Was bloggst du?

Es ist Donnerstagmorgen, 9 Uhr. Mein freier Arbeitstag. Mein Blog-Tag. Denn jeden Donnerstag blogge ich einen eigenen Artikel. Selbstverständlich auf höchstem Niveau. Mit Witz, Charme und Melone. Oder so ähnlich.

So ist zumindest der Plan. Gäbe es nicht ein kleines Problem: Mir fällt nichts ein. Gar nichts. Ich weiß absolut nicht, über was ich schreiben könnte. Sitze im Wohnzimmer vor dem Laptop, das weiße Dokument schaut mich anklagend an und ruft: „Schreib was!“ Ich rufe zurück: „Was denn?“. Bekomme keine Antwort.

Gehe erstmal in die Küche und koche Kaffee. Vielleicht bringt das Koffein Inspiration. Habe zwar kein Hunger, mache mir aber trotzdem ein Wurstbrot.

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Vielleicht könnte ich über den Kindergeburtstag des Sohns vom letzten Wochenende schreiben. Über sechs Buben auf dem Fußballplatz und meine sorgfältig konzipierte und didaktisch wertvolle Fußball-Olympiade mit abwechslungsreichen und spannenden Spielen. Der einzige Schönheitsfehler: Keiner der Jungs hat sich so richtig dafür interessiert.

Sie haben viel lieber die Bälle durch die Gegend gekickt, bis einer über den Zaun geflogen ist und in einer Baumkrone hängen blieb. So weit oben, dass an ein Runterholen nicht zu denken war.

Der kleine Ballbesitzer war untröstlich und nicht zu beruhigen. Weder durch das Angebot ihm einen neuen Ball zu kaufen, genau den gleichen, noch durch das Einreden auf ihn mit Engelszungen und auch nicht durch lautes, ordinäres und pädagogisch fragwürdiges Fluchen. Er strahlte erst wieder, als ich in vier Metern Höhe im Zaun hing und den Ball irgendwie doch zu fassen bekam.

Aber die ganzen Kindergeburtstagsereignisse sind noch viel zu frisch, um schon darüber zu bloggen. Habe immer noch leichte Kopfschmerzen von dem ganzen Kindergeschrei. Und latente Halsweh vom eigenen Geschrei.

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Ich könnte auch einen Artikel über den Elternabend in der Klasse der Tochter von vor zwei Tagen bloggen. Elternabende bieten doch immer guten Blog-Stoff.

Elternabend. Dieser Ort, den Dante vor Augen hatte, als er sein ‚Inferno‘ geschrieben hat. Dieser Ort, wo Zeit ihre Bedeutung und man selbst den Frohsinn und den Glauben an den evolutionären Fortschritt des Menschen verliert. Der Ort, wo man der Aussage „Es gibt keine doofen Fragen“ nicht bedingungslos zustimmen möchte.

Aber auch dieses Erlebnis ist noch so neu, das Trauma noch nicht verarbeitet. Ich brauche ein anderes Thema.

Mache mir in der Küche einen zweiten Kaffee. Habe immer noch keinen Hunger, schmiere mir dennoch ein weiteres Wurstbrot.

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Kehre an den Bildschirm zurück. Das Dokument ist immer noch weiß. Weißer als weiß, so wie es die gute alte Waschmittelwerbung versprochen hat. Mein Kopf dagegen ist schwarz. Schwärzer als eine mondlose Nacht.

Sollte am besten Laufen gehen, um den Kopf frei zu bekommen. Damit nicht nur der Schweiß, sondern auch die Gedanken fließen. Erscheint mir aber etwas anstrengend und ein hoher Preis für einen Blog-Artikel.

Glücklicherweise stelle ich im Bad fest, dass alle Laufsocken schmutzig sind, so dass mir die Entscheidung aus der Hand genommen wird. Da ich auf dem Rückweg ohnehin an der Küche vorbeigehe, genehmige ich mir noch einen Kaffee. Und ein Wurstbrot.

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Vielleicht hilft mir mein kleines rotes Notizbuch, meine Schreibblockade zu überwinden. Dort halte ich zwischendurch immer ein paar geistreiche Gedanken fest, um sie nicht zu vergessen.

Lese dort schwarz auf weiß: „Dicker Mann, Blumenhemd, Gießkanne, Kopf“. Das Blumenhemd ist doppelt unterstrichen.

Mir ist schleierhaft, was diese fünf Worte zu bedeuten haben. Anscheinend sind meine Gedanken doch weniger geistreich als erhofft. Kann mich an keinen korpulenten Mann mit geblümtem Hemd erinnern. Auch an keinen Dicken mit Gießkanne.

Ob ich möglicherweise an der Entwicklung einer Geheimsprache arbeite, die von den Geheimdiensten nicht zu entschlüsseln ist? Falls ja, scheine ich sehr erfolgreich zu sein, denn mir selbst erschließt sich der Sinn dieser Worte nicht.

Was hat es wohl mit der Gießkanne auf sich? Und was sollen der Kopf und das doppelt unterstrichene Blumenhemd? Fragen über Fragen, die nach Antworten schreien. Beim Verfassen eines Blog-Artikels helfen sie leider nicht.

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Allerdings fällt mir bei Gießkanne und Blumenhemd ein, dass ich schon sehr lange nicht mehr unsere Pflanzen gewässert habe. Anscheinend so lange nicht, dass ich gar nicht mehr weiß, wo unsere Gießkanne ist. Behelfe mir mit der Kaffeekanne.

Unterhalte mich kurz mit dem Efeu und frage, ob es vielleicht einen Tipp für einen guten Blog-Artikel habe. Es schweigt. Ist wahrscheinlich beleidigt, weil ich mich so wenig um es kümmere und nur ankomme, wenn ich etwas von ihm will.

Bringe die Kanne zurück in die Küche. Bin eigentlich noch satt, aber weil ich schon einmal da bin, mache ich mir trotzdem ein Wurstbrot.

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Zurück am Laptop. Das Dokument hat sich immer noch nicht von selbst gefüllt. Verdammt!

Informiere mich erstmal im Internet über das aktuelle Weltgeschehen. Krieg, Terror, Epidemien. Das ist nicht inspirierend, sondern deprimierend.

Surfe daher die Boulevard-Medien ab. BILD Online berichtet groß darüber, dass sich ein TV-Sternchen ihre „Elefantenbeine“ operieren lassen will. Das ist auch nicht inspirierend, sondern höchst irritierend.

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Nach dem Verzehr eines weiteren Wurstbrots, kommt mir der Gedanke, ein paar alternative Geschichten für die beliebte Conni-Serie zu entwerfen. Die Conni mit der Schleife im Haar. Aber nicht mit so viel Puderzucker und Weichzeichner wie bei den Originalbüchern.

Meine Stories sollen realistischer und lebensnäher sein: „Conni schwänzt die Schule“, „Conni kifft“, „Connis erstes Bier“ oder „Conni dreht `ne Ehrenrunde“.

Aber bestimmt hat der Verlag Bedenken. Für die kindliche Zielgruppe zu wenig motivierend und inspirierend. Dann halt nicht. Von fehlender Inspiration muss mir niemand was erzählen!

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Immer noch kein Blog-Futter. Dafür gehe ich in die Küche und esse ein weiteres Wurstbrot.

Könnte mal wieder bei meiner Mutter anrufen. Unter Umständen ist bei meinen Eltern etwas passiert, das ich verbloggen kann.

Nach dem zwanzigminütigen Telefonat bin ich über die aktuellen Geschehnisse in meiner alten Heimat vollumfänglich informiert: Sechs Kinder aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern sind eingeschult worden, eine alte Schulkameradin von mir hat ihr drittes Kind bekommen, der Nachbarin von schräg gegenüber zwickt es in der Hüfte (besonders wenn das Wetter umschlägt), das alte Kaufhaus ist immer noch nicht abgerissen und das neue folglich bisher nicht gebaut worden.

Ob das alles Blog-Potenzial hat? Bin eher skeptisch. Das Wurstbrot, das ich aus Verzweiflung esse, verschafft leider auch keine Abhilfe.

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Beschließe, dass es vielleicht besser ist, die Wohnung zu verlassen und mich durch frische Luft und einen Ortswechsel beflügeln zu lassen. Mache mich auf den Weg in ein nahegelegenes Café.

Treffe auf der Straße ein älteres Ehepaar, das ich aus dem Kieser-Studio kenne, wo ich regelmäßig zum Training hingehe. Sie grüßen freundlich und sagen, sie hätten sich schon Sorgen gemacht, weil sie mich so lange nicht mehr gesehen hätten. Auch kein gutes Blog-Material, sondern eher etwas peinlich. Die Grenzen der Höflichkeit stark strapazierend gebe ich Ihnen zu verstehen, dass ich es leider eilig hätte, und gehe schleunigst weiter.

Im Café angekommen, bestelle ich einen Cappuccino und überlege, mir ein Stück Käsekuchen zu gönnen. Man sollte mehr Käsekuchen essen. Dann wäre die Welt ein besserer Ort. Man sollte aber auch drei Kilo abnehmen. Oder sogar fünf. Dann wäre die Welt ein schlankerer Ort.

Egal. Wenn es dem Schreiben hilft, darf man nicht kleinlich Kalorien zählen.

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Überlege mir beim Verspeisen des Kuchens, dass ich einen Kuchentester-Blog starten könnte. Ich besuche verschiedene Kaffeehäuser, futtere mich durch deren Kuchenangebot und schreibe darüber. Eine hervorragende Idee, wie ich finde. Hilft zwar nicht beim Abnehmen der drei bis fünf Kilo, aber es gibt genügend „Blog-Futter“. Notiere mir sofort dieses grandiose, wenn auch wenig subtile Wortspiel.

Beginne gerade, ein paar weitere Gedanken zu der Blog-Idee niederzuschreiben, als sich die Tür des Cafés öffnet. Herein kommt eine Gruppe von sieben rüstigen Seniorinnen, die sich – wie sollte es anders sein – am Nachbartisch niederlässt. Ein leichter Maiglöckchenduft wabert zu mir hinüber. Es entbrennen Diskussionen über koffeinfreien Kaffee, fettarme Sahnetorten und Süßstoff-Tabletten.

Der noch gar nicht richtig eingesetzte Schreibfluss ist wieder dahin. Muss ohnehin los, den Sohn vom Hort abholen und zum Cellounterricht bringen. Bezahle schnell und verlasse das Café.

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Warte mit dem Sohn an der Haltestelle auf den Bus. Wir verzehren gemeinsam seine übrig gebliebenen Pausenstullen. Um genau zu sein, die beiden Stullen, die ich ihm heute Morgen eingepackt habe und die er nicht angerührt hat. Er isst das Brot mit Käse, ich das mit Wurst.

Vielleicht hat der Sohn etwas Interessantes zu erzählen, das sich verbloggen lässt. Erkundige mich über seinen Schultag.

„Wie war es in der Schule?“

„Gut.“

„Ist etwas Besonderes passiert?“

„Nein.“

„Was gab es im Hort zu essen?“

„Nudeln mit Sauce.“

„Und, war es lecker?“

„Geht so.“

„Habt ihr schön gespielt?“

„Ja.“

„Was denn?“

„Fußball.“

Der Alltag eines Drittklässler bietet anscheinend doch weniger Blog-Potenzial als erhofft. Zumindest ist dem Sohn nichts zu entlocken. Mist! Liefere ihn bei der Musikschule ab und gehe nach Hause.

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Sitze wieder am Laptop und starre auf den weiterhin weißen Bildschirm. Da ist nichts. Genauso wie in meinem Kopf. Schaue mir zur Ablenkung auf Youtube putzige Katzen-Videos an. Das erfreut mein einfaches Gemüt, bringt mir aber auch keine Ideen für einen Blogbeitrag. Genauso wenig wie das nächste Wurstbrot, das ich verdrücke.

Laufe durch die Wohnung und mein Blick fällt auf den Schreibtisch im Schlafzimmer. Zumindest vermute ich, dass es sich um unseren Schreibtisch handelt, denn unter den ganzen Rechnungen, Ordnern, Briefen und Prospekten ist er kaum auszumachen.

Könnte ihn ja aufräumen. Möglicherweise finde ich dabei etwas, über das ich schreiben kann. Eventuell entdecke ich das Bernsteinzimmer unter den ganzen Papierbergen. Das wäre eine gute Story.

Sichte als erstes zwei unbezahlten Rechnungen und dann eine Mahnung. Breche das Projekt Schreibtischaufräumen daraufhin ab. Das Essen eines Wurstbrots erscheint mir eine lohnenswertere Alternative zu sein.

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Setze mich gerade wieder ins Wohnzimmer an den Laptop als die Wohnungstür aufgeschlossen wird. Die Freundin kommt mit Sohn und Tochter nachhause. Alle drei haben Heißhunger und die Freundin will Abendbrot machen.

Entgeistert kommt sie aus der Küche. Sie fragt, wo der Wurstaufschnitt und der ganze Laib Brot geblieben sei. Das habe sie doch alles gestern erst gekauft. Erkläre, das wüsste ich auch nicht so genau. Gehe los, um Belag und Brot zu kaufen.

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Mit einem Blog-Artikel wird es heute ohnehin nichts mehr. Aber nächsten Donnerstag! Nächsten Donnerstag, da schreibe ich einen Hammerartikel für mein Blog. Über was? Keine Ahnung. Ist mir Wurst.

Christian Hanne, Jahrgang 1975, hat als Kind zu viel Ephraim Kishon gelesen und zu viel "Nackte Kanone" geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil. Im September 2016 ist sein erstes Buch "Wenn's ein Junge wird, nennen wir ihn Judith"* erschienen. (*Affiliate-Link)

17 commentaires sur “Was bloggst du?

    • Es spricht nichts dagegen, dass es sich um Bio-Wurst und Bio-Brot hätte handeln können. Wenn es Bio-Wurst und Bio-Brot gewesen wären. LG, Christian

  1. Herzlich gelacht! Besonders über die Erwägung neue Conni Geschichten zu verfassen.
    Für nächsten Donnerstag setze ich gleich mal einen Lesetermin. Vielleicht wird doch noch etwas aus dem Geburtstags-Post. Ich denke da an die Trillerpfeifen.
    Den Elternabend empfehle ich nur zu verbloggen, wenn das Kind hochbegabt ist und nach Veröffentlichung des Artikels sämtliche Klassen überspringen kann.
    Liebe Grüße
    Paula

    • Ja, Elternabende zu verbloggen stellt eine Herausforderung dar. Vielleicht wenn die Kinder die Grundschule verlassen haben. Und im Zeugenschutzprogramm sind. LG, Christian

  2. Sehr geil, danke für „nichts“ bloggen! Großartig.
    Könnten wir nicht so eine Crowdfunding-Aktion starten wegen der Conny-Geschichten? Ich wäre ja sofort dabei, mein Mann und ich haben auf der letzten Autofahrt vorne schon immer die Dialoge umsynchronisiert. Not macht erfinderisch.
    Bis nächsten Donnerstag und Grüße an das Efeu.
    P.S. Endlich mal jemand der Wurstbrote ißt, ich kann nämlich kein Nutella mehr sehen!
    À bientôt
    Tanja

    • Ich glaube ein Crowdfunding für alternative Conni-Geschichten hat sehr gutes Potenzial. Insbesondere unter leidenden Eltern.

      Wegen des Nutellas muss ich dich leider etwas enttäuschen: Hätten wir welches zuhause gehabt, wären es wohl Nutellabrote geworden.

      LG, Christian

  3. Der Titel sollte heissen …. Essen als Beschäftigung!
    Das hat meine Schwiegermutter perfektioniert! Immer wenn sie nicht mehr weiß, was sie mit unseren Kindern noch anstellen soll, gibt es Kekse, Waffeln, Gelbwurst, Zwieback MIT BUTTER, Schokolade…..(in abwechselnder Reihenfolge, damit es den Kindern nicht langweilig wird).

    Liebe Grüße, Naadine ;)

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