Sardinien 2017 – Tag 11: Vom Joggen mit Pizzahüften, Urlaubsende-Blues und Suchen nach ‚Francobolli‘

Es ist 7.11 Uhr und ich ziehe mir im Wohnzimmer gerade die Laufschuhe an. In der Küchenzeile der Ferienwohnung erscheint der Innere Schweinehund. Während er einen Kaffee zubereitet, fragt er, ob ich nicht endlich mal mit diesem Laufunsinn aufhören möchte. Ich solle mich doch lieber schonen, damit ich später genügend Kraft habe, um mein Nutella-Brot zum Mund zu führen.

„Was muss, das muss“, erwidere ich.

„Unsinn“, ruft der Innere Schweinehund. „Man muss gar nichts, außer irgendwann den Löffel abgeben. Und wenn du dann vor der Himmelspforte stehst, wird dir Petrus bestimmt nicht auf die Schulter klopfen, weil du so fleißig durch die sardischen Hügel gerannt bist.“

„Er wird aber auch nicht erfreut sein, wenn ich vom vielen Nutellabrot-Essen so fett bin, dass ich gar nicht durch die Himmelspforte passe“, entgegne ich besserwisserisch.

Der Innere Schweinehund drückt die Fingerspitzen seiner rechten Hand zusammen, bewegt sie energisch auf und ab und ruft „Grande cretino!“. Danach verschwindet er grußlos.

Guten Morgen, Porto Quadro.

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Kurze Zeit später verlasse ich die Ferienwohnung, trabe den ersten steilen Anstieg hoch und murmle dabei „Ave Caesar, morituri te salutant“. Ich bin erstaunt, dass ich mich an diesen lateinischen Satz erinnere. Könnten mich meine Lateinlehrer hören, die sieben Jahre verzweifelt versuchten, mir lateinische Grammatik und Vokabeln einzutrichtern, würden sie sich sicherlich vor Freude weinend in den Armen liegen, dass doch nicht alles umsonst war.

Obwohl die Temperaturen zu der frühen Stunde noch recht angenehm sind und sogar ein kühler Wind weht, ist der Lauf anstrengend und mühselig. Es fühlt sich an, als trüge ich die Pasta, die ich in den letzten Tagen gegessen habe, als Zusatzgewicht auf den Hüften, und als klebte das leckere Eis, das mir hier so gut schmeckt, unter meinen Schuhen, so dass es jeden meiner Schritte verlangsamt.

Meine Motivation wird nicht gerade dadurch gesteigert, dass mir heute unheimlich viele andere Läufer begegnen. Allesamt zähe und drahtige Burschen, die mit einem einstelligen Body-Maß-Index und Körperfett-Anteil kraftvoll wie italienische Hengste die sardischen Hügel hinaufspringen, während ich wie ein deutscher Panzer hinterher walze. Das fühlt sich nicht gut an und sieht sicherlich auch nicht gut aus.

Gegen Ende der Laufeinheit habe ich wieder eine tierische Begegnung. Nicht mit der mir nur wenig wohlgesonnen Katze, sondern wieder mit dem streunenden Hund, mit dem ich vor ein paar Tagen das Gentlemen-Agreement des gegenseitigen Ignorierens getroffen hatte. Diese Vereinbarung setzen wir auch heute fort und ich bin froh, dass ich keinen langgezogenen Endspurt einlegen muss, um mich vor einem hungrigen Straßenköter zu retten.

Vielleicht geht von den Straßentieren in der Gegend aber gar keine Gefahr aus, überlege ich, während ich die letzten 500 Meter zum Ferienhaus krieche. Möglicherweise gibt ein Netzwerk von Streunern, die die jeden Morgen die Straßen in der Gegend patrouillieren und aufpassen, dass den morgendlichen Joggern nichts passiert. Möglicherweise dehydriere ich auch nur und habe Wahnvorstellungen.

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Beim Frühstück besprechen die Frau und ich, wie viele Lebensmittel wir bis zu unserer Abreise noch benötigen, was wir davon vorrätig haben und was wir noch besorgen müssen. Der absolute Antiklimax eines jeden Urlaubs. Wenn man den Rest des Aufenthalts in Milchtüten, Aufschnitt und Nudelpackungen umrechnet, wird die Endlichkeit des Urlaubs greifbar und führt einem die baldige Abreise brutal vor Augen.

Da möchte man am liebsten zur Frustbewältigung einen Löffel Nutella aus dem Glas essen, was aber nicht erlaubt ist, weil es sonst nicht bis Samstag reicht. Eine zweite Tasse Kaffee geht aber, denn Kaffeepulver ist noch mehr als reichlich da. (Deswegen wird der Wein und das Bier zum Abendessen durch Kaffee ersetzt.)

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Zu unserer gewohnten Zeit, das heißt zwischen halb elf und elf erreichten wir den Strand von Santa Teresa Gallura. Der ist zwar wie gewöhnlich sehr stark bevölkert, aber inzwischen sind unsere Augen geschult, so dass wir auch an einem überfüllten Strand innerhalb kürzester Zeit anderthalb Quadratmeter freie Fläche erblicken, auf der wir uns ausbreiten können.

Niemand hat die Absicht, an den Strand zu gehen.

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Während der Rest der Familie ins Wasser geht, beobachte ich vor mir einen kleinen Jungen, der emsig eine Sandburg baut. Ich bedaure, dass unsere Kinder inzwischen so alt sind, dass sie nicht mehr mit Schippe und Förmchen spielen. Nicht aus Wehmut, dass sie schon so groß sind, sondern weil es mir die Möglichkeit nimmt, im Sand zu buddeln. Denn das hat insbesondere für Menschen, die einer Bürotätigkeit nachgehen, etwas sehr Befriedigendes. Man ist an der frischen Luft, man bewegt mehr als nur die rechte Hand, um den Mauszeiger über den Monitor zu navigieren, und am Ende des Strandtages sieht man, dass man etwas geschafft, etwas Greifbares hinterlassen hat. (Einen großen Sandhaufen versus seitenlange Memos, die kein Mensch liest.)

Leider ist im Sand buddeln bei erwachsenen Männern sozial nur wenig akzeptiert. Da braucht man immer Kinder zur Tarnung. (Es müssen außerdem zwingend die eigenen Kinder sein. Mit fremden Kindern im Sand zu spielen, ist sozial noch weniger akzeptiert, als alleine eine Sandburg zu bauen.)

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Nach ungefähr einer Stunde gehe ich ins Wasser und löse die Frau bei den Kindern ab, damit sie sich ein wenig sonnen kann. Tochter und Sohn wollen wieder Wasser-Basketball mit mir spielen, weil das gestern so einen Spaß gemacht habe. Mir wird dabei der passive Part des Korbs zugewiesen, den ich mit meinen Armen formen muss, während die Kinder versuchen, ihn zu treffen. Nach einer Viertelstunde habe ich aber den Eindruck, dass für die Kinder das Ziel des Spiels einzig und allein darin besteht, mir den Ball so oft wie möglich ins Gesicht zu werfen oder wenigstens den Ball kurz vor mir ins Wasser klatschen zu lassen, so dass mir eine Fontäne Salzwasser in die Augen spritzt. Vielleicht sollten wir im nächsten Jahr mal einen Urlaub in den Bergen machen.

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Etwas später sitze ich mit der Frau auf unseren Handtüchern, als sie plötzlich unvermittelt sagt: „Langsam müssten mal die Postkarten geschrieben werden.“ Ein klassischer Fall des Partnerschaft-Passivs bei dem man etwas nicht selbst erledigen will, zur Wahrung der trauten Zweisamkeit aber auch nicht den Partner direkt auffordern kann, die fragliche Aufgabe zu übernehmen. (Ebenso bekannt als der Delegativ.)

Sowohl mit dem Inhalt ihrer Aussage als auch mit der grammatikalischen Konstruktion des Partnerschaft-Passivs liegt die Frau richtig. Zum einen sind wir nur noch drei Tagen auf Sardinien (Ich könnte schon wieder einen Löffel Nutella vertragen.), zum anderen bin ich in unserem funktional arbeitsgeteilten Urlaubssystem nicht nur für die Müllentsorgung, sondern auch für das Verfassen der Urlaubsgrüße zuständig.

In den letzten zwanzig Jahren, seit wir gemeinsam in Urlaub fahren, hat die Frau schätzungsweise zehn und ich an die 180 Karten geschrieben. Inzwischen verfasse ich sogar die Urlaubskarten an diverse Tanten und Onkel der Frau, obwohl die mich kaum kennen. (Allenfalls als den merkwürdigen Typen, der bei den Familienfeiern immer in der Ecke sitzt und nicht weiß, über was er sich mit den anderen unterhalten soll.)

Nun dürfen Sie aber nicht denken, die Frau sei faul und würde sich im Urlaub auf meine Kosten einen Lenz machen, indem sie das Postkartenschreiben auf mich abwälzt. Sie hat sich nämlich in den letzten 20 Jahren ausnahmslos alleine um die komplette Urlaubsplanung gekümmert. Um Unterkünfte, Flug- und Zugtickets, Mietwagen und alles andere, was zu einem gelungenen Urlaub gehört. So hat sie quasi die Voraussetzung geschaffen, dass ich überhaupt in der Lage bin, mich um unsere Urlaubskorrespondenz zu kümmern. Sonst müsste ich jährlich an die krummbucklige Verwandtschaft Karten aus Berlin-Moabit verschicken und darüber freuen sich die wenigsten.

Allerdings bin ich noch nicht so richtig motiviert, was das Verfassen der Urlaubsgrüße angeht. Man ist hier ja schließlich nicht an der Arbeit und möchte sich nicht unnötig stressen. Ich beschließe, mich in den nächsten Tagen um die Postkarten zu kümmern. Nicht umsonst heißt es ja: „Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe im Urlaub ruhig auf morgen. Oder übermorgen.“ (Ich denke, ich sollte Wandteller mit diesem Spruch bemalen und weltweit an Ferienhausbesitzer verkaufen. Das sollte mir das nötige Geld für das Haus auf Sardinien sowie eine Sofortrente von 5.000 Euro im Monat sichern.)

Falls Sie nichts mehr von mir hören, wohne ich in meinem neuen Haus auf Sardinien und habe neue Freunde.

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Nach dem Strandbesuch gehen wir noch ein Eis essen. Schließlich haben wir noch nicht alle Eisdielen am Marktplatz ausprobiert. In der heutigen Gelateria kosten zwei Kugeln 3,50 Euro, was im mittleren bis oberen Preissegment liegt. Das ist ungefähr vergleichbar mit einer Hipster-Eisdiele im Prenzlauer Berg, aber wenigstens führt der Laden keine geschmacksverwirrten Sorten wie Rosmarin-Lavendel, Tomate-Basilikum oder Räucherlachs-Meerrettich.

Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Eis essen.

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Dafür kann man aus ‚50 Shades of Chocolate‘ auswählen. Es gibt normale Schokolade, helle Schokolade, dunkle Schokolade, noch dunklere Schokolade, Schokolade mit Nougat, Schokolade mit Nüssen oder Schokolade mit Mandeln. Die Kinder entscheiden sich für Kinder-Schokolade und Nutella. Letzteres präsentiert sich in einem tiefen Dunkelbraun, das fast schon ins Schwarze spielt, und schmeckt, als sei ein Glas Nutella in den Gefrierschrank gestellt worden. Die Kinder sind im siebten Himmel. Die Frau googelt derweil nach der Telefonnummer von Klementine, um nachzufragen, ob man Schokoflecken mit Ariel oder nur mit einer Schere aus den Klamotten rausbekommt.

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Zwar habe ich vorhin am Strand entschieden, mir mit dem Schreiben der Urlaubskarten noch ein wenig Zeit zu lassen, aber es erscheint mir sinnvoll, mich heute schon um den Kauf der Briefmarken zu kümmern, da meine bisherigen Versuche, an ‚francobolli‘ zu kommen, noch nicht von Erfolg gekrönt waren.

Also suche ich per Google Maps das Postamt von Santa Teresa Gallura. Glücklicherweise liegt es direkt auf dem Weg von der Oberstadt zu unserem Auto. Als mir die Computerstimme allerdings mitteilt „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, stehe ich vor einem Souvenirgeschäft, das in keiner Weise so aussieht, als fungiere es auch als Post. Als nächstes schickt mich Google Maps zu einer Pizzeria. Das ist zwar immer eine gute Adresse hilft beim Kauf von Briefmarken aber trotzdem nicht weiter.

Schließlich navigiert mich das Handy in eine Seitengasse zu einem Haus, das ein verblichenes Schild tatsächlich als „poste italiane“ ausweist. Es sieht allerdings verlassen und heruntergekommen aus wie eine sachsen-anhaltinische Grundschule, die bereits vor Jahren schließen musste, weil alle Einwohner über zwanzig nicht länger auf blühende Landschaften warten wollten, sondern stattdessen in den Westen abgewandert sind.

Das sardische Postgeschäft scheint nicht gerade zu boomen. Aber das Postamt scheint tatsächlich noch in Betrieb zu sein, denn an einem heruntergelassenen Rollladen hängt ein laminierter Ausdruck, der darüber informiert, dass die Post Montag bis Freitag von 8.20 Uhr bis 13.35 Uhr geöffnet ist. (Arbeitszeiten, die ‚Postbeamter in Santa Teresa Gallura‘ zu meinem neuen Traumjob machen.) Das die Post für heute schon geschlossen ist, werde ich mein „francobolli“-Glück versuchen. Oder übermorgen.

Postamt in Santa Teresa Gallura mit arbeitnehmerfreundlichen Öffnungszeiten.

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Nach dem Abendessen – Nudeln à la Reste vom Vortag – schaffe ich es beim Kniffeln meinen Rückstand auf den Sohn, der vor mir auf dem dritten Platz der Gesamtführung liegt, um neun Punkte zu verringern. Wie ich finde, ein gutes Omen für mein Projekt „Kniffelgesamtsieger Sardinien 2017“. Dass der Vorsprung der führenden Tochter  auf mich über 500 Punkte beträgt, kann mich dabei nicht entmutigen.

Gute Nacht!

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Alle Teile des Sardinien-Tagebuchs finden Sie hier.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

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