Wochenschau | KW16-2026: Wie ich bei Peek & Cloppenburg einkaufte und meine Heterophobie gegenüber Anzugverkäufern überwinden musste

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


13. April 2026, Berlin

Einkauf bei Penny. Ein Mitarbeiter räumt die Gefriertruhen ein. Frage ihn, ob es in Ordnung ist, wenn ich mir einen Beutel Tiefkühlerbsen direkt von seinem Wagen nehme.

Er schaut mich mit großen Augen an und sagt dann: „Oh nein, dann bin ich ja erbsenlos.“ Ohne groß nachzudenken, erwidere ich: „Also gehen Sie heute Abend erbsenlos durch die Nacht.“ Den Rest des Einkaufs rätsele ich, wie diese Antwort in mein Gehirn geraten ist und vor allem warum sie meinen Mund verlassen hat.

Später treffe ich den Mitarbeiter an der Kasse wieder. Er tut so, als hätte es unsere Unterhaltung nie gegeben. Zum Glück. Sonst müsste ich mir einen neuen Penny suchen.

14. April 2026, Berlin

Meine Sportuhr spielt verrückt. Morgens nach einem lockeren Laufen zeigt sie Werte an, als hätte ich einen Marathon und anschließend Steigerungsläufe am Berg absolviert.

Den restlichen Tag verbringe ich am Schreibtisch. Gegen 18 Uhr meldet die Uhr, mein schlechter Schlaf verlangsame meine Erholungszeit.

Mein Arbeiten entspricht also schlechtem Schlaf. Das ist das vernichtendste Mitarbeiter-Feedback, das ich jemals bekommen habe.

15. April 2026, Berlin

Bei der Tochter hat diese Woche das Sommersemester begonnen. Sie überlegt, sich ein Hausaufgabenheft zuzulegen. Um den Überblick zu behalten, für welches Seminar sie welche Texte lesen und wo sie Referate vorbereiten muss. Alles schön übersichtlich in einem Heftchen und nicht verteilt auf einzelne Blätter.

Allerdings findet sie das auch ein wenig peinlich. Weil sie ja nicht mehr zur Schule geht. (Ein Eindruck, den du unbedingt vermeiden möchtest, wenn deine Schulzeit noch nicht so lange zurückliegt.)

Meine Frau und ich befürworten die Idee und reden ihr gut zu. Dann könnten wir den Professor*innen und Lehrenden kurze Nachrichten zukommen lassen oder um einen persönlichen Termin bitten, um ihre Leistungen und Fortschritte zu besprechen.

Ich glaube, die Tochter kauft sich doch kein Hausaufgabenheft.

16. April 2026, Berlin

Treffe mich mit meinem früheren Kollegen H. zum Mittagessen. Vor knapp 20 Jahren haben wir in der gleichen Agentur gearbeitet.

Ein großer Teil unseres Gesprächs dreht sich um Zipperlein, Krankheiten, Arztbesuche und die typischen Ü50-Vorsorgeuntersuchungen. Da merkst du auch, dass du nicht mehr ganz jung bist.

Oder wie H. es ausdrückt: „Früher hatte man Ideale und wollte die Welt verbessern, heute willst du einfach nur um halb zehn im Bett sein.“

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Spaziergang-Begegnungen:

  • Vor mir läuft eine Frau mit einer Tasche von Fortnum & Mason über der rechten Schulter, in der linken Hand trägt sie einen KaDeWe-Beutel. Ein starkes Statement, das sozio-ökonomisches Statusbewusstsein signalisiert. Allerdings sieht ihre Jacke dafür zu sehr nach C&A aus.
  • Im Kleinen Tiergarten stehen an drei Bäumen jeweils Männer und pinkeln. Verspüre ebenfalls den Drang auf Toilette zu gehen. Ob urinieren so ansteckend wie Gähnen ist?
  • Vor Pizza + Pasta isst ein Mann Salami-Pizza. Auf dem Schirm seines Basecaps klebt eine Mini-Bierflasche, circa fünf Zentimeter groß. Warum?
  • Ein kleines Kind in einem Buggy juchzt und klatscht, als wüsste es nichts von Benzinpreisen, Iran-Krieg und dem Irrsinn dieser Welt.
  • Am Rathaus Tiergarten bittet mich ein Paar, sie vor den blühenden Kirschbäumen zu fotografieren. Das Handy macht beim Fotografieren Kamera-Auslösegeräusche. Ich dachte, das gibt es nur im Fernsehen. Und bei über 80-jährigen.
  • Vor Gianni‘s Eisdiele schmeißt ein Baby ein Förmchen aus seinem Kinderwagen. Bin gerade auf gleicher Höhe und hebe das Spielzeug auf. Mit unbewegter Miene fixiert mich die Kleine. Dann fasst sie das Förmchen mit spitzen Fingern an und wirft es wieder auf den Boden.

17. April 2026, Berlin

12.30 Uhr. Stehe am Kudamm vor Peek & Cloppenburg, atme tief durch und husche schnell in die Filiale. Hoffentlich hat mich niemand beobachtet, der mich kennt. Ich komme mir spießig und elitär zugleich vor. Bei Peek & Cloppenburg einkaufen, fühlt sich an wie FDP wählen.

Mein Besuch ist nicht freiwillig. Ich benötige einen neuen Anzug. Weil wir Anfang Mai zu einer Konfirmation eingeladen sind. Und ich meinen alten Anzug Ende Februar entsorgt hatte. Der war über fünfzehn Jahre alt und zeigte an manchen Stellen nicht zu verleugnende Auflösungserscheinungen, insbesondere an den Innenseiten der Oberschenkel.

Somit war es nicht unwahrscheinlich, dass die Hose bei nächster Gelegenheit in der Schrittgegend reißt. Was generell wenig wünschenswert ist, aber vor allem nicht bei einem Anlass, zu dem du in feinem Zwirn erscheinst.

Nun besitze ich nur noch einen Anzug. Der war Teil meiner „Men in Black“-Karnevalsverkleidung und entsprechend in schwarz gehalten. Eine eher unpassende Farbe für eine Konfirmation. Noch unpassender wäre es, in Jeans und Trainingsjacke zu erscheinen.

Für den Anzugkauf habe ich extra eine beträchtliche Summe unserer Steuerrückzahlung beiseitegelegt. Damit ich mir einen Anzug von guter Qualität leisten kann. Schließlich muss er die nächsten fünfzehn Jahre halten.

Am liebsten würde ich mir einen Maßanzug in London anfertigen lassen. Vorzugsweise in Mayfair, wo die besten Schneider des Vereinigten Königreichs sitzen. So hoch war die Steuerrückzahlung allerdings auch nicht.

Stattdessen muss ich mein Glück bei Peek & Cloppenburg versuchen. Hier herrscht unter den Männern eine ziemlich hohe Barbour-Jacken-Dichte, bei den Frauen gibt es eine Vorliebe für randlose, getönte Brillen. Zwischen Personal und Kundschaft scheint ein Wettbewerb zu laufen, wer mehr Dünkel an den Tag legt. Ich tippe auf Unentschieden.

Kontrolliere zunächst die Preisetiketten der Markenanzüge, ob sie in mein Budget fallen. Fallen sie. Sofern ich auf eine Weste verzichte. Was mir leicht fällt, weil ich ohnehin keine wollte.

Nachdem das Finanzielle geklärt ist, steht die schwierigere Aufgabe an: die Auswahl des Anzugs.

Farblich entscheide ich mich für ein unauffälliges Anthrazit. Weil mir das Selbstbewusstsein und die Souveränität für einen hellblauen oder gar grünen Anzug fehlt. Außerdem würden meine schwarzen Lederschuhe nicht dazu passen. (Für ein neues Paar brauner Lederschuhe habe ich nicht genügend Steuergeld zurückgelegt. Insbesondere nicht für rahmengenähte Budapester, die sich ganz hervorragend zu dem Maßanzug machen würden.)

Bei den Hosen werde ich schnell fündig. Ich greife auf gut Glück eine 48er, sie passt wie angegossen. Beim Jackett wird es schwieriger. Die 48 erscheint mir etwas zu weit, die 46 spannt dagegen ein wenig. Immer wieder probiere ich die beiden Größen aus, kann mich aber nicht entscheiden.

Bin kurz davor, einen Kunden im Gang neben mir um eine Einschätzung zu bitten. Ein weißhaariger Herr in blauer Steppweste und gelber Hose. Gerade probiert er ein kariertes Tweed-Jackett an. Möglicherweise ist er doch nicht der beste Ratgeber in modischen Angelegenheiten.

Der einzige Verkäufer, den ich erblicke, ist ein schwarz gelockter Mann von Mitte 20. Frage mich, ob er nicht zu jung ist, um sich gut genug mit Anzügen auszukennen. (So viel Adultismus erlaube ich mir.) Mit seinen Jeans und seinem schwarzen Poloshirt finde ich ihn außerdem etwas zu leger gekleidet. Dazu ist mir sein Habitus zu heterosexuell. (Ich schreibe es meiner Sozialisation im konservativen Westerwald zu, dass mein Unterbewusstsein der Meinung ist, nur homosexuelle Männer verfügen über ein gutes Gespür in ästhetischen Fragen.)

Da kein schwuler Verkäufer kurz vor der Verrentung zur Verfügung steht, der wie ein englischer Lord gekleidet ist, nehme ich mit dem jungen Mann vorlieb. Mein Misstrauen ist selbstverständlich vollkommen unbegründet. Natürlich hat er mehr Ahnung von Mode und Stil als ich. Wobei das auf alle Menschen zutrifft, die sich gerade bei Peek & Cloppenburg aufhalten. (Abgesehen von dem Steppwesten-Opi.)

Der Verkäufer lässt mich die beiden Jacketts nacheinander anprobieren. Ich muss mich nach links und rechts drehen, den oberen Knopf auf- und zumachen, die Arme nach außen und nach vorne strecken. Dabei mustert er mich mit zusammengekniffen Augen. Schließlich empfiehlt er mir die 48. Da hätte ich mehr Bewegungsfreiheit.

Meine Farbwahl findet er ganz hervorragend. Da könnte ich zu dem Jackett auch mal eine Jeans tragen. Ich tue so, als hätte ich seine Bemerkung nicht gehört. Für wie spießig hält der Typ mich? Sehe ich wie jemand aus, der Jeans und Sakko kombiniert? Andererseits kaufe ich bei Peek & Cloppenburg ein. Da ist seine Annahme nicht total abwegig.

An der Kasse packt mir eine junge Frau den Anzug in eine blaue Papiertüte, auf der in viel zu großer Schrift Peek & Cloppenburg steht. Mit dieser am Lenker muss ich nach Hause radeln. Hoffentlich werde ich in Moabit nicht mit Steinen beschmissen.

18. April 2026, Berlin

Beobachte vom Küchenfenster aus wie im Hof ein Nachbar große Mengen Altpapier wegwirft. Akribisch zerkleinert und faltet er Kartons und drückt sie anschließend tief in die blaue Tonne.

Nicke zustimmend vor mich hin. Anscheinend habe ich ein Alter und einen Grad an Spießigkeit erreicht, in dem mir so etwas wichtig ist: Dass Menschen ihren Papiermüll so platzsparend wie möglich entsorgen. Sind ja nur noch 17 Jahre bis zur Rente.

19. April 2026, Berlin

Merkwürdige E-Mails, die ich diese Woche erhalten habe:

  • Der Verlag Emminger & Partner bietet mir ein Abo der Zeitschrift „LOP – Landwirtschaft ohne Pflug“ an. Mit praxiserprobtem Wissen rund um konservierende Bodenbearbeitung und Direktsaat.
  • Der Winterdienst Alpha bewirbt sich bei mir für Winterdienstleistungen. Ihr Portfolio reicht von Schneedienst über Straßenreinigung und Schneeräumung bis zur schnellen Eiszapfenbeseitigung.
  • Das Jugendherbergswerk Bayern informiert mich per Pressemitteilung über Bayerns erste vegetarische Jugendherberge. Wenn Markus Söder das liest, erstickt er wahrscheinlich an einer Bratwurst.
  • Christiny L., Marketing Officer bei Tif Creative, fragt an, ob ich den MILESEEY S50 ausprobieren möchte. Bedauerlicherweise handelt es sich nicht um ein Sex-Toy, sondern um ein Laser-Messgerät. Ich lehne dankend ab.

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