Wochenschau | KW18-2026: Wie ich am 1. Mai durch den Grunewald wanderte und meinen Beitrag zur Revolution mit Gewaltphantasien gegen Charlottenburger Yuppie-Jüngelchen leistete

Zum Sonntagabend gibt es meine semi-originellen Gedanken und semi-spannenden Erlebnisse aus der abgelaufenen Woche. Manchmal banal, häufig trivial, meistens egal.


27. April 2026, Berlin

Ernüchternde Nachricht zum Wochenstart: „Leider hast du das Traumhaus auf Föhr nicht gewonnen.“

Neun Worte, die unseren Traum von einer Nordsee-Luxusimmobilie jäh zunichtemachen. Keine spontanen Kurztrips in die friesische Karibik, keine Wattspaziergänge über die Weihnachtsfeiertage, keine großzügigen Einladungen an Freunde, unser Föhr-Domizil in unserer Abwesenheit zu bewohnen.

Nachmittags Werbung auf Instagram: „Gewinne diesen Strandtraum auf Föhr.“ Eine neue Verlosung eines anderen Anbieters. Diesmal eine Reetdach-Villa, Wert: 2,5 Millionen Euro, mit noch mehr Quadratmetern, Heimkino, Home-Gym, großem Garten und eigener Düne, nur wenige Schritte entfernt vom Meer. Beim Quartett würde diese Unterkunft das Haus der letzten Verlosung ausstechen.

Es kostet mich einiges an Mühe, keine neuen Lose zu kaufen. So fängt wahrscheinlich Spielsucht an.

28. April 2026, Berlin

Gemeinsames Laufen mit dem Sohn. Keine besonderen Vorkommnisse. Letzte Woche war das anders. Da waren wir beide etwas müde und schwerbeinig. Ich wegen des ausgefallenen Weckers, der Sohn, weil er um 8 Uhr aufstehen musste.

Auf dem Rückweg, zwischen Helmholtzstraße und Spreeufer, wo dir schiefe Platten und unebene Pflastersteine auflauern, passierte es: Der Sohn hob die Füße nicht mehr übermäßig dynamisch an, gleichzeitig schaute er auf seine Uhr statt auf den Untergrund. So übersah er eine der Stolperfallen und geriet ins Straucheln.

Die letzten Male, als ich beim Joggen stürzte, segelte ich kurz durch die Luft, dann machte mir die Schwerkraft unmissverständlich klar, dass ich nicht schwerelos bin, und ich legte mit der Grazie eines tölpeligen Nilpferds einen veritablen Bauchplatscher hin.

Nicht so der Sohn. Der knallte nicht plump zu Boden. Er drehte im Fallen den Oberkörper leicht nach rechts, rollte über die Schulter ab, nahm den Schwung mit, um wieder auf die Beine zu kommen, und setzte den Lauf ohne Unterbrechung fort. Alles in einer ansatzlosen, geschmeidigen Bewegung, in einer Perfektion und anmutigen Eleganz, für die er sowohl was die technische Ausführung als auch den künstlerischen Ausdruck angeht, Höchstwerte verdient hätte. Da haben sich die unzähligen Stunden in der Judohalle doch gelohnt.

Würde ich das nachmachen, bräche ich mir die Schulter und kullerte so lange weiter, bis ich in der Spree lande.

29. April 2026, Berlin

GMX-Werbung in meiner Inbox: „Liebe im Alter. Dating ab 60“. Wie unsensibel.

30. April 2026, Berlin

Recherchiere abends auf dem Sofa nach Druckern. Meiner hat inzwischen fünfzehn Jahre auf dem Buckel. Eine klobige Printer-Kopierer-Scanner-Kombination von der Größe eines Einfamilienhauses, die sich stundenlang kalibriert, bevor sie sich erbarmt, eine Seite zu drucken.

Seit einiger Zeit – sprich: gut zwei Jahren – mehren sich die Anzeichen, dass sich der Drucker bald in den Ruhestand verabschiedet. Die Abdeckung schließt nicht mehr richtig, so dass alle Kopien am Rand einen dunklen Rand haben, der Papiereinzug schreddert Dokumente eher als sie einzuziehen und bei Farbdrucken verlaufen die Farben ineinander wie bei einem Dalí-Gemälde.

Breche meine Suche nach ein paar Minuten ab. Der Kauf eines neuen Druckers ist viel zu wichtig – und teuer –, um das am Handy durchzuführen. Du kannst nicht auf der Couch lümmeln und auf einem winzigen Display Testberichte lesen und Angebote vergleichen. Dafür musst du am Schreibtisch sitzen, an deinem Rechner, vor dem großen Monitor. Nur das ist für die Anschaffung eines solch essenziellen Geräts angemessen.

Aus der Reihe: „Sag‘, dass du alt bist, ohne zu sagen, dass du alt bist.“

01. Mai 2026, Berlin

Tag der Arbeit. Der Sohn geht mit Freunden nach Kreuzberg. Ein bisschen feiern, ein bisschen „Revolutionäre 1. Mai“-Demo-Luft schnuppern.

Meine Frau und ich haben keine Zeit für gesellschaftlichen Umsturz. Wir fahren in den Grunewald. Zum Wandern. Mitte Mai steht bei uns ein dreitägiger Schwarzwald-Wanderurlaub an. Den Feldberg hoch und wieder runter und solche Geschichten.

Uns bleiben zweieinhalb Wochen, um das mit der Wanderei vorher ein bisschen auszuprobieren. Schließlich zieht und fallerat es sich nicht von allein im Frühtau zu Berge.

Treffen in der U-Bahn P. aus der Studenten-WG im vierten Stock. Er fragt, ob wir auch zum Steine schmeißen gehen. Ganz normale Frage in Berlin am 1. Mai. Meine Frau erwidert, wir hätten den Sohn geschickt. Dann lachen wir alle gemeinsam und hoffen, dass wir alle nur einen Witz gemacht haben.

Im Grunewald angekommen, erstmal hoch zum Teufelsberg. Mit ungefähr 120 Metern die zweithöchste Erhebung Berlins. Der Feldberg des kleinen Mannes. (Des sehr kleinen Mannes.)

Normalerweise jogge ich samstags die Strecke, die wir heute erwandern. Irgendwie fühlt sich das falsch an. Weil wir langsamer unterwegs sind, kommt mir der Weg viel länger vor. Dafür sieht man mehr. Zum Beispiel einen dicken Käfer, eine kleine Spinne, viele Ameisen und eine Ringelnatter.

Kurz bevor wir den Parkplatz wieder erreichen, kommt uns ein junger Mann auf einem Lastenrad entgegen. Frisur und Kleidungsstil deuten auf eine links-alternative Gesinnung hin, die riesige Antifa-Flagge am Lenker stützt diese Vermutung. In seinem Korb transportiert er Badetuch und Picknick-Utensilien. Auch Revolutionäre wollen mal chillen.

Der Heimweg führt uns durch die Grunewalder Villengegend. Am Straßenrand drei Mannschaftswagen der Polizei. Vielleicht fürchtet die Berliner Upper-Class, dass der schwarze Block der „Revolutionären 1. Mai“-Demo einen kurzen Abstecher macht, um ein paar Steine und Molis in Scheiben zu schmeißen.

Auf dem Bürgersteig unterhalten sich zwei Polizisten. Eine Frau, ein Mann, beide in Kampfmontur mit Headset auf dem Kopf. Der Mann sagt: „Ich benutze immer weiche Bettwäsche, so harte, kratzige kann ich gar nicht ab.“ Seine Kollegin pflichtet ihm nickend bei.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die beiden später mit der Antifa prügeln. Wahrscheinlich tauschen sie eher Tipps zu Weichspülern und Textilparfums aus.

Später den Kudamm entlang, vorbei an der Außengastronomie eines schicken Restaurants. An einem Tisch drei junge Männer, schätzungsweise Anfang/Mitte 20. Gegeltes Haar, weiße Hemden mit hochgekrempelten Ärmeln, teure Sonnenbrillen auf der Nase. Breitbeinig auf den Stühlen lümmelnd, nippen sie an Champagner-Flöten, einer raucht eine monströs große Zigarre. Sie wirken so sympathisch wie die Yuppies in „American Psycho“.

Die drei triggern mich in einer Heftigkeit, die mich überrascht. Worte wie Lackaffen, Schleimscheißer und Drecks-FDPler schießen durch meinen Kopf. Interessant. Das ist also die Toleranzgrenze meiner prinzipiellen Menschenfreundlichkeit: Schampus saufende, Zigarre rauchende Jüngelchen mit zu viel Pomade in der Friese.

Dabei kenne ich die Jungs gar nicht. Vielleicht sind das überaus sympathische Menschen. Höflich, hilfsbereit, sozial engagiert. Aktivisten der Charlottenburger Greenpeace-Sektion, die gerade ihre Vorstandssitzung abhalten.

Trotzdem würde ich ihnen gerne ein paar Bud-Spencer-Gedächtnis-Backpfeifen verpassen und die Zigarre in der Champagnerflasche versenken. Quasi mein Beitrag zur „1. Mai“-Revolution.

02. Mai 2026, Berlin/Friedrichshafen

Nächste Runde unserer April/Mai-Reise-Tour: Heute mit dem ICE nach Friedrichshafen. Für die morgige Konfirmation, im Gepäck der neu erworbene Anzug.

Kurz nach Berlin-Südkreuz Abstecher ins Bord-Bistro, um Cappuccino zu holen. Der Rollladen am Verkaufsstand ist noch geschlossen, weil das Service-Personal mit Vorbereitungen beschäftigt ist. Lungere vor dem geschlossenen Tresen rum wie ein Koffein-Junkie, der auf die Kaffee-Ausgabe wartet. Schlimm.

Eine Mitarbeiterin zieht schließlich die Jalousien hoch. Kaffeespezialitäten gäbe es noch keine, erklärt sie mir. Der Automat reinige sich gerade, das dauere gut zehn Minuten. Also weiteres Abhängen an einem der Stehtische.

Die Maschine erklärt sich endlich für sauber, ich kann meine Bestellung aufgeben. Fragt sich nur wie.

  • Option A: „Zwei Cappuccinos, bitte.“ Im Deutschen grammatikalisch korrekt, aber das weiß die Bistro-Mitarbeiterin vielleicht nicht und hält mich für einen ungebildeten Trottel.
  • Option B: „Zwei Cappuccini, bitte.“ Die richtige italienische Mehrzahl, womit du allerdings schnell wie eine prätentiöse Arschgeige rüberkommst. (Ganz korrekt wäre „Due cappuccini“, aber das hört sich zu sehr nach deutschem Pauschaltourist an, der kein Wort Italienisch versteht, aber im Italienurlaub zu jeder Tages- und Nachtzeit „buongiorno“ wünscht – been there, done that –, und nachdem er auf Englisch geordert hat, immer schön „mille grazie“ blökt.
  • Ziehe mich halbwegs elegant mit Option C aus der Affäre: „Zweimal Cappuccino, bitte.“

Später kleines Hüngerchen. Hole aus meinem Rucksack die Äpfel, die ich heute früh geschnibbelt habe. Auch schlimm.

Früher habe ich auf Reisen mein Lebendgewicht in Form von Keksen und anderem Süßkram verputzt. Jetzt bin ich ein Typ, der im Zug Apfelschnitzen aus der Tupperdose futtert. (Und der das Wort schnibbeln verwendet.) Wie jemand, der den Pfad der Midlife-Crisis verlassen hat und sich auf direktem Weg in die Vergreisung befindet.

Über den Gang hinweg lässt ein Vater sein circa zweijähriges Kind von seinem Kaffee probieren. Wahrscheinlich aus pädagogischen Gründen. Damit es merkt, dass das viel zu bitter schmeckt. Das Experiment schlägt fehl. Ziemlich spektakulär. Das Kind ist begeistert, ext den halben Becher runter und reibt sich den Bauch. Viel Spaß bei der Einschlafbegleitung heute Abend.

Umstieg in München. Von dort weiter im Regionalexpress gen Lindau. Der Zug fährt durch eine Modelleisenbahn-Landschaft: blauer Himmel mit Schäfchenwolken, bewaldete Berge und glitzernde Seen. Vorbei an pittoresken Dörfern mit Fachwerkhäusern, Zwiebeldach-Kirchtürmen und urigen Biergärten. Bestimmt laufen dort Menschen in Lederhosen und in Dirndl rum. Wie in einem bayerischen Erlebnispark für amerikanische Touristen.

Nach zweieinhalb Stunden Ankunft in Lindau-Insel. Diesmal Umstieg in eine Regionalbahn. Je länger die Reise dauert, desto kleiner werden die Züge.

Die Bahn ist proppenvoll. Fahrräder, Roller, Kinderwagen stapeln sich in den Waggons. Man sitzt und steht eng an eng. Schön für die Auslastung, schön für den Klimaschutz, nicht ganz so schön für die Reisenden.

###

Abends Pre-Gaming vor der morgigen Konfirmation. Trinke Sekt und esse das erste Mal seit Jahren Leberkäse. Geschmacklich bin ich durchaus ein Fan von Leberkäse. Aber ich möchte nicht darüber nachdenken, was darin verarbeitet wurde. Ignorance is bliss.

03. Mai 2026, Friedrichshafen

Morgens eine Runde Laufen, am Bodensee entlang, anschließend opulentes Frühstück. Um 10 Uhr anderthalb Stunden Konfirmationsgottesdienst mit einem etwas spröden Pfarrer, der mit Tonproblemen zu kämpfen hat, und einem jugendlichen Organisten, der mit einer fast schon manischen Obsession, die an Jerry Lee Lewis erinnert, die Orgel-Tasten bearbeitet. Abschluss mit einer ausgiebigen Familien-und-Freunde-Fotosession in und vor der Kirche.

Ortswechsel. Sektempfang im Restaurant, dann Mittagessen. Gegen 14 Uhr kleiner Verdauungsspaziergang an der Seepromenade. Um Platz im Magen zu schaffen. Schließlich gibt es um halb vier Kaffee und Kuchen. Ein perfekter Tag.


Alle Beiträge der Wochenschau finden Sie hier.


Sie möchten informiert werden, damit Sie nie wieder, aber auch wirklich nie wieder einen Familienbetrieb-Beitrag verpassen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert