Saft-Fasten. Eine Tragödie in fünf Akten – 3. Akt: „Rote-Beete-Most“

Alle Teile der Saft-Fasten-Tragödie gibt es hier zu lesen.

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5.45 Uhr. Der Wecker klingelt erbarmungslos. Frage mich, ob sich das Aufstehen überhaupt lohnt, wenn man den ganzen Tag nur abgrundtief widerwärtige Gemüsesäfte trinken darf. Wahrscheinlich nicht. Stehe trotzdem auf, da mir auch nach längerem Überlegen nicht einfällt, was ich als Entschuldigung für die Kinder schreiben könnte, warum sie nicht zur Schule kommen konnten („Ich bitte das Fehlen der Kinder zu entschuldigen, da es mir ein zu trinkender Sauerkrautsaft unmöglich machte, aufzustehen und die Kinder zu wecken.“).

Begebe mich in die Küche, um Frühstück und Pausen-Snacks für die Kinder zu machen. Über mir schwebt dabei das Damokles-Schwert des Sauerkrautsafts, der heute wieder auf dem „Speiseplan“ steht (Und hier können gar nicht genügend Anführungszeichen gesetzt werden!).

Rote Beete. Der heutige Endgegner.

Rote Beete. Der heutige Endgegner.

Bereite zwei Gläser mit dem Elendssaft vor und rufe die Freundin. Die faltet derweil im Bad mit größtmöglicher Akribie Wäsche, um Zeit zu schinden wie ein italienischer Fußballer, der kurz vor Schluss mit 1:0 in Führung liegt. Nur dass auf sie keine Siegesfeier wartet, sondern Sauerkrautsaft. Schließlich kommt sie missmutig in die Küche getrottet.

Halte ihr eines der Gläser mit den Worten hin: „Wir die Totgeweihten grüßen dich, oh Sauerkrautsaft.“ Ich finde den Spruch recht gelungen. Die Freundin schaut mich dagegen an, als ob sie sich mit sofortiger Wirkung von mir trennen will. Allerdings nicht ohne mir vorher den Sauerkrautsaft ins Gesicht zu schütten. Glücklicherweise verlässt sie einfach wortlos den Raum und lässt mich mit dem Sauerkrautsaft alleine zurück. Weiterlesen

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“* erschienen. (*Affiliate-Link)