die Frau und die Kinder unterzuckert sind, sind sie immer sehr unleidlich. Um nicht zu sagen unerträglich. Ich dagegen bin aufgrund meines stoischen Charakters auch unter größtem Hungergefühl ausgeglichen wie der Dalai Lama, wenn er gerade meditiert hat. Der Rest der Familie wird dies allerdings nicht bestätigen, aber die sind auch zu keinem klaren Urteil fähig, wenn ihr Insulinspiegel abgesackt ist.

Die Frühstückszubereitung verläuft daher weitgehend schweigend, weil jedes Wort zu viel zu einem handfesten Streit führen würde, der für den Fortgang eines harmonischen Urlaubs abträglich wäre. Lediglich ab und an blöken die Frau und ich den Kindern barsch einige Kommandos zu, die sich um das Decken des Tischs drehen.

Nachdem die Frau und ich erstmal durch einen starken Espresso unser Koffeinlevel auf Normalniveau gehievt haben, sind die atmosphärischen Störungen so gut wie verschwunden. Beim Kochen des zweiten Espressi bricht allerdings der Plastikgriff der altersschwachen italienischen Kaffeemaschine ab. Zum Glück ist das nicht schon vor dem ersten Espresso passiert, denn sonst hätten sich Szenen in der Ferienwohnung abgespielt, wie man sie sonst allenfalls bei ‚Games of Thrones‘ zu sehen bekommt.

Es war übrigens die Frau, die den Griff abgebrochen hat. Aber das sei nur am Rande erwähnt. Im Urlaub will man ja nicht kleinlich und Schuld-und-Sühne-mäßig auf so etwas rumreiten. Schließlich hätte mir das rein theoretisch auch passieren können, wenn ich mich um das Kochen des zweiten Espressos gekümmert hätte. (Das hätte ich auch getan, wenn ich auch nur geahnt hätte, wie ungeschickt die Frau ist und dass dies unseren Zugang zu Kaffee und Koffein zerstört.)

Der Sohn verbringt das Frühstück damit, dass er die Inhaltsstoffe der italienischen Produkte mit der Theatralik und Dramatik, wie er sie heute beim Einkaufen kennengelernt hat, vorliest. Das hört sich für Sie möglicherweise wie eine reizende nette Urlaubsanekdote an, aber nach drei Gläsern Marmelade, einem Nutellaglas, einer Milchtüte, einer Käseverpackung und einem Cornflakes-Karton bringt es uns an die Grenze unserer mentalen Belastungsfähigkeit.

Schließlich kommt mein großer Moment am Frühstückstisch. Als wir von einer Wespe genervt werden, die sich bei uns an Wurst und Käse laben will, fange ich sie im Flug mit einem Glas und einem Prospekt. Meinen Ausruf „Mister Miyagi kann bei mir in die Lehre gehen.“ quittieren Tochter und Sohn mit verständnislosen Blicken. Das kommt davon, wenn man die Kinder auf ein humanistisches Gymnasium schickt, wo Ihnen kein nützliches Alltagswissen vermittelt wird. (Falls Sie genauso ungebildet sind, googeln Sie einfach „Mister Miyagi Fliege Essstäbchen“.

Da die Ferienwohnung über keinen Geschirrspüler verfügt, steht nach dem Frühstück erstmal der Abwasch an. Das ist am ersten Urlaubstag natürlich ein wenig abtörnend. Nicht nur wegen der Tätigkeit an sich, sondern noch viel mehr, weil es einem schonungslos den eigenen Alterungsprozess vor Augen führt. Als Student hatte man kein Problem damit, das dreckige Geschirr wie bei Jenga turmhoch in der Spüle zu stapeln, bis es von einem pelzigen Flaum überzogen war und als vollwertiges WG-Mitglied galt. Heute findet man, dass sich schmutzige Teller und Tassen in der Küchenzeile nicht gehören und man redet sich schön, dass es ja gar nicht sooo lange dauert, die paar Sachen geschwind abzuwaschen. Als nächstes kauft man sich bei Möbel Hübner einen Fliesentisch fürs Wohnzimmer und dann ist die schöne neue Spießerwelt perfekt.

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Nachdem alles saubergemacht und aufgeräumt ist, schlagen wir die Warnungen der Reiseführer, nicht in der prallen Mittagssonne rauszugehen, in den nicht vorhanden sardischen Wind und erkundigen die Umgebung unseres Appartements. Nur fünf Minuten Fußweg entfernt soll es laut Website des Vermieters einen schönen Steinstrand mit klarem Wasser zum Baden geben. Da wollen wir überprüfen, ob dies auch tatsächlich stimmt. Wir haben nämlich festgestellt, dass der Meerblick, den man ebenfalls laut Vermieter-Website angeblich von der Terrasse aus hat, nur dann vorhanden ist, wenn man am äußersten Rand der Veranda auf ein kleines Mäuerchen steigt.

Unsere Erkundungstour gibt mir die Möglichkeit, erstmals mein neu erworbenes Cap zu tragen. Außerdem kann ich meine Sonnenbrille aufsetzen, die ich kurz vor unserem Urlaub wiedergefunden habe – ein Ray-Ban-Modell, das ich mir als 18-jähriger im Sonderangebot gekauft und über zehn Jahre vermisst hatte. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Erscheinungsbild und tue dies mit dem Ausspruch „Damit bin ich ja wohl der Coolste von uns allen“ kund. Der Rest der Familie lacht etwas zu lange und zu laut, so dass es selbst mir schwerfällt, dies als Zustimmung zu interpretieren. Aber der Sohn teilt mir später mit, dass ich mit der Cap richtig gut aussehe. Er klingt allerdings ein wenig zu überrascht, als dass ich mich so richtig darüber freuen kann.

Meine Coolness leidet auch ein wenig, als wir unten am Meer durch die großen Felsen klettern. Ganz selbstkritisch muss ich zugeben, dass schon in meiner Jugend meine fehlende Geschicklichkeit, mangelnde Akrobatik und defizitäre Beweglichkeit einer Karriere im chinesischen Staatszirkus entgegenstand. Und mit zunehmendem Alter ist das nicht gerade besser geworden. Entsprechend stapfe ich grazil wie ein übergewichtiges Nilpferd von Stein zu Stein und hoffe dabei, nicht ins Wasser zu fallen, was ich zu meiner und der Überraschung aller tatsächlich vermeide.

Schlimm, diese verbauten Strände.

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An einem lauschigen Plätzchen lassen wir uns nieder und die Kinder gehen ins Meer. Der Sohn, der nach einer Woche Judo-Camp jetzt schon zwei Tage körperlich nicht gefordert wurde, ist entsprechend unausgelastet und aufgedreht. Er führt im Wasser den Moonwalk vor, tanzt Macarena und anschließend noch den Gangman Style. Die Tochter möchte daraufhin wissen, wie oft ihr Bruder uns früher vom Wickeltisch gefallen ist. Wir wissen keine Antwort darauf.

Die idyllische Stille an dem Strandabschnitt wird nur vom Lärm und Geschrei der Kinder gestört. Die Frau brüllt daher über den Strand, sie sollen ruhiger spielen, die Kinder rufen mit doppelter Lautstärke „Was?“ zurück, woraufhin die Frau wie ein Bundeswehr-Ausbilder bellt, sie sollen verdammt noch mal leiser sein. Zum Glück sind wir aber alleine am Wasser. Zumindest seit wir uns hier aufführen wie eine Familie, von der man denkt, dass sie eigentlich nur in RTLII-Dokumentationen existieren.

Auf dem Weg zurück zur Ferienwohnung findet der Sohn einen großen Stock, womit er seiner Ansicht nach wie Frodo aus ‚Herr der Ringe‘ ist. Meinen Einwand, Frodo führe gar keinen Stab mit sich, lässt er nicht gelten. (Er hält mich wahrscheinlich für einen Ork, die ja bekanntlich nicht sonderlich schlau sind.) Dafür dichtet er ein Lied, dessen erste Strophe ungefähr folgendermaßen geht:

„Der Frodo, der ist so fröhlich,
so fröhlich ist der Frodo,
denn er hat `nen Stock
und ab und an trifft er mal Herrn Spock.“

Es folgen dann sehr, sehr viele weitere Strophen, die sich in verschiedenen Variationen darum drehen, dass Frodo richtig gute Laune hat, was auf seinen Stock zurückzuführen ist, den er ab und an ein paar Orks, die ihm dumm kommen, auf die Rübe haut. Und Herr Spock taucht auch immer wieder auf, allerdings eher als Reim-Statist, denn als handelnder Charakter. Glücklicherweise sind wir nach fünf Minuten zurück in der Ferienwohnung.

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Beim Abendessen lassen wir uns von der landestypischen Küche inspirieren und essen Tortellini mit Sahnesauce. Das ist sehr lecker, wenn auch ein wenig geschmacksarm, weil wir bei unserer morgendlichen Shopping-Tour vergessen haben, Salz zu kaufen. (Was sehr erstaunlich ist, da wir ansonsten jedes Produkt, dass im Supermarkt angeboten wird, erworben haben.) Aber es ist ja ohnehin viel gesünder, nicht so viel Salz zu essen. Außerdem kann man das außerdem mit viel Parmesan ausgleichen. Und Hartkäse ist ja ebenfalls gesund.

Nach dem Abendessen spielen wir in guter alter Urlaubstradition Kniffel. Die Tochter, die eigentlich überhaupt keine Lust hat, mit uns zu spielen, aber dazu verdonnert wurde, gewinnt beide Spiele. Mir bleibt nur die Ehre den ersten Kniffel der Herzen zu werfen. (Ein Kniffel, nachdem man selbigen schon gestrichen hat.)

Gute Nacht!

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Alle Teile des Sardinien-Tagebuchs finden sie hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

Ein Kommentar zu “Sardinien 2017 – Tag 1: Von opernhaften Supermarktbesuchen, Mr. Miyagi am Frühstückstisch und ersten Strandbesuchen

  1. es ist immer wieder eine freude hier zu lesen.

    von der vorbereitung, über anreise, und jetzt zu tag 1.

    ich freu mich schon auf weitere berichte.

    danke.

    jens

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