Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.
20. April 2026, Berlin
Anfang des Jahres hatte meine Krankenkasse mir geschrieben. Gewissermaßen einen verspäteten Geburtstagsgruß zum 50. Nur ohne alles Gute, viel Glück und viel Segen und so weiter. Stattdessen ermutigte man mich zu Bewegtbildaufnahmen meines Darms.
Eine Prozedur, der ich mit gemischten Gefühlen entgegenblicke. Einerseits ist da das Abführmittel. Eine geschmacklichen Grenzerfahrung, von der du gleich zwei Liter – verteilt auf eine Mittag- und eine Abendgabe – zu dir nehmen musst. Und die genau die Wirkung erzielt, die sie erzielen soll. Quasi das Äquivalent zu Rohrfrei bei verstopften Abflüssen. Nur übler riechend. (Sowohl das Getränk als auch das Ergebnis.)
Andererseits bekommst du vor der Darmspiegelung sehr gute Drogen. Die Crème de la Crème der medizinischen Narkotika. Mehr als eine Person hat mir erzählt, die Koloskopie sei einer der schönsten Tage ihres Lebens gewesen. Verheiratete Menschen mit Kindern, deren Leben nicht arm an emotionalen Höhepunkten ist. Aber was ist schon der Moment, in dem du das erste Mal dein Baby im Arm hältst, gegen einen mehrstündigen Propofol-Trip?
Der erste verfügbare Termin beim Gastroenterologen ist am 28. Juli. Bevor ich das Datum bestätigen kann, poppt ein Fenster auf. Dieses informiert mich, ich würde gerade einen Termin für eine Darmspiegelung und nicht für eine Magenspiegelung ausmachen. Sollte ich eine Magenspiegelung wünschen, müsste ich einen Termin für eine Magenspiegelung ausmachen.
Es wird schon einen Grund für diesen Hinweis geben. Vielleicht haben zu viele Patienten zu Beginn der Untersuchung den Mund aufgemacht und sich dann gewundert, dass ihnen etwas in den Po geschoben wurde.

21. April 2026, Berlin
7.15 Uhr. Meine Frau weckt mich. „Hat der Wecker nicht geklingelt?“ Eine Frage, die rhetorischer nicht sein könnte. Denn die Antwort ist klar: „Nein, hat er nicht.“
Hätte der Wecker seinen Dienst getan, wäre ich wach und die Frage wäre überflüssig. Ist sie so auch (Stichwort rhetorische Frage). Um dies konstruktiv zu erörtern, bin ich zu müde. Ein solches Gespräch wäre sicherlich auch nicht förderlich für einen harmonischen Start in den Tag.
Für gewöhnlich stehe ich um halb sieben auf. Da keine morgendlichen Termine anstehen, hat die 45-minütige Schlummerzugabe keine negativen Konsequenzen. Allerdings auch keine positiven. Man könnte ja meinen, eine Dreiviertelstunde zusätzlicher Schlaf wirkt vitalisierend. Der Körper ist ausgeruht, der Verstand geschärft, die Motivation angestachelt.
Nichts davon trifft auf mich zu. Im Gegenteil. Ich habe große Schwierigkeiten in die Gänge zu kommen. Um ehrlich zu sein, wird mir das den ganzen Tag nicht gelingen.
24. April 2026, Berlin/Hamburg
A. ist geschäftlich in Berlin. Wir verabreden uns zum Laufen. Für 6.15 Uhr, weil es bei A. zeitlich nicht anders geht. Was bedeutet, dass ich um 5.15 Uhr aufstehe und eine halbe Stunde später loslaufe, um pünktlich beim Hotel zu erscheinen.
Vor sechs Uhr aufstehen, um der Leibesertüchtigung zu frönen, ist zweifellos nicht vergnügungssteuerpflichtig. Als wir das Treffen ausmachten, hörte sich das gar nicht so wild an. Nicht schön, aber machbar. Schließlich bin ich, als die Kinder noch klein waren, sogar dreimal die Woche um 5 Uhr Laufen gegangen. Um rechtzeitig zurück zu sein, bevor sie aufwachten. (Not all heroes wear capes.)
Das war allerdings früher und durch den verklärenden Filter der Nostalgie betrachtet, ist das Früher ja nie so schlimm gewesen. Die Gegenwart schon. Da lag ich ab viertel vor fünf wach im Bett, voller Sorge, ich könnte nochmal einschlafen und den Handywecker überhören. Was aber nicht passierte.
Auf dem Heimweg winkt mir an einer Ampel jemand zu. Ein Radfahrer mit Helm und verspiegelter Sonnenbrille. Ich brauche einen Moment, um ihn zu erkennen. Ein Judovater, den ich über fünf Jahre nicht mehr gesehen habe. Kaum hat die Floskel „Wie geht’s?“ meinen Mund verlassen, springt die Ampel auf Grün und er muss weiterfahren. Zum Glück. Um 8.30 Uhr und mit mehr als 20 Kilometern in den Beinen fehlt mir die körperliche und geistige Frische für Small Talk.
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Nachmittags Fahrt mit dem ICE nach Hamburg. Um den Bruder meiner Frau zu besuchen.
Mit uns besteigt eine Gruppe von zehn Damen und Herren den Waggon. Im Gepäck: eine Kiste Bier, die Lautstärke: knapp über dem sozial akzeptierten Standard für Unterhaltungen, der Zungenschlag: Brandenburgisch.
Leichte Kegelverein-Vibes liegen in der Luft. Nicht gerade ein Traumszenario für einen zweieinhalbstündigen Bahn-Trip.
Das Alter der ausgelassenen Mitreisenden ist schwer einzuschätzen. Ich tippe auf knapp älter als wir. So zwei bis drei Jahre vielleicht.
Meine Frau runzelt die Stirn und schüttelt heftig den Kopf. Kurz vorm Schleudertrauma heftig. Als sei meine Mutmaßung eine persönliche Beleidigung. Sie besteht auf einen Altersunterschied von zehn Jahren. Mindestens.
Mir scheint da der Wunsch Vater ihres Gedankens zu sein. Allerdings liegen auf den Tischen der Reisegruppe sehr viele Handys in Klapphüllen. Das spricht eindeutig für die These meiner Frau.
Die Männer und Frauen scheinen nicht allzu häufig mit der Bahn zu reisen. Beim Ein-steigen vergewissern sie sich gegenseitig mehrfach und lautstark, dass sie im richtigen Abteil sind und auf den richtigen Plätzen sitzen.
Eine Restunsicherheit bleibt dennoch bestehen. Und damit eine gewisse Nervosität. Immer wieder fragen sie sich, wann denn der Schaffner kommt, halten den Gang hinunter Ausschau nach ihm und diskutieren, ob vielleicht schon jemand da war und sie das nicht mitbekommen haben. Erst als eine Bahn-Mitarbeiterin ihre Karten kontrolliert und nichts zu beanstanden hat, kommen sie zur Ruhe.
Als vollkommen unbedarfte Bahnnovizen erweisen sie sich dann doch nicht. Kaum setzt sich der Zug in Bewegung, packen sie ihren Proviant aus. Überschwängliches Anstoßen mit einer Runde Kräuterschnaps – es wird nicht die letzte sein –, danach ploppen die ersten Bierflaschen.
Für die notwendige Grundlage ist gesorgt: mit Mettbrötchen. Deren Duft breitet sich sofort im ganzen Waggon aus. Das Aroma ist so intensiv, dass selbst die 1.-Klasse-Reisenden am anderen Ende des Zuges etwas davon haben. Obwohl ich nur wenig Fleisch esse, finde ich den Geruch köstlich. Bekäme ich ein Brötchen angeboten, ich würde nicht ablehnen.
Kurz vor Lüneburg. Eine der Frauen verteilt Netto-, Kaufland- und LIDL-Prospekte. Mir wird warm ums Herz. So wie ich Anfang der Woche meine diversen Supermarkt-Apps durchforste, studieren die Männer und Frauen analog die Heftchen und machen sich auf die besten Angebote aufmerksam.
Schnäppchen-Brüder und -Schwestern im Geiste. Toll.
25. April 2026, Hamburg
Morgens laufen an der Alster. Mir begegnen sehr viele gutaussehende, stilvoll gekleidete Joggende. Alle bewundernswert durchtrainiert und sehr flott unterwegs. Nicht gerade förderlich für das eigene Selbstbewusstsein.
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Nachmittags Spaziergang im Hayns Park. Wir spielen Ball mit Merle, dem Hund meines Schwagers. Merle ist unfassbar gut erzogen. Ich sage „Platz!“, sie legt sich hin, ich sage „Stopp!“, sie bleibt stehen, ich sage „Straße!“, sie hält an der Bordsteinkante an.
Mich erfüllt das mit einer leicht befremdlichen Zufriedenheit. Als wäre das eine anerkennungswürdige Leistung, dass mir der Hund gehorcht. Vielleicht kommt das davon, wenn du immer in flachen Hierarchien arbeitest. Und unser Erziehungsstil war auch nicht dadurch geprägt, dass wir Befehle wie auf einem preußischen Exerzierplatz rumgebellt hätten.
Da erfreust du dich dann daran, auch mal Anweisungen erteilen zu können, die sogar befolgt werden. Ob im Gegenzug Bundeswehr-Offiziere ihre Hunde wohl antiautoritär erziehen?
26. April 2026, Hamburg/Berlin
Frühstück in einem kleinen Café in Eppendorf. Avo-Rührei, Overnight Oats mit Hafermilch-Topping aus Granola und Hanfsamen sowie Banana-Pancakes. Dazu Flat Whites und frisch gepresster O-Saft. Fühle mich wie eine Mischung aus Arschgeigen-Hipster, der nichts mehr spürt, und menschgewordener Gentrifizierung. Schlimm. Zur Beruhigung meines Gewissens gebe ich Trinkgeld wie ein amerikanischer Tourist, was die Situation nicht besser macht.
Später zu Fuß Richtung U-Bahn-Station. Den klackernden Rollkoffer hinter uns herziehend. Wie so Arschgeigen-AirBnB-Touristen, die auch nichts mehr mitbekommen. Obwohl wir das gar nicht sind, weil wir ja beim Bruder meiner Frau übernachtet haben. Aber das weiß ja niemand, der uns sieht. Auch schlimm.
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Meine Frau und ich werden Immobilienbesitzer. Morgen, um genau zu sein. Es gibt nur noch eine winzige Hürde: Die Losfee muss uns bei der Traumhaus-Verlosung hold sein. Dann gehört uns ein reetgedecktes Backsteinhaus auf Föhr. Fünf Zimmer, Wohnküche und mehrere Bäder, verteilt auf 260 Quadratmetern. Dazu noch drei Terrassen, eine Sauna mit Wellness-Bereich, im Garten eine Hot Tub – was auch immer das ist. Selbstverständlich in Strandnähe. Schlüsselfertig, eingerichtet und möbliert.
Der Gesamtwert: 2,1 Millionen Euro. Die Kosten für Notar, Grunderwerbsteuer und Grundbuchkosten sind auch abgedeckt. Der einzige Wermutstropfen: Die monatlichen Nebenkosten liegen bei 500 bis 700 Euro. Ganz schön happig, das zusätzlich zu deiner normalen Miete berappen zu müssen.
Darüber solltest du trotzdem nicht allzu laut jammern, wenn du eine 2,1-Millionen-Euro-Hütte gewinnst. Zumindest solltest du nicht mit allzu viel Verständnis deiner Mitmenschen rechnen. Vor allem nicht, weil es zu dem Haus 100.000 Euro on top gibt. Damit kannst du zwölf bis sechzehn Jahre die Nebenkosten bezahlen. (Oder alternativ eine Menge Campingwecken kaufen.)
Natürlich sind die Gewinnchancen ziemlich gering. (Wie gering weiß man nicht, das hängt von der Anzahl der insgesamt verkauften Lose ab.) Trotzdem wird irgendwer am Montag eine Nachricht erhalten – per Telefon oder per Mail –, dass er oder sie das Haus gewonnen hat. Warum nicht wir?
Deswegen üben wir schon mal Sätze wie: „Lass uns über Pfingsten einen Kurz-Trip nach Föhr machen.“ Oder: „Weihnachten feiern wir dieses Jahr auf Föhr.“ Oder zu Freunden: „Im Juli könnt ihr unser Haus auf Föhr bewohnen. Die Schlüssel holt ihr einfach bei den Knudtsens nebenan ab.“ (Auf Föhr heißen alle Menschen Knudtsen. Oder Hansen.)
Damit unser Traumhaus-Traum Wirklichkeit wird, hat meine Frau Lose im Wert von 30 Euro erworben. Auf der Website der Verlosung steht, mindestens 20 Prozent der Lospreise gingen an einen guten Zweck. Man tue mit dem Loskauf also auch noch etwas Gutes.
Ganz ehrlich: Mir ist das egal. Wenn ich etwas Gutes tun will, spende ich. Bei der Verlosung möchte ich das Haus gewinnen. Was mit den Einnahmen passiert, interessiert mich nicht. Von mir aus soll der Traumhausverlosungs-Chef einen goldenen Ferrari fahren. Hauptsache ich lümmle demnächst auf einer unserer drei Terrassen ab.
(Um nicht vollkommen herzlos zu erscheinen, verspreche ich hiermit, dass wir im Falle des Traumhaus-Gewinns 10.000 Euro an Heimatstern e.V. spenden werden.)
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Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Mit seiner Frau lebt er in Berlin-Moabit, die Kinder stellen ihre Füße nur noch virtuell unter den elterlichen Tisch. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.
Sein neues Buch „Wenn ich groß bin, werde ich Gott“ ist im November erschienen. Ebenfalls mehr als zu empfehlen sind „Hilfe, ich werde Papa! Überlebenstipps für werdende Väter“, „Ein Vater greift zur Flasche. Sagenhaftes aus der Elternzeit“ sowie „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“*. (*Affiliate-Links)
